Cristiada

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von ervie, 3. Juli 2017.



  1. ervie

    ervie Mitglied

    Moin Moin,

    ich bin letztens über die Cristero-Rebellion gestolpert und habe da eine Frage. Die Mexikanische Revolution dauerte ja von 1910 bis 1940 und darin wurde ja vor allem auch versucht, die katholische Kirche als Exponent des Kolonialismus im Land durch eine Staatskirche zu ersetzen. Spätestens mit der Aussetzung der Gottesdienste von Seiten der mexikanischen Bischöfe entstand die Rebellion. Träger der Rebellion waren v.a. ländliche Bauern, die sich durch die Revolution von 1910 bis 1914 mehr erhofft hatten, nun aber enttäuscht waren.

    Durch diese beiden Strömungen komme ich nun auf die Frage, ob die Cristero-Rebellion eine religiöse Rebellion war?

    Wisst ihr was dazu?
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ja, man kann das so sehen. Die nachfolgend skizzierte Backstory lässt kaum einen anderen Schluss zu.

    Einer der wesentlichen Ausgangspunkte in der verwickelten Vorgeschichte der Cristero-Rebellion war die mexikanische Revolution von 1910, die von Francisco Madero gegen Präsident José de la Cruz Porfirio Diaz Mori geführt wurde und mit Maderos Präsidentschaft im Jahr 1911 ihren erfolgreichen Abschluss fand.

    Diaz hatte das Land seit 1876 über mehrere Amtszeiten regiert und ihm eine relative politische Stabilität gegeben, verfiel - wie in lateinamerikanischen Kulturen kaum anders zu erwarten - aber nach und nach in einen repressiven und von Cliquenwirtschaft gekennzeichneten Regierungsstil, der die Wohlhabenden auf Kosten der armen Landarbeiter begünstigte. Während seiner Amtszeit ab 1905 stärkte er die Stellung der katholischen Kirche in Mexiko durch die Förderung katholischer Erziehung insbesondere in bäuerlichen Gebieten. Die antiklerikalen Gesetze, die in Mexiko vor Diaz´ Regierungszeit etabliert worden waren, wurden von Diaz zwar nicht abgeschafft, aber praktisch außer Kraft gesetzt. Zu seiner pro-katholischen Haltung hatte ihn seine Frau, eine engagierte Katholikin, motiviert.

    Die gegen Diaz gerichtete Revolution von 1910 hatte also sozialpolitische Gründe und wurde von der Masse der Landarbeiter und Bauern getragen. Der erste Revolutionspräsident Madero wurde aber schon 1913 von General Huerta, einem Mitstreiter Maderos bei der Revolution, abgesetzt und hingerichtet. Sein Hauptmotiv war - im Unterschied zum diplomatischen und liberalen Diaz - der Wunsch, Mexiko in den militaristischsten Staat der Welt zu verwandeln, in dem alle Schlüsselpositionen in den Händen der Armee lagen.

    Als die Nationale Katholische Partei Mexikos den neuen Präsidenten wegen seiner Politik stark kritisierte, wurde ihr Vorsitzender ins Gefängnis geworfen. Aber auch Huerta konnte sich nur bis 1914 an der Macht halten und wurde von Venustiano Carranza besiegt, der Mexiko bis 1919 regierte und Maderos politisches Programm wiederbelebte. Es kann nach all dem kaum überraschen, dass Carranzas Mitstreiter Alvaro Obregon im Jahr 1919 Carranza absetzte und 1920 selbst die Präsidentschaft antrat.

    Obregon fuhr einen relativ weichen Kurs gegenüber der katholischen Kirche und wendete die antiklerikalen Gesetze aus der neuen mexikanischen Verfassung von 1917 nur in Gebieten an, wo der katholische Einfluss gering war.

    Das war schon ganz anders beim Atheisten Plutarco Elias Callas, dessen Präsidentschaft ab 1924 die antiklerikalen Kräfte in Mexiko voll zur Entfaltung brachte. Diese Gruppen versuchten nun nicht nur die Macht des Klerus zurückzudrängen, sondern auch das religiöse Denken und Verhalten des Volkes zu eliminieren, indem sakrale Objekte ´entweiht´ und, zur Abschreckung, Mitglieder des Klerus verfolgt und ermordet wurden.

    Die antiklerikalen Gesetze von 1917, von Obregon noch weich und selektiv gehandhabt, wurden von Calles kompromisslos im ganzen Land umgesetzt. 1926 installierte er das "Calles-Gesetz" mit seinen harten Strafandrohungen ggen Priester und jedermann, der die Gesetze von 1917 missachtet. So musste z.B. ein Priester, der die Regierung kritisiert, mit 5 Jahren Gefängnis rechnen. Das öffentliche Tragen klerikaler Kleidung wurde mit einer horrenden Geldstrafe geahnet. Zusätzlich wurde klerikaler Besitz enteignet, alle nichtmexikanischen Priester des Landes verwiesen und die Klöster und kirchlichen Schulen geschlossen.

    Unter diesem Druck begann ab 1924 die ´Nationale Liga zur Verteidigung religiöser Freiheit´ ihren Widerstand zu formieren. Ihr schloss sich die Mexikanische Katholische Jugend und eine kleine katholische politische Partei an.

    1926 begann ein von katholischen Bischöfen unterstützter Wirtschaftsboykott gegen die Regierung, indem Katholiken insbesondere in westzentralmexikanischen Gebieten dazu aufgerufen wurden, Kinos, Theater und öffentliche Verkehrsmittel zu boykottieren und, als Lehrer, den Unterricht in säkularen Schulen einzustellen.

    Im August 1926 verbarrikadierten sich 400 bewaffnete Katholiken in einer Kirche in Guadalupe und lieferten sich ein 18 Tote forderndes Feuergefecht mit Regierungstruppen. Sie ergaben sich schließlich, als ihnen die Munition ausging.

    (usw.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juli 2017
  3. ervie

    ervie Mitglied

    Ja das ist der eine Aspekt der Cristero-Rebellion. Allerdings überzeugt mich das alles nicht so ganz. Sicher war v.a. die Aussetzung der Gottesdienste einer der maßgebenden Gründe, die zum Ausbruch der Rebellion führten. Allerdings, und wie du auch richtig beschrieben hast, geht die Vorgeschichte bis weit in die koloniale Epoche hinein und auch die Revolution von 1910 spielt hier eine Rolle.

    Die Revolution schuf eine neue Elite der Großgrundbesitzer und stärkte auch das Militär. Obregon und Calles waren solche Großgrundbesitzer und diese sahen keinen Grund, eine Agrarreform - wie es die Bauern wollten - zu ihren Ungunsten durchzubringen. Dies brachte die Bauern, die katholisch waren und sich als Verlierer der Revolution fühlten, in eine sehr prekäre Lage.
    Die Regierung selbst befand sich in der Phase, in der sich die Revolution erst institutionalisieren musste und befand sich auch außenpolitisch und ökonomisch in einer schwierigen Lage. Deshalb sah sie die ökonomischen Interessen der Bauern nicht als Relevant und hatte deshalb kein Interesse daran, dem irgendwie gerecht zu werden.

    Aus dieser Argumentation heraus ist die Cristero-Rebellion eine Bauernrevolte und den Rebellen war der ökonomische Aspekt wichtiger als der religiöse.
     
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  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Das Religiöse und das Politisch-Ökonomische durchdringen sich in der Motivik der handelnden Parteien in so komplexer Weise, dass es schwer ist, einem der beiden Bereiche die Priorität zuzusprechen. Ich meine aber, dass das Motiv der Verteidigung des Katholizismus die Nase leicht vorn hat.

    Zur Clique des atheistischen Präsidenten Calles gehörten auch Protestanten, die in Mexiko ein kapitalistisches System von einer Art installieren wollten, die der katholischen Landbevölkerung ganz gegen den Strich ging. Die von Calles durchgeführte Landreform bedeutete für die katholischen Bauern sowohl Kontrolle durch ausländische Grundbesitzer als auch Zurückdrängung des Katholizismus durch säkularen oder protestantischen Liberalismus.

    Gewiss gab es Cristeros mit rein ökonomischer Motivation, z.B. Ladislao Molina, ein Grundbesitzer, der auf den Rebellionszug nur aus persönlichem Ehrgeiz aufsprang und von Jose Perez, einem Mitglied der von mir schon erwähnten ´Nationalen Liga zur Verteidigung religiöser Freiheit´, in einem Brief von 1929 als charakterloser Opportunist gezeichnet wird: "(...) er ist kein Cristero: einerseits Katholik, ist er auch ein Liberaler und kämpft nicht aus den gleichen Gründen wie die Katholiken."

    In vielen, vielleicht den meisten Fällen waren religiöse Motive den ökonomischen übergeordnet, es ging diesen Cristeros also mehr um die Bewahrung ihres Katholizismus als um ihre ökonomische Situation. So schreibt der Cristero José Gonzalez Romo im Jahr 1929 an einen Agrarista (Mitglied einer pro-staatlichen Hilfsarmee von 25.000 Mann): "Sag den Agraristas, dass wir (= die Cristeros) sie nicht bekämpfen, weil sie Agraristas sind, sondern weil sie den Tyrannen (= Calles) unterstützen, der die Religion unseres Landes auszulöschen und uns an die protestantischen Gringos auszuliefern versucht."

    Viele Cristeros sahen sich sogar als Kämpfer in einem ´Heiligen Krieg´ gegen die antiklerikale Politik einer dem Antichristen dienenden Regierung (so Javier Villa Flores in seiner Studie “Religion, Politics, and Salvation: Latin American Millenarian Movements", 2007)
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juli 2017
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Studie?

    Wenn schon die Krake, dann wenigstens inhaltlich zutreffend.

    Das ist keine "Studie", sondern referiert - wenn mal wirklich reinschaut - über den Inhalt eines 16-Wochen Kurses für das "fortgeschrittene" Grundstudium, hier "nur" mit "Woche 13" auf die Cristiada bezogen. Also nicht mal für die Hausarbeit im 1. Semester zitierfähig. Und wenn man genau reinschaut, wird das konkrete Zitat offensichtlich auf die Sichtweise eines Autors, nämlich Tuck, The Holy War in Los Altos, bezogen.

    @ervie: Deine Schlußfolgerung über den Mix an Hintergründen wird von einem Teil der Literatur - in der Kontroverse - auch so differenziert (zB regional) vertreten, und sie erscheint mir im Hinblick auf vor-, gleich- und nachgelagerte massive Emmigrationswellen, deren Ursprung und Richtung, mit ihrem ökonomischen Kontext auch plausibel.
     
  6. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    So so... Ich fand das von mir sinngemäß wiedergegebene Flores-Zitat von S.246 in einer Cristero-bezogenen Facharbeit einer US-Graduate-Studentin, die Mitglied der National History Honor Society ist, der Studenten und Geschichtsprofessoren angehören.

    Graduate-Studenten haben übrigens 4 Semester hinter sich...

    Javier Villa-Flores selbst ist Professor für Geschichte.

    Ich sehe also nicht den geringsten Grund dafür, mich in einem Amateurforum nicht auf dieses Zitat zu beziehen.

    Kontext: Die Cristero-Rebellion brach unmittelbar nach Proklamation eines Manifests von René Capistran Garza (Führer der National League for the Defense of Religious Liberty) am 1. Jan. 1927 aus. Die von mir erwähnten Holy-War-Cristeros führten ihre gewaltsamen Aktionen in Los Altos und Umgebung durch und wurden nach und nach von den ´Feminine Brigades of St. Joan of Arc´ (katholische Cristero-Aktivistinnen) logistisch unterstützt. Die Los-Altos-Region und Westzentralmexiko waren die Zentren der Cristero-Rebellion.

    Der Autor von "The Holy War in Los Altos", Jim Tuck, ist zwar ´nur´ ein Journalist, auf sein Werk wird sich in einschlägiger Fachliteratur aber häufig bezogen, wie eben auch bei Javier Villa-Flores.

    Die "Sichtweise eines Autors" (Zitat von dir) wird also weithin akzeptiert.

    Gibt es also überhaupt ein Problem, außer dass ich Villa-Flores´ Text, der ein Überblick über Studien ist, versehentlich eine "Studie" nannte? Außer diesem Wörtchen hast du ja sonst nichts an meinen Darstellungen auszusetzen.

    Wir sind aber quitt, wenn man deinen obigen Lapsus "nicht mal für die Hausarbeit im 1. Semester zitierfähig" dagegen setzt.

    Das beantwortet nicht die Frage, ob religiöse oder ökonomische Faktoren für die Cristero-Rebellion ausschlaggebend waren. Meiner Meinung nach unterschätzt ervie den religiösen Faktor bei weitem. Ich selbst habe geschrieben:

    sowie:

    und auch Argumente dafür geliefert.

    Wenn du das also umgekehrt siehst, solltest du fairerweise entsprechende Gegenargumente liefern, statt dich einfach nur ganz allgemein auf einen

    zu beziehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Juli 2017
  7. ervie

    ervie Mitglied

    Also ich finde es auch zu einfach, Kritik lediglich auf die verwendete Literatur zu beziehen und diese als "nicht wissenschaftlich" darzustellen.

    Ich verstehe auch die religiöse Symbolhaftigkeit der Cristeros als gemeinsame Identifikation auch. Aber dennoch hab ich ein mulmiges Gefühl dabei, dies als rein religiöse Bewegung darzustellen. Dafür habe ich viel zu viele Widersprüche hinsichtlich des christlichen Glaubens.

    Der Vatikan und das mexikanische Episkopat lehnten die Vorgehensweise der Cristeros streng ab, denn diese bevorzugten eine politische Lösung und keine militärische.

    Der katholische Laienverein die LIGA und deren Jugendvertretung versuchten natürlich zunächst Kapital aus den Cristeros zu schlagen, dies gelang allerdings nicht, sie erfuhren Ablehnung und die Folge war, dass die LIGA keine Ressourcen wie Geld, Waffen und Munition oder Offiziere zur Verfügung stellte.

    Nun unterstelle ich einem gläubigen Christen aber, dass er die Glaubenshierarchie akzeptiert und darauf achtet, was "seine Obrigkeit" verlangt. Durch die scharfe Ablehnung der Vorgaben des Vatikans aber distanzieren sie sich davon.

    Und ich bin immer noch der Meinung, dass der ökonomische Faktor überwiegt. Denn der Ursprung und die Hauptschauplätze der Cristiada waren die Regionen, wo die meisten wirtschaftlichen "Verlierer" der Revolution lebten und welche sich durch die neue Gewerkschaft unterdrückt fühlten. Wenn der Hauptgrund die Religion wäre, bzw. wenn die Religion weiter vorne ist, dann hätte es auch im Norden Mexikos Aufstände gegeben.

    Ich glaube, das ganze Thema hat etwas mit der Henne und dem Ei zu tun.
    Aber ich bleibe noch immer dabei, dass diese Rebellion zunächst tiefe ökonomische Beweggründe hat. Auch in deinem Zitat, dass die Agraristas bekämpft werden, weil sie den Tyrannen unterstützen, der das Land an die protestantischen Gringos ausliefern möchte, sehe ich eine Bestätigung.

    Denn der Tyrann hatte zwar tiefe Vorurteile und scheinbar auch "Halluzinationen" gegenüber den Katholiken. Aber er war selbst Neolatifundist und wollte die Bauern nicht belohnen. Genau so waren die Gringos die Amerikaner, welche in Mexiko Bodenschätze wie Erdöl fanden und diese ausbeuten wollten.

    Die USA waren sowohl für Mexiko als auch für die Bauern eine große Gefahr, denn sie fuhren eine "America first" Politik auf.

    Und wenn den Rebellen ihr katholischer Glaube so wichtig war, wieso kamen keine neuen Kämpfe auf nach dem Ende der Revolution?
    Es war kein Cristeros bei den Verhandlungen dabei, die die Rebellion beendete und zum "Modus vivendi" zurückkehrte.
     
  8. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Als rein religiöse Bewegung habe ich die Cristeros nicht dargestellt, auch wenn ich in meinen Beiträgen den religiösen Aspekt akzentuierte, eben weil er meiner Ansicht nach den ökonomischen überwiegt.

    Der Katholizismus war wohl mehr als nur ein Medium der Identifikation im Rahmen eines ökonomisch motivierten Aufstandes, wie du animmst. Schließlich waren die staatlichen Angriffe auf den katholischen Glauben und auf katholische Repräsentanten der Hauptauslöser für die Rebellion.

    Ich zitiere nachfolgend aus dem spanischen Text des Manifests "An die Nation" von Réné Capistran Garza, der - wie schon erwähnt - am 1. Jan. 1927 die Rebellion einleitete. In der Passage geht es, aus der Sicht Garzas, um die Verfehlungen der Regierung gegen das mexikanische Volk:

    Meine Übersetzung:

    Zerstörung der Freiheit der Religion, der Politik, des Bildungswesens, der Arbeit, der Presse, Verneinung Gottes und Erzeugung einer atheistischen Jugend (...)

    Man beachte die Reihenfolge: Nicht die politischen oder ökonomischen Aspekte führen die Liste an, sondern der religiöse.

    Als Garza zu seinen Forderungen kommt (Programmpunkte), liest sich das so:

    Übersetzung:

    1. Freiheit der Religion und des Gewissens. Absolute Unabhängigkeit der Kirche vom Staat.
    2. Freiheit des Bildungswesens.
    3. Politische Freiheit.


    Auch hier führt die Religionsfreiheit die Liste an, gefolgt nicht von Politik oder Ökonomie, sondern dem Bildungswesen.

    Wäre es nun wirklich so, wie du meinst, dass der katholische Glaube nur als Galionsfigur für das ökonomische Motiv dient, warum stellt Garza dann die ökonomischen Forderungen, die auf der Liste erst auf Platz 6 (Arbeitsplatzgarantie), Platz 7 (Garantien für das nationale und ausländische Kapital) und 9 (Achtung des Privateigentums) erscheinen, nicht gleich auf Platz 2, 3 und 4? Nicht einmal das Politische rangiert vor dem Bildungswesen.

    Aus Zeitgründen gehe ich auf den Rest deiner Ausführungen erst morgen ein.

    Hasta manana.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Juli 2017
  9. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Vor einer Weiterführung der Cristero-Debatte möchte ich die Vorgeschichte der Rebellion etwas genauer aufrollen. Schließlich ist die Rebellion nur vor dem Hintergrund des Gesamtbildes wirklich zu verstehen. Dabei zeigt sich eine seltsame Umkehrung der Verhältnisse, die im 19. Jahrhundert einsetzt, als die Katholiken von der ´Rolle´ des Unterdrückers in die ´Rolle´ der Unterdrückten wechselten, was schließlich zur Cristero-Rebellion führte. Ich versuche die Entwicklung in groben Zügen in zwei Beiträgen zusammenzufassen.

    Hier ist der erste Teil:

    Mit der spanischen Eroberung Mexikos unter Hernan Cortes in den Jahren 1510-21 begann die Geschichte der römisch-katholischen Kirche in Mexiko. Die Eroberung verfolgte zwei Ziele: die politische und die religiöse Unterwerfung der mexikanischen Population. Von der einheimischen Praxis des Menschenopfers waren die Spanier abgestoßen, konnten sie aber erst mit der Eroberung des Aztekenreichs vollständig abschaffen. Die Konversion der Indianer zum Christentum begann bei den Regenten des Stadtstaates Tlaxcala, die sich mit Cortes in Anbetracht der spanischen militärischen Überlegenheit schnell verbündet hatten, wurde in ganzer Breite aber erst nach der Eroberung der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan im Jahr 1521 in Angriff genommen.

    Als Selbstrechtfertigung für die militärische Eroberung Mexikos diente das ausgegebene Ziel der Christianisierung der indianischen Population. Ermöglicht wurde dies durch die 1493 von Papst Alexander VI. dem spanischen Monarchenpaar Ferdinand und Isabella erteilte Erlaubnis (die sog. ´Patronato Real´), die spanischen Überseekolonien zu evangelisieren und zu diesem Zweck lokale klerikale Amtsträger zu ernennen und einzusetzen. Natürlich waren die angestrebten ökonomischen Profite durch wirtschaftliche Ausbeutung der eroberten Territorien das eigentliche Motiv.

    Auf Anforderung von Cortes wurden Vertreter des Franziskaner-, des Dominikaner- und des Augustinerordens nach Mexiko gesandt. Als erste kamen franziskanische Mönche, die sog. ´Zwölf Apostel von Mexiko´, im Jahr 1524 an, dann die Dominikaner 1526 und die Augustiner 1533. Die Franziskaner konzentrierten sich auf die am dichtesten besiedelten Städte und sorgten für den Bau der ersten Kirchen, häufig in direkter Nachbarschaft zu lokalen Tempeln. Zur ländlichen Bevölkerung wurden regelmäßig Priester für die Durchführung von Taufen und christlichen Eheschließungen gesandt.

    Um den Prozess zu beschleunigen, wurde Priester der einheimischen Religion abgesetzt und ihre Tempel in Kirchen umgewandelt. Angehörige der indianischen Elite wurden vorzugsweise konvertiert, um als Vorbilder für die einfachen Leute zu dienen. Der Versuch, indianische Priester auszubilden, schlug fehl, weil die Kandidaten die katholische Theorie zwar gut zu verinnerlichen vermochten, für eine priesterliche Lebensführung aber gar keinen Sinn hatten. Aus diesem Grund wurde 1551 ein Verbot für die Ordination indianischer Priester erlassen.

    Zu ersten inner-spanischen Konflikten kam es im Laufe des 16. Jh. wegen der brutalen Behandlung Einheimischer durch viele Konquistadoren, die in den Indianern nur minderwertige Arbeitskräfte sahen ("encomendados"), die im Rahmen eines ihnen aufgezwungenen neuen Agrarsystems („encomienda“) für ihre spanischen Herren ("encomenderos") unter oft sklavenhaften Bedingungen schuften mussten. Das System wurde 1503 in Lateinamerika eingeführt, indem Teilnehmern eines Eroberungsfeldzugs zur Belohnung treuhänderisch Landgüter („reducciones“) incl. einheimische Bewohner als Arbeitskräfte übertragen wurden. Formell waren die Indianer keine Sklaven, da sie bezahlt werden mussten. Königin Isabella von Spanien sprach den Indianern sogar das Recht zu, sich an eine Appellationsinstanz zu wenden („Real Audienca“). In der Praxis war das System von Sklaverei aber kaum zu unterscheiden, weil Arbeitszwang bestand und die meisten Encomenderos den Tod von Arbeitern durch physische Erschöpfung skrupellos in Kauf nahmen.

    Im spanischen Homeland löste das heftige Debatten über Recht und Unrecht solcher Praktiken aus. Ein engagierter Gegner der Versklavung war der Dominikaner Bartolomé de Las Casas, während sein Hauptopponent, der Theologe Juan Gines de Sepulveda von der Überlegenheit der spanischen ´Rasse´ überzeugt war und die Schlechtbehandlung der Indianer damit rechtfertigte.

    Auch wenn die Mehrheit unter den Klerikalen eine gerechte Behandlung der Indianer favorisierte, setzte sich im ´kulturellen Gedächtnis´ der Indianer und Mestizen und ihrer mexikanischen Nachkommen die Erinnerung an die physische Unterdrückung und moralische Erniedrigung durch Konquistadoren und Theoretiker wie Sepulveda fest, was sich noch in den antiklerikalen Gesetzen der mexikanischen Verfassung von 1917 niedergeschlagen hat.

    Der Arbeitszwang wurde im Encomienda-System in Mexiko Ende der 1530er Jahre wieder aufgehoben und ersatzweise Tributzahlungen der Indianer an ihre Herren zur Pflicht gemacht. Grund: Zum einen starben aufgrund der brutalen Arbeitsbedingungen auf den Feldern und in den Minen so viele Indianer, dass der Fortbestand ihrer Ethnie zum Nachteil des wirtschaftlichen Systems gefährdet schien. Zum andern waren durch die Taino-Revolte in der Karibik und durch die pro-indianischen Streitschriften von Bartolomé de Las Casas moralische Bedenken bei Kaiser Karl V. und bei Papst Paul III. (Bulle „Sublimus Dei“) aufgekommen, die zu einer Verurteilung der Sklaverei in Mexiko und anderen Kolonien und zum Zugeständnis der Grundrechte Freiheit und Eigentum an die Indianer führten.

    Ab den 1550ern verfiel das Encomienda-System in Mexiko unter dem Druck seiner Gegner und wurde durch den Import afrikanischer Sklaven sowie durch das neue Ripartimiento-System ersetzt, das jeden erwachsenen Indianer verpflichtete, 45 Tage pro Jahr für die spanischen Herren zu arbeiten, und das – wieder einmal – unter unmenschlichen Bedingungen, d.h. schlechte Behandlung, viel zu lange Arbeitszeit und unzuverlässige Bezahlung.

    Zu einem weiteren inner-spanischen Dissens kam es, als der erste Bischof Mexikos, Don Juan de Zumarraga, 1536 einen hochgestellten Einheimischen in Texcoco in einem Inquisitionsverfahren anklagte und enthaupten ließ, was ihm einen Rüffel seitens der spanischen Krone eintrug. In deren Augen waren die Indianer wegen ihrer nach wie vor unzulänglichen Christianisierung moralisch nicht voll zurechnungsfähig und daher nicht verpflichtet, den von der Inquisition erhobenen Ansprüchen zur Gänze zu genügen. Bei ihrer offiziellen Einführung in Mexiko im Jahr 1571 galten die Bestimmungen der Inquisition daher nicht für die Indianer, die in der Folge quasi den rechtlichen Status von Kindern besaßen.

    (wird fortgesetzt)
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Juli 2017
  10. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Als Intermezzo poste ich hier ein paar Hintergrundinformationen zum Mexiko der Kolonialzeit. Die angekündigte Fortsetzung des vorigen Beitrags folgt am Wochenende, natürlich mit einigen Überraschungen.

    ++++

    ´Mexiko´ ist von 1535 bis zum Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg zu Anfang des 19. Jahrhunderts gleichbedeutend mit dem ´Vizekönigreich Neuspanien´ (Virreanato de Nueva Espana) und war somit eines von mehreren lateinamerikanischen Kolonialreichen Spaniens, die von einem Vizekönig regiert wurden. Zu ihm gehörten in der Phase seiner größten Ausdehnung (17.-18. Jh.) die Gebiete der heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Venezuala, Belize, Palau, Guam, der karibischen Inseln und der heutigen US-Staaten Kalifornien, Arizona, New Mexico, Texas, Nevada, Colorado, Utah und teilweise Wyoming, sowie einige asiatische Gebiete wie die Philippinen und die Marianen. Die Gesamtfläche entsprach allein auf dem amerikanischen Kontinent also ungefähr der des heutigen Europa.

    In Neuspanien bildete sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts ein genau definiertes Kastensystem (´las castas´, 16 an der Zahl), d.h. eine soziale Hierarchie aus ´rassischen´ Stufen mit absteigender Wertigkeit. Hier sind die Hauptkategorien:

    (1) native Spanier, (2) in Neuspanien geborene Spanier (´criollos´ = Kreolen), (3) Kinder von Spaniern/Kreolen und Indianern (´mestizos´ = Mestizen, in der Regel mit spanischem Vater und indianischer Mutter) mit weniger Rechten als Spanier und Kreolen, (4) Indianer und (5) afrikanische und afrikastämmige (´afromexikanische´) Sklaven (´bozales´). Kinder von Schwarzen/Kreolen (´mulattos´ = Mulatten) wurden, wenn die Mutter eine schwarze Sklavin war, ebenfalls versklavt, gehörten also zu (5). Mit einer weißen (kreolischen) Mutter stand ein Mulatte über Stufe (5). Kinder von Schwarzen/Indianern (´zambos´) hatten den sozial niedrigsten Status (6). Ob sie automatisch versklavt wurden, ist mir nicht bekannt. Falls ja, dann nur, wenn der schwarze Elternteil versklavt war, was nicht für alle Schwarzen galt, da viele durch Selbstkauf frei kamen. Da die meist männlichen Schwarzen von Beginn ihres Importes an mit mehr Indianerinnen als schwarzen Frauen Ehen schlossen, gingen sie in Neuspanien bzw. ab 1821 Mexiko nach und nach in der indianischen Ethnie weitgehend auf; 1,2 % der Mexikaner sind nach Selbsteinschätzung (Zensus 2015) schwarze Mestizen (´afro-mestizos´). Nur auf jesuitischen Haciendas wurde bei Sklaven Wert auf Gleichverteilung der Geschlechter und intra-ethnische Heirat gelegt, weniger aus humanitären als aus pragmatischen Gründen (´Zucht´ neuer Sklavengenerationen). Zu (3): Oft heiratete ein Spanier oder Kreole eine Indianerin oder Mestizin aus Kalkül, z.B. um von der Krone eine Encomienda zu ergattern, die nur verheirateten Männern zustand. Gut behandelt wurden Indianerinnen von ihren Männern nur in seltenen Fällen. Verwaiste Mestizinnen waren bei geldbedürftigen Spaniern/Kreolen begehrt wegen der Mitgift, welche die Krone diesen Frauen für eine Heirat zuschoss.

    Alexander von Humboldt schätzte im Jahr 1803 den Anteil der Weißen an der neuspanischen Population auf 20 %, den der Indianer auf 41 % und den der Mestizen auf 38 %. Das restliche Prozent geht an die Schwarzen. 1930 machten die Mestizen 57 % der mexikanischen Population aus, mit steigender Tendenz. In den meisten Mexikanern fließt heute also kreolisch-indianisches ´Blut´.

    Das Kastensystem wurde im Zuge der Unabhängigkeit Mexikos ab 1821 für nichtig erklärt, auch wenn weiterhin zwischen ´castizos´ (Kreolen/Mestizen) und ´moriscos´ (hellhäutige Mulatten) formal unterschieden wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juli 2017
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das alles wär noch viel interessanter wenn es Quellenverweise gäbe.
    Denn interessant ist das schon,
    weil ich leider zu dem ganzen Umfeld bisher nur ein paar kleine Puzzlesteinchen hab.
    Aber ein paar Quellen wären schon schön.
     

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