Das legendäre Atlantis

MAtty63

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Hallo zusammen,

Ich möchte hier ein Thema beginnen, das mich schon lange interessiert und fasziniert: das legendäre Atlantis. Viele fragen sich ja, ob es diese große Insel im Atlantik tatsächlich gegeben hat. Das hat sicher auch damit zu tun, wie man den Kritiasdialog des Platon deutet. Und wenn man davon ausgeht, dass es Atlantis tatsächlich gegeben hat, ist ja die Frage, wo es liegt. Bei Platon heißt es "jenseits der Säulen des Herakles", also hinter der Meerenge von Gibraltar. Trotzdem wurde versucht, Atlantis an allen möglichen anderen Orten zu lokalisieren, so unter anderem auf Santorin.
Ich habe schon mehrere Bücher über diese Thematik gelesen; am spannendsten fand ich dabei jedoch: "Otto Muck- alles über Atlantis" in einer Auflage von 1976. Er verortet Atlantis im Atlantik; die Azoren sind die letzten Reste dieser "innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ untergegangenen Reiches. Interessant finde ich da auch die anhand von Tiefenlotungen versuchte Rekonstruktion von Atlantis: Im Norden halten bis zu 5000 Meter hohe Berge die kalten Nordwinde weitgehend ab; und von Südwesten brandet der feuchtigkeitsbringende Golfstrom an die Insel und wird um ihre Südspitze herum umgelenkt. Nach Mucks Ansicht hätte das Klimaverhältnisse hervorgebracht, die zur Beschreibung bei Platon passen würden, mit zwei Ernten im Jahr, einer fruchtbaren Ebene, einer reichen Pflanzen- und Tierwelt. (Welche Temperaturen da geherrscht hatten, kann ebenfalls nur vermutet werden; ich denke aber, dass das Thermometer selten unter 22° absank und genauso selten über 30° anstieg). Beste Voraussetzungen also für eine frühe Hochkultur.
Mir leuchtet diese Sicht von Otto Muck ein; und da ich ein sehr phantasievoller Mensch bin, beflügelt mich dies, sodass in meinem Inneren schnell Bilder auftauchen: Von Menschen, die damals dort gewohnt, gelebt, gearbeitet, gekämpft haben. Ich sehe da prachtvolle Häuser, in denen Reiche wohnen. Ich sehe schön angelegte Gärten, wo es sich im Schatten der Bäume herrlich ausruhen lässt. Ich sehe die ärmere Landbevölkerung, die darauf achten muss, irgendwie auch noch ein bisschen was vom Wohlstandskuchen abzubekommen. Und außerdem sehe ich die Herrscherburg sowie Heiligtümer und Kultstätten. Und dann ist da auch noch der kunstvoll angelegte sowie zweigeteilte Hafen. Der Eine ist für Handelsschiffe und der andere für die Kriegsflotte...

Wie seht ihr die Sache mit Atlantis? Hat es diese Insel eurer Meinung nach gegeben? Wenn ja, wo? Und tauchen bei euch da ebenfalls innere Bilder auf?

Ich freue mich auf einen regen Austausch.

Liebe Grüße
MAtty 63
 
Atlantis ist untergegangen.

Damit Dein Thema nicht untergeht wie Atlantis oder im Dunst verschwindet wie San Borondón, benutze die Suchfunktion (die Lupe oben rechts), suche nach "Atlantis", und Du wirst fündig.

Du findest dort ausführliche Antworten auf Fragen, die in der Vergangenheit schon gestellt wurden.
Hier z.B., mehr als 264 Beiträge:

Dass ein Zusammenhang zwischen Atlas (der mythischen Figur und dem Gebirge) besteht und dem atlantischen Ozean und über diesen wiederum zu der "Stadt" Atlantis, ist klar. Aber dieser Zusammenhang besteht in der Namensderivation und in sonst nichts. Die Stadt Atlantis heißt so, weil sie nach Platons Vorstellung im atlantischen Ozean lag und der atlantische Ozean heißt so, weil der Atlas die geographische Referenz war, nach der der Ozean an dieser Stelle (die Griechen stellten sich ja vor, dass die bewohnte Welt vom Ozean umflossen sei (womit sie nicht völlig Unrecht hatten)) benannt war. Alles andere (imaginierter Zusammenhang von Atlas-Mythos und Atlantis-Erzählung oder Minoer) ist gegenstandslos.
 
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Mitbringsel von Helgoland :):cool:;)
 
die Azoren sind die letzten Reste dieser "innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ untergegangenen Reiches.

Aus geologischer Sicht dürfte das kompletter Unsinn sein. Die Azoren liegen in einer tektonisch hochinteressanten Region; Erdbeben und Vulkanausbrüche sind dort überaus häufig. Die Inseln sind sicher nicht die Gebirgsspitzen eines abgesoffenen Kontinents, wie etwa im Fall Lummerlands, sondern durch Vulkanismus entstanden.

Man trifft dort sogar auf Vulkaninseln, die erst in jüngster Zeit neu entstanden sind:
 
Letztlich ist die Atlantiserzählung, die Platon in zwei verschiedenen Dialogen aufmacht eine politische. Es geht nicht um einen realen Ort.
Atlantis soll größer gewesen sein, als Lybien (=Afrika) und Asien (=heutige Türkei, vielleicht angrenzende Gebiete) zusammen. Platons Kritias berichtet von einem Krieg, der 9.000 Jahre her sein soll.

Platon lebte von 428 bis 347. 373 erlebte Griechenland ein schweres Erdbeben, bei dem die Stadt Helike einem Tsunami zum Opfer fiel. die Dialoge Timaios und Kritias sind nicht klar datiert, werden aber dem Spätwerk Platons zugeordnet, also in die 350er Jahre, also etwa 20 Jahre nach dem Tsunami von Helike.

Dann die Überlieferungsgeschichte, in der Platon Unwahrscheinlichkeitsmarker einbaut: Der mittlerweile selber alte Kritias erzählt:

So höre denn, Sokrates, eine gar seltsame, aber durchaus wahre Geschichte, wie sie einst​
Solon, der Weiseste unter den Sieben, erzählt hat. Er war nämlich, wie bekannt, ein Verwandter​
und vertrauter Freund meines Urgroßvaters Dropides, wie er auch selber wiederholt in seinen​
Gedichten sagt. Meinem Großvater Kritias aber erzählte er bei irgend einer Gelegenheit, wie es
dieser als Greis wiederum mir mitteilte, dass es viele vor alters von unserem Staat vollbrachte​
bewunderungswürdige Taten gäbe, welche durch die Länge der Zeit und den Untergang der​
Menschen in Vergessenheit geraten wären, von allen aber sei eine die größte, [21 St.3 A] deren​
Andenken mir jetzt zu erneuern geziemt, um sowohl dir meinen Dank abzutragen, als auch​
zugleich die Göttin an ihrem gegenwärtigen Feste auf eine echte und gebührende Weise wie​
durch einen Lobgesang zu verherrlichen.​
SOKRATES: Wohl gesprochen. Aber was für eine Tat ist denn das, die Kritias, obgleich sie der
Überlieferung unbekannt ist, dir dennoch als eine in Wahrheit vor alters von dieser Stadt​
vollbrachte, nach dem Berichte des Solon, mitteilte?​
KRITIAS: So will ich denn diese alte Geschichte erzählen, die ich von einem nicht mehr jungen
Manne vernommen. Es war nämlich damals Kritias, wie er sagte, schon beinahe neunzig Jahre,
ich aber so ungefähr zehn alt.

Also der Dialogteilnehmer Kritias (Kritias III) hört mit 10 Jahren von seinem 90jährigen Großvater (Kritias I) eine Geschichte, die diesem wiederum Gesetzgeber Solon erzählt haben soll, als er selbst Kind war. Solon selbst hat sie aber offenbar niemanden anders erzählt haben, als dem noch jungen Kritias I..... Solon soll diese Geschichte von ägyptischen Priestern haben:


Als daher Solon dorthin kam, so wurde er, wie er erzählte, von ihnen mit​
Ehren überhäuft, und da er Erkundigungen über die Vorzeit bei denjenigen Priestern​
einzog, welche hierin besonders erfahren waren, so war er nahe daran herauszufinden, dass weder​
er selbst, noch irgend ein anderer Grieche, fast möchte man sagen, auch nur irgendetwas von​
diesen Dingen wisse. Und einst habe er, um sie zu einer Mitteilung über die Urzeit zu​
veranlassen, begonnen, ihnen die ältesten Geschichten Griechenlands zu erzählen, ihnen vom​
Phoroneus, welcher als der erste gilt, und von der Niobe, und wie nach der Flut Deukalion und​
Pyrra übrig blieben, zu berichten und das Geschlechtsregister ihrer Abkömmlinge​
aufzuzählen und habe versucht, mit Anführung der Jahre, welche auf jedes einzelne Geschlecht​
kamen, wovon er sprach, die Zeiten zu bestimmen. Da aber habe einer der Priester, ein sehr​
bejahrter Mann, ausgerufen: O Solon, Solon, ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, und einen
alten Hellenen gibt es nicht!
Als nun Solon dies vernommen, habe er gefragt: Wie so? Wie meinst du das?​
Ihr seid alle jung am Geiste, erwiderte der Priester, denn ihr tragt in ihm keine Anschauung,​
welche aus alter Überlieferung stammt, und keine mit der Zeit ergraute Kunde. [...]​
[...] sodann aber wisst ihr nicht, dass das trefflichste und
edelste Geschlecht unter den Menschen in eurem Lande gelebt hat, von denen du und alle Bürger​
eures jetzigen Staates herstammt, indem einst ein geringer Stamm von ihnen übrig blieb, sondern​
alles dies blieb euch verborgen, weil die Übriggebliebenen viele Geschlechter hindurch ohne​
die Sprache der Schrift ihr ganzes Leben hinbrachten. Denn es war einst, mein Solon, vor der​
größten Zerstörung durch Wasser der Staat, welcher jetzt der athenische heißt, der beste im​
Kriege und mit der in allen Stücken ausgezeichnetsten Verfassung ausgerüstet, wie denn die​
herrlichsten Taten und öffentlichen Einrichtungen von allen unter der Sonne, deren Ruf wir​
vernommen haben, ihm zugeschrieben werden.​
Als nun Solon dies hörte, da habe er, wie er erzählte, sein Erstaunen bezeugt und angelegentlichst​
die Priester gebeten, ihm die ganze Geschichte der alten Bürger seines Staates in genauer​
Reihenfolge wiederzugeben.​
Der Priester aber habe erwidert: Ich will dir nichts vorenthalten, mein Solon, sondern dir alles​
mitteilen, sowohl dir, als eurem Staate, vor allem aber der Göttin zu Liebe, welche euren, so wie​
unseren Staat gleichmäßig zum Eigentum erhielt und beide erzog und bildete, und zwar den​
euren tausend Jahre früher aus dem Samen, den sie dazu von der Erdgöttin Ge und dem​
Hephästos empfangen hatte, und später ebenso den unsrigen. Die Zahl der Jahre aber, seitdem​
die Einrichtung des letzteren besteht, ist in unseren heiligen Büchern auf achttausend angegeben.​
Von euren Mitbürgern, die vor neuntausend Jahren entstanden, will ich dir also jetzt im Kurzen​
berichten, welches ihre Staatsverfassung und welches die herrlichste Tat war, die sie vollbrachten,​
das Genauere über dies alles aber wollen wir ein anderes Mal mit Muße der Reihe nach​
durchgehen, indem wir die Schriften selber verfolgen.​
 
Wie seht ihr die Sache mit Atlantis? Hat es diese Insel eurer Meinung nach gegeben? Wenn ja, wo?
Erstens ist die Atlantis-Geschichte höchstwahrscheinlich fiktiv. Vor Platon "wusste" niemand etwas von Atlantis. Es taucht nicht in der griechischen Mythologie auf, obwohl es doch angeblich Krieg gegen Athen geführt haben soll. (Auch die Athener selbst erwähnten in ihrer vergleichsweise umfangreichen erhaltenen Literatur aus der Zeit vor Platon Atlantis nie, und das, obwohl sie sonst nicht müde wurden, ihre angeblich ruhmreiche ferne Vergangenheit zu feiern.) Es taucht nicht bei Herodot auf, der Erzählungen über die Vergangenheit sammelte (auch ägyptische) und niederschrieb. Es taucht auch nicht in der reichhaltigen überlieferten ägyptischen Literatur auf.

Zweitens, auch wenn man die Geschichte ernst nehmen will, erscheint der Versuch einer Lokalisierung sinnlos: Alle "Theorien", wo Atlantis gelegen haben könnte, haben gemeinsam, dass sie einzelne Aspekte aus den bei Platon überlieferten "Informationen" über Atlantis herauspicken - nämlich jene, die zur präferierten Lokalisierung passen - und als "Belege" für die Richtigkeit der Lokalisierung und Identifizierung werten, den Rest aber (alles, was nicht passt) ignorieren. Mit dieser Rosinenpickermethode kann man natürlich jeden beliebigen Ort als Atlantis deuten.
Natürlich könnte man unterstellen, dass Einzelheiten der Überlieferung stimmen und andere verfälscht sind. Trotzdem kann man sich nicht einfach beliebig das gerade Passende heraussuchen.
Die Azoren etwa scheitern - neben dem von Sepiola Ausgeführten - schon einmal am Fehlen von Elefanten.
 
Zuletzt bearbeitet:
auch wenn man die Geschichte ernst nehmen will, erscheint der Versuch einer Lokalisierung sinnlos: Alle "Theorien", wo Atlantis gelegen haben könnte, haben gemeinsam, dass sie einzelne Aspekte aus den bei Platon überlieferten "Informationen" über Atlantis herauspicken - nämlich jene, die zur präferierten Lokalisierung passen - und als "Belege" für die Richtigkeit der Lokalisierung und Identifizierung werten, den Rest aber (alles, was nicht passt) ignorieren. Mit dieser Rosinenpickermethode kann man natürlich jeden beliebigen Ort als Atlantis deuten.
Eigentlich ist die Aussage des Platon, wo Utop.... Atlantis gelegen haben soll, klar. Ein Teil lag nahe der Säulen des Herkules, bis hin nach Gadeira - also Cádiz - rüber. Gleichzeitig aber größer als (Nord)Afrika und Kleinasien zusammen.

gegenüber Cádiz.jpg
 
Ergänzend könnte man vielleicht noch hinzufügen, dass Atlantis zwar in der Rezeptionsgeschichte die weitaus wichtigere Rolle spielte, es Platon selbst aber offenbar mehr um die "Urathner" ging, die schon 1000 Jahre vor der "Gründung" Ägyptens gelebt haben und in ihrer Verfassung seinem Idealstaat ähnlich gewesen sein sollen. Die Atlanter hatten vorwiegend die Funktion einer äußeren Bedrohung ähnlich derjenigen der Perser, nur noch viel mächtiger und größer.

Im Timaios sagt Sokrates:

Hört nun ferner, wie es mir in Bezug auf diesen Staat, wie wir ihn entwickelt
haben, geht. Ich habe nämlich ungefähr dieselbe Empfindung dabei, wie wenn einer schöne Tiere
sieht, sei es gemalte, sei es auch wirklich lebende, die sich aber in Ruhe verhalten, und ihn dann
das Verlangen ankommt, sie auch in Bewegung zu erblicken und etwas von den Eigenschaften,
welche belebten Körpern zukommen, im Kampfe erproben zu sehen. Ebenso also geht es mir
mit dem von uns entwickelten Staate. Denn gerne möchte ich jemanden darstellen hören, wie
er diejenigen Kämpfe, welche ein Staat gegen andere Staaten zu bestehen hat, durchstehen würde,
indem er auf eine würdige Weise zum Kriege geschritten wäre und nunmehr, während desselben
das, der in ihm herrschenden Erziehung und Bildung Entsprechende, sowohl in der Ausführung
durch Taten, als in der Verhandlung in Worten dem jedesmaligen anderen Staate gegenüber
leisten würde


Daraufhin erzählt Kritias dann die Geschichte, wie die Atlanter vor vielen Jahrtausenden von Westen her große Teile Europas und Afrikas unterwarfen, dann aber von den Athenern besiegt wurden - und zwar anders als im 5. Jh. v. Chr. zuletzt sogar ohne Hilfe der anderen Griechen. Damit war bewiesen, dass der platonische Idealstaat nicht nur wehrhaft genug war, sondern die Demokratie sogar noch deutlich übertraf.

Platons Utopie lag also eigentlich nicht im Atlantik, sondern in der (angeblichen) Vergangenheit seiner Heimatstadt.
 
Hallo zusammen,

danke für eure ausführlichen Antworten, auf die ich nun natürlich nicht alle in dieser Ausführlichkeit eingehen kann.
Mich fasziniert Atlantis, weil es da Mystisch- Geheimnisvoll zugeht.
Gegen die Echtheit spricht ja wohl, dass es außer bei Platon keine Hinweise gibt. Oder täusche ich mich da?
Andererseits wird das Ganze ja aber sehr genau beschrieben, bis zu den Ausmaßen hin.
Irgendwie würde ich trotz allem gerne glauben, dass es dies tatsächlich gegeben hat.
Otto Muck schreibt den Untergang von Atlantis dem Meteoriteneinschlag im heutigen Golf von Mexico zu (ca. 9500 v. Chr.) durch den eine "vulkanische Naht", die sich durch den Atlantik zieht, in einer Kettenreaktion aufgeplatzt ist und dabei Atlantis mit verschlungen hat. Das würde Platons Satz erklären: "Innerhalb eines unglückseligen Tages und einer einzigen Nacht...
 
Otto Muck schreibt den Untergang von Atlantis dem Meteoriteneinschlag im heutigen Golf von Mexico zu (ca. 9500 v. Chr.) durch den eine "vulkanische Naht", die sich durch den Atlantik zieht, in einer Kettenreaktion aufgeplatzt ist und dabei Atlantis mit verschlungen hat.

Machen wir uns nichts vor: Eine Insel von der Größe, wie sie Platon beschreibt, ist in den letzten 1000.000.000 Jahren nicht an einem Tag und in einer Nacht untergegangen. Am Golf von Mexiko hat es vor 66.000.000 Jahren einen gewaltigen Meteoriteneinschlag gegeben; es wird vermutet, dass das Aussterben der Dinosaurier eine Folge davon war. Aber auch dieser hat keine Insel von der Größe eines Kontinents zum Verschwinden gebracht.

"Größer als Libyen (=Afrika) und Asien zusammen", von welchen Dimensionen reden wir da?

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(Nur um einen ungefähren Eindruck zu bieten; die "Eratosthenes-Karte" ist eine moderne Rekonstruktion, und Eratosthenes lebte rund 150 Jahre später als Platon.)
 
Mich fasziniert Atlantis, weil es da Mystisch- Geheimnisvoll zugeht.
Gegen die Echtheit spricht ja wohl, dass es außer bei Platon keine Hinweise gibt. Oder täusche ich mich da?
Andererseits wird das Ganze ja aber sehr genau beschrieben, bis zu den Ausmaßen hin.
Irgendwie würde ich trotz allem gerne glauben, dass es dies tatsächlich gegeben hat.
Das ist sehr verständlich und dürfte auch einer der Gründe sein, weshalb Atlantis (wie gesagt, eigentlich wohl eher gegen die Intention Platons) eine so große Wirkungsgeschichte erzielt hat: Die Erzählung über eine riesige Insel, die vor Urzeiten ein Weltreich errichtet hat und dann in einer Nacht spurlos verschwunden ist, regt die Phantasie an. Welche Impulse für die Zivilisation mögen von ihr ausgegangen sein? Welche Spuren findet man in den späteren Kulturen? Wenn man eine bestimmte Utopie in der Vergangenheit verankern will, kann man sie in Atlantis verorten oder gar eine beliebige Weltgegend als ältesten Sitz der Kultur bestimmen, entweder weil Atlantis angeblich dort gelegen hat oder weil fliehende Atlanter sich dort niederließen.

Wenn man das Ganze nüchtern betrachtet, hat Platon sich aber einfach eine Geschichte ausgedacht, die er für seinen Dialog benötigte. Atlantis wird ja vor ihm nicht nur niemals erwähnt, das angeblich militärisch so erfolgreiche Reich, das sich bis nach Etrurien, Hellas und an die ägyptische Grenze ausbreitete, hat auch keinerlei Spuren hinterlassen (Nordafrika und die Länder am Nordufer des Mittelmeers sind ja nicht untergegangen). Auch die damaligen Gegner der Atlanter, die anachronistisch früh auftauchenden Athener und anderen Griechen, sind offenbar ohne materielle Hinterlassenschaften dahingegangen.

Parallel zum beginnenden Neolithikum im Vorderen Orient und zum frühen Mesolithikum in Europa bestanden also ein regelrechtes Staatensystem in Griechenland und eine expansive Weltmacht im Atlantik und in großen Teilen Afrikas und Europas, von denen es keinerlei Zeugnisse irgendeiner Art gibt? Wir kennen aus dem Frühmesolithikum beispielsweise ein Kindergrab aus Ligurien mit einer Grabbeigabe von Meeresschnecken, das ungefähr auf 10000 v. Chr. datiert wird, also auf eine ähnliche Zeit wie Platons Atlantis.

Hat da mitten im Atlanterreich eine steinzeitliche Kultur gesiedelt und im Unterschied zu den fortschrittlichen Atlantern auch Spuren hinterlassen?
 
Zuletzt bearbeitet:
"Wir kennen aus dem Frühmesolithikum beispielsweise ein Kindergrab aus Ligurien mit einer Grabbeigabe von Meeresschnecken, das ungefähr auf 10000 v. Chr. datiert wird, also auf eine ähnliche Zeit wie Platons Atlantis.

Hat da mitten im Atlanterreich eine steinzeitliche Kultur gesiedelt und im Unterschied zu den fortschrittlichen Atlantern auch Spuren hinterlassen?"


Das finde ich insofern spannend als ich das Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Entwicklungsstadien auch in der Besiedlungsgeschichte Nordamerikas sehe: Die Siedler mit ihren Feuerwaffen und weiteren technischen Errungenschaften bis hin zu den Planwagen, der Kenntnis von Schwarzpulver, Dynamit und manchem mehr, stießen auf die Tipi- und Plainskultur der Ureinwohner westlich des Mississippi. Ich würde die amerikanischen Ureinwohner, die Indianer, auf ihrer damaligen Stufe trotzdem nicht als primitiv bezeichnen, weil ihr System in vielen Bereichen sehr durchdacht und wirksam war. Ich denke aber doch, dass die großen Zwischenstufen zwischen der Kultur der Siedler und der Kultur der Indianer letztlich zu den blutigen Indianerkriegen geführt haben. Man hat den Indianern schlicht keine Zeit dazu gelassen, sich weiterzuentwickeln sowie die Zwischenstufen zu überwinden, was nicht von einem Tag auf den anderen geht; aber das wäre sowieso auch nochmals ein anderes Thema.

Im Blick auf Atlantis denke ich jedoch, dass es so etwas vielleicht auch früher schon gegeben haben kann: Eine Hochkultur "aus Übersee", die in Europa auf Kulturen gestoßen ist, die um etliche Entwicklungsstufen weiter zurücklag. Die Atlanter waren dann schon in der Bronzezeit während sich die meisten auf dem Festland noch in der Jungsteinzeit (allenfalls im Übergang zur Kupfersteinzeit) befanden.

Ich weiß, das sind Hypothesen; ich finde es jedoch schön, gerade in solchen Diskussionsforen so seinen Gedanken spinnen zu können...
 
Andererseits wird das Ganze ja aber sehr genau beschrieben, bis zu den Ausmaßen hin.
Irgendwie würde ich trotz allem gerne glauben, dass es dies tatsächlich gegeben hat.
Tolkien beschreibt in seinen Werken auch das Auenland sehr genau, vermutlich weit genauer als Platon Atlantis. Und wer würde nicht gern glauben, dass es Hobbits wirklich gibt?

Auch andere Orte in Mittelerde und darüber hinaus hat Tolkien in unterschiedlicher Ausführlichkeit beschrieben, darunter auch die Insel Númenor, die viele Parallelen mit Atlantis aufweist. Und seit die Ringe der Macht veröffentlicht wurden, haben wir auch Filmmaterial aus Numenor. Wie Atlantis lag Númenor westlich der übrigen den Menschen damals bekannten Welt, Mittelerde genannt und wie Atlantis ist Númenor untergegangen. Ein Teil der Bewohner Númenors eroberte große Teile von Mittelerde, allerdings erst nach dem Untergang von Númenor. Auch wurden sie nicht von den Athenern oder einem ähnlichen Staat besiegt, sondern wurden von den Göttern für ihre Hybris bestraft. Auf Mittelerde existierte das von den Númenoriern gegründete Gondor noch im Dritten Zeitalter.

Möglicherweise ist Númenor ja auch identisch mit Atlantis? Die Ähnlichkeiten sind ja unübersehbar.
 
(...) darunter auch die Insel Númenor, die viele Parallelen mit Atlantis aufweist. (...)
Möglicherweise ist Númenor ja auch identisch mit Atlantis? Die Ähnlichkeiten sind ja unübersehbar.

Eben das, die ist Atlantis, das Tolkien in seine Phantasiewelt integriert hat.

Atalantë is a Quenya word meaning "the downfallen", from the verb-root talat-. It was the name given to Númenor after its Downfall.[1] Tolkien called it "a happy accident", because it invokes the name Atlantis.[2]


"Happy accident", was auch sonst... ;)
 
Andererseits wird das Ganze ja aber sehr genau beschrieben, bis zu den Ausmaßen hin.
Eben diese genauen Angaben sollten doch stutzig machen:
Angenommen, es hätte wirklich bereits 9.000 Jahre vor Platon eine Hochkultur gegeben, die dann unterging. Wie sollten dann die detaillierten Angaben, die sich bei Platon finden, überliefert werden? In Ägypten wurden die Hieroglyphen erst im 4. Jahrtausend v. Chr. entwickelt (und dann auch nicht sofort für komplexe literarische Texte genutzt). Allfällige Informationen über Atlantis hätten über 6.000 Jahre lang mündlich weitergegeben werden müssen. Eine zuverlässige mündliche Weitergabe über einen so langen Zeitraum kann man ausschließen. (Zum Vergleich: Herodot schrieb viel nieder, was bis dahin wohl nur mündlich überliefert wurde. Einigermaßen brauchbare Informationen bekam er so aber nur über die letzten 200 Jahre.)
 
Zuletzt bearbeitet:
Allfällige Informationen über Atlantis hätten über 6.000 Jahre lang mündlich weitergegeben werden müssen.
vor einem vergleichbaren Problem stand im frühen 8. Jh. der Gelehrte Abdul Alhazred, dessen Ermittlungen ihn allerdings zu keinem untergegangenen Idealstaat geführt hatten, sondern zu weniger erfreulichem... Lovecraftfans kennen das sicherlich ;) Ob nun Atlantis, Avalon, Anderwelt, der all-has-read Abdul, wir befinden uns im Bereich
nette Geschichten
 
Daß das von Plato im großen und ganzen erfunden ist mag ja sein, aber für mich ist die Süd-Spanien-Hypothese doch sehr herausragend. Denn in Südspanien gab es ja eine Zivilisation, über die man aber eben sehr wenig wusste. Wenn dann wusste man etwas vermittelt über Ägypter und Phönizier oder die wenigen griechischen Phokäer die bis dorthin gesegelt sind. Den gebildeten Griechen(Herodot) war aber dennoch bekannt, dass es dort eine Kultur gab die weiter entwickelt war als die Kelten oder nichtpunischen Nordafrikaner. Aber gerade weil man keine genauen Informationen hatte, eignete es sich gut zur Mythenbildung.

Die Geschichte vom Untergang bezog sich möglicherweise auf einen Abbruch der Tartessos-Kultur im 6.Jh.v.Chr. der entweder durch Naturkatastrophen oder die kriegerischen Konsolidierung des karthagischen Machtbereichs in Südspanien erfolgte. Das entscheidende hierbei ist, daß es sich um eine Regionalmacht handelte, und kein kleines Stammeskönigtum. Die Lage an der Mündung des Guadalquivir in der Nähe zur Straße von Gibraltar ist von seiner Bedeutung für Handelswege und deren Kontrolle sehr herausragend - eine Art geografische Nische, die später z.B. vom Emirat von Cordoba eingenommen wurde und wahrscheinlich schon in der Bronzezeit zu einer Akkumulation von Macht geführt hat.

Diese Inseln und kanaldurchzogenen Ebenen deuten sehr auf die Mündung des Guadalquivir hin, die ja eigentlich ein großer See mit flachen Ufern und lagunenartigen Landbereichen ähnlich wie bei Venedig war. Das macht es schwer archäologische Reste zu finden aber eine Lagunenstadt mit Kanälen ist gut vorstellbar. Gerade weil künstliche Kanäle auf eine zunehmende Entwässerung und Verlandung hindeuten. Die große Ausdehnung bezieht sich darauf, das wer die Strasse von Gibraltar kontrollierte aus der entfernten Perspektive der Griechen auch die Küsten des Atlantiks kontrollieren musste. Dass dieser Machtbereich dann im Mittelmeer bis Ägypten und Etruien reichte ist dem Umstand geschuldet, daß es halt keine anderen Mächte gab im westlichen Mittelmeer, bis Phönizier und Griechen die Gegend erkundeten. Aus der Ferne wird der Gegner viel grösser gemacht als er war und regte die Phantasie an.

Der Konflikt mit Athen könnte eine Geschichte der Zeit des "Seevölkersturms" sein. Dabei übermittelten möglicherweise Gruppen von verschiedenen Küsten, die in den Bezeichnungen aus der ägyptischen Überlieferung(z.B. Sikuler, Sarden o. Thyrrener) vorkommen erste Kenntnisse von den fernen Iberern. Aber da man nie direkten Handel mit ihnen trieb, blieben Sie halt die Unbekannten vom Meer des Atlas.
 
Daß das von Plato im großen und ganzen erfunden ist mag ja sein, aber für mich ist die Süd-Spanien-Hypothese doch sehr herausragend. Denn in Südspanien gab es ja eine Zivilisation, über die man aber eben sehr wenig wusste.

Entweder war Platon tatsächlich hundsmiserabel über Spanien informiert (Südspanien ist keine Insel, auch nicht größer als Afrika und Asien zusammen, sie ist auch weder an einem einzigen Tag im Meer versunken noch hat sie ein mit Schiffen nicht durchquerbares gigantisches Schlammbad hinterlassen, und es gab auch keine Konflikte zwischen Südspanien und Athen, und schon gar nicht vor über 11.000 Jahren), oder er hat die Sache halt erfunden.

Dass sie erfunden ist, teilt er dem Leser eigentlich ganz unmissverständlich mit. Der ganze Dialog zwischen Sokrates und Kritias ist eine literarische Fiktion; in diesem erfundenen Gespräch behauptet Kritias, im Besitz von Geheimwissen zu sein. Die Atlantis-Story soll ein alter ägyptischer Priester einst vor Jahrhunderten Solon erzählt haben, dieser erzählte sie als Greis dem jungen Kritias, dieser wiederum als Neunzigjähriger seinem gleichnamigen zehnjährigen Enkel, und dieser packt nun das seit Generationen gehütete Geheimnis in dieser fiktiven Gesprächsrunde aus.
 
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