Die Geburt Europas im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Buchempfehlungen" wurde erstellt von ursi, 29. Juni 2004.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Der Nestor der Mittelalter-Geschichtsschreibung, der 80-jährige Jacques Le Goff hat eine Studie über die Geburt Europas veröffentlicht.

    Seine These lautet: Die Wurzeln Europas liegen in dem landläufig als dunkel, archaisch und in religiösen Vorstellungen befangen Mittelalter. Nun was heisst Mittelalter? In der Schule haben wir gelernt das die rund 1000 Jahre zwischen dem Untergang des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert und dem Beginn der Renaissance im 15. Jahrhundert als Mittelalter zu bezeichnen ist. Le Goff hält von solchen Abgrenzungen nicht viel, denn es handelt sich dabei ausnahmslos um Rückprojektionen. Kein Mensch im Mittelalter fühlte sich als mittelalterlicher Mensch, denn der Begriff Mittelalter kam, wie auch das schematische Denken in Jahrhunderten, erst im 16. Jahrhundert auf. Der Begriff Renaissance setzte Jacob Burckhardt Ende des 19. Jahrhunderts durch. Le Goff spricht lieber vom langen Mittelalter, dessen Ende er auf den welthistorischen Bruch der Französischen Revolution von 1789 datiert.
    Der Übergang von der Antike zum Mittelalter vollzog sich als langwieriger Prozess zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert. Die fortschreitende Christianisierung spielte dabei die Rolle eines Scharniers zwischen den beiden Epochen, nachdem Kaiser Theodosius 313 das Christentum zur Staatsreligion im zerbröckelnden Römischen Reich erklärt hatte. Bei mehren Einwanderungswellen vermischten sich latino-europäische und barbarische Völkerschaften die von Osten und Norden nach Westen und Süden drängten. Aus den römischen Verwaltungsbezirken wurden bischöfliche Territorien und kleinere Königtümer. Rom verlor die zentrale Stellung trotz des Papstes. Die Sprache veränderte sich, so gewann neben dem Latein die Volkssprache immer mehr an Boden. Europa wurde politisch, sprachlich und kulturell dauerhaft dezentralisiert.
    Aus diesen Gründen ist Le Goff der Ansicht, dass alle Versuche Europa zu zentralisieren zum scheitern verurteilt sind. Er bezeichnet den Versuch Karl des Grossen ein von Franken dominiertes Reich nach dem Vorbild des Römischen Reich als eine Fehlgeburt. Alle heutigen Europaideen, die sich auf Karl berufen, sind deshalb für ihn nur nostalgische Zeremonien. Zukunftsweisend sind nicht die kriegerischen Reichs- und Vereinheitlichungspläne, Karl führte in den 46 Jahren seiner Herrschaft nur zwei Jahre keine Eroberungs- und Beutekriege, sondern die Ideen von Recht, Friede und Bildung, wie sie bereits an den mittelalterlichen Universitäten entwickelt wurden.
    Le Goff verklärt das Mittelalter nicht, er erkennt das feudale Europa mit seiner ständischen Dreiteilung in Krieger, Priester und Bauern beruhte auf der Grundherrschaft, die weltliche und kirchliche Herren mit Gewalt durchsetzten. Mit der Militarisierung der Orden und des Glaubens stütze sich das feudale Europa nach 1095 für über 100 Jahre in die Kreuzzüge gegen Muslime, Juden und Ketzer. Damit ruiniert das junge Europa seinen Ruf und gewann für sich nichts ausser dem Import von Aprikosenbäumen, so Le Goff.
    Le Goff zeigt den Widerspruch der „Verchristlichung“ des Krieges als „heiliger Krieg“ mit Inquisition, Juden- Hexen und Ketzerverfolgung und der Marienverehrung auf.
    Mit der territorialen Verfestigung der Herrschaft zu Staaten und der Erfindung des Schiesspulvers, Gewehren und Kanonen veränderte sich der Krieg. Berufskrieger zogen im plündern durch die Lande. Hinzu kamen noch die grossen Hungerkatastrophen und Bauernaufstände. Die grosse Pest (1347/48) raffte die Hälfte der Bevölkerung in Europa dahin. In diesem gewaltgesättigten Klima entstanden im 14. und 15. Jahrhundert die modernen Staaten, die ihrerseits ihr Gewaltmonopol nur mit forcierter Gewalt durchsetzten konnten.
    Rudolf Walther schreibt zum diesem Buch folgendes: „Wenn man Le Goffs souverän erzählter Geschichte über die Wurzeln Europas im Mittelalter etwas vorwerfen will, dann seine zuweilen etwas angestrengte Suche nach solchen Wurzeln.“

    Buch:
    Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter. Aus dem Französischen von Grete Osterwals. Verlag C.H. Beck, München 2004

    Meine Quelle: R. Walther, Tagesanzeiger (Auszugsweise)
     
  2. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ein anderer - wenn auch bei weitem nicht so bekannter - Doyen der Sozialgeschichte hat letztes Jahr ebenfalls ein Werk über die Besonderheiten der europäischen Entwicklung im Mittelalter veröffentlicht:

    Michael Mitterauer: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. C.H. Beck, München, 2003

    (widersprüchliche ;) ) Rezensionen dazu:

    H-SOZ-U-KULT

    Perlentaucher

    Mein kurzes Urteil: Es bietet eine sehr breite Ausgangsbasis (von der Landwirtschaft über Familienbeziehungen zu Kirche und Herrschaft), ist jedoch wohl auch umfangbedingt ziemlich universal im Ansatz. Als Überblick ist es sehr zu empfehlen, vor allem wenn man sich Inspiration für eigene vergleichende Forschung holen will. Allerdings fand ich den Stil etwas trocken.
     
  3. Schini

    Schini Neues Mitglied


    Ein weiteres Werk, mit dem ich schon lange in der Lehrbuchsammlung liebäugle, in diesem Themenkreis ist ja:

    Robert Bartlett: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Kindler, Berlin 1996

    Der englische Titel weist ja in eine etwas andere Richtung: The Making of Europe:
    Conquest, Colonization, and Cultural Change, 950-1350.


    Die Rezensenten überschlagen sich jedenfalls, aber vielleicht hat es ja hier einer gelesen und möchte seine Erfahrung den anderen (und mir) mitteilen!
     
  4. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Wurde Europa im Mittelalter geboren? Welche Eigenarten Europas gehen auf das Mittelalter zurück? Was berechtigt dazu, von einer kulturellen Einheit Europas zu sprechen? Diesen Fragen geht der international renommierte Historiker Jacques Le Goff in seinem brillanten Buch nach. Er beschreibt anschaulich die Geschichte des Kontinents vom Ende des römischen Reiches bis zum 16. Jahrhundert und zeigt, wie sehr sich das mittelalterliche Europa, aber auch damalige Visionen von Europa, vom heutigen Europa unterscheiden.

    Europa blickt auf eine lange Geschichte zurück, die vor der Verbreitung des Christentums beginnt und mit dem allmählichen Rückzug des Christentums nicht endet. Jacques Le Goff legt in dem langen Zeitraum vom Untergang des römischen Reichs bis zu den Entdeckungen des 16. Jahrhunderts unterschiedliche zeitliche Schichten frei: Eine erste Schicht entwickelt sich seit den Einfällen der "Barbaren" in das Gebiet des römischen Reichs vom 4. bis zum 8. Jahrhundert; sie ist gleichsam die "Empfängnis" Europas. Hierauf folgt im 8. bis 10. Jahrhundert das karolingische Europa. Es zerfällt, noch bevor es sich wirklich entfalten kann, hinterläßt aber wichtige Bausteine für die Folgezeit. Um das Jahr 1000 finden wir ein erträumtes, ein potentielles Europa, das in das feudale Europa des 11. bis 13. Jahrhunderts übergeht. Im 13. Jahrhundert entsteht das glanzvolle Europa der Städte und Universitäten, der Kathedralen und der Gotik. Schließlich erschüttern die Herausforderungen des 14. und 15. Jahrhunderts die bisherigen Strukturen, ohne sie aber zu zerstören. Jacques Le Goff beschreibt die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der einzelnen Phasen, aber auch die Geschichte der Mentalitäten und einer im Mittelalter besonders lebhaften Vorstellungskraft. Auch in Zukunft, so das Fazit, wird das europäische Mittelalter die wichtigste Erbschaft sein, die ein geeintes Europa antreten kann.

    Buchempfehlung: Lukrezia Borgia

    Rezensionen: Buchtips.net


    Jacques Le Goff • Die Geburt Europas im Mittelalter • C.H. Beck • 2004 • 344 Seiten
     

    Anhänge:

  5. LadyAlienor

    LadyAlienor Gesperrt

    was mich mal interessieren würde....woher stammt eigentlich der Name Europa? Klingt irgendwie wie ein römischer Frauenname...
     
  6. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    "Europa" war doch ein phönizische Prinzessin die von Zeus, in Gestallt eines weißen Stieres, aus ihrer Heimat (etwa heutiger Libanon) nach Griechenland entführt wurde.
    Dieser alte geile Bock.:D
     
  7. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Aus der Wikipedia:

    Die Griechen kannten Europa als eine Geliebte des Zeus, die dann auch die Namensgeberin des Kontinents war.

    Solwac
     
  8. Mercy

    Mercy unvergessen

    Und von Lessing:

    Auf die Europa

    Als Zeus Europen lieb gewann,
    Nahm er, die Schöne zu besiegen,
    Verschiedene Gestalten an,
    Verschieden ihr verschiedlich anzuliegen.
    Als Gott zuerst erschien er ihr;
    Dann als ein Mann, und endlich als ein Tier.
    Umsonst legt er, als Gott, den Himmel ihr zu Füßen:
    Stolz fliehet sie vor seinen Küssen.
    Umsonst fleht er, als Mann, im schmeichelhaften Ton:
    Verachtung war der Liebe Lohn.
    Zuletzt – mein schön Geschlecht, gesagt zu deinen Ehren! –
    Ließ sie – von wem? – vom Bullen sich betören.
     
  9. teodulija

    teodulija Neues Mitglied

    hier macht man einen grossen fehler, denn das römische reich hat das ganze mittelalter hindurch überdauert, nur haben die germanen einen neuen namen dafür erfunden: Byzanz! als die einwanderungswellen europa erreichten, war dieses byznz in seiner blüte. Überwältigt davon, versuchten die barbaren mittels der lateinischen sprache dieses byzanz nachzuahmen, was mit der erfindung eines west"römischen" kaisers gipfelte! (wie kann jemand römischer kaiser werden, wenn der römische kaiser schon in konstantinopel sitzt???) auf dieser grossen lüge basiert die sog. geburt (west-) europas. auch kam die stärke jenes byzanz dem westeuropa zugute, da die byzantiner das ganze mittelalter hindurch unaufhörliche angriffe aus dem asiatischen raum abwehrten (man stelle sich vor, diese nomadenvölker hätten freie bahn nach westeuropa gehabt!!!) somit finde ich es nur berechtigt zu sagen:
    "Das byzantinische reich war jenes bollwerk, hinter dem sich das europa entwickeln konnte, in dessen mitte wir leben!"
    jetzt stellen wir uns mal ein mittelalter ohne byzanz vor: ich glaube kaum, dass europa damls stark genug war um zuerst die perser, dann die araber, dann die pestchenegen und auch noch die mongolen aufzuhalten. und hätte das karolingische reich die araber auf zwei fronten aufgehalten? ich glaube kaum! zu dieser zeit war damaskus die hauptstadt des kalifats und frankreich ist tausende km davon entfernt. das sind ungeheure versorgunslinien, an deren ende die araber operierten. aber kaum 200km von damskus enfernt, konnten die araber nich die byzantinische grenze überwinden (kilikische pforte)!
     
  10. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Über die persische und pestchenegische Gefahr für Westeuropa weiß ich nichts. Aber mit den Mongolen hatte Byzanz mWn keine größeren Auseinandersetzungen. Wie Liegnitz zeigt, hätten die Mopngolen bei Interesse Byzanz umgangen und Europa trotzdem überannt. Von Westen bestant keine größere Gefahr für die Franken (Die Bedeutung Tuors wurde hier mehrmals schon ausdiskutiert). Puffer und Bollwerk ja, aber so bedrohlich würde ich die Situation nicht einschätzen.
     
  11. hyokkose

    hyokkose Gast

    Mal ganz zu schweigen von den Fehlern, die Du hier auftischst:



    Den Namen " Βυζάντιον" (Byzantion) haben schon die alten Griechen "erfunden", da kann nun wirklich kein Germane etwas dafür.


    Weströmische Kaiser gab es schon im 4. Jahrhundert.
    Als die Karolinger und später die Ottonen an das weströmische Kaisertum anknüpften, mag das den oströmischen Kaisern nicht besonders gefallen haben, aber letztlich anerkannten sie die weströmischen Kollegen.

    Die Mongolen hatten freie Bahn, die ritten einfach westwärts bis Europa, ohne erst den Umweg über Kleinasien zu machen.

    Das karolingische Reich kämpfte ja an "zwei Fronten", die Gegner im Osten waren die Awaren (vor den Ungarn) - und zeitweise Byzanz...
     

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