Die Glockenbecherkultur

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Heine, 4. Mai 2017.



  1. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Da dieses Jahr neue Forschungsergebnisse zur Glockenbecherkultur erwartet werden, eröffne ich diesen ihr gewidmeten Thread mit einer gestrigen Pressemitteilung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt die vom Fund eines Gräberfelds der Glockenbecherkultur bei Cörmigk berichtet.

    Jungsteinzeitliche Gräber bei Könnern-Cörmigk (Salzlandkreis) entdeckt - Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

    Steinzeit-Gräber bei Cörmigk entdeckt
     
    1 Person gefällt das.
  2. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Das Preprint zum "epischen Werk" über die genetischen Untersuchungen von aDNA verbunden mit dem Glockenbecher-Phänomen ist veröffentlicht.

    Olalde et al., The Beaker Phenomenon And The Genomic Transformation Of Northwest Europe, Preprint

    Aus dem Abstract: Es besteht keine nähere genetische Verwandtschaft zwischen den Trägern der iberischen und der mitteleuropäischen Glockenbecherkultur. Träger der mitteleuropäischen Glockenbecherkultur brachten genetisches Erbe aus der Steppe auf die Britischen Inseln und ersetzten damit binnen weniger hundert Jahre über 90% des genetischen Erbes der dort vorher ansässigen neolithischen ersten Bauern.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Besten Dank für den Hinweis!:winke:
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der Bericht ist nun auch im "Guardian" bzw. dem Observer als Sonntagszeitung angekommen.

    Die altehrwürdige Tradition hinderte offenbar nicht, daraus eine Schlagzeile von den "holländischen Horden" zu machen, die ahnungslose "frühe Briten" gekillt haben... (da haben wir ja Glück gehabt, dass keinen Frühfriesen beteiligt waren, sonst wären es wieder die Blitz-Fritzen gewesen)

    https://www.theguardian.com/uk-news/2017/may/20/dutch-invaders-stonehenge-ancient-britons
    Did Dutch hordes kill off the early Britons who started Stonehenge?
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Falls die Träger der Glockenbecherkultur wirklich 90 % des genetischen Erbes Britanniens vor rund 4000 Jahren ausgemacht haben sollten, wäre dies überraschend. Wie wäre dies zu erklären? Haben die Neueinwanderer ein wesentlich höheres Bevölkerungswachstum gegenüber der Altbevölkerung gehabt? Und/oder war es eine gewaltige Immigration, die das Verhältnis so geändert hat?

    Andererseits steht im von Silesia genannten Nature-Artikel auch, dass die 90 % zweifelhaft sind, weil die Stichprobe nur sehr gering sei, und auch durch die Feuerbestattung der Bronzezeit nur wenige Knochen überhaupt zur Analyse bereit stehen.
     
  9. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Gesetzt den Fall die Untersuchungen spiegeln trotz des kleinen Stichprobenumfangs einstige Verhältnisse wieder, könnte vielleicht in einer “heimlichen Invasion“ durch eingeschleppte Seuchen eine mögliche (ergänzende) Erklärung liegen?
     
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Vererbungslehre, Biologie Mittelstufe: Es gibt Merkmale, die andere Verdrängen. Blonde werden weniger. Da muss man nicht sofort von ethnischen Säuberungen oder Biowaffen ausgehen, um es plakativ und übertrieben zu sagen.
     
  11. Chan

    Chan Neues Mitglied

    Blondes Frauenhaar war bereits in der Antike ein weitverbreitetes Ideal nicht nur bei den Griechen, die sich ihre Götter durchweg blond vorstellten, und bei den Römern, sondern auch in der viel älteren ägyptischen Kultur. Nofretete z.B. liebte es, blonde Perücken zu tragen.

    Der Grund für den besonderen Reiz des Blondhaars könnte darin liegen, dass es genetisch gesehen ein Störfall namens MC1R ist, d.h. sich einer ´unnatürlichen´ Genmutation verdankt, die vor etwa 40.000 Jahren einsetzte. Wissenschaftler vermuten, dass die blonde Haarfarbe damals Frauen wegen ihres ´Sonderstatus´ größere Chancen bescherte, von Männer als Sexualpartnerinnen begehrt zu werden.
     
  12. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Weder bezüglich lange zurückliegenden Mittelstufenunterrichts und schon gar nicht hinsichtlich Details der Vererbungslehre sitze ich sattelfest, lasse mich also gerne vom Gaul des Gedankens ziehen:
    Dem abstract zufolge wird von wenigen hundert Jahren ausgegangen binnen derer sich die 90% hin zum festländischen Glockenbecher-Erbgut ausprägten. Wenn ich das richtig verstehe, geht es um genotypische und nicht phänotypische Ausprägungen wie etwa blond. Spontan scheinen mir einige Jahrhunderte zudem ein recht kurzer Zeitraum um einen solch hohen Verschiebungswert allein durch Verdrängung via Vererbung zu erreichen. Ich würde daher eher in der Zahl der Einwanderer, ihrem Aggressionsptential und vielleicht ja auch fatalen Mitbringseln nach Erklärungen suchen.
    Ich lass mich gerne belehren.
     
  13. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Das sind die interessanten Fragen, die beantwortet und weiter erforscht werden müssen. Die selbe Frage stellt sich übrigens auch für den Bevölkerungswandel in Mitteleuropa im Endneolithikum und der beginnenden Bronzezeit.

    In der Studie selbst ist die Möglichkeit einer solchen Verzerrung durch die Probenauswahl angesprochen, allerdings wird darauf hingewiesen, dass auch spätere Proben dieses Verhältnis aufzeigen. Zudem ist die durch die Glockenbecherleute verbreitete Y-DNA-Haplogruppe R1b-S116/P312 die dominante im heutigen Westeuropa. Es handelt sich bei der veröffentlichten Studie um die größte oder eine der größten Studien zu aDNA bis jetzt. Wer hier das Ergebnis aufgrund der geringen Stichprobe bemängelt, der kann es bei allen anderen aDNA-Studien, die bislang veröffentlicht wurden, auch tun.
     
  14. Taurus

    Taurus Aktives Mitglied

    Ich könnte mir vorstellen, das waffentechnisch und militärisch (komplexer denkend und mit hierarschicher Kommandostruktur ausgestattete)
    überlegene Einwanderer die ihre Gebiete verteidigenden Männer ausgerottet, den Rest versklavt und somit von der Vermehrung ausgeschlossen haben.
    Auf diese Weise kann man sicherlich recht schnell das eroberte Gebiet mit seinen Nachkommen füllen.
    Mitgebrachte Krankheiten könnten natürlich auch eine Rolle gespielt haben, aber wohl nicht so extrem wie im Falle der Eroberung Amerikas.
    Dazu war wohl Europa immer homogener, es gab ja schon in der Jungsteinzeit Austausch von Gütern über große Entfernungen, da wurden sicherlich auch Krankheiten mit verbreitet.
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Solange die einheimischen Frauen nicht von der Vermehrung ausgeschlossen werden, werden diese ihre Gene aber auch an die Nachkommen weitergeben...
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Gutes Stichwort.

    Bitte nicht verwechseln:

    a) Mendelsche Regeln (das war der Mönch mit den weißen und lila Erbsenblüten). Da geht es z. B. um dominant-rezessive Erbgänge. Das hat nichts mit Mutation, Selektion usw. zu tun.

    b) Evolutionsfaktoren: Mutation, Selektion, Gendrift, Genfluss und so.



    Wenn sich der Genpool verändert, müssen wir b) beachten.


    Dazu kommt, dass es "Verdrängung via Vererbung" eigentlich gar nicht gibt.
    Durch Vererbung werden Gene weitergegeben, nicht verdrängt.

    Damit ein bestimmtes Allel in einer ansonsten stabilen Population verdrängt werden kann, muss irgend eine Art von Selektion stattfinden. Die Träger des Allels müssen einen Nachteil haben, der sie daran hindert, sich genauso erfolgreich fortzupflanzen wie die Nicht-Träger.


    Vor 40.000 Jahren gab es keine Genlabore und somit auch keine 'unnatürlichen' Mutationen. Alle Gene/Allele, die wir mit uns herumtragen, sind durch Mutationen (also genetische "Störfälle") entstanden, und zwar ganz natürlich.
     
  17. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Danke für die Enthüllung des von mir verzapften Stusses.
     
  18. Taurus

    Taurus Aktives Mitglied

    Kulturelle Selektion?
     
  19. Heine

    Heine Aktives Mitglied

  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ist ein Begriff aus der "Memetik" (Memtheorie), nicht der Genetik.


    "Kulturelle Selektion äußert sich darin, dass einige Meme bzw. kulturelle Merkale fitter sind als andere, also öfter imitiert, gelernt bzw. übernommen werden und sich daher stärker ausbreiten" (Gerhard Schurz, Evolution in Natur und Kultur)

    "Entsprechend wird nach Durham (1991) neues kulturelles Wissen durch Innovation und Synthese vorhandener Wissensbestände erzeugt und durch die Mitglieder der Kultur mehr oder weniger stark in ihr Wissensrepertoire übernommen (kulturelle Selektion)." (Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit)

    "Dieser Artikel kritisiert drei zentrale Aussagen der Memtheorie: (i) dass es Einheiten der Kultur – Meme – gibt, die analog zu Genen zu verstehen sind, (ii) dass Meme, in Analogie zu Genen, Replikatoren sind, und (iii) dass Meme als Einheiten der kulturellen Selektion auf die gleiche Art wie Gene ‘egoistisch’ sein können."
    Maria E. Kronfeldner: Meme, Meme, Meme: Darwins Erben und die Kultur, in: philosophia naturalis 46/1 (2009)
     

Diese Seite empfehlen