Die hockenden Toten

El Quijote

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Gräber hockender Gallier entdeckt
Archäologen haben in Dijon Gräber aus der Keltenzeit mit sitzenden Skeletten freigelegt. Schon 2024 kam dort Ähnliches zum Vorschein. Rätselhaft ist, wer die seltsam Bestatteten waren.
von Karin Schlott

Archäologen [...] fanden mindestens fünf menschliche Skelette, die in einer Art Schneidersitz im Boden hockten. Offenbar waren die Toten sitzend beigesetzt worden. [...] vermutlich aus [...] der sogenannten La-Tène-Zeit (450–25 v. Chr.). Bereits 2024 hatten die Archäologen [...] in allernächster Nähe 13 ähnlich drapierte Skelette, [...], aufgedeckt. Diese Überreste wurden inzwischen genauer untersucht: Es waren ausschließlich Männer, die zum Zeitpunkt ihres Todes unverheilte Verletzungen hatten. Unklar sei [...], wie die Skelette zu deuten sind.​
Die 13 bereits bekannten Toten saßen in regelmäßigen Abständen auf einer Länge von 25 Metern im Boden – aufgereiht in Nord-Süd-Richtung. Auch die neu entdeckten Gräber sind auf diese Weise angeordnet, wobei ein Teil davon zu einer bislang unbekannten Reihe in 20 Meter Entfernung gehört. Anthropologische Untersuchungen der 2024 entdeckten Skelette ergaben, dass es sich um 40 bis 60 Jahre alte Männer handelte, die, sofern an den Knochen und Zähnen ersichtlich, zu Lebzeiten bei guter Gesundheit waren.
Anders als für gallische Bestattungen typisch hatte keiner der Männer Beigaben erhalten. Auch sonst fehlten Artefakte; einzig ein Toter trug einen Reif aus schwarzem Gestein um den linken Arm. Den Schmuck datieren die Ausgräber ins 3. Jahrhundert v. Chr. Ungefähr in diese Zeit könnten auch die übrigen Beisetzungen gehören. [...]​
Die toten Männer lehnten allesamt mit dem Rücken an der Ostwand der Grube, ihr Blick richtete sich nach Westen. Und wie es scheint, waren sie nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern gewaltsam getötet worden: An den Oberarmknochen stellten die Fachleute unverheilte Verletzungen fest; auf den Schädel eines Mannes war mit einem spitzen Gegenstand eingeschlagen worden.​
Doch wer waren diese Männer? Gemeinsamkeiten wie die hockende Haltung, die Bestattung ohne Beigaben und die Anordnung im Boden sprechen dafür, dass sie einer speziellen Gruppe angehörten. Aus der keltischen Bildkunst kenne man zudem Darstellungen von Göttern und Kriegern im Schneidersitz. Die Experten des Inrap lassen allerdings eine genaue Deutung offen. So könne es sich um Angehörige der Elite, Krieger, Ahnen oder Mitglieder einer religiösen Kaste gehandelt haben.
Die Anthropologin Valérie Delattre und die Archäologin Laure Pecqueur [...] schlugen [...] vor, in den Toten keltische Priester zu erkennen, [...] Druiden...​
Hm.... Natürlich kann es sich um Angehörige einer bestimmten Gruppierung gehandelt haben, das glaube ich sogar, gleichwohl die Gruppierung, an die ich als erstes denke, hier gar nicht vorkommt. Und ich habe auch gleich ein Gegenargument gegen meine eigene Deutung, und zwar das Alter! Zunächst einmal hätte ich gedacht, dass es sich um Sklaven oder Kriegsgefangene handele, die hier geopfert wurden. Gegen Sklaven könnte vielleicht der offenbar gute Gesundheitszustand sprechen. Gegen Kriegsgefangene das eher hohe Alter zwischen 40 und 60. Da würde man eher ein Alter zwischen 20 und 40 erwarten dürfen. Gleichwohl, wenn man Kriegsgefangene und Adelskaste kombiniert, würde es wieder Sinn ergeben: Dass besonders prestigeträchtige Kriegsgefangene geopfert wurden, während andere vielleicht in die Sklaverei kamen.

Aber natürlich gibt es in der Archäologie auch Beispiele für offensichtlich freiwillige Opfer. Zwischen Arequipa und dem Colcatal hat man auf einem erloschenen Vulkan (Ampato) die Eismumie Juanita gefunden, die in der Inkazeit vermutlich geopfert wurde, um den aktiven Nachbar-Vulkan Sabancaya zu besänftigen*. Man geht davon aus, dass Juanita, die wohl Angehörige einer lokalen Adelsfamilie war, freiwillig mitgegangen ist, wohlwissend, dass sie nicht wieder zurückkehren werde. Also, dass Aneghörige der eigenen Elite (veilelicht sogar freiwilllig) als Opfer verwendet wurden, ist nicht vollkommen abwegig.

Dennoch würde ich das in diesem Falle ausschließen und zwar aufgrund der Blickrichtung.
Es ist eine Konstante in der Vorgeschichte, dass Körperbestattungen mit Blickrichtung Osten bestattet wurden. Tumuli öffnen sich i.d.R. nach Osten hin, Hockergräber, egal ob links- oder rechtsseitig, schauen i.d.R. nach Osten. Man kann hier einen Zusammenhang zwischen dem Sonnenaufgang und vielleicht die Hoffnung auf ein nächstes Leben bzw. eine Wiedergeburt erkennen. Das Problem ist eben, dass wir i.d.R. keine schriftlichen Quellen diesbezüglich haben (asunahme Ägypten) und dies aus der Anlage der Gräber und Artefakten (wie Sonnenscheibenwagen der bronzezeitlichen Vasenverzierungen, die oft Sonnenscheiben mit sogenannten "Wasservögeln" zeigen) deduzieren müssen. Aber imho ist das noch eine der sichersten Deutungen der Weltbilder vorgeschichtlicher Menschen.
Hier aber haben wir eine Blickrichtung nach WESTEN. Und deshalb glaube ich nicht, dass hier die eigene Elite geopfert wurde, sondern wenn, Angehörige einer Elite, der man feindlich gesinnt war. Durch die Blickrichtung Westen verwehrte man ihnen gewissermaßen die Chance auf ein weiteres Leben oder eine Wiedergeburt!

Jetzt seid ihr dran!


*Es waren deutsche Bergsteiger und Fotografen, die vom Ampato aus den aktiven Sabancaya fotografieren wollten, die die Mumie fanden - ähnlich wie Ötzi. Offiziell ist die Mumie im Mumienmuseum in Arequipa ausgestellt, aber da befindet sie sich nicht mehr, seitdem der Eisschrank, in dem sie ausgestellt war, kaputt gegangen ist, sie ist auf unbestimmte Zeit nach Lima gebracht worden und in Arequipa raunt man, was einmal in Lima sei, bekäme man nicht zurück. Aber auch in Cabaconde im Colca-Tal gibt es ein Juanita-Museum, wo sie aber nie ausgestellt war. Während man in Arequipa (immerhin eine der größeren Sädte in Perú) meint, die Mumie gehöre nicht nach Lima, meint man in Cacaconde, die Mumie gehöre nicht nach Arequipa. Nun ist das Dorf Cabaconde kaum in der Lage ein Museum mit der entsprechenden Technik zu unterhalten, zumal das Dorf außerhalb der Besucherströme ins Colcatal liegt, die meisten Touristen fahren meist nur bis zum Cruz del Condor, nur wenige die übrigen 15 km.
 
Dass keiner der Männer Beigaben hatte, spricht für mich auch gegen ein freiwilliges Opfer, denn dann wären die Freiwilligen wohl entsprechend geehrt worden.
Gewaltsam zu Tode gekommen, ohne Beigaben bestattet, in einer bestimmten (ungewöhnlichen) Weise platziert – das deutet für mich alles auf Menschenopfer (bei denen die Geopferten nicht um ihre Zustimmung gefragt wurden), vielleicht eine als Menschenopfer verbrämte Massenhinrichtung.
 
Hinzu kommt, dass die Toten Abwehrverletzungen (Parierverletzungen) an den Armen haben.
Das Brechen oder Verletzen der Ober- und Unterschenkelknochen ist manchmal erfolgt, wie wir es bei Überfällen auf Dorfgemeinschaften im Neolithikum kennen, um eine Flucht oder Gegenwehr vor der eigentlichen Tötung zu verhindern.
 
Also ich musste wegen der fehlenden Beigaben unmittelbar an diesen Befund denken:


"Abstract​

Ein wiederholt nachgewiesener Aspekt der ältereisenzeitlichen Totenbehandlung ist die Deponierung von Verstorbenen in ehemaligen Vorratsgruben. Im Umfeld des Glaubergs sind in den letzten Jahren die Skelette von mindestens 22 menschlichen Individuen in solchen Kegelstumpfgruben als Einzel-, Doppel- und Massenbestattungen angetroffen worden. Sie fanden sich ohne Grabbeigaben, aber z. T. mit Trachtschmuck in abnormen Körperlagen, was sie deutlich von regulären Körperbestattungen in gestreckter Rückenlage absetzt. Gemeinsam mit zuvor ergrabenen Körperbestattungen stehen diese Skelette im Fokus einer umfassenden bioarchäologischen Studie. Anthropologische Untersuchungen wiesen Individuen beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen nach und erbrachten zahlreiche Hinweise auf körperliche Überlastung. Analysen der mitochondrialen DNA bezeugen keine verwandtschaftlichen Bindungen in mütterlicher Linie. C- und N-Isotopendaten belegen zum Teil bedeutende Anteile von Hirse an der Ernährung. Die einzige Elitebestattung (,Fürst‘) setzt sich durch einen erhöhten δ15N-Wert von den anderen Bestattungen ab. Dies deutet auf höhere Anteile tierischen Proteins in der Nahrung und findet Entsprechung in den hallstattzeitlichen Waffenträgern vom Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen. Sr-Isotopenverhältnisse des Zahnschmelzes weisen mindestens 74 % der untersuchten Individuen – auch den ,Fürsten‘ – als ortsfremd oder aus dem weiteren Umland versorgt aus. Diese Ergebnisse eröffnen weitreichende Deutungsmöglichkeiten, von denen zwei einander gegenüber gestellt werden. So können die Toten aus den Kegelstumpfgruben entweder als gezielt angelegte und somit reguläre Bestattungen einer spezifischen Bevölkerungsgruppe angesehen werden oder aber auch – ohne rituellen Hintergrund – als achtlose Verlochungen von unfreien und sozial bereits toten Personen.'

Quelle https://www.researchgate.net/public...el_der_menschlichen_Skelettfunde_vom_Glauberg
 
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