Ich sehe die Sache wie hjwien. Gegen so etwas wie einen zielgerichteten Plan sprechen zweierlei Dinge: Erstens verlief die römische Außen- und Eroberungspolitik oft reichlich konfus, vor allem, aber nicht nur, galt das für die römische Politik im Osten. Zweitens war die innenpolitische Situation mit ihren jährlich wechselnden Konsuln und einem in sich uneinigen Senat, der sich obendrein auch noch mit Volkstribunen (die öfters gegen Truppenaushebungen opponierten) und Volksversammlungen herumschlagen musste, gar nicht für so etwas wie einen Masterplan, die Entwicklung einer langfristigen Strategie, geeignet. Das zeigte sich gerade auch im 3. Jhdt. v. Chr. immer wieder, sei es bei der Frage, wie man gegen Pyrrhos vorgehen sollte, sei es ganz konkret bei der Frage, ob man in Sizilien intervenieren sollte.
hjwien hat es sehr anschaulich beschrieben: Rom stolperte von einem Problem ins nächste, wenn es eines lösen wollte, halste es sich damit zwei neue auf. Das zeigte sich vor allem am Balkan: Nachdem Rom ganz Italien unter seine Kontrolle gebracht hatte, musste es sich wohl oder übel um die illyrischen Piraten in der Adria kümmern, die den Händlern zusetzten. Also intervenierte es in Illyrien, begnügte sich aber zunächst weitgehend mit einer losen Kontrolle über die Küste. Weil aber auch einige griechische Staaten in diese Illyrien-Causa verwickelt waren, wurde Rom auch in die griechischen Angelegenheiten hineingezogen, außerdem war Makedonien nicht über das Auftauchen einer neuen Macht am Balkan erbaut. In Griechenland wollte sich Rom zunächst eigentlich mit einer indirekten Einflussnahme über örtliche Verbündete begnügen, musste aber feststellen,.dass diese ungeeignet oder unzuverlässig waren, sodass es doch immer wieder selbst intervenieren musste.
Ähnlich die Entwicklung in Norditalien, wo Rom jahrhundertelang immer wieder Kriege gegen die cisalpinischen Gallier, die Ligurier, die Istrier und diverse Alpenvölker führte, um die bedrohte Nordflanke Italiens zu schützen, und sich mit jeder schrittweisen Eroberung neue unruhige Nachbarn aufhalste, ehe es unter Augustus das Problem mit der Unterwerfung des ganzen Gebietes bis zur Donau vorläufig löste.
Alles in allem versuchte Rom also sein Territorium zu wahren, Bedrohungen im Vorfeld auszuschalten und in seinem Umfeld Einfluss auszuüben sowie seine Handelsinteressen zu wahren. Das führte zu einer Politik, die man zwar als imperialistisch bezeichnen kann, aber nicht im Sinne eines Welteroberungsplans. Aber natürlich hätte sich Rom auch mehr in Zurückhaltung üben können. Gerade die Politik, Verbündeten zu helfen und Hilfsersuchen anzunehmen, um auf diesem Weg den Einfluss im Vorfeld wahren und erweitern zu können und sich Staaten geneigt zu erhalten und zu machen, führte immer wieder zu schlimmen Verwicklungen, wie z. B. als man mit dieser Politik den Konflikt mit Tarent und somit letztlich Pyrrhos provozierte.
hjwien hat auch schon sehr schön darauf hingewiesen, dass Rom mit der Eroberung und Verwaltung außeritalischer Gebiete zunächst total überfordert war. Es hatte überhaupt kein Konzept dafür. Italien bestand schließlich großteils aus den Territorien von Bundesgenosssen, die sich also selbst verwalteten, durchmischt mit römischen und latinischen Kolonien. Aber jetzt musste man mit Sizilien (außer Syrakus) und Sardinien plötzlich zwei größere unterworfene Inseln verwalten. In Sizilien konnte man das Problem teilweise lösen, indem man die dortigen Griechenstädte so ähnlich wie die italischen Bundesgenossen behandelte, ihnen also die Selbstverwaltung beließ, aber trotzdem brauchte man einen Aufpasser vor Ort, und in Sardinien war es mangels einer vergleichbaren städtischen Entwicklung, aber mit unruhigen Stämmen im Landesinneren, noch komplizierter. Einfach einen Statthalter einzusetzen, wie es orientalische Könige getan hätten, entsprach nicht dem römischen politischen System. Obendrein musste der Statthalter auch eigenverantwortlich Truppen kommandieren dürfen, brauchte also ein "imperium", und das hatten nur Dictatoren, Konsuln und Praetoren. Also verfiel man auf die improvisierte Notlösung, die Zahl der Praetoren zu vermehren und einem von ihnen als Aufgabengebiet die Verwaltung Siziliens zu übertragen.
Nun zum 1. Punischen Krieg: Natürlich war die Sache mit der Hilfe für die Mamertiner nur ein Vorwand. Aber der anfängliche Kriegsverlauf zeigt sehr schön, dass erstens in Rom keinerlei Einigkeit darüber bestand, ob man sich auf die Sache überhaupt einlassen sollte, und zweitens, dass man mit einer begrenzten militärischen Operation rechnete, aber keineswegs mit einem jahrelangen Großkrieg gegen die gesamte karthagische Macht. Rom wollte anfangs vermutlich wirklich nicht viel mehr, als einen Fuß auf die Insel zu bekommen, um dort, im Vorfeld Italiens, Einfluss ausüben (und den karthagischen Einfluss zurückdrängen - wobei man nicht übersehen sollte, dass Karthago seinerseits in der Vergangenheit auch versucht hatte, in Süditalien Einfluss auszuüben) und wirtschaftlich mitmischen zu können. Auf einen großen Eroberungskrieg mit Karthago als Gegner war es in keinster Weise vorbereitet, das musste gerade auch den Interventionsbefürwortern klar sein.