Faschismus in der Schweiz

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von ursi, 7. November 2013.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Auch in der Schweiz gab es zwischen 1930 und 1943 eine faschistische Bewegung. Die sogenannte Frontenbewegung. Hier eine kurze Zusammenfassung dieser Zeit, die Zusammenfassung ist nicht vollständig und kann natürlich ergänzt werden.


    Im Januar 1933 erlebten die faschistischen Bewegungen in der Schweiz einen Aufschwung. Diese Frontenbewegung hatten ihre Wurzeln in der unmittelbaren Nachkriegszeit des ersten Weltkrieges und dem Landesstreik in der Schweiz 1919. Während es Landesstreikes bildeten sich an unterschiedlichen Orten Bürgerwehren, die zum Teil wie in Zürich gemeinsam mit dem Militär gegen die Streikenden vorgingen. Zwischen 1919 und 1933 entstanden alleine in der Deutschschweiz 20 unterschiedliche faschistische Bewegungen, die sich entweder an Italien oder Deutschland orientierten. In diese Frontenbewegung flossen eine Unzahl von politischen Gruppen und Fraktionen zusammen, die mal auftauchten, fusionierten, sich spalteten und wieder verschwanden. Innerhalb dieser Bewegung erkennt man zwei unterschiedliche Richtungen:
    Die gemässigte, die keinen grossen Kontakt zum Ausland pflegte und die extreme. Diese Bewegungen begaben sich in die Abhängigkeit entweder von Deutschland oder Italien. Sie bezogen aus diesen Ländern Gelder und bejahten eine Existenz der Schweiz innerhalb „Hitlers Europa“.
    Beide Richtungen waren antisemitisch und rassistisch, sie standen für einen autoritären Staat, die parlamentarische Demokratie sollte verschwinden und anstelle des Bundesrates sollte eine Führungsperson die Politik der Schweiz lenken.
    Der politische Stil der Fronten glich denen ihrer Vorbilder. Sie versuchten in Aufmärschen mit Fahnen und Uniformen die Massen zu beeindrucken (was nicht gelang). Ebenso schreckten sie nicht vor gewalttägigen Demonstrationen oder Terrorakten zurück. So verübten sie am 28. Januar 1934 einen Sprengstoffanschlag auf die Wohnung eines Zeitungsredaktors in Zürich.
    Die stärkste Front entstand 1930 an der Universität Zürich. Die jungbürgerlichen Studenten der Universität Zürich bildeten die sogenannte „Neue Front“ die sich 1933 mit andern faschistischen Bewegungen zum „Kampfbund Neue und Nationale Front (NF)“ zusammenschloss. Geldgeber dieser Bewegung waren die rechtsbürgerlichen und deutschfreundlicher „Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz“.
    Ein Höhepunkt in der Politik der NF, war die Listenverbindung und der gemeinsame Wahlkampf mit den bürgerlichen Parteien anlässlich der Zürcher Gemeinde- und Stadtratswahlen im September 1933. In Zürich erhielt die Bewegung 10 der insgesamt 125 Gemeinderatssitze und 1935 zog Robert Tobler als einziger Vertreter in den Nationalrat ein. Zwischen 1938 – 1939 verlor die NF sämtliche politischen Mandate und Anfang 1940 löste sich die Bewegung ganz auf. Nach dem siegreichen Westfeldzug der Wehrmacht erwachten die Fronten zu neuem Leben die je nach Region mit einem andern Namen auftrat. 1943 wurde die Frontbewegung vom Bundesrat verboten.
    Der schweizerische Faschismus nahm nach 1933 einen raschen Aufschwung der bis 1935 andauerte. Es kam nie zu einer Massenbewegung, die einzelnen „Führer“ vermochten nie Wähler hinter sich zu sammeln, einzige Ausnahme war Robert Tobler der in den Nationalrat gewählt wurde. Grund dafür, dass die Frontenbewegung nie zu einer Massenbewegung wurde, kann man mit den föderalistischen Strukturen der Schweiz, der internen Zersplitterung der Fronten und der intrigante Kampf einzelner „Führer“ der Bewegung erklären.

    Verwendete Literatur:

    Historisches Lexikon der Schweiz:
    Frotenbewegung
    Nationale Front

    Catherine Arber: Frontismus und Nationalismus in der Stadt Bern. Viel Lärm, aber wenig Erfolg.

    Walter Wolf: Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz, 1930 - 1945

    Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Studienausgabe

    Bundesblatt Bern vom 27. November 1935

    Fotos zum Sprengstoffanschlag: http://amsquery.stadt-zuerich.ch/detail.aspx?ID=87437
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. November 2013
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  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Robert Tobler

    Robert Tobler wurde am 22.12.1901 in Zürich geboren. Er war der Sohn eines Rechtsanwaltes. Robert studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Nach dem Studium arbeitete er als Anwalt. 1930 gründete er die Neue Front, die 1933 mit der Nationalen Front zusammen kam. 1934 wurde er in den Zürcher Gemeinderat gewählt wo er bis 1938 ein Mandat hatte, 1935 bis 1939 war er Kantonsrat und Nationalrat. 1938 wurde Robert Tobler Landesführer der Nationalen Front, dieses Amt übte er bis zur Auflösung der NF aus. Danach übernahm er die Leitung der Nachfolgeorganisation Eidgenössische Sammlung die 1943 verboten wurde. Robert Tobler pflegte Kontakte zur NSDAP und wurde 1940 wegen Verdachts auf Spionage für Deutschland verhaftet, das Verfahren wurde aber eingestellt. Nach dem Krieg war er als Anwalt in Zürich tätig, 1947 verbot ihm das Zürcher Obergericht die Tätigkeit als Anwalt im Kanton Zürich. Grund war seine politische Vergangenheit. Das Urteil wurde 1948 vom Bundesgericht aufgehoben und Robert Tobler konnte wieder als Anwalt in Zürich arbeiten. Am 17.6.1962 starb er in Zürich.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Interessant. Ich habe gar nicht gewusst, dass es in der Schweiz überhaupt faschistische Umtriebe gab.

    Nie nachgedacht habe ich auch über die Frage, wie sich die Schweizer Regierung und auch die Bevölkerung überhaupt zum nationalsozialistischen Deutschland stellten? Gab es da Sympathien? Wie stark fühlte sich die Schweiz überhaupt vom faschistischen Deutschland bedroht und wurden militärische Vorkehrungen getroffen?

    Fragen über Fragen. :grübel:
     
  4. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Nur ganz kurz, werde mich noch ausführlicher deiner Fragen widmen.

    Die in der Schweiz lebenden Deutschen gründeten 1931 in Zürich die erste Gruppierung der NSDAP. Es folgten weitere Sektionen, die dann 1932 in der Landesgruppe Schweiz der NSDAP zusammengefasst wurde. In Horgen bei Zürich erschien 1933 -1935 die Zeitung „Reichsdeutsche in der Schweiz“ und von 1936 – 1938 das „Nachrichtenblatt der deutschen Kolonie in der Schweiz“ dies erschien in Bern. Diese NS-Organisationen dienten dazu die Auslanddeutschen zu erfassen.
    Nach der Ermordung von Wilhelm Gustloff in Davos löste der Bundesrat am 18.2.1936 die zentralen Leitungsorgane der NSDAP in der Schweiz auf. Die NSDAP reagierte darauf hin, dass die Landesleitung nun vom deutschen Gesandten geführt wurde und diese somit diplomatische Immunität hatte. Dies wurde vom Bundesrat stillschweigend geduldet, nach 1940 wurde es sogar offiziell geduldet.
    In der Schweiz wurden die NS-Organisationen nicht verboten, sondern ab 1933 wurde das Tragen von Parteiuniformen verboten. Als im Juni der deutsche Journalist Berthold Jacob aus Basel von der Gestapo entführt wurde, baute die Schweiz die Bundespolizei auf. Dazu kam die Errichtung einer politischen Polizei in den Kantonen und Städten. Diese Organe wurden als Staatsschutz eingesetzt. Bis zum Kriegsausbrauch erstellten sei eine Liste von verdächtigen Ausländer und Schweizer die im Falle einer kriegerischen Verwicklung der Schweiz verhaftet worden wären. Das waren rund 5 000 Personen.
    Die NS-Bewegung in Deutschland wurde von der Mehrheit der Bevölkerung als Bedrohung angesehen. Es gab zwischen Deutschland und der Schweiz immer wieder Reibereien, weil die Schweizer Presse, Theater, Kabarett und Filmproduktionen gegen das NS-Regime waren. Das Deutsche Reich wollte die Schweiz dazu verpflichten hier eine Gesinnungsneutralität zu praktizieren. Was sie aber nicht tat. Gutes Beispiel dafür war das Exilkabarett „Die Pfeffermühle“ von Erika Mann. Die Landeskirchen erhoben ebenso ihre Stimme gegen Rassismus und Totalitarismus.
    Aber es gab auch stimmen für das NS-Regime. Sie Frontenbewegung oder in den bäuerlichen Kreisen, wo eine gewisse Bewunderung für die autoritäre Lösung vorhanden war, hier spielte vor allem der Antibolschewismus eine Rolle.
     
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  5. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    OT: Ursi, ich hoffe du bist nicht verärgert über diese Querdiskussionsfrage, aber:

    Ganz ehrlich, mich wundert es nicht. Ich denke, wir haben den deutschen Faschismus so auf ein Alleinstellungsmerkmal gehoben in der historischen Wertung, daß dabei übersehen wird, daß der Faschismus in den 20-40iger Jahren in fast allen europäischen Ländern vertreten war, nur mit verschiedener Stärke und Auswirkung auf die Innenpoltik des jeweiligen Landes.
    Gab es überhaupt ein europäisches Land ohne eine auffällige faschistische Bewegung in dieser Zeit?
     
  6. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Sehr interessant! Danke!


    Diese zwei Bewegungen, inwiefern haben sie sich unterschieden? Nur Auslandskontakte? Was hieß das konkret, rein bezogen auf die Zusammenarbeit mit anderen europäischen faschistischen Gruppen?
     
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  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @ursi

    Ein interessantes Thema.

    Dazu eine Frage:

    "...Die NSDAP reagierte darauf hin, dass die Landesleitung nun vom deutschen Gesandten geführt wurde und diese somit diplomatische Immunität hatte. Dies wurde vom Bundesrat stillschweigend geduldet, nach 1940 wurde es sogar offiziell geduldet. ..."

    Hervorhebung durch mich.

    Daß die Schweiz in dieser Einkreisungssituation lavieren mußte - steht außer Frage.

    Wie hat sich denn das Militär während des Réduit zu dieser Duldung gestellt? Ich vermute, daß es da verständliche Widerstände gegeben hat.

    M.
     
  8. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Es gab am 25. 07. 1940 den Operationsbefehl Nr. 12 des General Henri Guisan: Rütli-Rapport
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das war nicht die erste Massnahme. Am 30. August 1939 wählte die Bundesversammlung Henri Guisan zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee und Jakob Labhard zum Chef des Generalstabes. Der Bundesrat erteilte den Befehl zur Kriegsmobilmachung. Am 1. September 1939 erfolgte die erste Generalmobilmachung. Am 4. September waren die Grenzen durch die Schweizer Armee besetzt.

    Der Rütli Raport war eine Reaktion auf die Kapitulation Frankreichs und einer Radioansprache des Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz vom 25.6.1940, wo er eine Zusammenarbeit mit den Achsenmächten nicht ausschloss. Das Volk in der Schweiz war dadurch verunsichert und Guisan wollte mit diesem Appell an die Truppenführer ein Zeichen setzen.

    Der General übte darin Kritik am Parlamentarismus, er umriss die schwierige politische und militärische Lage der Schweiz und rief das Volk und das Militär zum Widerstand auf. Dabei nahm er Bezug auf das Réduit. Der Rütli-Rapport hatte einen grossen symbolischen Wert und prägte die Weltkriegsgeneration in der Schweiz weit über den 2. Weltkrieg hinaus. Sie sahen darin ein Akt der natioanlen Selbstbehauptung und des Zusammenhaltes.

    Eins muss man aber noch dazu sagen, dank eines Fotos, wurde der Rapport öffentlich und zu einem Mythos der Nation. Kann man sehr schön hier nachlesen:

    http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/Ruetligeist-im-Dorngebuesch-/story/21621021?track
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. November 2013
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  10. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Habt bitte noch einwenig Geduld, werde eure Fragen noch beantworten.
     
  11. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Ich werde versuchen das Thema etwas in den gesamteuropäischen Kontext zu stellen und davon parallelen in die Schweiz zu ziehen. Ursi mag mich korrigieren, wenn ich diese verallgemeinerten Annahmen für die Schweiz falsch übernehme.

    In ganz Europa entwickelten sich im frühen 20. Jhd. verschiedenste autoritäre Gruppen, die mit dem Faschismus die Ablehnung des Parlamentarismus, ein übersteigertes Nationabewusstsein und häufig daraus folgend eine biologistisch-rassistische Komponente hatten. Diese autoritären Bewegungen konnten paneuropäisch nur schwer zusammen arbeiten, da ihr übersteigertes Nationalbewusstsein sich auch direkt in revanchistischen Forderungen, vor allem nach dem 1. Weltkrieg, gegenüber dem ehemaligen Kriegsgegner ausdrückte und man im Erstarken anderer Nationen eine Gefahr sah. So druckte die rechtsextreme (protofaschistische) Action française (Gegr. 1898) Hitlers Buch "Mein Kampf" 1934 als Raubdruck ab um die Franzosen gegen Hitler-Deutschland zu mobilisieren. Solche rechtsextremen, antidemokratischen Gruppen waren zumeist nationale Eigenschöpfungen, vielfach aus den Zerrüttungen hervorgegangen, die der Beginn des 20. Jhd. und der 1. Weltkrieg ausgelöst hatten. Ab 1922 entwickelte sich daneben, teilweise auch innerhalb dieser einheimischen Gruppen eine zweite Welle faschistischer Parteien. Diese Parteien orientierten sich direkt an Mussolini, der mit dem Marsch auf Rom der erste faschistische Diktator wurde. Zu so einer Bewegung formierte sich auch die frühe NSDAP. In ganz Europa wurden paramilitärische Gruppen nach Vorbild der Schwarzhemden gegründet und Märsche auf Hauptstädte organisiert (die alle scheiterten). Allerdings gelang auch hier keine Koordinierung. Mussolini traf sich zwar regelmäßig mit Parteiführern faschistischer Gruppen und unterstützte einige (so der Genfer Union nationale um Einfluss auf den Völkerbund zu nehmen), konnte aber nur ein lockeres Netzwerk aufbauen. Eine dritte Gruppe von Parteien entstand aus der zweiten Generation. Hitlers Aufstieg und Machtergreifung inspirierte viele neue faschistische/nationalsozialistische Bewegungen, die von der NSDAP inspiriert wurden. Besonders in Europa waren viele Bewegungen von den Vorstellungen der "germanischen Herrenrasse" inspiriert und teilten den Antisemitismus und Rassismus der NSDAP. Solche Bewegungen wurden, vor allem im Zusammenhang der Besatzung, zu willfähigen Helfern der NSDAP und der deutschen Besatzung.

    Die NSDAP/AO unterstützte den Trend der Internationalisierung der nationalsozialistischen Bewegung in gewisser Weise. Die NSDAP/AO war eigentlich nur eine Organisation für Auslandsdeutsche. Diese organisierten sich weltweit in Orts- und Landesgruppen. Diese wurden durch die NSDAP aktiv unterstützt. Teilweise wurden nach der Machtergreifung sogar Länder wirtschaftlich unter Druck gesetzt, die einer Einrichtung einer NSDAP/AO-Gruppe widerstand leisteten (z.B. Ägypten durch Androhung von wirt. Boykotten). Diese Organisationen konnten allerdings in ihren Heimatländern eine gewisse Abstrahlung auf andere faschistische Gruppen entwickeln. So bildeten deutsche Immigranten die Organisation Freunde des Neuen Deutschlands, später Amerikadeutscher Bund in den USA, nachdem ihnen die Mitgliedschaft in der NSDAP/AO aufgrund ihrer amerikanischen Staatsbürgerschaft verwehrt blieb. Diese Gruppe war allerdings von der NSDAP nicht unabhängig und bildete so den verlängerten Arm der NSDAP in Amerika.

    Besonders in der Schweiz war die Kombination aus nationalistischen, antikommunistischen Eigengewächsen und dem Einfluss den die nationalsozialistische Ideologie, u.a. über Grenzgänger, Medien und Auslandsorganisationen besonders stark und konnte so im Frontenfrühling eine Anzahl an Anhängern gewinnen. Gleichzeitig war über die gemeinsame Sprache und "germanische Identität" und den fehlenden eigenen expansiven Forderungen der Schweiz und somit fehlender Kollidierung von Interessen eine Führung der Schweizer Nationalsozialisten durch die NSDAP vergleichsweise einfach.
     
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  12. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich habe im meiner kurzen Zusammenfassung vergessen zu erwähnen warum man von einer Front spricht und nicht von einer Partei. Der Unterschied liegt darin; zu den Parteien gehören jene politischen Organisationen die es schon vor dem Aufkommen des Frontismus gab. Diese Parteien, wie die FDP, SP etc. verdankten ihre Gründung nicht dem Einfluss des Faschismus. Eine einzige Ausnahme gab es. 1935/36 wurde der Landesring der Unabhängigen gegründet, diese politische Organisation war eine Partei und keine Front. Alle anderen politischen Neugründungen in der dreissiger Jahre, die vom Faschismus oder Nationalsozialismus in irgendeiner Weise beeinflusst waren, zählen zu den Fronten.

    Diese Beeinflussung kam wie schon erwähnt in unterschiedlicher Weise vor. Zu den Fronten ohne Bindung zum Ausland versteht man die Organisationen die eine ideologische, organisatorische und finanzielle Selbständigkeit gegenüber den ausländischen Organisationen hatten.

    Die Organisationen die entweder die NSDAP oder die Partito Nazionale Fascista kopierte, Hitler und/oder Mussolini als Vorbild für die Schweiz sahen, persönliche Kontakte zur Amts- und Parteistellen in Italien oder Deutschland unterhielten, Geldbeträge von denen bekam oder sich in eine direkte Abhängigkeit begab, so spricht man von Fronten mit Bindung zum Ausland.

    Ich werde einzelne Gruppen noch vorstellen, umso die Unterschiede genauer zu erklären.



    Ich gehe mit dir einig, nur vergisst du hier, dass es auch eine faschistische Bewegung gab, Mussolini war ebenso ein Vorbild wie Hitler. Wenn man die gesamte Frontenbewegung genauer anschaut, darf man nicht nur mit der NSDAP vergleichen sondern auch mit der Partito Nazionale Fascista. Der Einfluss der NSDAP war zwar viel grösser, dennoch darf man Italiens Einfluss nicht unterschätzen. Wenn du von einer "germanischen Identität" sprichst, musst du diese genauer definieren, denn nicht die gesamte Schweiz spricht Deutsch. Dies muss ebenso bei einer Beurteilung der gesamten Frontenbewegung berücksichtig werden. Diese Mehrsprachigkeit die wir in der Schweiz haben und die damit verbunden kulturellen Unterschiede, wurde in den unterschiedlichen Fronten zu wenig berücksichtigt und führte wohl, wie die schon erwähnten Gründe, wie die föderalistischen Strukturen der Schweiz, der internen Zersplitterung der Fronten und der intrigante Kampf einzelner „Führer“ der Bewegung, dazu das es nie zu einer Massenbewegung kam.
     
  13. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Wie ging die Frontenbewegung denn mit den nicht-deutschen und damit per NS-Definition minderwertigen Völkern um?

    War eine Unterdrückung oder gleich eine Aufspaltung der Schweiz geplant?

    Ist ja immer schwierig für Faschisten, wenn Nationalismus und Rassismus so gar nicht zusammengehen.
     
  14. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich habe zu dem Thema gerade einen interessanten Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung gelesen:

    Der Schweizer Hetzer, der den «Anschluss» an Nazi-Deutschland forderte | NZZ

    Franz Burri, ein Schweizer, der später deutscher Staatsangehöriger wurde, hat die Aufteilung der Schweiz gefordert:

    Desweiteren wollte er dem Artikel zufolge von innen mit Gesinnungsgenossen die Macht an sich reißen und sozusagen die Deutschschweiz heim ins Reich führen.
     
  15. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich forsche gerade über die Schweizer Landesgruppe der NSDAP in der Schweiz, insbesondere über die Aktivitäten der Ortsgruppe in Zürich- Franz Burris Aktivitäten sind mir im Archiv in den unterschiedlichsten Quellen mehrmals über den Weg gelaufen.

    Franz Burri wurde am 26.10.1901 in Cham Kanton Zug geboren. Mit 18 Jahren wanderte er nach Österreich genauer nach Wien aus, wo er von 1918 bis 1921 das katholische Laienkongregation der Schulbrüder in Wien besuchte. 1925 zog er nach Graz um als Journalist zu arbeiten. Er trat der nationalsozialistischen Partei Österreichs bei. Er wurde Generalsekretär des Zentralverbandes österreichischer Zeitungsverleger, bis er 1934 wegen verbotener nationalsozialistischer Aktivitäten und tendenziöser Berichterstattung in ausländischen Zeitungen aus Österreich ausgewiesen wurde. Er kehrte in die Schweiz, nach Luzern zurück und gründete die Internationale Presseagentur. Diese wurde mit deutschen Geldern finanziert. Er publizierte nach deutschen Weisungen gegen den österreichischen Staat. Zu seinen Abonnenten gehörten, Hess, Ribbentrop, Himmler und von Papen. Im Reich wurde seine Zeitung dafür verwendet als «Stimme aus der neutralen Schweiz». Österreich ging auf den Schweizer Bundesrat zu und dies hatte dann die Folge, dass die Agentur verboten wurde. Nach dem «Anschluss» Österreichs zum Reich wanderte Burri wieder nach Wien aus. Wo er seine Agentur neu gründete. Nun richtete er seine Zeitungsbeiträge gegen den Schweizer Staat. Der Sitz der Presseagentur wurde dann von Wien nach Budapest und später nach Zagreb verlegt, damit es einen «unabhängigen» Anstrich bekam. Franz Burri selber blieb in Wien und er trat 1941 in die Gauleitung Niederdonau ein, 1942 wurde er NSDAP Mitglied. 1943 bürgerte ihn die Schweiz aus.

    Er gehörte zu dem Gründungskreis des Bundes der Schweizer in Grossdeutschland, dieser Bund konnte, ebenso wie viele andere, nicht gross werden, da sich die schweizerischen Naziführer gegenseitig in der Sonne standen. Franz Burri begann ab 1941 mit der Sammlung von einigen Anhängern und nannte diese dann nationalsozialistische Bewegung in der Schweiz, diese war weitgehend identisch mit der von Leonard gegründeten SGAD. Der Burri-Leonhardt Bund war der radikalste aller nationalsozialistischen Schweizerbünde. Ich kann das gerne mal noch genauer ausführen.

    Leonardt und Burri entzweiten sich noch während des Krieges. Leonardt starb im März 1945 bei einem Luftangriff, der treuste Mitarbeiter Burris im Auswärtigen Amt verschwand im Konzentrationslager und andere wurden zur Wehrmacht eingezogen. So war Franz Burri gegen Ende des Krieges ohne seine Anhänger in Wien. Als die Russen immer näher an Wien herankamen, versuchte er sich Richtung der amerikanischen Demarkationslinie abzusetzen. Im Dezember 1945 kam es zu seiner Verhaftung durch die Amerikaner und er wurde am 31. Mai 1946 in die Schweiz abgeschoben. In der Schweiz wurde ihm dann der Prozess gemach und er wurde 1948 zu 20 Jahre Zuchthaus verurteilt, dies war die Höchststrafe.

    Man entliess ihn 1959 und schob in die Bundesrepublik Deutschland ab, wo er weiter rechtsextreme Texte verbreitet. Er starb am 24.7.1987

    Wenn man Franz Burri erwähnt, dann sollte Franz Riedweg nicht vergessen. Franz Riedweg Arzt aus Luzern, 1938 nach Deutschland ausgewandert, wo er Sibylle von Blomberg, die Tochter des Generalfeldmarschalls von Blomberg heiratete. Franz Riedweg trat 1938 in die Waffen-SS ein und wurde Obersturmbannführer und somit ranghöchster Schweizer in der Waffen-SS. Er gründete die Germanische Leitstelle in Berlin, welche die Aufgabe hatte Freiwillige für die Waffen-SS zu rekrutierten. 1941 baute er das Panoramaheim in Stuttgart. Franz Riedweg war auch an der Ausarbeitung der Aktion-S beteiligt. Darin ging es um die Aufteilung der Schweiz und wie das Vermögen der Juden etc. verteilt werden sollte. Diese Planung fand 1944 statt. Kann dies gerne auch mal noch genauer ausführen.

    Franz Riedweg viel bei Himmler in Ungnade und wurde an die Ostfront Zwangsversetzt, dort arbeitete er als Lazarettarzt. Er wurde 1945 in englische Gefangenschaft und wurde nicht in die Schweiz abgeschoben. 1947 machte man ihn in Luzern den Prozess. Er selber wollte zunächst an der Verhandlung teilnehmen, sein Anwalt riet ihm aber davon ab. Riedweg wurde zu 16 Jahren Zuchthaus in Abwesenheit verurteilt. Er lebte bis zu seinem Tot am 22.1.2001 in München.
     
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  16. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Sehr interessant! Habe ich es richtig verstanden, dass Burris und Leonhardts Organisationen dieselben waren? Oder unterschiedliche?
     
  17. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ja genau, hab mich da nicht so verständlich ausgedrückt.
     
  18. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Neben den schon erwähnten, gab es noch mehr Schweizer die sich nach dem Krieg vor Gericht zu verantworten hatten. Laut Bundesratsbericht vom 30. November 1948 wurden insgesamt gegen 102 Angeklagte Anklage erhoben. Davon wurden 58 zu Zuchthausstrafen von einem Jahr bis zur Höchststrafe von 20 Jahren verurteilt. 20 Verurteilte erhielten einem bis zu zwei Jahren unbedingte Gefängnisstrafen, 21 von sechs Monaten bis zu einem Jahr bedingte Strafen und 3 Angeklagte wurden freigesprochen. Ich picke hier einen raus, der zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

    Werner Wirth wurde am 15.10.1886 in St. Gallen geboren. Er studierte an der Universität Zürich Theologie und war anschliessend in verschieden Schweizer Gemeinden als Pfarrer tätig. Von 1919 bis 1926 war er Armeninspektor in der Stadt Zürich, SP Mitglied. 1920 bis 1923 war er für die SP im Zürcher Kantonsrat. 1921 unternahm er eine Reise in die Sowjetunion. 1926 gründete er die Zeitschrift «Leben und Glauben».

    In den 1930er Jahren wandte er sich dem nationalsozialistischen Gedankengut zu und verfasste Texte wie «Kampfgebet und «Der deutsche Seher». Weshalb er dies tat, entzieht sich meiner Kenntnis da mir die Quellen dazu fehlen. 1931 trat er dann der Neuen Front bei. 1932 arbeitete er bis zu seiner Suspendierung als Pfarrer in Azmoos. Er reiste 1942 illegal nach Deutschland aus und arbeite dann für den Volksbund für das Deutschtum im Ausland, ab 1944 leitet er das «Oberdeutsche Arbeitsbüro».

    Anfangs März 1944 wandte sich Wirth mit Vorschlägen an den Reichsführer Heinrich Himmler. Der Chef des SSHA wurde mit der Prüfung und Beurteilung seiner Vorschläge beauftragt. Zu seinen Vorschlägen gehörte, dass die Schweiz durch wirtschaftlichen Druck des Deutschen Reichs oder wenn nötig durch Einsatz der SS in einen nationalsozialistischen Staat umgestaltet werden sollte. Dem SSHA bot er seine Dienste an um die Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Schweiz und die Unterwerfung des Landes unter dem Willen Hitlers vorzubereiten.

    Der Plan sah vor unter anderem die Einrichtung einer besonderen Dienststelle, welche die politischen kulturellen wirtschaftlichen und andere Fragen prüfen sollten und die künftigen Machthaber mit der Schweiz vertraut zu machen und diese im nationalsozialistischen Sinne umzugestalten. Er schlug vor Listen aller Reichsfeinde zu erstellen, die dann nach der Machtergreifung verhaftet und beseitigt werden sollten. Paul Benz und Peter Gloor, zwei weitere Schweizer die zusammen mit Riedweg in der Germanischen Leitstelle tätig waren nutzten diesen Vorschlag zur Erstellung von «Genickschusslisten». Werner Wirth wurde im April 1944 nach Berlin eingeladen und von Alexander Dolezalek und Benz empfangen. Dolezalek erklärte Wirth die SS-Hauptamt (SSHA) und Reichssicherheitsamt (RSHA) wolle gegenüber der Schweiz vorbereitet sein. Er und Benz stimmten Wirth zu und genehmigten die Errichtung einer von Wirth geleiteten «Oberdeutsches Arbeitsbüro» (OA). Paul Benz entwarf den Arbeitsplan für das OA, diese Quelle liegt mir vor. Darin steht folgendes (verkürzte Darstellung):

    Zweck der Arbeitsstelle: Politische Lösung der Schweizerfrage. Mobilmachungspläne.

    Durchführung: Feststellung der Lage auf folgenden wichtigen Lebensgebieten und Vorschläge zu einer positiven Lösung.

    1. Agrar-Rasse.- und Siedlungsfragen.
    2. Sozialpolitik
    3. Jugend und Studenten
    4. Kulturpolitik
    5. Soldatentum
    6. Wirtschaftsverkehr mit dem Reich
    7. Judenproblem
    8. politische Parteien
    9. Hochfinanz
    10. Freimaurerei
    11. Die politische Kirche

    Anfangs Juli 44 wurde das OA in Radolfzell eröffnet. Unterstellt war die Dienststelle Paul Benz der im SSHA das Referat Schweiz leitete. Wirth gelobte Benz das er alles gewissenhaft verrichten werde. Von Paul Benz erhielt er eine Kartei über reichsfreundliche und reichsfeindliche Schweizer. Wirth führte diese weiter, auf Weisung von Benz gab er dann ca. 200 Karten über Reichsfeinde in der Schweiz and den SD in Stuttgart weiter. Weiter erstellte Werner Wirth Karteien über die SS-Schweizer, Neuschweizer und Judenfreunde. Vereine, Verbände, Gewerkschaften usw. wurden mit Namen, Sitz und Mitgliedern erfasst. Er ordnete die Schweiz neu, in dem er aus den 26 Kantonen acht Kreise machte und stellte die Kreisleiter auf.

    Werner Wirth floh 1945 in die Schweiz und wurde verhaftet und 1947 vom Bundesstrafgericht wegen illegaler Ausreise und Landesverrat zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, 1952 begnadigt. Er starb am 9.7.1961 in St. Gallen.

    Anmerkung:

    Paul Benz geboren am 10. Oktober 1920 wurde ausgebürgert und in Abwesenheit zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Aufenthalt ist seit Kriegsende unbekannt.

    Alexander Dolezalek, https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Dolezalek

    Quellen:
    Bundesblatt Nr. 48 vom 30. November 1947
    BAR: E4320B#1973/87#12 Das Oberdeutsche Arbeitsbüro (OA)
     
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