Namensänderung 1938 in Danzig

Dieses Thema im Forum "Historische Hilfswissenschaften mit Genealogie" wurde erstellt von Gast, 15. Juli 2006.



  1. Gast

    Gast Gast

    Vor ein paar Tagen erfuhr ich aus Nachlasspapieren ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis: Mein Großvater hat im März 1938 in Danzig seinen Nachnamen, der ursprünglich polnisch klang, ins Deutsche "übersetzt" und ändern lassen.
    Gesetzliche Grundlage war das Namensänderungsgesetz (NamÄndG) vom 05.01.1938, das für diese Aktion einen "wichtigen Grund" fordert.
    Wer weiß mehr darüber, bezogen auf 1938? War damals allein der polnisch klingende Name ein "wichtiger Grund"?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Im Gesetz selbst steht leider nicht definiert, was man sich unter einer ausreichenden Begründung vorstellt. Was mich jetzt eher verwundert ist, dass das ganze in Danzig (damals Freie Stadt) umgesetzt worden sein soll... :grübel:
     
  3. Mercy

    Mercy unvergessen

    Nein, auch jüdisch klingende Namen konnten geändert werden.
    Als ich Ende der 70er Jahre mal die Ehrenbürger meines damaligen Wohnortes genauer untersuchte, stieß ich auf Philipp Larens. Er wurde Ende der 50er Ehrenbürger des Städtchens.
    Dabei stellte es sich heraus, dass er aufgrund des Gesetzes von 1938 seinen Familiennamen von Lazarus in Larens ändern ließ, da er bei seinem beruflichen Wirken im fernen Karlsruhe ständig Probleme mit seinem Namen hatte.
    In seinem Hematstädtchen ist der Name Lazarus seit dem 16. Jh. belegt. Keiner der Einheimischen hatte Probleme mit dem Namen.
     
  4. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    In einem Artikel der "WELT" heißt es u.a.:

    (Quelle: http://www.welt.de/data/2004/03/22/254428.html )

    Hervorzuheben beim Namensänderungsgesetz von 1938, das erst am 1.9.1939 in Danzig Gültigkeit erhielt, ist der Umstand, dass Jüdinnen und Juden zur Annahme der Namen „Israel“ bzw. „Sara“ als 2. Vornamen verpflichtet wurden. (Wen es interessiert: Hier ist ein interessanter Rechtsfall von einem Ministrialbeauftragten, der mit zuständig war für die "Kennzeichnung von Juden":
    http://www1.jur.uva.nl/junsv/Excerpts/ddr1068004a.htm )

    Zurück zu Danzig:
    Da das o.a. Gesetz wie erwähnt erst bei Kriegsausbruch übernommen wurde, gehe ich davon aus, dass es davor etwas ähnliches gegeben hatte. Die Möglichkeit, seinen Namen zu ändern, dürfte es zu jener Zeit wohl überall in Europa gegeben haben, vor allem, wenn der Name zu kompliziert war.

    In meinem Bekanntenkreis z.B. hat ein Vorfahr in den 30er Jahren den Namen "Buchikovski" in "Buchner" geändert... Ein "polnisch klingender Name" war also durchaus ein Grund zur Namenänderung, nicht nur aus deutschtümelnden Motiven heraus.

    Gruß

    Jacobum
     
  5. askan

    askan Neues Mitglied

    Liegt dem Gesetz auch die Änderung von Ortnamen zu Grunde? Meine Grossmutter erzählte mir das in ihrer Gegend damals fast jedes dritte Dorf einen neuen Namen bekam. Aus Kaming wurde Steinhaus, aus Gauersch wurde Gauwald usw.
     
  6. Klassenstreber

    Klassenstreber Neues Mitglied

    was waren den z.b jüdische name?
    ich weiß nur das alle jüdinnen sahra hießen
    und wie hießen die männer nocheinmal

    mfg:winke:
     
  7. Mercy

    Mercy unvergessen

    Es ging in meinem Beispiel um jüdisch klingende Namen .
    Und Lazarus roch damals nicht sehr arisch.
     
  8. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Die hiessen doch nicht alle Sarah oder Israel.
    Ab 1939 mussten sie diese Zweitnamen annehmen, die auch in den Pässen so standen.
     
  9. Kirlon

    Kirlon Neues Mitglied

    Richtig ist die Schreibweise "Sara" - nur als Ergänzung!
     
  10. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ortsnamen wurden immer wieder geändert, manchmal sind die Ursachen nicht bekannt. Ein Beispiel aus dem Odenwald:
    http://www.fnweb.de/archiv/2005/m12/31/bu/region/20051231_p020752022_36405.html

    Anderes Beispiel:
    http://www.rheinhessen.regionalgeschichte.net/hochborn.html
     
  11. Klassenstreber

    Klassenstreber Neues Mitglied

    entschuldigung über meine falschinformation:weinen:
    ich dachte das die juden als weiter demütigung ihre vornamen in sara od. imael ändern mussten -> aber dafür gibt es ja dieses forum:yes:

    mfg:gathering:
     
  12. Hans-Peter

    Hans-Peter Neues Mitglied

    Ich habe das Thema angefangen...
    Wenn das Gesetz 1938 in Danzig noch gar nicht galt, dann muss es eine andere Grundlage gegeben haben, ist ja egal, die Klausel "wichtiger Grund" stand da sicher auch drin.

    Wer den alten Familiennamen am Telefon hörte, würde auch als Deutscher nicht nachfragen, wie das geschrieben wird. Von daher gab es sicher keine Schwierigkeiten, z.B. im Geschäftsverkehr, zumal der Name nicht eben selten ist und somit zumindest von den Einheimischen wohl akzeptiert wurde. Oder irre ich mich da, war das 1938 wirklich so anders?
    Was mich irritiert ist, dass mir mein Vater (vor 25 Jahren verstorben) nie davon erzählt hat. Er war 1938 11 Jahre alt und hat es also gewusst und niemals vergessen.

    Nun, nachdem Großvater, Großmutter, Onkel und auch die letzte die Tante gestorben sind, realisiere ich, dass es von dem ganzen Familienzweig keine einzige Geburtsurkunde gibt (aber von der Großmutter den Taufschein!), und auch keine Heiratsurkunde meiner Großeltern.

    Zufällig finde im Nachlass ein einziges Dokument meines Onkels, beurkundet 1985 in NRW, wo als Fußnote steht: "Der Name des Kindes und seiner Eltern wurde mit Wirkung vom März 1938 in xxx geändert". Als sie alle noch lebten, wurde auf meine naiv-kindlichen Fragen nach den Wurzeln der Familie stets mit eisigem Schweigen reagiert. Ich erfuhr nur, dass alle Papiere bei der Flucht 1945 verloren wurden und dass das Kirchenbuch verbrannt sei, weswegen auch keine Abschriften beschafft werden konnten.

    Mittlerweile denke ich, dass die Namensänderung nicht das einzige Geheimnis der Familie ist - und das will ich herausfinden. Nur wie? Irgendwo muss beurkundet sein, wann und warum der Name geändert wurde, sonst hätte es die Fußnote 1985 nicht geben können.

    Die eigentliche Intention meiner Frage in diesem Forum war, ob es 1938 oder kurz danach etwa ganz normal war, seinen polnisch klingenden Familiennamen in einen deutschen umzutauschen... Ich kann's einfach nicht glauben.
     
  13. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Hallo Hans-Peter,

    "normal" ist vielleicht nicht das passende Wort, aber es war jedenfalls in den 30er Jahren nicht unnormal.

    In einigen Beiträgen wurde ja darauf hingewiesen, dass man einen Namen aus verschiedenen Gründen ändern lassen kann und konnte.

    Ich kenne nun den geheimnisvollen Namen Deiner Familie nicht; daher kann ich mir über die Gründe Deines Großvaters - und Gründe hat er zweifelsohne gehabt! - kein Urteil erlauben.

    Hast Du denn schon mal in den Tiefen des WWW nachgeforscht, ob der ursprüngliche Name irgendwo (womöglich in negativer Form) vorkommt?

    Grüße

    Jacobum
     
  14. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Mein Großvater hat auch seinen masurischen Nachnamen ändern lassen. Er war Beamter und es gab schon einen gewissen Druck, daß er als "deutscher" Beamter auch einen "deutschen" Namen zu tragen habe. Er hat dann diesem Druck nachgegeben; dafür ist er in anderen Punkten sich selbst und seiner Meinung treu geblieben. Ihm selbst war sein Name relativ egal und so hat er gemeint, wenn er in der Hinsicht nachgibt, könne er in anderer Hinsicht vielleicht ein wenig Ruhe haben.

    Das Schweigen muß gar keine großen Hintergründe haben, oder jedenfalls keinen schwerwiegenderen als eine gewisse Peinlichkeit, mit der der frühere Name von der (neuen und/oder alten) Umgebung aufgenommen wurde.
     
  15. Hans-Peter

    Hans-Peter Neues Mitglied

    Hallo Jacobum,

    ja und nein. Wie ich schon schrieb, der Name kommt (zumindest in der Gegend) sehr häufig vor, deshalb macht es auch keinen Sinn, ihn hier zu nennen.

    Wie konnte mein Vater eigentlich 1949 in Deutschland heiraten, wenn er keine Geburtsurkunde hatte? Gab es die Heiratsurkunde einfach nach der Erklärung "Ich heiße ähmm, kleinen Moment mal, ähmm xxx xxxx"?
     
  16. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Wenn damals alle Flüchtlinge, die ohne Geburtsurkunde oder auch ohne sämtliche Papiere hier im Westen ankamen, nicht hätten heiraten dürfen/können.... Also, dann gäbs mich auch nicht.
     
  17. Mercy

    Mercy unvergessen

    Mit Wirkung heißt, es wurde innerhalb der damals gültigen Gesetzgebung geändert. Zur Aufklärung der Fußnote müsstest du das zuständige Standesamt in NRW kontaktieren.
    Familiengeheimnisse sind Geheimnisse, damit der Öffentlichkeit nicht zugänglich.
    Objektive und subjektive Einschätzungen divergieren mitunter.
     
  18. Hans-Peter

    Hans-Peter Neues Mitglied

    Danke, Ingeborg. Deine Antwort beruhigt mich.

    Mein Familienname (der neue), den ich jetzt in dritter Instanz trage, hat einen Vorteil: Obwohl er eindeutig deutsch klingt, ist er in Deutschland sehr sehr selten...
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2006
  19. Hans-Peter

    Hans-Peter Neues Mitglied

    Logo. Hatte Brett vorm Kopf.
    Natürlich, da muss ich anfangen.
    Danke.
     
  20. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Das trifft auch bei mir zu.....
    Ich habe in der Familie mal gehört, daß zwischen 33 und 45 per Gesetzgebung die Änderung zu einem "arischen" Namen erleichtert wurde und das relativ unbürokratisch lief, allerdings blieben die Kosten. Und daß es Vorschrift war, daß 4 Buchstaben des alten Namens auch im neuen Namen vorkommen sollten. Bei mir kommt es hin. Bei dir auch?
     

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