"Ostpolitik" von Adenauer oder von Brandt/Bahr besser?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Jonas213, 24. März 2018.

  1. Jonas213

    Jonas213 Neues Mitglied


    Hey,

    ich schreibe nächste Woche mein Abitur über die Ostpolitik. Dort habe ich eine Frage an euch. Welche Politik war vielversprechender (Ostpolitik) im Hinblick auf eine mögliche Wiedervereinigung.

    Adenauers Politik: kann in der Nachkriegszeit auf der einen Seite als einzig realistische Politik unter dem Vorzeichen des kalten Kriegs gesehen werden. Die Grundbedürfnisse für Westdeutschland (Frieden, Sicherheit, Freiheit, Wohlstand) waren dadurch sehr schnell erreichbar. Die Option der Wiedervereinigung sollte sehr langfristig aus einer Position der (wirt. und pol.) Stärke heraus verwirklicht werde (z.B. HallsteinDoktrin). Bis 1961 wirkte dadurch auch die BRD wie ein destabilisierender Magnet auf die DDR (Fluchtbewegung). Auf der anderen Seite kann Adenauer vorgeworfen werden, Chancen in der Ostpolitik zu spät (Kriegsgefangene) oder gar nicht (keine wirkliche Auseinandersetzung/ Prüfung der Stalin-Noten) wahrgenommen zu haben. Dadurch wurde die politische und vor allem die ökonomische Spaltung der deutschen Staaten in Kauf genommen, die DDR- Bevölkerung (bewusst) von der Entwicklung abgekoppelt (Effekte, die bis ins Jahr 2004 Auswirkungen zeigen !!!). Auch fehlte eine pol. Umkehr nach dem Mauerbau, der die Trennung verschärfte und das Scheitern der Adenauerpolitik (Wandel durch Abgrenzung) bis zu diesem Zeitpunkt deutlich machte.

    -Brandt/Bahr: setzten an den politischen Realitäten der faktischen Trennung an (Mauerbau, 2 Staaten). Versuche, den Menschen in Ost- und Westdeutschland Erleichterungen zu bringen (Reisen, Besuche, Telefonieren). Auf der einen Seite sollten durch den vermehrten Kontakt (Wandel durch Annäherung) auch politische Veränderungen in der DDR vorsichtig angeschoben werden, auf der anderen Seite wurde die DDR als Staat aufgewertet und durch den Fall der Hallstein-Doktrin international anerkannt. Das DDR- System wurde so (zumindest zwischenzeitlich und auch durch finanzielle Leistungen) stabilisiert. Der Anspruch auf Wiedervereinigung wurde aber nicht aufgegeben (Brief zu deutschen Einheit, kein Ausland, keine DDRStaatsbürgerschaft). Brandts Politik entsprach dem internationalen Politikwechsel zur Entspannungspolitik

    letztendlich hat keine der beiden ostpolitischen Richtungen direkt zum Erfolg (Wiedervereinigung) geführt. Langfristig hatten aber je nach Sichtweise beide ihre Wirkung oder waren gänzlich nebensächlich (Veränderungen in der UdSSR als zentrale Größe)

    kann man dort noch was hinzufügen?
     
  2. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Die Einbettung bis Abhängigkeit der beiden Ost-Politiken wie auch aller Einheitsbestrebungen von der transnationalen Lage zwischen 'Ost' & 'West'. Adenauers Positionen waren durchaus im Einklang mit der mehrheitlich eher antikommunistischen Prägung 'westlicher' Politik, verbunden mit der Absicherung durch große militärische Rüstung, Brandt-Bahrs neue Ostpolitik ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eingebettet von der ab zweiten Hälfte der 60er Jahre sich entwickelnden Entspannungs-Phase zwischen 'Ost' und 'West'.

    Die Entwicklungen zur Wiedergewinnung der deutschen Einheit war zunächst nicht durch nationale Politik in Bonn eingeleitet worden oder gar zu bewältigen, sondern durch den fundamentalen Wandel im Warschauer Pakt und damit zwischen 'Ost' und 'West', Sowjetunion und USA, und nachfolgend über die Kooperation und Zusammenarbeit der vier Siegermächte auf Initiative der Bundesregierung.
    Brandt-Bahr hätten ihre neue Ost-Politik niemals in der Hochphase des Kalten Krieges ausführen können, so wie umgekehrt die alte antikommunistische und konfrontative (CDU-)Ostpolitik, ala Adenauer während der Hochphase des Kalten Krieges, ab den späten 1960er Jahren zunehmend nicht nur obsolet, sondern auch politisch (und gesellschaftlich) isoliert wirkte, da die wichtigen Regierungen z.B. in Paris, London und Washington keinesfalls mehr eine Konfronations- und Eindämmungspolitik der Hochphase des Kalten Krieges, zumindest in Europa, gegen den 'Ostblock' führten.


    Das lässt doch die damalige internationale Lage/Verflechtung zugunsten einer wohl eher nur theoretisch 'nationaleren Politik' etwas zu sehr ausser acht, von den autonomen ökonomischen Möglichkeiten ganz abgesehen. Weder waren in Bonn, noch in Ostberlin so weitreichende, eigenständige und unabhängige Politiken und Entscheidungen möglich und durchsetzbar (schon gar nicht ökonomisch), auf dem Boden des früheren Deutschen Reiches. Die ökonomische Spaltung war weitmehr Ergebnis der Teilung des damaligen Deutschen Reiches als Kriegsbeginner und -Verlierer. Die Konfrontation der Vier Mächte fand von Anfang an in Berlin und auf dem Gebiet des besiegten Deutschen Reiches statt. Weder hatten die Bonner Administration noch die Ost-Berliner Einfluss und Macht, das zu verhindern. - Beide brauchten ja ihre Bündnispartner zudem.
     
    Sepiola, Ugh Valencia und silesia gefällt das.
  3. Shinigami

    Shinigami Neues Mitglied


    Hinsichtlich der Stalin-Note, ist ein sollcher Vorwurf im grunde genommen obsolet, da die Entscheidung über eine Wiedervereinigung, falls die Note (was bezweifelt werden darf) erst gemeint war ohnehin von der Verhandlungsbereitschaft der Westmächte abhängig gewesen wäre. Ohne vorher das Placet der Westmächte zu haben, hätte sich Adenauer dabei auf den Kopf stellen können, erreicht hätte er nichts, dass gab das politische Gewicht Nachkriegsdeutschlands, zumal zu Beginn der 50er Jahre noch nicht her.



    Wie der Vorposter schon schrieb: Dafür, dass etwas in Kauf genommen hätte werden können, hätte man erstmal in der Lage sein müssen etwas derartiges tatsächlich zu entscheiden. In dieser Position waren aber weder die DDR, noch die damalige BRD, sondern sowas hätte nicht ohne die Zustimmung der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion zu Wege gebracht werden können.
    Andere Gedankengänge räumen BRD und DDR ein politisch eigenständiges Gewicht ein, das beide nicht besaßen.

    Hinsichtlich des Mauerbaus, würde ich viel mehr sagen, dass die Politik Adenauers gerade in der Periode 1961-1963 durchaus plausibel und sonnvoll war, da sich in diesem zeitraum der Konflikt zwischen Ostblock und Westmächten noch einmal massiv zuspitzte (Mauerbau, Kuba, Vietnam) .
    Zu diesem Zeitpunkt war kaum etwas anderes, als eine scharfe Abgrenzungspolitik notwendig. Hierbei muss beachtet werden, dass man sich, wenn man sich dieser entahlteten hätte den Westmächten gegenüber verdächtig gemacht und sich in diese Richtung möglicherweise in politische Schwierigkeiten manövriert hätte.



    Das war aber, wie der Vorposter ebenfalls schon vorweg nahm nur deswegen möglich, weil sich das Verhältnis im kalten Krieg allmählich entspannte. Zu Adenauers Zeit hingegen stand man kurz vor einem potentiellen 3. Weltkrieg. Wer in dieser Zeit allzuweit auf den politischen gegner losgegangen wäre, hätte im eigenen Lager als potentieller Verräter gegolten und auf die Unterstützung der eigenen Vormächte nicht mehr rückhaltlos bauen können. Die DDR noch viel weniger als die BRD, wäre die DDR in diesem Klima ausgeschehrt, wären die wie schon 1953 die Panzer gerollt.


    Die Stabilisierung des DDR-Regimes für sich genommen, würde ich in dieser Weise gar nicht kritisieren. So lange die DDR unter der Fuchtel der Sowjetunion stand und man damit den DDR-Bürgern (so verbrecherisch dieser Staat auch gewesen sein mag) nicht hätte helfen können ohne den dritten Weltkrieg zu riskieren, hätte ein Kollaps der DDR oder ein dortiger Aufstand nur das schrankenlose Walten der sowjetischen Bajonette bewirkt, nicht, dass irgendjemanden weiter gebracht hätte.



    Keine der beiden Ausrichtungen hat direkt dahin geführt, aber ich denke, dass man durchaus sagen kann, dass Brandts/Bahrs Ausrichtung der Ostpolitik Brücken in diese Richtung geschlagen hat.
    Es war sicherlich die untragbare innenpolitische Situation, die die Sowjets letztlich an den Verhandlungstisch zwang, aber es muss auch berücksichtigt werden, dass es bei der ganzen Sache auch eine "Heimatfront" zu berücksichtigen galt, denn die Bewohner der Bundesrepublik mussten letztlich auch bereit sein, einer Einigung in Sachen deutsche Einheit zuzustimmen.
    Das klingt auf den ersten Blick abseitig, ist es in der Form aber, wie ich meine nicht:

    - Die Wiedervereinigung setzte den Definitiven Verzicht auf die ehemaligen Ostgebiete vorraus und damit ein gewisses Maß an Kompromissbereichtschaft.

    - Die DDR-Bürger mussten in die neue Gesellschaft auch Aufnahme finden können. Hätte man einfach 20 Jahre lang fortgesetzt alles hinter der Bundesdeutschen Ostgrenze verteufelt und einen strikten Konfrontationskurs mit allen dazugehörigen Auswüchsen gefahren, wäre das innenpolitische Klima in diese Richttung möglicherweise nicht günstig gewesen.


    im Grunde reflektierst du die Dinge gemessen an dem, was die Schule von dir qua Lernvorgaben verlangen kann schon ganz gut. Statt etwas hinzuzufügen, solltest du vielleicht etwas mehr im Hinterkopf behalten, dass:

    a) Der faktische außenpolitische Spielraum, sowohl der DDR, als auch der BRD sehr eingeschränkt war und sich nach den Beziehungen zwischen den Vormächten USA und UdSSR richtete. Waren die Beziehungen zwischen letzteren besonders angespannt, ging nichts, sonst war etwas Spielraum da, aber der war dennoch nicht allzu großzügig bemessen.

    b) In Sachen Wiedervereinigungsszenarien auch interne Faktoren, wie die außenpolitische Meinung der eigenen Bevölkerung eine Rolle spielen.
     
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wertungen solcher Art sind immer schwierig.
    K. Adenauer war von 1949 - 1963 Bundeskanzler. Der 1. Bundeskanzler der neu gegründeten Bundesrepublik.
    W. Brandt von 1969 – 1974 Bundeskanzler (4. Bundeskanzler) und das in einer Koalition (SPD und FDP).

    Man sollte bei solchen Gegenüberstellungen die Zeit und ihre politischen Herausforderungen sehen.

    Die Zeit von K. Adenauer fiel in die Zeit wo in der UdSSR Stalin regierte. Neue Ostpolitik mit dem – Roten Zar ? -
    Die Zeit wo W. Brandt regierte fiel in die Breschnew-Ära

    Also ich z.B. würde keinen favorisieren. Beide haben aus meiner Sicht einen guten Job gemacht und sich den Problemen ihrer Zeit gestellt.
     

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