Polnischer Thronfolgekrieg unterschätzt?

Dieses Thema im Forum "Kriegsschauplätze" wurde erstellt von Brissotin, 27. September 2018.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Ich habe mich in letzter Zeit ein bisschen mit dem Polnischen Thronfolgekrieg beschäftigt. Früher war ich eher der Auffassung, da das auch manchmal so vermittelt wird, er sei ein recht ereignisloser Manöverkrieg gewesen, der obendrein nur kurz währte.
    Die Ereignisse in Polen bekommen in deutschen Publikationen noch am ehesten Beachtung, da dort Friedrich August II. die polnische Krone errang nachdem er Stanislaus I. Leszczyński vertreiben konnte. Für Polen hatte der Krieg eine enorme Wirkung, da der neue König August III. noch stärker sogar als sein Vater lediglich König von Russlands Gnaden war. Die Kampfhandlungen in Polen waren recht überschaubar.

    Ebenfalls viel Beachtung findet der Krieg im Westen des Reiches. Grund hierfür ist die prominent besetzte Führungsriege. Neben dem damals schon recht alten Prinzen Eugen machten auch die Preußen den Feldzug mit. Friedrich Wilhelm I. und sein Nachfolger Friedrich waren ebenfalls anwesend. Die Preußen schickten trotz vertraglicher Bindung an den Kaiser ihre Truppen nur widerwillig und zu spät. Obwohl der preuß. König dabei war, war entsprechend der Anteil der Preußen am Feldzug im Grunde bescheiden. Die wesentlichen Kampfhandlungen waren Belagerungen wie die der Kreisfestung Kehl bei Straßburg und die von Philippsburg und die Kämpfe bei Mainz. Aufgrund von Krankheiten litten die Truppen des Reiches dennoch erheblich. Das Gefecht bei Clausen an der Mosel beendete die Aktionen auf dem deutschen Kriegsschauplatz. Die Folgen fürs Reich in Deutschland allerdings waren fundamental. Mit dem Übergang Lothringens an Frankreich mittels der Übergangslösung der Herrschaft des Königs Stanislaus wurde die Westgrenze des Reiches in Süddeutschland faktisch an den Rhein zurückgenommen. Das ganze Gebiet schied aus dem Rhein und somit auch der Einflusssphäre der Habsburger aus (Lothringen war eng an Habsburg gebunden - nicht erst mit der Ehe des letzten regierenden Herzogs mit Maria Theresia).

    Ähnlich einschneidend wie der Krieg im Reich für Deutschland wurde der Krieg in Italien für die italienische Geschichte. In beiden Lagern begegnet man während des Feldzuges einige der herausragendsten Protagonisten des künftigen Krieges: Traun, Königsegg, Ghilanyi und weitere auf österreichischer Seite und Carlo Emanuele III von Savoyen, FM Maillebois, Coigny und Broglie auf französischer Seite. Die politische Karte Italiens wurde einschneidend und auf über hundert Jahre verändert. Interessant ist, dass auch die Sympathie der Bevölkerung eine Rolle spielte. Die Österreicher hatten bspw. damit zu kämpfen, dass die Bevölkerung Parmas Anhänger des Hauses Farnese blieb und auch die Neapolitaner die österreichischen Truppen des von Karl VI. eingesetzten Vizekönigs keineswegs unterstützten. Der Krieg in Italien war für die Österreicher eine einzige Katastrophe, die sich in zahlreichen blutigen Niederlagen wie bei Parma und Guastalla widerspiegelt.

    Von den Akteuren her stellt der Krieg auch eine interessante Zeitenwende dar. Viele alte Haudegen wie Mercy, Prinz Eugen, Villars und Berwick, die schon unter dem Sonnenkönig bzw. gegen ihn gedient hatten, machten ein letztes Mal mit und starben während des Krieges.
    Auf Deutsch habe ich bislang nur eine detaillierte Darstellung des Krieges gefunden*. Immerhin liefert das italienische Wikipedia allerhand interessante Details zu Schlachten bspw.. Vielleicht ist in Italien die hohe Bedeutung des Krieges für die italienische Geschichte deutlich bewusster(?).

    * k.u.k. Kriegsarchiv (Hrsg.): "Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen" XIX Band, Verlag des k.u.k. Generalstabes, Wien, 1891
     
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  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bei der strategischen Lage in Italien - zeitgen. Fachleute wie Traun hatten auch schon angemerkt, dass eine Verteidigung Neapels sehr schwierig war - frage ich mich wie Österreich das ohne eine Flotte bewerkstelligen wollte. Während die Spanier das Mittelmeer als eine Art Truppenautobahn verwenden konnten, vermochten die Österreicher nichts dergleichen und das obwohl vor dem desaströsen Türkenkrieg von 1738/39 noch größere Gebiete an der dalmatischen Küste in österreichischer Hand gewesen sein müssen. Die Seemächte hatten ja in den 1720ern Karl VI. Ambitionen aus Österreich eine Seemacht zu machen unterbunden. Das heißt, dass die Heere den umständlichen Weg durch die Poebene und dann durch den Kirchenstaat unternehmen mussten. Dabei waren sie nicht nur auf das Wohlwollen feindlicher sondern auch das neutraler Staaten wie des Kirchenstaates angewiesen, die bei einer Sperrung von Pässen und dergleichen rasch den Rekrutenzufluss zu dem kleinen Heer, das Neapel verteidigen sollte, gänzlich unterbinden konnte.

    Kennt sich da jemand aus, ob es etwa doch eine Flotte gab oder man eine z.B. bei Venedig leihen konnte?
     
  3. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied


    Eine leistungsfähige Flotte verlangt und bindet viel Kapital. Das war m. W. in der Habsburgermonarchie des 18. Jahrhunderts nicht so ohne Weiteres verfügbar. Die für die Kriegführung vorhandenen Mittel wurden ja bereits durch die Landmacht mehr als aufgesogen. Und dass es am Hofe zu Wien eine relevante "maritime community" gab, würde ich eher bezweifeln.

    Dem und dem
    https://de.wikipedia.org/wiki/Österreichische_Marine#Hochseeschifffahrt:_Die_Mittelmeerflotte gab es bis zum Frieden von Campo Formio nichts - danach erst die Flotte Venedigs.
    Die scheint aber mit dem Verfall der Republik mit verfallen zu sein und die venezianischen Schiffsdesigns waren wohl eher rückständig. Andererseits hatte das Arsenal auch für britiske Marineoffiziere auf Europareise immer noch große Anziehungskraft und der Zutritt für Ausländer war m. W. streng reglementiert.

    Eine Machtprojektion über See funktioniert - insbesondere zur Zeit der Kabinettskriege - auch nur mit zuverlässigem Nachschub. Man hätte den Nachschub irgendwie (und von wo?) nach Neapel bringen müssen.

    Das Wetter in der Adria kann sehr kurzfristig sehr biestig werden. Gab es in der Hand der Habsburger genug Schiffsraum (Handelsschiffsraum) für Transport und Nachschub? Wie hätte dieser geschützt werden können bzw. wie hätte man den Seeweg von Venedig/Triest nach Neapel offen gehalten. Der Ausgang der Adria ist relativ leicht zu sperren und von dort bis Neapel musste man auch noch durch die Straße von Messina oder außen um Sizilien rum - lauter Nadelöhre. Hier war - zumindest für den Personentransport - der Landweg womöglich immer noch praktikabler und sicherer.

    Post Schreibulum:
    Nun hab ich die Biographie doch mit großer Freude seit ein paar Tagen im Regal stehen, dann kann ich mich auch draus bedienen: James Trevenen (ein Marineoffizier, der u. a. bei James Cook und James King zur Schule gegangen war), schrieb am 6. Mai 1785 an seinen Bruder u. a., dass er es gar nicht für so clever hält, Geschütze (große Hitze Funkenflug) am selben Ort zu gießen, wo auch Schiffe (Holz, trockenes; Pech, Teer, Terpentin) gebaut werden (=daheim ist's besser),
    dass die Helgen sämtlich überdacht wären (=daheim wird's erst langsam kopiert),
    dass gegenwärtig elf Kriegsschiffe gleichzeitig gebaut würden, davon eins mit 84 Geschützen (= gar nicht wenige und mindestens eines, das um 10 Geschütze stärker bewaffnet war als der gegenwärtige Standardtyp @home),
    dass man im Arsenal permanent unter direkter Obhut eines Führers / Fremdenbetreuers ("conductor") gewesen sei und er sich nicht sicher sei, ob man das ganze Arsenal gesehen habe (falls ja, dann kleiner als daheim), und dass, falls man tatsächlich alles gesehen habe, der Mangeln an Ausrüstungsbestandteilen mit Ausnahme von Tauwerk und Ankern erschreckend sei - er schließt mit einem
    , vulgo: "Die waren auch schon mal besser."
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Oktober 2018
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  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe mich bei dem Arsenale auch gefragt, ob es bei der Geheimniskrämerei im 18.Jh. und evtl. schon im 17.Jh. nicht eher darum ging die eigene Schwäche zu verschleiern. Obwohl sich Venedig noch im 17.Jh. an den Kriegen gegen die Türken beteiligte, scheint Venedig keine bedeutenden Vorteile daraus gezogen zu haben.

    Österreich war ja auf amphibische Aktionen eigentlich angewiesen. Während des Krieges der Quadrupelallianz stellten die Briten bspw. eine Flotte welche ein Übersetzen der österreichischen Armee nach Sizilien ermöglichte, wo die spanische Invasionsarmee bekämpft wurde. Da dann Österreich dauerhaft in den Besitz Siziliens gelangte, muss man spätestens durch den Krieg von 1718-1720 in Wien zu dem Bewusstsein gelangt sein, dass eine Verteidigung Siziliens gegen eine Seemacht wie Spanien von einer Flotte abhing, die man in Neapel oder einem anderen Hafen des Vizekönigreichs unterbringen musste. Man konnte doch nicht davon ausgehen, dass die Briten immer als Verbündete fungieren würden. Vielleicht erklärt diese Erfahrung auch Karls Versuche der 1720er.

    Vielen Dank, Neddy, für die Hinweise auf die Beschaffenheit der Adria und den Zustand der Venezianischen Marine. :)

    Vielleicht erklären diese Zusammenhänge, warum man gemeinhin Österreich wiewohl der Fläche nach bedeutend, aufgrund der zahlreichen Abhängigkeiten unter Karl VI. nicht als Großmacht betrachtet.
     
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  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @Neddy
    Weißt Du wie damals die Piemontesische Marine aussah?

    Das Heer hatte ja einen recht guten Ruf, die Artillerie und das Ingenieurkorps sogar einen sehr guten. Politisch manövrierten die Herrscher immer sehr geschickt zwischen den Fronten. Wären sich Österreich und Frankreich mal einig gewesen, hätten sie gewiss auch leicht das kleine Königreich untereinander aufteilen können. Durch den laufenden Streit der beiden Seiten aber, konnte Savoyen mal als Verbündeter der einen und mal der anderen Seite auftreten. Obendrein ermöglichte der Umstand, dass der König persönlich ins Feld zog diesem den Anspruch auf den Oberbefehl über die verbündete Armee. Diese konnte er dann nach seinem Willen genau so lenken, dass der Verbündete - hier Frankreich - nicht etwa zuviele Erfolge erzielte, welche das Gleichgewicht in Italien tangiert oder gar den Rivalen ganz verdrängt hätte. Nur mit beiden Seiten auf dem Schauplatz konnte Savoyen überleben.
     
  6. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    @Brissotin
    Da muss ich leider passen - ich hätte noch von keiner nennenswerten Piemontesischen Seemacht im 18. Jh. gehört.

    Im Prinzip konnten im westlichen Mittelmeer Briten, Franzosen, Spanier, und insbesondere die Barbaresken schalten & walten wie sie wollten. Neapel-Sizilien hatte noch ein Marinchen. Kirchenstaat, Toskana und Genua hatten mit Sicherheit ebenfalls kleinere Marinen und bestimmt größere als Piemont-Sardinien. Im Seekrieg spielten die aber schon keinerlei (mir bekannte) Rolle mehr. Piemont-Sardinien dürfte - insbesondere was die Raids der Barbaresken anging - mit dem Schutz der Festlandsküste bereits alle verfügbaren Hände voll genug gehabt haben. Die Küste von Sardinien dürfte durch die ortsansässigen Ressourcen in Form von Bevölkerung und industrieller Basis schon praktisch nicht mehr zu sichern gewesen sein.


    Dieser Seite zufolge
    https://www.napoleon-series.org/military/organization/Piedmont/c_piedmont.html
    wurde vor 1792 aus dem Personal der Marine ein aus zwei Bataillonen bestehendes Regiment gebildet. Mit den maximal ca. 2000 Mann, die das gewesen sein dürften, hätte das ein kleines Geschwader mit einer Hand voll kleinerer Fahrzeuge gewesen sein können. Gegebenenfalls hatten die auch noch Galeeren oder später Ruderkanonenboote mit denen ich als Herzug in erster Linie die Ansteuerung von Nizza gesichert hätte. Falls die Ruderer ebenfalls zu Soldaten umfunktioniert worden waren, dürftest Du die bis zu 2000 Mann entsprechend schnell voll gehabt haben. Das ist aber tatsächlich alles nur müßige Spekulation meinerseits bar jeglichen Wissens.
     

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