Reiterei vs. Fußtruppen

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Sossiese, 21. November 2018.

  1. Sossiese

    Sossiese Neues Mitglied


    Hallo,
    mich würde interessieren, unter welchen Gegebenheiten Reiterei (ich denke da an Reitervölker mit Äxten bzw. Bögen) gut organisierten Fußtruppen unterlegen sein konnten. Bitte seid nachsichtig mit mir, ich habe davon wirklich keine Ahnung, finde das Thema aber sehr spannend :) Also, ich stelle mir vor, dass Reiter vielleicht in der weiten Ebene effektiv angreifen konnten, aber dass sie auf beengtem Raum, z.B. in einem Tal, in hügeligem Gelände etc. Probleme hatten. Oder wenn sie in einen Hinterhalt gerieten und zuvor schon lange unterwegs waren (ich meine, so ein Pferd wird ja auch müde und braucht für einen Angriff sicher viel Power ...) Gibt es da vielleicht gute Beispiele aus der Geschichte? Oder wie würdet ihr das grundsätzlich einschätzen? Würde mich sehr über ein paar Antworten freuen. Liebe Grüße!
     
  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Was verstehst du unter Reitervölkern?

    Fränkische Reiterheere? Mitteleuropäische Ritter? Arabische Bedouinen?
     
  3. -muck-

    -muck- Mitglied


    Deine Frage hängt auch von der Region bzw. Kultur und natürlich der Ära ab. Was Europa angeht: Auch wenn der Wissensverlust des Mittelalters gegenüber der Antike regelmäßig übertrieben wird, so darf man doch nicht vergessen, dass es bis weit ins 13. Jahrhundert hinein keine Taktik im eigentlichen Sinne mehr gab. Zumeist (gilt ab dem 11. Jahrhundert) stellten sich die Ritter (schwere Reiterei) in sog. Treffen auf und gingen en bloc aufeinander los; das Fußvolk spielte eine untergeordnete Rolle, wurde bisweilen nicht einmal eingesetzt.

    Dies änderte sich erst, als die an Macht und Reichtum gewinnenden Städte in Konflikte einzugreifen begangen, oder asymmetrische Konflikte auftraten, bspw. in Schottland und der Schweiz. In beiden Fällen stand einer Kriegspartei keine große Reiterei zur Verfügung und man musste neue Wege finden, die damals mächtigste Waffe auf dem Schlachtfeld zu bezwingen. Die Schlacht bei Stirling 1297 und die Sporenschlacht von 1302 sind m.W.n. die ersten großen Gefechte, die Fußtruppen für sich entscheiden konnten. In beiden Fällen lockte man im Prinzip die Reiterei in eine Falle, tötete die Pferde und dann die Reiter.

    Zuvor war es nahezu immer schlecht für das Fußvolk ausgegangen, sowohl gegen schwere als auch leichte Reiterei. Dies zeigen etwa die Gefechte zwischen den Europäern und den einfallenden Mongolen. Jene hatten ihre Taktik über lange Zeit auf ihren Kriegszügen vervollkommnet. Man attackierte die Verteidiger mit Pfeilen und schwenkte dann ab, um den Feind zum Nachsetzen zu ermuntern. Brach die Formation der Verteidiger auf und zerstreute sich, um die "fliehenden" Reiter zu verfolgen, machten diese erneut kehrt und schossen die Wehrlosen nieder.

    M.W.n. bestand Europas Gegenmittel gegen die leichte Reiterei darin, den Männern beizubringen, dass sie auf diese Scheinrückzüge nicht reagieren durften. Bissen die Verteidiger auf den Köder nicht an, geriet nämlich die angreifende leichte Reiterei in Bedrängnis, die nun ihrerseits offen im Felde stand, und kaum eine Chance hatte gegen die schwere Reiterei der Verteidiger, die den Gegenschlag führte.

    Alles in allem spielte leichte Reiterei in Europa eine untergeordnete Rolle, was Du auch daran erkennst, dass man i.d.R. auf fremdländische Söldner zurückgriff, wollte man eine solche Truppe aufbauen, v.a. auf Ungarn und andere Osteuropäer, oder auch auf Iberier aus dem Grenzgebiet zu Maurisch-Spanien, die wie die Muslime kämpften. Gegen gepanzerte Ritter war sie beinahe machtlos, und ab dem 14. Jahrhundert war sie auch keine Wunderwaffe gegen das Fußvolk mehr.

    Man benutzte die leichte Reiterei in der Schlacht v.a. dazu, Flankendeckung zu geben, Aufklärung zu betreiben oder, in Reserve stehend, Momente der Schwäche auf der gegnerischen Seite auszunutzen. Viel häufiger aber wurde sie eingesetzt um Grenzen zu sichern, Verbindungswege offenzuhalten, im feindlichen Hinterland Überraschungsangriffe durchzuführen oder die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.
     
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  4. Sossiese

    Sossiese Neues Mitglied

    Wow, vielen Dank für die tolle, ausführliche Antwort! Und bzgl. der Frage, welche Reitervölker ich konkret meine, sollte ich vielleicht den Hintergrund meines Postings verraten (auch wenn mir der in einem Geschichtsforum etwas peinlich ist ;) ) Es ging ursprünglich um ein Fantasy-Szenario (Rollenspiel), bei dem die Diskussion entbrannt ist, wie ein Küstenvolk ohne nennenswerte Kavallerie gegen ein angreifendes Steppenvolk (à la "Dothraki" aus Game of Thrones ...) bestehen könnte. Ob ein Hinterhalt in hügeligem Gelände zum Beispiel sinnvoll wäre, eine bestimmte Taktik usw. Ich dachte mir, auch Fantasy baut ja oft auf geschichtlichen Ereignissen auf bzw. stützt sich auf Fakten aus der Geschichte. Daher wollte ich diesem Thema auf den Grund gehen.
     
  5. -muck-

    -muck- Mitglied

    Ein "Küstenvolk"? Meinst du bspw. eine Kultur wie die der Friesen? Wieso sollten sie mit einem "Steppenvolk" á la Mongolen zusammentreffen? Die Mongolen ließen Gebiete, in denen sie die Vorteile ihrer leichten Reiterei nicht ausspielen konnten, fast immer links liegen. Warum, das zeigte sich (andere Epoche, aber gutes Beispiel) in der Schlacht bei Hemmingstedt, in der die Dithmarscher Bauern ein hochgerüstetes Heer der Dänen massakrierten, welches in den Marschen hoffnungslos verloren war.

    Ein "Küstenvolk" könnte das Terrain seiner Heimat ausnutzen, das (i.d.R. Marschland) für Reiterei nicht geeignet gewesen wäre. Es könnte Kähne benutzen, um den Feind zu umrunden oder ihm zu entgehen, es könnte sich auf Fluchtburgen auf Inseln etc. flüchten. Nicht umsonst sind die Dithmarschen bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nicht unterworfen worden, und Ähnliches lässt sich über vergleichbare Regionen anderswo sagen, bspw. über die Fenlands, Aquitanien u.ä.
     
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  6. Sossiese

    Sossiese Neues Mitglied

    Finde das total interessant, was du schreibst! Über diese Schlacht bei Hemmingstedt will ich jetzt mal nachlesen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mir so ausführlich zu antworten!
     
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  7. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Fantasy ist häufig vom Mittelalter inspiriert, wobei die Betonung auf inspiriert liegt. Aber Fantasy heißt nicht umsonst Fantasy, weil letztlich alles aus der Phantasie des Autors/Drehbuchautors entspringt und mit der realen Welt - je nachdem - nicht mehr viel zu tun hat.
     
  9. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Eine Möglichkeit: Schutzgeld zahlen. Ist oft billiger als die Alternative, die da lautet: Söldner bezahlen. Praktizieren die Gegner/Opfer der Dothraki in der Fantasy-Vorlage auch...
     

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