Spätantike- Rückschritt oder Fortschritt?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von .dittom., 25. April 2015.

  1. .dittom.

    .dittom. Gast


    Hallo!
    Ich hoffe mal dieses Thema gibt es noch nicht, zumindest habe ich bisher noch nichts darüber gesehen.

    Für eine Präsentation beschäftige ich mich gerade mit dem Thema, ob die Spätantike ein Rückschritt oder ein Fortschritt gegenüber der Antike war (etwas differenzierter: In welchen Teilbereichen gab es Rückschritte/Fortschritte).
    Ich habe mich etwas darüber informiert und stoße eigentlich andauernd auf die selben Informationen:
    Es gab viel mehr Umstürze,Unruhen usw, das römische Reich verlor zunehmend an Einfluss und militärischer Stärke durch Pleiten und ähnlichem (besonders Westrom). Grundsätzlich würde ich sagen, dass es beständig bergab ging,mit einigen wenigen Auffahrten wie z.B die Reformierungen von Diokletian oder Siege gegen andere Völker.
    Mein Hauptproblem hierbei ist, dass sich circa 90% meiner gesammelten Informationen auf die politische Lage/Kriege beschränken, mich aber vor allem Dinge wie das alltäglich Leben, Kunst, Bildung usw. interessieren,ich darüber aber nicht allzu viel finden kann (oder vllt .auch nichts deutliches).

    Gibt es hier Leute die sich gut damit auskennen und mich aufklären könnten, wo die Spätantike im Vergleich zur Antike Fortschritte/Rückschritte gemacht hat?

    MfG: dittom
     
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Im http://www.geschichtsforum.de/f28/verluste-antiker-literatur-33683/ wurde auch schon auf die Rolle der Kirche in der Spätantike hingewiesen. Durch die Edikte Kaisers Theodosius (Dreikaiseredikt ? Wikipedia) wurde das Christentum Staatsreligion. Damit ging allerdings auch ein Verbot heidnischer Kulte einher. Von einigen Forschern (ich hatte im Thread Rolf Bergmeier erwähnt) wird vermutet, dass auch ein Großteil der Bibliotheken und Lehranstalten von christlichen Fanatikern aufgelöst worden sind.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    Sicherlich ist die Lektüre eines Standardwerks wie Alexander Demandt: Geschichte der Spätantike kein Nachteil!

    Wenn du einzig auf besondere Leistungen der Spätantike erpicht bist: Prokop beschreibt ja in seinen Aedificia die Bauwerke Iustinians, zu denen immerhin eine solche Großtat wie die Hagia Sophia gehört (!) (größter Kuppelbau seinerzeit)

    Auch das griechische Feuer, mit welchem Byzanz die Awaren abwehrte, wäre zu erwähnen.
     
  4. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Fortschritte beispielsweise
    - in der Glasbläserei (z.B. zu bewundern im Römisch-Germanischen Museum in Köln)
    - in der (Waffen-)Schmiedekunst (Stichwort Verhüttung, Fabricae)
     
  5. .dittom.

    .dittom. Gast

    Schon mal vielen dank für die nützlichen Antworten!
    Was würdet ihr denn allgemein sagen? In welchen Bereichen gab es eher Rückschritte,wo eher Fortschritte?

    Beispielsweise bin ich der Meinung, dass die Verwaltung ein großer Rückschritt war, man sieht ja wie das Reich immer weiter zerfiel
     
  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Mal ganz provokant gefragt, welches Reich? Oder besser gefragt welches Teilreich? Gerade in der Spätantike sieht man ja wie die Entwicklung auseinander driftet zwischen West (Rom) und Ost (Konstantinopel).
    Vielleicht auch mal Peter Heather, Invasion der Barbaren, lesen. Und was auch nicht schlecht klingt ist "Der Untergang des Römischen Weltreiches", gleicher Autor. Ersteres Buch habe ich gelesen, das 2. ist noch auf meiner Liste zum kaufen und durchackern.

    Apvar
     
  7. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Das ist von der stilistischen Entwicklung her kaum zu beantworten. Der Untergang einer Kultur beginnt mit ihrem Goldenen Zeitalter. Bereits die Auffächerung der Ausdrucksweise kann man als erste Vorzeichen des Verfalls betrachten, d.h. als erste Anzeichen von Desinteresse an der Identität der Gruppe (Tradition), zugunsten von persönlicher Identität (prsl. Anerkennung).

    Die römische Architektur hat von der techn. Entwicklung her kaum nachgelassen. Es gab Änderungen und Weiterentwicklungen.

    Der »opus vittatum« genannte Mauerwerk-Typ wäre ein Bsp. für eine späte Änderung (4. Jh.), aber eigentlich weder als Fortschritt, noch umgekehrt zu betrachten.

    Offensichtlichere Weiterentwicklungen gab es aber in der Wölbtechnik. Das Betongewölbe war nie eine reine Gusskonstruktion zur Kaiserzeit. Die sog. »caementitia«, die im Mörtel eingebetteten Bruchsteine (siehe z.B. Kuppel des Pantheons mit Opus caementitium) waren radial eingebettet, d.h. die Bruchsteine wurden noch als stützende Keilsteine verstanden und der Beton noch nicht als Kunststein gesehen(!). Dies kam erst später. Reine Gusstechniken wurden erst etwa ab dem späteren 2. Jh. angewendet.(Bsp.: Basilika des Maxentius)

    Vielleicht das bekannteste Beispiel von künstlerischem Nachlassen findet sich im Münzwesen. Die Herrscherportraits auf Münzen sind bereits im 4. Jh. uniform und weniger detailliert.
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Einen Rückschritt und einen Fortschritt zugleich gab es auf dem Gebiet des Rechts:
    Einerseits verfiel ab dem fortschreitenden 3. Jhdt. die klassische Juristerei mit ihrem reichhaltigen juristischen Schrifttum hervorragender Juristen. Auch das römische Recht selbst verfiel teilweise und wurde unpräziser und einfacher (was man freilich je nach Geschmack allerdings auch als Fortschritt werten könnte). Andererseits kam es in der Spätantike zu offiziellen Sammlungen von Gesetzen, Entscheidungen und klassischer juristischer Literatur wie dem Codex Theodosianus und vor allem dem Corpus iuris civilis Iustinians, was dem Erhalt des Rechts, der Rechtsvereinheitlichung und der besseren Zugänglichkeit und Bekanntheit diente, aber auch zu einer Konservierung und Hemmung der Weiterentwicklung führte.

    Rückschritte oder Fortschritte - je nach Sichtweise - gab es in der Literatur:
    Z. B. erlebte in der Spätantike das Epos ein "Comeback": Nachdem es in der griechischen Literatur bereits zur Zeit des Hellenismus als veraltet gegolten hatte (eines der wenigen Epen aus späterer Zeit waren die Posthomerica von Quintus von Smyrna) und auch in der lateinischen Literatur nach dem 1. Jhdt. n. Chr. aus der Mode kam, wurden in der Spätantike wieder vermehrt Epen verfasst.
    Ambivalent war die Entwicklung in der Geschichtsschreibung: Einerseits entstanden in der Spätantike noch bzw. wieder einige große Geschichtswerke (teilweise erhalten u. a. das von Ammianus Marcellinus), andererseits aber kamen ausführliche Geschichtswerke zunehmend aus der Mode und wurden von kurz gefassten, knappen "Breviarien" (z. B. Eutropius, Aurelius Victor, Festus Rufus) ersetzt. Obendrein las man statt der umfangreichen Klassiker lieber kurze Zusammenfassungen (Epitome) von ihnen, was zum Verlust z. B. eines Großteils des Werks von Livius beigetragen haben dürfte.
    Ab dem 6. Jhdt. ging es mit der Literatur dann nach und nach quer durch alle Genres endgültig bergab. Historiker wie Zosimos oder Gregor von Tours sind zwar als Geschichtsquellen wertvoll, aber sprachlich-stilistisch können sie mit der antiken Literatur nicht mehr mithalten, und in der Dichtkunst war fast nur noch Venantius Fortunatus hervorragend.

    Auf dem Gebiet des Militärwesens kann man die Spätantike ebenfalls als Rückschritt und als Fortschritt sehen. Einerseits wurde die Ausrüstung der römischen Soldaten einfacher und "barbarischer", andererseits wurde das römische Heer vielgestaltiger. Das klassische Problem, die Schwäche bei der Reiterei, wurde weitgehend überwunden und die Kavallerie gestärkt. Die taktischen Einheiten wurden kleiner und flexibler.

    Einen Rückschritt erlebte die Stellung des Individuums gegenüber dem Staat:
    Auf der einen Seite wurde das Leben des "kleinen Mannes" immer mehr fremdbestimmt (Kolonat, Vererblichkeit von Berufen und gesellschaftlicher Stellung). Auf der anderen Seite aber entzogen sich Großgrundbesitzer und sonstige Reiche immer mehr dem Zugriff des Staates, unterhielten Privatarmeen, zahlten immer weniger Abgaben und entzogen ihre halbfreien Untertanen z. B. dem Zugriff der Armee. Auch eine andere gesellschaftliche Gruppe, der Klerus, wurde privilegiert und ging dem Staat als Einnahme- und Rekrutierungsquelle verloren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. April 2015
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  9. edgar

    edgar Aktives Mitglied

    Alltag ?
    Vielleicht ein Kleidungsstück: Die Hose.
    Positiv: Setzte sich, trotz großer Widerstände, auch bei den Römern durch.
    Negativ: Die gallischen/germanischen Frauen durften sie danach nicht mehr benutzen.
     
  10. Monika

    Monika Gesperrt

    Wie mir bekannt ist, hatte das Christentum als Staatsreligion auch auf die Medizinische Forschung im negativen Sinne eingewirkt, z. B. wurde verboten, an Leichen zu studieren (Leichenöffnungen).
     
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    ja und nein, das Christentum stand der Leichenöffnung ablehnend gegenüber. Allerdings habe ich auch gelesen, dass bereits in der heidnischen Antike Leichenöffnungen verpönt bzw. verboten waren:

    Historische Entwicklung der Forschung am Menschen.

    Leider wird nicht erwähnt, welches die Rechtsquelle für dieses Verbot im alten Rom war.
     
  12. Monika

    Monika Gesperrt

    Im Römischen Reich war das Sezieren der menschlichen Leichen auch verboten???
    Interessant!!
    Ich wußte nur das es im Christentum (Staatsreligion) verboten/verpönt war!
    Danke, Carolus für den Hinweis.

    lg Monika
     
  13. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    @.dittom,: Ich weiß nicht, wie Du Spätantike zeitlich nach oben und unten abgrenzt, und welches Dein geographischer Bezugsrahmen ist. Wenn er die Germania mit umfaßt, sind sicherlich die Verbreitung des Roggenanbaus, und die Anfänge der Dreifelderwirtschaft wesentliche Fortschritte im Hinblick auf die Ernährungssicherung während der im 3. Jhd. einsetzenden Klimaverschlechterung (Abkühlung). Die Anfänge des Roggenanbaus liegen früher, vor der Zeitenwende, und im heutigen Polen/ Baltikum, sein Aufstieg zur Hauptfrucht der "Barbaren" fällt jedoch erst ins 3./4. Jhd.
    Grundsätzlich war in der Völkerwanderungszeit, und wohl auch schon in der Spätantike, die Ernährungssituation Mittel- und Westeuropas sehr viel besser als in der Frühantike - hier verzerrt die Fixierung auf römische Eliten das Gesamtbild stark. Allerdings muß man auch berücksichtigen, daß nach den großen Epidemien des 2./ 3. Jhd. (Antoninische Pest etc.) im römischen Reich (nicht in der Germania!) deutlich weniger hungrige Mäuler zu stopfen waren, und es, ebenfalls klimabedingt, südlich des Mittelmeers ernährungsmäßig tendenziell abwärts ging.
     
  14. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Hallo

    ich weiß, man sollte alte Beiträge (Leichen) ruhen lassen, aber ich habe zur Leichenöffnung folgende Frage:
    Wieso gibt es anscheinend 2 Lehrmeinungen unter Historikern, was das verbot der Leichenöffnung im MA angeht?
    ich habe jetzt schon mehrmals die Meinung gehört, zuletzt in einer Sendung von ZDF-Neo von einem Prof. für Medzinhistorik aus Frankfurt/M., das dieses Verbot sich nur auf Geistliche bezog, anderen Ständen dies aber erlaubt war und das selbst in Unistatuten dieser Zeit (also MA) eine gewisse Anzahl an Sektionen pro Semester vorgeschrieben war.
    Was iost also richtig und wieso kommt es hier zu 2 diametralen Meinungen ? Quellen nicht gelesen, sondern einfach Meinung A von Autor A kritiklos übernommen ?

    mfg
    schwedenmann
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das lateinische Mittelalter dauerte 1000 Jahre. Und obwohl wir von einer weitgehend gemeinsamen Ideologie - nämlich dem kathol. Christentum - ausgehen können, ist es durchaus möglich, dass es hierzu - auch zeitgleich - verschiedene, sich sogar widersprechende Auffassungen gab. Wobei auch ich nur die Variante kenne, dass die Leichenöffnung verboten gewesen sei. Begründet mit Ezechiel/Hesekiel 37.
    Im Widerspruch dazu stand natürlich das Wissen um die Verwesung auch über die Knochen hinaus, der Umgang mit Reliquien oder auch das mos teutonicus, also das Verfahren, welches man anwandte, um die Gebeine Verstorbener für die Bestattung in die Heimat zurückzutransportieren, ohne vom Verwesungsgeruch behelligt zu werden: Ein Verfahren, das Fleisch des Verstorbenen vom Körper zu lösen.
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Desintegration des Römischen Reiches setzt nach Theodosius (379–95) ein. Er war der letzte Kaiser, der die Zügel des gesamten Reichs in seiner Hand hielt, obgleich seine Alleinherrschaft kaum ein Jahr gedauert hatte. Auf seinen Tod fogte der Prozess des Niedergangs, der nie wieder rückgängig gemacht werden konnte. Insofern steht Theodosius "der Große" an einer ganz anderen Stelle der Entwicklung als Diokletian und Konstantin.

    Die von Theodosius hinterlassene Dynastie regierte im Westen bis 455, im Osten bis 450. Die Herrscher dieser Zeit erwiesen sich als politisch unfähig: Honorius (395–423) und Valentinian III. (423–455) im Westen sowie Arcadius (395–408) und Theodosius II. (408–450) im Osten zählten als politische Potenzen überhaupt nicht, sondern waren Nullen. Zudem gelangten sie alle als Kinder und Jugendliche zur Regierung. Zeitlebens kamen sie kaum über die Gemächer ihres Palastes, geschweige denn über ihre Resiedenzstadt hinaus, also über Ravenna im Westen und Konstantinopel im Osten.

    Ganz fern lag ihnen der Gedanke, an die Spitze eines Heeres zu treten, und das zu einer Zeit, als der Feind nicht mehr an der Grenze stand, sondern sein Lager mitten auf dem Reichsboden aufgeschlagen hatte.– Dieser unfähigen Familie war das Geschick des Römischen Reichs in der kritischsten Phase anvertraut, die es jemals erlebt hatte.

    Zu dieser politischen Unfähigkeit – ja Lähmung – an der Staatsspitze kamen die verheerenden ökonischen Daten hinzu. Die Reichsbewohner sahen sich einer unerträglichen Steuerlast gegenüber, was besonders die Landpächter, die Kolonen, traf. Zwar hatte sie der Staat durch Gesetze an die Scholle gefesselt, doch flüchteten immer mehr Menschen, sodass um 400 weite Landstriche verödet waren.

    Nimmt man das alles zusammen, so standen Wirtschaft und Gesellschaft am Rande Zusammenbruchs, oder befanden sich bereits mitten darin. Die finanzielle Situation des Reichs wurde immer hoffnungsloser und die Staatsflucht äußerte sich in einer völligen politischen Apathie der Bevölkerung.

    Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Germanenreiche auf römischem Boden – Burgunder, Ostgoten, Westgoten, Wandalen usw. – den Sturz beschleunugten, da Widerstandskräfte kaum noch vorhanden waren. Die Absetzung des letzten (west)römischen Kaisers durch Odoaker im Jahr 476 markiert eigentlich nur noch das unspektakuläre Ende eines langjährigen Prozesses.
     
  17. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich habe zwar auch Sympathien für Herrscher, die selbst in die Schlacht ziehen und ihr Leben riskieren statt in Sicherheit im Palast zu sitzen und nur ihre Soldaten bluten zu lassen. Aber die Fähigkeit eines Herrschers würde ich daran nicht festmachen, auch nicht das militärische Potential des Reiches. Nehmen wir nur Augustus, der nur an wenigen seiner zahlreichen Kriege selbst teilnahm. Die Eroberung Britanniens klappte auch ohne Claudius, der persönlich nur einen kurzen Ausflug auf die Insel machte. Oder denken wir an Iustinianus I., der keine der großen Eroberungen unter seiner Herrschaft selbst vornahm. (Als hingegen im nächsten Jahrhundert Konstans II. persönlich gegen die Langobarden zog, ging das gehörig daneben.)
    Wenn ein Herrscher selbst an der Spitze seines Heeres steht, besteht außerdem immer das Risiko, dass er gefangengenommen wird oder fällt, und das kann das Reich erst recht in die Krise stürzen. (Diese Sichtweise gab es übrigens durchaus schon in der Antike: So tadelte bereits der athenische Redenschreiber Isokrates den Makedonierkönig Philipp II., dass dieser im Krieg zu viele persönliche Risiken eingehe, obwohl sein Tod ein schwerer Schlag für sein Reich wäre.)
    Wenn ein Herrscher selbst an der Spitze seines Heeres steht, bedeutet das außerdem noch lange nicht, dass er als Feldherr auch etwas taugt. Eine Niederlage kann nicht nur zur Katastrophe für das Reich werden, sondern auch die Autorität des kommandierenden Herrschers irreparabel beschädigen. Falls es fähige Feldherrn gibt, macht es durchaus Sinn, ihnen das Kriegführen zu überlassen (wenngleich dann das Risiko einer Usurpation besteht). Dass z. B. Nero das Kriegführen im Osten lieber dem Feldherrn Corbulo überließ, war bestimmt kein Nachteil für das Reich. Die Theodosianische Dynastie verfügte mit Leuten wie Stilicho und Aetius auch über brauchbares Personal.

    Die Schwäche der Dynastie bestand eher darin, dass die Kaiser ihre Hofkamarilla nicht im Griff hatten und viel Potential und Ressourcen auf interne Intrigen und Rivalitäten verschwendet wurden.
     
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  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich stimme ja durchaus Dieter zu, insofern, als Theodosius und seine Nachfolger tatsächlich schwache Kaiser waren.

    Aber es ist die Frage, ob selbst stärkere Persönlichkeiten die Herausforderungen hätten meistern können.

    Wenn wir die Zeit der Reichskrise nehmen, so finden wir da eine Menge sehr tüchtige Kaiser. Gemessen an den riesigen Problemen mit denen etwa Aurelian konfrontiert war und die kurze Zeit von 5 Jahren in denen er regierte, war seine Erfolgsbilanz enorm. Unter Gallienus erreichte die Krise ihren Höhepunkt, aber schon dass er sich halten konnte, war viel. Von vielen seiner Reformen konnte et nicht mehr die Früchte ernten. Auch Kaiser wie Philippus Arabs und meinetwegen auch Alexander Severus halten durchaus den Vergleich mit Kaisern aus dem 1. und 2. Jahrhundert aus.

    Im 1. und 2. Jahrhundert konnte es sich ein Kaiser leisten, nicht viel mit dem Militär am Hut zu haben. Marcus Aurelius war ein tüchtiger Kaiser, ein fleißiger Administrator. Ich bezweifle ob sich eine solche Persönlichkeit 50-70 Jahre später hätte behaupten können. Die Legionen waren schon zu seiner Zeit nicht mehr, was sie unter Trajan gewesen waren. In der Reichskrise und danach hatten etliche Legionäre nur noch mündlich das kleine Latinum, schreiben konnten viele nicht mehr. Rekruten aus den Provinzen waren sicher zäh und auch tapfer, die urbane römisch-hellenistische Monarchie konnten sie nicht oder kaum mehr verbreiten. Zu Zeiten Trajans und auch noch etwas später, war es eine Ehrensache, wenn ein Vermögender Ämter übernahm, seinem Municipium, seiner Polis oder Colonia eine Stiftung vermachte, Im 3. Jahrhundert war vermögen ein Fluch geworden, keiner wollte mehr Decurio werden. Das was Diocletian und Constantin gelang, war eine Reanimierung und Konzentration der noch vorhandenen Kräfte. Aber es brachen überall die Dämme, die Herausforderungen wuchsen. Die Decke war überall zu kurz geworden. Jedes Reich, jede Kultur hat wie ein Organismus eine Lebensspanne.
    Wenn wir zu sehr auf die Person an der Spitze auf die Kaiser sehen, deren fraglose Defizite betonen, gehen wir vielleicht einer Dekadenztheorie auf den Leim.

    Die Sammlung der Pandekten Justinians, die Sammmlung und Kodifizierung römischen rechts war eine beachtliche Leistung, auch wenn das wie @Ravenik betonte schwer den Vergleich mit dem 1.2. Jhd. aushält. Ammianus Marcellinus hält den Vergleich mit Tacitus aus, und Prokopios von Caesarea den mit Thukidides, aber das Imperium hatte einfach den Talles.
     
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  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Untergang Westroms ist ein vielschichtiges und mehrdimensionales Problem, bei dessen Entwirrung Schlachten und Armeen nur einen Faktor von mehreren bilden.

    In der Spätantike und im Mittelalter sah man mögliche Erklärungen im Verfall alter römischer Werte und Tugenden und in der Vergänglichkeit irdischer Macht. Ein Staat, so glaubte man, würde wie ein lebender Organismus nach der Geburt einen kraftvollen Höhepunkt erreichen, schließlich aber dem Zerfall und einem unaufhaltsamen Tod entgegengehen (Dekadenztheorie).

    Dieses Denken in moralischen und christlichen Kategorien hat die moderne Geschichtswissenschaft natürlich in vieler Hinsicht erweitert. Heute besteht kein Zweifel daran, dass soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme des spätantiken römischen Staats ebenso für seinen Niedergang verantwortlich sind, wie die äußere Bedrohung durch die germanische Völkerwanderung.

    Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Niedergang der Landwirtschaft und eine unerhörte steuerliche Belastung, die die Kosten der Reichsverteidigung und andere staatliche Leistungen aufbringen sollte. Die Steuerreform des Diokletian verstärkte den Druck auf die Reichsbewohner, die sich inzwischen einer übermächtigen Bürokratie und unerträglichen Steuerlast gegenüber sahen. Besonders hart traf es die Landpächter, die Kolonen. Zur Verhinderung der Landflucht fesselte sie der Staat durch Gesetze an die Scholle und erzwang damit - oft vergeblich - die Bebauung des Landes und Steuerzahlungen.

    Die städtischen Eliten verarmten inzwischen, da der Staat alle Leistungen auf die Kommunen abzuwälzen suchte und dafür städtische Senate und Bürgermeister in Haftung nahm. Das führte schließlich dazu, dass sich niemand mehr für den römischen Staat verantwortlich fühlte, der nur noch als immense Belastung im täglichen Leben wahrgenommen wurde.

    Als nach dem Hunneneinfall germanische Völker auf die Reichsgrenzen vorrückten, trafen sie im Raum des Weströmischen Reichs auf eine zerrüttete Landwirtschaft mit unzureichender Nahrungsbasis, stellenweise entvölkerte Regionen mit unbebauten Äckern sowie niedergehende Städte. Die Armee bestand sowohl diesseits als auch jenseits der Reichsgrenze aus vielfach unzuverlässigen Barbaren - abgesehen von den Führungskadern - , und an der Spitze des Staates standen entweder Kinderkaiser, die oft korrupte oder unfähige Vormünder hatten, oder rasch wechselnde Kaiser von Gnaden des Militärs.

    Diese totale Desintergration Westroms, hervorgerufen durch unterschiedliche Faktoren, bewirkte damit zwangsläufig seinen Untergang. Es ist bezeichnend, dass das Oströmische Reich, das innenpolitisch und wirtschaftlich stärker gefestigt war, noch eine weitaus längere Lebensdauer hatte.
     
  20. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich bin eigentlich kein Freund von "Was wäre wenn"-Spekulationen, glaube aber nicht, dass der Untergang des westlichen Reichsteils im 5. Jhdt. zwangsläufig war, auch wenn es im Rückblick so scheinen mag.

    Im 3. Jhdt. war das Reich kaum besser dran: Die Wirtschaft war, vor allem durch die Münzkrise, schwer angeschlagen. Zahlreiche kurzlebige Kaiser kämpften gegeneinander statt gegen äußere Feinde. Und das in einer Zeit, als nicht nur der Druck durch die sich formierenden germanischen Großstämme deutlich zunahm, sondern dem Reich im Osten mit den Sassaniden auch ein gefährlicherer Feind entstanden war als es davor die Parther waren. Bereits im 3. Jhdt. kam es zu massiven Einbrüchen ins Reichsgebiet, u. a. durch Goten und Alemannen, und ganze Reichsteile gingen zeitweise verloren. Bereits im 3. Jhdt. war die wirtschaftliche und soziale Unzufriedenheit groß, wie sich z. B. an den Umtrieben der Bagauden zeigte.
    Und dennoch gelang es im 3. Jhdt., das Reich wieder zu stabilisieren, die Invasionen zurückzuschlagen und die meisten verlorenen Reichsteile zurückzugewinnen.

    Auch im 5. Jhdt. bewiesen Feldherrn wie Stilicho und Aetius, dass das Reich noch siegen konnte. Es gab auch noch durchaus fähige Kaiser wie Maiorianus. Die Rückeroberung der Mittelmeerinseln und Africas von den Vandalen durch die kombinierte west- und oströmische Marineoperation unter Basiliskos hätte klappen können. Vielleicht hätte das Westreich, wenn auch in verkleinertem Umfang, die Krise dann überstehen können ähnlich wie das Ostreich seine schwere Krise im 8. Jhdt. überstand, als fast der ganze europäische Teil verloren war und es innerlich durch den Bilderstreit zerrüttet war.
     
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