Tageskalender

Zarenmord 1881
13. März (1. März julianischer Kalender).

Heute, vor 145 Jahren:

Der Zar Alexander II befindet sich in einer Kutsche auf dem Weg zum Winterpalast in St. Petersburg.
Es lauern Attentäter. Vier davon sind beweglich und zwei sind fest installiert.
Letztere betreiben in der Hauptstadt zum Schein eine Käsehandlung von der aus ein Tunnel unter die Straße gegraben ist und eine Mine installiert. Diese soll vom Laden aus elektrisch gezündet werden; sobald sich die Kutsche des Zaren darüber befindet.
Das ist durchaus technisch anspruchsvoll zu einer Zeit als es zwar schon den Telegrafen gibt, aber noch keine elektrische Glühbirne. Man hat einen Induktionsapparat organisiert.
In der langen Nacht vor dem Zarenmord haben Kibaltschitsch und zwei weitere Genossen im Lampenschein und bei brennendem Kaminfeuer auch insgesamt vier Wurfbomben hergestellt. Vera Figner hilft bis 1 Uhr mit, überredet die Perowskaja sich schlafen zu legen. Sie soll für den großen Tag fit zu sein.
8 Uhr morgens sind die vier Wurfbomben gebaut und werden geliefert.
Sofern der Minenanschlag vor dem Käseladen nicht zu Stande kommt, sind vier Bombenwerfer bereit.
Sollten auch diese nicht zum Ziel gelangen, so soll sich einer mit dem Dolch auf den Zaren stürzen um dem Herrscher des verhassten Staates selbstmörderisch das Ende zu bereiten.

Gewöhnlich wählt der Alexander den Weg über den Newski-Prospekt, doch nun nimmt er die Strecke am Katharinenkanal. Eilig also dirigiert die Terroristin Sofia Perowskaja die Attentäter um, nachdem es ihr gelungen war dessen Route auszuspähen. Sie ist die Tochter des vormaligen Gouverneurs der Hauptstadt des Russischen Reiches.
Und sie leitet die Durchführung des Projektes.
Unmittelbar vorher hatte das Exekutivkommite des "Volkswille" (Narodnaja Wolja) beschlossen diesen Versuch am 1. März (13. März greg. Kalender) zu wagen.
Es ist der siebte Versuch dieser Organisation den Zaren zu morden. Sie gibt sich im Juni 1879 eben diesen Gründungsnamen: "Volkswille".
Wie die Berserker und geradezu todesverachtend arbeitet diese Gruppe daran ihren Gründungs- Beschluss umzusetzen: Die Ermordung des Zaren. Denn darin bestünde, ihrer Vorstellung und Vorgabe nach, die einzige Chance dem menschlichen Elend im Lande ein Ende zu bereiten.
Gelänge es nur den Zaren zu töten, es wäre der Auftakt zu Menschenwürde und Gerechtigkeit.
Und tatsächlich ist das Volk elend und so unsagbar arm, wie die sehr dünne Elite unsagbar reich.

Vera Figner ist Gründungsmitglied und Führungsmitglied. Sie entstammt, wie die anderen auch, dem Adel.
Sie beschafft Geld, knüpft Netzwerke, transportiert Dynamit, bringt einen Terroristen in die Position eine Mine unter die Schiene zu legen.
Der Zar indes nimmt eine andere Route. Aber auch da liegt eine Bombe.
Glück gehabt Alexander. Er befindet sich im vorausfahrenden Zug. Die Narodnaja Wolja vermutet ihn im nachfolgenden Zug der gesprengt wird.
Der Britische Militärattaché Wellesley beschreibt eine Reise des Alexander von St. Petersburg nach Moskau so, dass eine solche auf einer schnurgeraden Bahnstrecke erfolgte, welche von einer ganzen Armee gesichert wurde.
Auch sind Attentate auf Minister, Gouverneure, Stadtkommandanten, Generäle, Gendarmeriechefs usw. zu dieser Zeit zahlreich,
Dynamit kann bereits verwendet werden.

Der Kibaltschitsch ist auch gleich dabei. Ein Wissenschaftler, wie Vera Figner schreibt, dem es recht rasch, noch im Gründungsjahr gelingt einige Pud (1 Pud ca. 16 kg) Dynamit im Heimlabor herzustellen. Dies zusammen mit ein paar unerschrockenen Genossen der "unmittelbaren Todesgefahr" ausgesetzt.
Anders kann man sich das ja auch nicht vorstellen, denn Dynamit wurde erst 12 Jahre vorher patentiert durch Alfred Nobel und die Herstellung des Vorprodukts Nitroglyzerin ist hochgefährlich, wie auch die Technik des Zünders problematisch ist.
Todesmutige Bastler und der Chemiker Kibaltschitsch machen sich ans Werk, und produzieren in einer Wohnung den modernsten Sprengstoff der Zeit.

Es werden auch Läden eröffnet um von diesen aus Tunnel unter Straßen zu graben, die Kutsche oder Schlitten des Zaren queren würde.
Es wird gerechnet, spioniert, spekuliert und gemordet.
Falsche Ehen, falsche Pässe und Scheingeschäfte, und stets ist die Geheimpolizei Ochrana auf den Fersen. Und die Verluste sind hoch.
Nicht nur bei den Terroristen, den tatsächlichen Kindern der angegriffenen Herrschaftselite.

Bereits Februar 1880 gelingt es gar im Winterpalast eine große Bombe im Keller unterzubringen und zu zünden.
Die Zarenfamilie ist im ersten Stock zu Tisch gegangen als die Wände wackeln und das Geschirr zu Boden fällt, der glücklich hält. Die Hoffnung der Narodnaja Wolja (Volkswille) es würde die ganze Zarenfamilie von den herabstürzenden Wänden erschlagen werden, erfüllt sich nicht.
Doch die darunter befindlichen Leibgarden liegen tot in den Trümmern.
Die Züge des Zaren werden gesprengt, es wird auf ihn geschossen und nun ist er nicht einmal mehr in den eigenen Wänden sicher.
Die Entschlossenheit und Opferbereitschaft dieser Gruppe ist unglaublich. Und sie ist nicht als einzige hinter dem Zaren her.
Bereits seit 20 Jahren heften sich Attentäter an seine Fersen.

Der Zar, der Reformzar, der Zar der die Leibeigenschaft aufhob, der Justiz ungekannte Selbstständigkeit bescherte, Zensuren lockerte, doch leider einen dummen Krieg 1877/78 gegen das Osmanische Reich führte, dieser Alexander II, ist eine besonders große Zielscheibe politischer Mörder, die man damals Anarchisten und Nihilisten nannte.
Der Mann, der es wagte längst überfällige Reformen in Angriff zu nehmen, wird vom Attentätern gejagt wie kein anderer.

Der Alexander ist auf dem Weg zu Winterpalast. Als er am Katharinen-Kanal entlang fährt schleudert einer der von Sofia Perowskaja dahin gelenkten Attentäter seine Bombe auf die Kutsche des Zaren.
Diese bricht durch die Explosion zusammen.
Die Verwirrung ist groß und die Kosaken, die Schutztruppe des Zaren, sind durch ein Handgemenge im Umfeld abgelenkt, als der Zar aus der zerstörten Kutsche steigt und ihm ein zweiter Attentäter eine weitere Bombe vor die Füße wirft.
Dem unglücklichen Zaren werden die Beine zertrümmert und ein Fuß abgerissen.
Er wird eilig in den Winterpalast gebracht wo er stirbt, in Gegenwart seines Sohnes, nun Alexander III, der den furchtbaren Anblick des sterbenden Vaters nicht vergessen wird.
Ermordet von denen, die sich von allen Zaren doch am ehesten mit dem Alexander II hätten arrangieren können.

Sofia Perowskaja wird öffentlich hingerichtet werden als Frau, was in der russischen Kultur ungewöhnlich genug ist um Aufsehen zu erregen.
Als erste "Politische Verbrecherin" und noch dazu als die Tochter des ehemaligen Gouverneurs von St. Petersburg.
Kibaltschitsch und andere Attentäter teilen ihr Schicksal auf der Galgenbühne.

Vera Figner, Entscheiderin und Planerin, kann zunächst fliehen, doch schließlich verhaftet, zum Tode verurteilt, vom Sohn des ermordeten Zaren zu lebenslanger Haft begnadigt.
Davon wird sie 20 Jahre im Hochsicherheits-Gefängnis Schlüsselburg verbringen und 1905 in die Verbannung entlassen.
Sie wird ein Buch schreiben das sehr lesenswert ist, ja sogar literarische Qualität hat.
Und manches begreiflich macht.
Sie wurde zu einer kalten Ikone der Sowjetunion, und hat wahrscheinlich nie verstanden wie schädlich ihr mörderisches Wirken und das ihrer Genossinnen in ihrem Sinne war.

Das Zarenreich wurde nicht gestürzt und Alexander III wird eine stabile Herrschaft ausüben, doch den Reformweg des Vaters, wenig überraschend, nicht weiterführen.
Die Polarisierung in der Gesellschaft aber nimmt zu und schließlich lebt die uralt gewordene Vera Figner noch während des Höhepunkts des Stalinismus der ungleich grausamer ist, als der relativ gute Zar den sie auf dem Gewissen hat.
Sie stirbt 1942 kurz vor ihrem 90. Geburtstag.

Der ermordete Alexander wird 63.
Sein Sohn wird die Reformen beenden und sein Enkel Nikolaus II mitsamt seiner Familie in einem Keller erschossen werden.
Die Hoffnung der Vera Figner und der Narodnaja Wolja die Romanows auszulöschen wird sich endlich erfüllen, doch das russische Volk in noch weit größere Sklaverei geraten.

Kann es ein traurigeres Ende geben?
Es ist als sei das Schicksal der Welt wieder einmal falsch abgebogen,
... heute vor 145 Jahren am 13. März 1881.

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Verwendete Quellen:

Baberowski, Jörg (2024): Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich. München: C.H. Beck.

Wellesley F. A. (1905): With the Russians in Peace an War. Recollections of a military attaché. London: Eveley Nash.



Figner, Vera Nikolaevna (1988): Nacht über Rußland. Lebenserinnerungen einer russischen Revolutionärin. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (Rororo, 5974).

Schmieding, Walther (1979): Aufstand der Töchter. Russische Revolutionärinnen im 19. Jahrhundert. München: Kindler.

..
eine Presseschau des Folgetages mag man gern bestaunen.
Auch den der USA.
Seit Ende der 1870er funktionieren sogar Transatlantikkabel.
In den Zeitungsarchiven wird man fündig und der Mord am Alexander ist stets auf Seite 1.

...verlink ich gerne
 
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1861: Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten, verhängt im vor wenigen Tagen angebrochenen Sezessionskrieg eine Seeblockade gegen die Konföderierten Staaten von Amerika. Der von Winfield Scott erarbeitete Anakonda-Plan wird zu einer der erfolgreichsten Blockaden aller Zeiten.
 
Queen Elizabeth II. wäre heute 100 geworden.

(Ich hatte eigentlich ziemlich fest damit gerechnet, dass sie dieses Alter noch erlebt - und dann immer noch Königin ist.)
 
21. April

Gründungstag von Rom 753 v. Chr.

100. Geburtstag der späteren Queen Elizabeth II. (1926 geb.)

10. Todestag des Musikers Prince (2016 verst.)

1. Todestag von Papst Franziskus (2025 verst.)
 
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