Trägt Harden eine Mitschuld am 1.Weltkrieg?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Alpha, 8. Juli 2018.

  1. Alpha

    Alpha Mitglied


    Wie wichtig war die Harden-Eulenburg-Affäre und die daraus folgende radikalisierung der kaiserlichen Kamarilla für den Ausbruch des 1. Weltkrieges?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Völlig unbedeutend!
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Als ich den Eingangspost las, musste ich unwillkürlich an eine Fernsehdokumentation denken, die unter dem Titel des "Kaisers schmutzige Wäsche" lief, die soweit ich weiß auch noch online zu sehen ist.

    Die Doku war an sich gar nicht so schlecht gemacht, insofern sie für ein historisch wenig geschultes Publikum, bei dem man die politischen und historischen Hintergrundkenntnisse um das "persönliche Regiment" Wilhelms II. und den Einfluss der sogenannten "Liebenberger Tafelrunde" kaum voraussetzen konnte leicht verständlich zusammenfasste.

    Zu kritisieren war die Dokumentation in ihrem Tenor, dass unterschwellig angedeutet wurde, dass der recht eindeutig homoerotisch angehauchte Liebenberger Kreis pazifistisch ausgerichtet gewesen sei, und durch Eulenburgs Sturz den "Falken" die einen Kriegskurs die Bahn geebnet worden sei.

    Harden war einer der einflussreichsten Journalisten im deutschen Kaiserreich. Er war keineswegs ein Befürworter eines militaristischen Kurses und eigentlich auch kein fanatischer Gegner des § 175 der Homosexualität mit hohen Strafen bedrohte. Viele Zeitgenossen und Kollegen waren damals der Meinung, dass Harden zu weit gegangen war.

    Harden hatte sich für den Prozess sehr gut vorbereitet und er hatte Rechercheure aus höchsten Kreisen. Es wurde zuweilen gemunkelt, dass er Informationen von Friedrich von Holstein erhielt. Eulenburg und Kuno von Moltkes Homosexualität war in Insiderkreisen bekannt. Es gab einmal einen Fall, dass ein hoher Offizier einen Hewrzinfakt erlitt, als er sich ein Balettröckchen angezogen hatte. Das wurde natürlich alles vertuscht und Einzelheiten waren vor einem preußischen Gericht nie zur Sprache gekommen. Harden hatte aber herausgefunden, dass Eulenburg mit zwei Fischern vom Starnberger See mastubiert hatte. Eulenburg war so unvorsichtig gewesen, dass er, eigentlich völlig unnötig geschworen hatte,, er habe niemals Schmutzereien begangen.

    In Preußen hätte man Harden auseinandergenommen, er hatte es aber so eingerichtet, dass in Bayern verhandelt wurde, und Eulenburg war danach unten durch.

    Harden hatte Eulenburg sozusagen zur Strecke gebracht, und er war , wie gesagt einer der einflussreichsten Journalisten. Die Ausgangsfrage ist aber ein klassischer Zirkelschluss.

    Hätte Harden nicht Eulenburg fertiggemacht, hätte der schöngeistige, friedliche "Phili" Einfluss auf Willi ausüben können, dass der keinen Blankoscheck ausgestellt hätte, dann hätte es keinen Weltkrieg gegeben. Die Liebenberger Tafelrunde brauchte keinen Weltenbrand, die waren schon warm genug- wie Harden einmal in der Zukunft sagte.

    Nichts wäre falscher, als anzunehmen, dass die Liebenberger Tafelrunde pazifistisch gesonnen war. Im Gegenteil, es handelte sich um preußische Adelige mit recht reaktionären Ansichten. Die haben ganz sicher nicht mäßigend auf Wilhelm II. eingewirkt. Im Gegenteil! Sie haben selbst noch die geschmacklosesten Zoten und "Späße" ihres Herrn beklatscht, haben ihn bestärkt darin, ein persönliches Regiment auszuüben. Sie waren so eher mitverantwortlich dafür, dass Wilhelm II. Deutschland um Kopf und Kragen redete. Sie haben eine byzantinistische Atmosphäre geschaffen, in der kein kritisches Wort zu hören war, haben Anteil daran, das Wilhelm sich in allem kompetent fühlte, zu allem und jedem seinen- meist in höchstem Maße inkompetenten-Senf dazugab. Da waren die Hunnenrede, als Willi die nach China ausziehenden Soldaten zurief, sie sollten keinen Pardon geben und sich aufführen wie die Hunnen, dass noch in 100 Jahren kein Chinese es wagt, einen Deutschen nur scheel anzusehen. Da war die Daily Telegraph-Affäre, als Wilhem mal wieder der Quayssel ungefiltert auslief und er sich zu der These verstieg, dass er der einzig probritisch gesonnene Deutsche sei. Die Rede hatte Reichskanzler Bülow aber gelesen und genehmigt. Da waren tausend dumme Reden und Peinlichkeiten von "trockenem Pulver" und der "schimmernden Wehr", tausend Phrasen, Toaste und peinliche Taktlosigkeiten, und der "Liebenberger Kreis" hat dazu Beifall geklatscht, sich kaputtgelacht, Wilhelm II. bestärkt darin, genauso weiter zu machen. Die waren genauso gepolt wie der Kaiser, genauso beschränkt, deshalb waren sie ja auch seine Freunde. Wenn dann allerdings einer zu Fall kam wie Eulenburg, über den Bismarck sagte, dass er als Diplomat auf keinem verantwortlichen Posten einsetzbar sei, zu Fall kam wie bei der Eulenburg Affäre, dann hat "seine Majestät" ihn gnadenlos fallengelassen. Eulenburg war doch immerhin sein Freund und Mentor gewesen. Er war nach der Affäre gesellschaftlich erledigt. Denn schwul sein konnte man als Aristokrat natürlich in Preußen sein, und Wilhem II. und andere Hohenzollern hatten ziemlich eindeutige homoerotische Neigungen, aber erfahren durfte es natürlich keiner, es durfte nicht ins Gespräch kommen. Kaum etwas wäre falscher, anzunehmen, dass Angehörige der Liebenberger Tafelrunde pazifistische Neigungen hatte, selbst wenn sie sie gehabt hätten, hätte von denen keiner das Format gehabt oder auch nur den Wunsch dazu, Wilhelm II. in irgendetwas zu mäßigen. Dazu hätten sie viel zu viel Angst gehabt, dass ihnen der Monarch die Gunst entzieht. Kritik oder offene Worte gab es um Wilhelm II. nicht, und deshalb hat er sich auch diesen Freundeskreis gewählt.

    Harden glaubte, durchaus nicht zu Unrecht, dass der Einfluss dieser Kamarilla ein schlechter und unheilvoller sei. In den Mitteln, Männer wie Eulenburg zu Fall zu bringen, ist Harden zu weit gegangen.

    Er war Journalist, aber kein Entscheidungsträger. Mit der Julikrise hatte er nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wilhelm II. hätte vielleicht einen Krieg verhindern können. Das er es nicht getan hat, lag u. a. daran, dass ihm dazu einfach das Format gefehlt hat. Das hätten ihm auch kaum bessere Freunde und Ratgeber ersetzen können, am allerwenigsten die Liebenberger Tafelrunde. Sein Freundeskreis das waren Männer seines Schlages, einige davon mit Sicherheit homosexuell- aber keiner davon wäre sein Freund geworden, wenn sie so gewesen wären, wie sich das die Macher der Doku vorstellen. Nichts wäre falscher, anzunehmen, dass Eulenburg pazifistisch gesonnen war, weil er Rosenlieder und "Skaldengesänge" gedichtet hat. Die Männer der Hofkamarilla waren typische Höflinge. Oberflächlich, borniert, voller Dünkel, militärbegeistert.

    Die Frage, ob Maximilian Harden Verantwortung/ Schuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs
    trägt lässt sich eindeutig beantworten: Nein, nicht den geringsten.

    Wohl aber lässt sich die Frage beantworten, ob der Liebenberger Kreis Anteil daran hatte, Wilhelm II. darin zu bestärken, sich in allem für kompetent zu halten, ihn in Taktlosigkeiten und Peinlichkeiten zu bestärken. Das taten sie sicher. Selbst wenn sie gewollt hätten, hätte kaum einer dieser Leute den Weltkrieg verhindern können oder auch nur mäßigend auf Willi einzuwirken. Dazu waren die meisten viel zu borniert und festgelegt in den Vorurteilen ihres Standes und den antiquierten Ehrbegriffen der preußischen Aristokratie.
     

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