unsere Zeitrechnung

Dieses Thema im Forum "Das Christentum" wurde erstellt von Monika, 16. Juli 2015.



  1. Monika

    Monika Gesperrt

    Hallo liebe Gemeinde,

    ich poste es einfach mal hier in diesem Bereich, weil ich nicht weiß wohin mit meiner Frage.
    Falls ich falsch liege, bitte ich um Entschuldigung und Verschiebung meines Textes.

    Nun zu meiner Frage, die mich sehr interessiert:
    Ich habe mir oft schon Gedanken gemacht, warum die Zeitrechnung, z.B. 6. Jh. n. Chr. benannt wurde, auch könnte nach unserer Zeit benannt werden. Doch oft wird ab unserer Zeitrechnung das erstgenannte in Texten verwendet.
    Hat das etwas mit Jesus zu tun? Von dem Namen Jesus Christus war ja nur der Vorname der reelle Name und der Name Christus bedeutete nichts anderes als "Der Gesalbte".
    Ich kann mir aber jetzt nicht so ganz vorstellen, das die Zeitrechnung im Zusammenhang etwas mit Jesus zu tun haben könnte... oder etwa doch?
    Warum wird es z.B. 6. Jh. n. Chr. oft in Texten so genannt?

    Ich würde mich über Antworten sehr freuen.

    lg Monika
     
  2. Xander

    Xander Aktives Mitglied

  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist aber so.
    Früher hat man anders datiert. Das war unpraktisch, weil man nach Konsularslisten, Steuerlisten, Herrschaftsjahren etc. datierte. Sprich, man hatte kein fortlaufendes einheitliches System. Naja, Livius datierte vom Zeitpunkt der Gründung Roms an. Ab dem Mittelalter datierte man dann ab incarnationis domini, als von der Fleischwerdung des Herrn an. Im Islam hat man eine eigene Zeitrechnung, von der Flucht (hiǧrah)Muḥammads aus Makkah (Mekka), aber islamische Länder datieren häufig doppelt. Selbst Länder, wie die Mongolei, die nie christianisiert wurden (ja, es gab zeitweilig mongolische Christen, nestorianischen Bekenntnisses) und nie durch ein christliches Land kolonialisiert wurden, benutzen zur Datierung die christliche Zeitrechnung. Natürlich gibt es viele Leute, die ein v. Chr. oder n. Chr. ablehnen und durch ein "unserer Zeitrechnung" ersetzen oder ein "vor der Zeitenwende", aber das ist letztlich nichts anderes, als eine kryptochristliche Darstellungsform. Denn auf einer mittelalterlichen Errechnung der Geburt Christi basiert das System dann immer noch, auch wenn man das nicht mehr sagt.
     
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  5. Monika

    Monika Gesperrt

    Ich habe mal eine Frage hierzu. Du schreibst, Livius datierte vom Zeitpunkt der Gründung Roms an. Hab ich es so richtig verstanden, dass er einen Kalender entwickelt oder entworfen hatte, oder nur die Gründung Roms datiert? Der römische Geschichtsschreiber lebte zu der Zeit des Kaisers Augustus. So wie ich es noch in Erinnerung habe, hatte doch der römische Kaiser Julius Cäsar einen Kalender entwickelt. Hatte er sich an Livius orientiert, d.h. von dem Datum der Gründung Roms von Livius? Das ist mir noch unklar. :grübel:

    lg Monika
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2015
  6. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei er die Länge der Jahre ja nicht wirklich berührte sondern eher die interne Monatsorganisation des Jahres.
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Zwar hieß sein Werk "Ab urbe condita", aber datiert hat er normalerweise eigentlich nicht so, sondern wie üblich nach Konsuln. (Eine der wenigen Ausnahmen: Am Ende des 1. Buches gab er an, wieviele Jahre nach Gründung der Stadt Könige regierten.) Der Titel besagte lediglich, dass im Werk die Geschichte ab Gründung der Stadt behandelt wurde (wenngleich eigentlich ab dem Fall Trojas).

    Caesar konnte sich schon deshalb nicht an Livius orientieren, weil dieser erst nach ihm wirkte.

    Eine Zeitrechnung "ab urbe condita" bzw. "vom Zeitpunkt der Gründung Roms an" gab es in der frühen Kaiserzeit eigentlich nicht. Datiert wurde nach Konsulaten. Es steht zwar häufig zu lesen, Varro (ein Gelehrter des 1. Jhdts. v. Chr.) habe die Zeitrechnung "ab urbe condita" entwickelt, aber eigentlich beschäftigte er sich (wie auch viele andere Autoren) nur mit der Frage, wann Rom eigentlich gegründet wurde. Da es keine allgemeingültige Zeitrechnung wie unsere heutige gab (man also nicht schreiben konnte: "im Jahre soundso"), konnte diese Frage nur so beantwortet werden, dass man festhielt, im wievielten Jahre nach der Gründung Roms ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hatte, oder anders ausgedrückt, man konnte die Frage nach dem Gründungszeitpunkt nur so beantworten, dass man von einem bestimmten Ereignis aus zurückrechnete. Also z. B. "Rom wurde im x-ten Jahre vor Beginn des ersten Punischen Krieges gegründet" oder "Rom wurde im x-ten Jahre vor den Konsuln X und Y gegründet" oder, besonders beliebt, "im x-ten Jahre nach Gründung der Stadt wurde die Monarchie abgeschafft". Varros Datierungsansatz (nach unserer Zeitrechung: 753 v. Chr.) war derjenige, der sich letztlich durchsetzte. Er schuf aber keine Zeitrechnung in dem Sinn, dass fortan regulär z. B. geschrieben worden wäre: "Im x-ten Jahre nach der Gründung der Stadt landete Pyrrhus in Italien" oder gar "Marcus Fanius und Gnaeus Sergius vereinbaren, dass ersterer zweiterem am zweiten Tag vor den Kalenden des Mai im 767. Jahr nach Gründung der Stadt fünf Schafe zu liefern hat." Datiert wurde üblicherweise weiterhin nach Konsulaten. "Ab urbe condita"-Angaben wurden nur in relativ seltenen Ausnahmefällen verwendet. Z. B. schrieb Florus in seinem Geschichtswerk einmal, dass Augustus im 700. Jahre nach der Gründung der Stadt den Ianus-Tempel geschlossen habe, womit er übrigens deutlich danebenlag bzw. von der Varro-Datierung abwich. Weitere ausnahmsweise Verwendungen finden sich z. B. bei Valerius Maximus oder Plinius dem Älteren. Aber erst in der Spätantike wurden Ereignisse tatsächlich häufiger "ab urbe condita" datiert, insbesondere im Geschichtswerk des Orosius.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juli 2015
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  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine weitere ab urbe condita-Zählung findet sich auf einer Münze des Hadrian. Die Münze - allerdings ist die Emission (nicht die Münze) ein Einzelfall in der römischen Numismatik - gibt das Jahr ihrer Prägung als Natali Urbis an:
    ANN(o) DCCCLXXIIII NAT(ali) VRB(is) P(arilibus) CIR(censes) CON(stituti).

    Im 874. Geburtsjahr der Stadt zu den Parilien (21. April, offizieller Geburtstag Roms) wurden Zirkusspiele beschlossen.

    RIC_0144.jpg

     
  10. hjwien

    hjwien Neues Mitglied

    Mit großem Prunk wurden im kaiserzeitlichen Rom - unter Rückgriff auf republikanische Vorgänger - Säkularfeiern abgehalten sowie unter Kaiser Philippus Arabs auch eine 1000-Jahr-Feier, die auf das vermeintliche Gründungsdatum zurückgriffen.
     
  11. Ogrim

    Ogrim Neues Mitglied

    @El Quijote - wenn du jetzt noch ein Münzbild auftreiben kannst, auf dem das 874. Jahr vor der Gründung gefeiert wird, dann wäre ich dir für eine Abbildung dankbar.
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die christliche Chronologie entstand aus dem Bedürfnis von Christen, wann sie Ostern feiern sollten. Auf dem Konzil von Nikäa 325 war festgelegt worden, dass Ostern am ersten Sonntag nach der Frühjahrssonnenwende gefeiert werden sollten. Um zu wissen, auf welches Datum die beweglichen Feiertage fielen, wurden Ostertabellen erstellt. In diesen Ostertabellen wurden die Jahre nach der diocletianischen Ära, also nach dem Beginn der Regentschaft des Kaisers Diocletian (284) gezählt. Als die von Kyrillos erstellte Ostertafel sich 525 sich ihrem Ende näherte, gab der kaiserliche Hof Dionysius Exiguus den Auftrag, eine neue zu berechnen. Dieser wollte die Jahre nicht mehr nach dem "ruchlosen Christenverfolger" Diocletian zählen und führte eine neue Chronologie nach der "Fleischwerdung des Herrn" Anno ab Incarnatione Domini ein. Mit der englischen Kirchengeschichte des Beda Venerabilis hat sich diese Zählweise 731 endgültig durchgesetzt. Das erste christliche Jahr entsprach dem Jahr 754 ab Urbe Condita. Da es ein Jahr O nicht gibt, ist nicht von 753, sondern von 754 auszugehen (754-x aUc=Y v. Chr)

    Der Jahresanfang war übrigens nicht gleich In Athen begann das Amtsjahr der Archonten im Juli, und in Rom traten die Konsuln bis 153 v Chr. am 15. März ihr Amtsjahr an.

    Die heute allgemein gültige Zeitrechnung basiert auf dem Gregorianischen Kalender. Dieser entspricht bis auf eine Abweichung auf dem Julianischen Kalender. In beiden dauert ein Normaljahr 365 Tage, alle vier Jahre wird mit dem 29. Februar ein Schalttag eingeführt. Der Julianische Kalender entsprach nicht ganz dem astronomischen Jahr, damit das Kalenderjahr auch dem astronomischen Jahr entspricht, muss nach der Kalenderreform von Papst Gregor VIII. (1582) auf 400 Jahre dreimal das Schaltjahr ausfallen. Sind die Jahrhundertanfänge nicht durch 400 teilbar, entfällt der Schalttag. 1600 war also ein Schaltjahr, 1700, 1800, 1900 aber nicht. Die Kalenderreform Papst Gregors bürgerte sich in den meisten protestantischen Territorien erst im Laufe des 18. Jahrhunderts ein, in Russland dagegen war der Julianische Kalender gültig bis 1918, so dass die Oktoberrevolution nach Gregorianischem Kalender im November stattfand, als letzter Staat übernahm die Volksrepublik China 1949 den Gregorianischen Kalender.
     
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  13. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Heutzutage wird Ostern am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrssonnenwende gefeiert, seit wann ist das so?
     
  14. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Nach Ginzel [1] wird sie in fränkischen Gesetzen zuerst 801 verwendet, "in den Urkunden der Päpste seit Johann XIII. (965-972)".

    Demselben Autor zufolge [2] wird die "Dionysische Ära" erst seit dem 18. Jahrhundert auch für die Zählung der Jahre vor Christus angewendet, so daß man seitdem Jahre vor und nach Christus unterscheidet. Also erst 1000 Jahre nach Beda? Hat jemand bessere Informationen?

    "Gut gefunden, schlecht verkauft", kann man dazu bemerken [3].
    Gregor machte in Bezug auf Deutschland zum einen den schweren Fehler, sich in seiner Einführungs-Bulle "auf die ihm zustehende päpstliche Gewalt und auf das Tridentinische Konzil" zu berufen, "welches bei den Protestanten in böser Erinnerung stand; damit rief er den Widerstand der protestantischen Kurfürsten hervor. Das ganze Verfahren mußte den Eindruck machen, als wenn der Papst im vorhinein jede Einwendung gegen den Kalender unmöglich machen, vielmehr die sofortige Annahme des Kalenders sowohl bei Katholiken als Protestanten durchsetzen wolle."
    Zum anderen versäumte es Gregor, seinem Kalender die notwendigen Erläuterungen beizugeben, was Wasser auf die Mühle der Kritiker war.
    Die Übernahme der Kalenderreform wurde so hierzulande um bis zu 100 und mehr Jahre verzögert, in einigen Gebieten der Schweiz bis 1812!


    [1] F. K. Ginzel, Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie, III. Band, Leipzig 1914, S. 181
    [2] ebd., S. 182
    [3] Zum Folgenden ebd., S. 266 ff.
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich denke, seit dem Konzil von Nicaea.
    Die Beschlüsse sind leider nicht im Wortlaut erhalten, siehe Das Osterdatum.

    Die Frühjahrs-Sonnwend-und-Vollmond-Regel muss damals schon gegolten haben, laut Eusebius von Caesarea:

    "What is left is spring, the radiant season that takes the lead as head of the year, like the head of the body, when the sun is just now traversing the first section [of the Zodiac], and the moon likewise, with its light full, is shifting its nightly course into bright day."

    Eusebius of Caesarea, On the Celebration of Easter; De sollemnitate Paschali (2010); Angelo Mai, Novae Patrum Bibliotheca 4 (1847), pp.209-216
     
  16. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Diese Kombination aus Sonnen-, Mond- und Zählkalender hat mich schon immer fasziniert^^
     

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