Was passierte mit der einheimischen Bevölkerung beim Einfall der Franken?

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von valgard, 28. Februar 2018.

  1. valgard

    valgard Neues Mitglied


    Hallo

    Die Franken gründeten Höfe und Weiler und besiedelten das Gebiet.
    Ein Heimatforscher berichtete darüber:
    Eines Tages zogen dann fränkische Krieger auf der Suche nach Bauernland durch das verödete Land und fanden,
    daß sich hier im Schutz der Berge und Wälder gut wohnen und siedeln ließe.
    Aber sie kümmerten sich nicht um die Trümmer des römischen Gutshofes,
    sondern bauten ihre schmucken Holzhäuser etwas höher am Hang in die helle Sonne, dorthin,
    wo die munteren Quellbäche des Reinbaches ins Tal hinabströmen.
    Klein war diese Frankensiedlung, deren Friedhof am Kapellenberge gefunden wurde.
    Das römische Landhaus war also zerstört worden.
    Was geschah mit den kleinen "Selbsternährer"Höfen oder auch den Kolonen ( abhängige Bauern )?
    Die meist vom römischen Landhaus abhängig waren?

    Wurden diese auch von den Franken integriert oder wanderten diese nach Gallien oder in entlegene Gebiete ab?
    Oder wurden sie zu Unfreien?
     
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Teils, teils.

    Man kann davon ausgehen, dass ein Teil der Bevölkerung vor den germanischen Stämmen in sicheres Gebiet geflohen ist. Aber die Franken waren nicht nur Feinde Roms, einige kämpften als Foederatii in römischen Dienst gegen andere Germanen. So entstand eine römisch-fränkische Mischkultur. Später nahmen die Franken den christlichen Glauben an, und über die Generationen vermischten sich die noch verbliebenen Romanen und die fränkischen Eroberer.

    Wie die Situation am Kapellenberge (wo ist der?) gewesen ist, kann ich nicht beurteilen. ggf. ließe sich archäologisch nachweisen, dass Siedlungskontinuität gegeben war und dass die beiden Bevölkerungsgruppen eine "Weile" (das können Jahrzehnte gewesen sein) nebeneinander lebten, bis sie sich vermischt haben.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Wo hast du denn diesen Text her? Der klingt nach 19. oder frühem 20. Jhdt.
     
  4. valgard

    valgard Neues Mitglied

    Ok.

    Also es handelt sich um ein kleines Dorf im Saargau. Silwingen bei 66663 Merzig.
    Frankengräber wurden beim Kapellenberg gefunden, das ist erwiesen, das ist der Berg wo unsere kleine Kapelle steht.

    Der Text (Quelle: Saarländische Volkszeitung vom 04. Oktober 1955 )stammt von einem saarländisch Heimatforscher, Dr. Anton Jacob aus dem Nachbardorf Mondorf, der sehr viele historische Artikel über unsere Region verfasste. Er forscht auch sehr viel in allen Archiven auch den französisch. Ich versuche gerade zu ermitteln wo sich der Nachlass befindet.

    Das die Franken meist an Gewässern siedelten dürfte klar sein. Auch das sie nicht die Überreste der Villae Rustica als Siedlungsplätze verwendeten. Davon wird Dr Jacob seinen Schluß gezogen haben.
     
  5. valgard

    valgard Neues Mitglied

    "
    Der Ortsname mit dem lateinischen Klang in seinem Grundbestandteil (Silva = Wald) erinnert uns an die früheste Geschichte der Siedlung, an die Zeit, da die Römer bzw. romanisierte Kelten hier die braune steinige Scholle gepflügt und zwischen Bach und Wald Hütte und Haus gebaut hatten. Der nahe Heidwald hütete die Gräber der alten Keltenkrieger in runden Erdhügeln, bis sie um die Jahrhundertwende ihre Geheimnisse dem Spaten des Forschers preisgeben mußten. Und als man etliche Jahre später die - heute stillgelegte - Bahn durch das Tal am Bach vorbei baute, stieß der Pickel der Bauarbeiter auf die Fundamente des römischen Gutshofes, der einst unweit des Baches im engen Talgrunde stand. Dieser Gutshof und die andern römisch-keltischen Siedlungen, die zerstreut auf der Flur lagen, überlebten die Schrecken der Völkerwanderung und des Hunnenkrieges nicht. Brand und Zerstörung löschten ihr Dasein aus."
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man muss sich vor Augen halten, dass die meisten römischen Gutshöfe bereits im 4. Jh. aufgrund der ständigen fränkischen Einfälle und Raubzüge aufgegeben wurden. Die Versorgung der Bevölkerung und des Militärs wurde dadurch so knapp, dass Weizen aus Gallien eingeführt werden musste. Große Teile der Landbevölkerung suchten Schutz hinter den festen Mauern von Städten und burgähnlichen Festungsanlagen. Andere wanderten aus der gefährdeten rheinischen Region ab und gingen in ungefährdetere Gebiete.

    Wann genau das Militär die Rheingrenze aufgab, ist nicht exakt überliefert. Sie brach auf jeden Fall am Mittelrhein zusammen, als im Jahr 406/407 barbarische Kriegerscharen von Vandalen, Sueben und Alanen den Rhein überquerten und plündernd Gallien und Spanien durchzogen. Der Übergang soll auf der Höhe von Mainz erfolgt sein, doch ist das umstritten.

    Wann der Abschnitt zwischen Mainz und Köln von römischen Truppen geräumt wurde, ist unsicher. Spätestens als Aëtius jedoch 454 ermordet wurde, bedeutete dies auch das Ende der Römerherrschaft in der Region; die Franken eroberten Köln im Jahr 455 und machten die Stadt zum Vorposten eines Gaus.

    Die Franken fanden auf dem Land verlassene Gutshöfe und eine stark dezimierte Bevölkerung vor. Abgesehen von erschlagenen römischen Provinzbewohnern im Zuge der Eroberung wurde die romanisierte Bevölkerung natürlich keineswegs ausgerottet. Die Franken waren so klug zu erkennen, dass Handel und Wirtschaft fortbestehen mussten, wenn nicht ein totales Chaos ausbrechen sollte. So sind wir z.B. darüber informiert, dass die berühmten Kölner Glaswerkstätten auch weiterhin ihre Gläser produzierten und die Handelsströme fortbestanden.

    Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die römische Provinzbevölkerung auf den Status von Unfreien und sogar Sklaven herabgedrückt wurde. Ob das allerdings auch auf die römische Provinzelite zutraf, ist zweifelhaft. Die fraternisierte vermutlich schon bald mit den neuen fränkischen Herren und es kam zu Heiraten. Das war der Beginn einer allmählichen Germanisierung der romanischen Bevölkerung, die vermutlich im 7./8. Jh. abgeschlossen war.

    Bemerkenswert ist, dass sich in einigen Siedlungskammern an der Mosel eine romanische Bevölkerung erhielt. Die romanischen Sprachinseln bestanden bis ins 11. Jh. fort. https://de.wikipedia.org/wiki/Moselromanische_Sprache

    Die zeitgenössischen Quellen zeigen, dass auf jeden Fall die militärischen Einheiten bis spätestens 450 von der Rhein- und Donaugrenze geordnet abgezogen wurden. Man kann vermuten, dass die Familien sowie zum Teil auch Dienstboten mit ihnen gingen.

    Inwieweit die Oberschicht blieb oder ging, ist schwer zu sagen. Eine Quelle wirft ein Schlaglicht auf die Situation der romanisierten Bevölkerung im Rheinland nach dem Durchbruch der Germanen. So musste eine vornehme Römerin als Dienstmagd bei einer fränkischen Familie arbeiten. Manche werden also gegangen, andere geblieben sein, weil sie ihre Flucht zu spät organisierten oder vielleicht auf eine maßvolle Behandlung seitens der Germanen hofften.

    Daneben muss es aber auch eine Schicht von Provinzialen gegeben haben, die ethnisch und kulturell zwischen Römern und Germanen stand. Wir wissen ja, dass im Verlauf der über 400jährigen römischen Anwesenheit diesseits und jenseits der Grenze keine gravierenden Unterschiede mehr bestanden. Die Truppen rekrutierten sich um 400 zu einem großen Teil aus germanischen Soldaten mit ihren Familien und abgesehen von Spitzenpositionen in der Verwaltung und im Heer gab es gewiss ein buntes Völkergemisch aus allen Teilen des Römischen Reichs, und zwar auf einer Bevölkerungsbasis, die germanisch mit mehr oder weniger großer römischer Assimilierungstendenz war.

    Erstaunlich ist, dass es trotz aller Wirren im römischen Germanien nach dem Zusammenbruch Westroms sehr bald zu einer Verschmelzung beider Bevölkerungsteile - der Germanen und der Provinzialen - gekommen ist. Ob dieser Prozess bereits nach 100-150 Jahren abgeschlossen war, wäre eine interessante Frage.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2018
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  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Waren nicht zumindest Teile des heutigen Saarlandes bis zur Schlacht von Zülpich 496 alamannisches Gebiet? Dann hätten die Franken nur auf eine romanische Bevölkerung treffen können, die sich vorher irgendwie mit den Alamannen arrangiert hatte.
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der lateinische Klang könnte täuschen. Die -ingen-Namen gehen in aller Regel auf Neugründungen in fränkischer/alemannischer Zeit zurück.

    Wenn es keine Siedlungskontinuität gab, ist es wenig wahrscheinlich, dass die Neugründer bei der Benennung auf lateinische Vokabeln zurückgegriffen haben.
     
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  9. valgard

    valgard Neues Mitglied

    Diese Definition des Namens wurde auch schon in den 60zigern kontrovers betrachtet.
    Ich denke auch das die lateinischen Wurzeln eher nicht der Namensgeber waren.

    Es wird von alemannischen und fänkischen Funden berichtet.
    Die Funde befinden sich in den Museums Archiven.

    Diese ansehen zu können ist als Laie und Privatperson leider nicht möglich.
    Ein Anfrage brachte kein Ergebnis

    Danke mal für die ausführliche Erklärung.
    Genaues wird man da eh nicht herausbekommen.

    Auch vieles ist noch unentdeckt und unerforscht.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 2. März 2018
  10. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Gallorömischer Senatsadel – Wikipedia

    Spätestens nach Chlodwigs Sieg über Syagrius Syagrius – Wikipedia war es Gallien perdu mit der "rest-weströmischen" Herrschaft. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Bevölkerung des ehemals reichen Galliens abwanderte. Die ehemals römische Verwaltung (ein nicht geringer Apparat) sowie der Klerus wurden unter der neuen merowingischen Herrschaft nicht automatisch versklavt.
    Sodann sind noch drei zeitbedingte Besonderheiten zu berücksichtigen:
    1. die fränkische bzw. merowingische Gesellschaft selber bestand nicht nur aus "Militär-Elite", sondern hatte ihre unfreien, freien und hochgestellten (quasi adeligen / Warlords) Bestandteile - und daran änderte sich nichts (ein fränkischer Stallknecht wurde nach der Schlacht bei Soissons nicht Exrömer schikanierenden "Sieger")
    2. die noch vorhandene städtische Kultur (die Römerstädte) war zwar einem Teil der fränkischen Militärelite eher fremd, sie siedelten sich lieber außerhalb der Städte an, aber verschwunden war sie natürlich nicht und die Städte wurden nicht samt ihrer Einwohner "versklavt"
    3. die Bosse der Militärelite waren erpicht darauf, in römische Fußstapfen zu treten (!!) Die Merowingerkönige begannen Steuern zu erheben: für die romanische Bevölkerung ein gewohnter Zustand, für manche sich als Sieger fühlenden Franken allerdings ein Grund, den Fiskus zu steinigen (irgendwo bei Gregor von Tours)

    vielmehr setzte ein beidseitiger Assimilationsprozess ein, wobei die in beiden Gesellschaften (fränkisch-merowingische und galloromanische) vorhandenen sozialen Schranken blieben.

    z.B. hier nachzulesen Die Merowinger und das Frankenreich und hier Das römische Erbe und das Merowingerreich
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2018
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  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich wurde die gallorömische Bevölkerung nicht versklavt und es gab durchaus personelle Kontinuitäten im Reich der Merowinger, wo die gallo-römische Senatsaristokratie den Fortbestand einer - wenn auch bescheideneren - Administration garantierte und die kirchliche Organisation am Leben hielt. Kontinuität beweist schließlich die nicht zerbrechende Romanisierung der Bevölkerung im Frankenreich.

    Die gallo-römische Senatsaristokratie behielt zumeist nicht nur ihren Besitz und ihre Ämter, sondern wurde von beginn an in das germanische Frankenreich und dessen politisch-administrative Führung integriert. Die frühe Eingliederung der Senatsaristokratie in die kirchliche und weltliche Führungsschicht bewirkte eine sachliche und personelle Kontinuität, besonders in den Regionen südlich der Loire. Im kirchlichen Bereich zählten nahezu alle Bischöfe zur romanischen Elite. Diese römisch inspirierte aristokratisch-personelle Basis trug entscheidend zum Aufstieg des Frankenreichs bei. Die "Historien" des Gregor von Tours vom Ende des 6. Jh. belegen das deutlich und zeigen das aristokratische Selbstbewusstsein dieser einstigen römischen Führungsschicht, die überwiegend im Süden Galliens ansässig war.

    Bis zum 10. Jh. wurden die germanischen Franken von der römisch-gallischen Bevölkerung assimiliert und vollzogen einen Sprachwechsel zum romanisch-französischen Idiom. Die zweisprachig abgefassten Straßburger Eide von 842 belegen diese Entwicklung. Sie sind auf westfränkischer Seite bereits in Altfranzösisch und auf ostfränkischer in Althochdeutsch abgefasst.
     
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  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    :confused:... so ganz leicht nachvollziehbar ist dein Sinneswandel das nicht...;)
     
  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Da gab es sicherlich je nach Region und Epoche Unterschiede. Was in Köln und Umgebung im 4. Jhdt., sah dann in Metz und Reims im 6. Jhdt. ganz anders aus.
     
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  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es verhält sich so, wie Carolus das oben beschrieben hat.

    Die Situation im römischen Germanien, das die Franken etwa um 450 überrannten und dabei Köln belagerten, war eine andere als die im romanisierten Gallien. Eine dünne fränkische Elite musste in Gallien versuchen, eine administrative, kirchliche, rechtliche und militärische Ordnung auf die Beine zu stellen. Ganz abgesehen davon, dass die Franken Gallien keineswegs lückenlos durchdringen konnten. So herrschte südlich der Loire nahezu unbehelligt der alte römische Senatorenadel, mit dem sich die fränkische Oberschicht klugerweise verbündete.

    Im römischen Germanien sahen die Verhältnisse im 5. Jh. anders aus, doch muss man feststellen, dass diese Zeiten des Umbruchs äußerst schlecht dokumentiert sind. Vor allem weiß man wenig über das Schicksal der von den Franken unterworfenen Bevölkerung im Rheinland.
     
  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    nicht dass ich das falsch verstehe:
    a) Köln im 5.Jh. samt Umland war nicht so romanisiert wie Gallien?
    b) in weniger romanisierten Gegenden werden die Eroberten allesamt versklavt, in mehr romanisierten Gegenden hingegen nicht?
    c) wo die Eroberer zahlenmäßig überlegen sind, versklaven sie die Eroberten, wo sie zahlenmäßig (demografisch) unterlegen sind, da lassen sie das hübsch bleiben?
    :confused:
     
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  16. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    In der Vorjahren wurde die Gegend in den Auseinandersetzungen zwischen Aetius und Attila in Mitleidenschaft genommen. Für die Franken ist nicht mehr viel zum Zerstören übrig geblieben.

    Als der König der Franken der Vorstandsvorsitzende von Gallien wurde, hat sich wahrscheinlich gar nichts wesentliches geändert.

    Die spätantike Landbevölkerung bestand aus coloni, quasi Leibeigenen. Sie wurden nicht erst von den Franken zu Unfreien gemacht.
    Das spätantike Gallien wurde bereits vor den Franken von römischen Warlords wie Aetius, Aegidius oder Syagrius beherrscht, die Gefolgschaften (bucellarii) aus Romanen, Germanen und Hunnen unterhielten.
     
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  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich weiß man so gut wie nichts.
    Nehmen wir als Beispiele die Region Verdun/Metz/Saarbrücken oder den Mittelrhein, für die Studien vorliegen. Was man meint zu beobachten, ist der Austausch einiger Eliten, ablesbar an den Gräbern. Und ob das oben skizzierte weitflächige Bild von Zerstörungen so passt (ein paar Zerstörungshorizonte sind nachgewiesen), ist völlig unklar.

    In weiten Gebieten wird über Jahrzehnte gar nichts oder wenig passiert sein.

    Mehr aus ein paar Gräbern und ein paar Geschichten abzulesen, ist schwierig.
     
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