Fluchen bei den Römern und den Galliern

Ephialtes

Neues Mitglied
Hey zusammen. Es ist jetzt einige Monate her, dass ich das letzte Mal gepostet habe. Ich hatte mich damals angemeldet um mir die ein oder andere Hilfestellung bei der Recherche für meinen historischen Roman, welcher im gallischen Krieg angesiedelt ist, einzuholen. Mit einigem Erfolg. Ich bin dran geblieben und habe in den letzten Monaten viel vorbereitet und nun auch bereits die ersten 2 großen Kapitel geschrieben. Mit etwas Glück und noch einigem an Zeit werde ich das Ding bald an den ein- oder anderen Verlag schicken.

Was mir dabei sehr wichtig ist ist eben die möglichst akkurate Recherche und das Vermeiden von Anachronismen.

Und hier taucht immer wieder ein schwerwiegendes, kreatives Problem auf: Die Menschen fluchen.
Das haben sie schon immer gemacht und so auch damals, sowohl auf Seiten der Gallier, als auch der Römer.

Nur ist das so ziemlich der größte Fallstrick für Anachronismen. Sämtliche Redewendungen, die irgendetwas mit "verdammt" zu tun haben sind praktisch von Religionen geprägt, die zu der Zeit in der Gegend noch nicht praktiziert wurden.

Wie haben die Menschen geflucht? Haben sie die Götter angehauen? Sind sie profan geworden und haben Fäkalien, Geschlechtsteile oder Sexualpraktiken in ihre Flüche eingebettet? Oder sind sie ganz anders vorgegangen.


Was denkt Ihr? Wie fluchen Gallier und Römer? Was hat Euch in Romanen bisher gut gefallen und was überhaupt nicht gut? (Als gutes Beispiel fällt mir da Bernard Cornwell ein, bei dem Flüche immer in die Zeit passen und trotzdem Kraft haben, als schlechtes Beispiel Harry Sidebottom, bei dem in einem römischen Setting ständig Worte wie "Fucker", oder sogar einmal "Motherfucker" vorkamen. Das hat direkt die gesamte Glaubwürdigkeit in den Eimer getreten und ich habe das Buch weggelegt.)
 
Und hier taucht immer wieder ein schwerwiegendes, kreatives Problem auf: Die Menschen fluchen.

Wie haben die Menschen geflucht? Haben sie die Götter angehauen? Sind sie profan geworden und haben Fäkalien, Geschlechtsteile oder Sexualpraktiken in ihre Flüche eingebettet? Oder sind sie ganz anders vorgegangen.


Was denkt Ihr? Wie fluchen Gallier und Römer? Was hat Euch in Romanen bisher gut gefallen und was überhaupt nicht gut?

was für ein hübsches, ja originelles Thema!! :yes:

ulkig, wiewohl mutmaßlich nur wenig realistisch, fluchen Goten, Römer und Byzantiner bei Felix Dahn (Kampf um Rom)

das reclam Bändchen "antike Zaubersprüche" enthält allerlei Schadens- und Abwehrzauber etc - daraus könnten sich auch Verwünschungen (Flüche) konstruieren lassen.

...schade, dass du nicht über Wikinger schreibst: auf deren Runensteinen sind sehr witzige vulgäre Sachen überliefert :rofl:
 
Ich glaube , hier ist nicht das Fluchen als Teil der Schadenszauberei gemeint, sondern eher das derbe Schimpfen.
"So in der Art:
"Dieser besch ... Regen und vorher diese bek .... Hitze macht diesen xxx Weg sowas von yyy glatt, das diese versch ... Maultiere dauernd ausrutschen ..."
 
Und hier taucht immer wieder ein schwerwiegendes, kreatives Problem auf: Die Menschen fluchen.
Das haben sie schon immer gemacht und so auch damals, sowohl auf Seiten der Gallier, als auch der Römer.

Nur ist das so ziemlich der größte Fallstrick für Anachronismen. Sämtliche Redewendungen, die irgendetwas mit "verdammt" zu tun haben sind praktisch von Religionen geprägt, die zu der Zeit in der Gegend noch nicht praktiziert wurden.

Wie haben die Menschen geflucht? Haben sie die Götter angehauen? Sind sie profan geworden und haben Fäkalien, Geschlechtsteile oder Sexualpraktiken in ihre Flüche eingebettet? Oder sind sie ganz anders vorgegangen.

Warum ist das Wort Verdammt von den Religionen mit einem Bann belegt worden? Weil die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit schon immer jemanden von etwas entfernen wollten. Und die Hilfe der Götter wird immer beim Fluchen geholfen haben.

Zum anderen ist ja vieles, was wir schriftliches aus dem MA wissen ist zum Beispiel von Mönchen aufgeschrieben worden. Und da glaube ich nicht das Du einen Wortgenauen Fluch findest.

Bei historischen Romanen wird eigentlich eine moderne Sprache gepflegt, zum einen weil wir kaum noch Mittelhochdeutsch verstehen und uns auch nicht so in die Welt der Leute reindenken können (zumindest die meisten). Und die Bücher sollen bei einem akuretem historischen Rahmen auch noch leicht lesbar sein.

Apvar
 
Ich hatte mich damals angemeldet um mir die ein oder andere Hilfestellung bei der Recherche für meinen historischen Roman (...) einzuholen.

Aus dem gleichen Grund hat´s auch mich hierhin verschlagen, es geht allerdings um einen Rom-Roman mit starken Mystery-Elementen.

Zu deiner Frage:

(ohne Gewähr für die sprachliche Authentizität der angegebenen Zitate)

Zunächst einmal wäre die Lektüre des "Satyricon" von Petronius zu empfehlen, wo du sicher fündig wirst.

Ansonsten:

Ilona Opelt: Die lateinischen Schimpfwörter und verwandte sprachliche Erscheinungen. Eine Typologie

Und:

Gerhard Fink: Der kleine Schmutzfink. Unflätiges aus dem Latein.

Beispiele daraus:

Simia! - Affe! Purgamentum! - Drecksack!

Flagitium hominis! - Schandkerl!

Gladiator! - Bandit!

Stultissime! - Vollidiot!

Furcifer! - Galgenstrick!

Carnifex! - Henkersknecht!

Schimpfwörter

Beispiele:

Schafskopf
pecus, vervex

Wanze
cimex

Scheusal
Belua

Schlange
vipera

Alter Bock
hircus

Saustall
hara suis

Blutegel
hirudo

Missgeburt
prodigium

Ungeheuer
monstrum

Maulaffe
bucco

Spinner
amens, demens

Witzbold
derisor

Langweiler
insubidus

Versager
nequissimus

Windbeutel
nebulo

Penner
erraticus

Brutalo
crudelissimus

Trottel
stolidus

Kürbiskopf
cucurbitae caput

Null
homo non nauci

Finsterling
tenebrae

Fieser Typ
homo taeter

Trunkenbold
ebriosus

Fresssack
ganeo, helluo

Lustmolch
impudicus

Schwuchtel
Muliebris patientiae scortum

Schwanz
mentula

Schluckspecht
gulo

Sumpfhuhn
lustro

Schürzenjäger
cunnio

Schwuler
cinaedus

Kastrat
spado

Mickerling
pusillus

Alte Schachtel
vetula

Vorgartenzwerg
homullus ex argilla et luto fictus

Knirps
frustum pueri

Muttersöhnchen
pupillus

Grufti
vetulus

Dreckstück
caenum, sordes

Abschaum
sentina

Bettpisser
lotiolentus

Mistvieh
sordes

Rabenaas
corvorum cibaria

Gangster
gladiator

Messerstecher
perforator

Giftmischer
veneficus

Killer
sicarius

Gauner
scelestus, fur

Vatermörder
parricida

Flittchen
amasiuncula

Nutte
scortum, lupa

Vogelscheuche
turpissima

Nebelkrähe
milva

Alte Schachtel
vetula

Brechmittel
foedissima

Nichtsnutz
nequissimus

Galgenschwengel
crucis offla

Watschengesicht
verbero
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Auf bretonisch, was ja mit der Sprache der alten Gallier mehr oder wenig nah verwandt ist, ist ein gängiger Fluch "Mil chast": Tausend Huren.

Wobei das "Mil" aus dem lateinischen stammen dürfte.
 
Erwähnen möchte ich zum Thema Fluchen noch die Ausdrücke "Hercle" und "Mehercle", also "beim Hercules!" Sie wurden (wie Anrufungen anderer Götter) zwar auch verwendet, um etwas zu bekräftigen, aber auch als Ausdruck des Unwillens, also z. B. "Beim Hercules, das darf doch nicht wahr sein!"

Was Schimpfwörter und Beschimpfungen anbelangt, war es beliebt, Personen (offen ausgesprochen oder auch nur eher andeutungsweise) als schändlich bzw. widernatürlich empfundenes Verhalten im sexuellen Bereich zu unterstellen. Denn so aufgeschlossen die Römer in Sachen Sex in vielerlei Hinsicht auch waren, gab es für sie dennoch auch Tabus. Als absolut schändlich galt z. B. der aktive Oralverkehr, egal ob von der Frau am Mann, vom Mann an der Frau oder vom Mann am Mann vorgenommen. Anzudeuten, ein freier Römer oder eine freie Römerin würde derartiges praktizieren, war eine schlimme Beleidigung. (Diese Beleidigung konnte durchaus subtil vorgetragen werden, indem man sich z. B. weigerte, aus einem bestimmten Trinkgefäß zu trinken, weil eine bestimmte andere anwesende Person es zuvor "mit ihrem Mund beschmutzt" habe. Das war dann nicht etwa ein Hinweis auf mangelnde Mundhygiene, sondern eine subtile, aber dennoch verständliche Anspielung, diese Person würde mit ihrem Mund aktiven Oralverkehr praktizieren.) Auch der passive Part beim Analverkehr galt als schändlich. (Der schon genannte Ausdruck "cinaedus" bezeichnet weniger generell einen Schwulen, sondern eher einen eher jüngeren, der normalerweise - womöglich gar gegen Bezahlung oder sonstige Gunsterweise - den passiven Part einnimmt.) Sehr beliebt in diesem Zusammenhang war die passive Form des Worts "pedicare" (= gleichgeschlechtlichen Sex haben), also der Vorwurf, ein Mann lasse sich von einem anderen Mann nehmen. Dazu gibt es dann auch noch das Wort "pedico" für einen Knabenschänder. Die Gedichte von Catull und insbesondere Martial enthalten haufenweise mehr oder weniger offen ausgesprochene Beschuldigungen, jemand würde aktiven Oralverkehr praktizieren oder sich nehmen lassen. Gerade Martial ist eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube für Beleidigungen aller Art.
 
Zuletzt bearbeitet:
Als absolut schändlich galt z. B. der aktive Oralverkehr, egal ob von der Frau am Mann, vom Mann an der Frau oder vom Mann am Mann vorgenommen. Anzudeuten, ein freier Römer oder eine freie Römerin würde derartiges praktizieren, war eine schlimme Beleidigung.

Aber nur, wenn, im Falle des Mannes, er es mit der Ehefrau praktizierte. In Bordellen stand Fellatio hoch im Kurs, wie auch die Wandmalereien von Pompeji zeigen.

Die Gedichte von Catull und insbesondere Martial enthalten haufenweise mehr oder weniger offen ausgesprochene Beschuldigungen, jemand würde aktiven Oralverkehr praktizieren oder sich nehmen lassen. Gerade Martial ist eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube für Beleidigungen aller Art.

Was Catull betrifft, ist die Lage nicht eindeutig. Die Lesbia in seinen Carmina dürfte entweder mit Clodia, der Schwester von Ciceros Intimfeind Clodius, oder mit einer anonymen Hetäre identisch sein. Die Verse besonders in Carmen 2 (An Lesbias Sperling) könnten, so meinen manche Interpreten, eine Phallussymbolik implizieren (Sperling = Geschlechtsteil von Catull). Damit wäre eine grundsätzliche Verurteilung der Fellatio durch Catull aber widerlegt.

Catull, carmen 2: An Lesbias Sperling

Sperling, süßester Liebling meines Mädchens,
Du, mit dem sie auf ihrem Schoße spielet,
Dem sie, naht er, die Fingerspitze hinhält,
Den zu mutigem Biss sie neckisch aufhetzt,
Wenn es meiner so strahlend schönen Neigung
Traute Scherze zu treiben in den Sinn kommt,
Um ein wenig sich ihren Schmerz zu lindern
Und die drückende Glut auch wohl zu sänft'gen.
Könnt ich so wie sie selber mit mit dir spielen
Und erleichtern des Herzens düstere Sorgen!


Ob die Verse in Carmen 16 ebenfalls als Bejahung der Fellatio zu verstehen sind, ist ungeklärt. Immerhin will Catull durch seine "Drohungen" ja gerade seine Männlichkeit demonstrieren, deren Gegenteil (Unmännlichkeit) ihm von Freunden wegen der vorausgehenden Kussgedichte vorgeworfen wurde (mit dem Argument: Küssen = Zärtlichkeit = unmännlich).

Hier noch ein weiterer Link zu Schimpfwortlisten:

Lateinische Schimpfwörter ? Enzyklopädie PlusPedia
 
Zuletzt bearbeitet:
Aber nur, wenn, im Falle des Mannes, er es mit der Ehefrau praktizierte. In Bordellen stand Fellatio hoch im Kurs, wie auch die Wandmalereien von Pompeji zeigen.
Der passive Part bei der Fellatio war ohnehin kein Problem. Für den aktiven waren eben Sklaven und Prostituierte zuständig.

Was Catull betrifft, ist die Lage nicht eindeutig. Die Lesbia in seinen Carmina dürfte entweder mit Clodia, der Schwester von Ciceros Intimfeind Clodius, oder mit einer anonymen Hetäre identisch sein. Die Verse besonders in Carmen 2 (An Lesbias Sperling) könnten, so meinen manche Interpreten, eine Phallussymbolik implizieren (Sperling = Geschlechtsteil von Catull).
Dieser Deutung kann ich nichts abgewinnen. Schließlich gibt es zu diesem Gedicht eine Fortsetzung über den Tod des Sperlings. Wenn der Sperling das Geschlechtsteil von Catull wäre, würde er sich doch im Klagelied selbst der Impotenz bezichtigen ...
(Es kam zwar durchaus vor, dass römische Dichter über Potenzprobleme schrieben, allerdings waren diese dann Teil einer Beleidigung im Sinne von: "Du, Frau, bist so hässlich, dass bei dir nicht einmal ich kann" ...)
Sogar bei Catull geht es nicht in jedem Gedicht nur um Sex.

Ob die Verse in Carmen 16 ebenfalls als Bejahung der Fellatio zu verstehen sind, ist ungeklärt.
Eben nicht. Catull droht dem Aurelius und dem Furius aus Rache für ihre abwertenden Äußerungen über seine Gedichte (scherzhaft) an, sie zu "pedicare" und zu "irrumare", also sie (gewaltsam) zum passiven Part beim Analverkehr und zum aktiven Part beim Oralverkehr und somit zum für Männer jeweils schändlichen Part zu zwingen. Dann nennt er den Aurelius noch "pathicus", also jemanden, der mit sich Unzucht treiben lässt, und den Furius "cinaedus", was also ebenfalls auf den passiven Part für Furius hinausläuft. Catull bedient sich also vollständig der herrschenden Anschauungen, was schändlich sei.
 
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Dieser Deutung kann ich nichts abgewinnen. Schließlich gibt es zu diesem Gedicht eine Fortsetzung über den Tod des Sperlings. Wenn der Sperling das Geschlechtsteil von Catull wäre, würde er sich doch im Klagelied selbst der Impotenz bezichtigen ...

Genauso aber verhält es sich, folgt man der Interpretation des Altphilologen Niklas Holzberg. Der tote Sperling steht für Impotenz und die Küsse der Lesbia für die problembehebende Maßnahme der Fellatio. Der Sperling soll in der Antike ohnehin symbolisch den Phallus repräsentiert haben. Bei Martial heißt es zudem (einen geliebten Knaben anredend):

Gib mir Küsse, aber catullianische, dann, wenn sie so zahlreich sind, wie jener gesagt hat, werde ich dir Catulls Sperling schenken.

Manche Martial-Interpreten verstehen diesen Sperling ebenfalls phallussymbolisch. Der Name der Geliebten in den Carmina, Lesbia, könnte übrigens mit dem griechischen lesbiazein zusammenhängen, was "fellieren" bedeutet (Fellatio betreiben).

Weiteres Argument: In Zeile 8 in Carmen 2 (An Lesbias Sperling) geht es um die vom Sperling gelinderte "Glut", was natürlich mehr Sinn macht im Zusammenhang mit Sexualität als mit einem kleinen Vögelchen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Genauso aber verhält es sich, folgt man der Interpretation des Altphilologen Niklas Holzmann. Der tote Sperling steht für Impotenz und die Küsse der Lesbia für die problembehebende Maßnahme der Fellatio.
Wo liest Du etwas von Küssen für den toten Sperling? Im Klagegedicht über seinen Tod ist nur die Rede davon, dass er in den Orcus hinabsteigt und das Mädchen weint.
Im Übrigen ist nicht gesagt, dass mit dem Mädchen in den beiden Sperlingsgedichten Lesbia gemeint ist. In seinen ziemlich ordnungslos zusammengestellten Gedichten nennt Catull neben Lesbia noch andere Frauen, um die er wirbt, namentlich, und in etlichen gibt er gar keinen Namen an.

Der Name der Geliebten in den Carmina, Lesbia, könnte übrigens mit dem griechischen lesbiazein zusammenhängen, was "fellieren" bedeutet (Fellatio betreiben).
Man sollte nicht vergessen, dass "lesbiazein" von "Lesbia" abgeleitet ist, nicht umgekehrt. Die Bewohnerinnen von Lesbos standen im Ruf der sexuellen Zügellosigkeit und dass sie gerne die Initiative ergriffen, daher wurde von ihnen das Verb abgeleitet. Das bedeutet aber nicht, dass "Lesbia" als von der Insel abgeleiteter Frauenname immer in diesem Sinn zu verstehen ist.
Aber wenn Deine Interpretation richtig ist, dann würde das eher dafür sprechen, dass die Lesbia aus Catulls Gedichten doch nicht die Schwester von Clodius ist, sondern eine Hetäre, für die das ein passender Name wäre und für die Fellatio somit nicht schändlich wäre.

Allerdings entfernen wir uns schon etwas weit vom Threadthema.
 
Erwähnen möchte ich zum Thema Fluchen noch die Ausdrücke "Hercle" und "Mehercle", also "beim Hercules!" Sie wurden (wie Anrufungen anderer Götter) zwar auch verwendet, um etwas zu bekräftigen, aber auch als Ausdruck des Unwillens, also z. B. "Beim Hercules, das darf doch nicht wahr sein!"

Was Schimpfwörter und Beschimpfungen anbelangt, war es beliebt, Personen (offen ausgesprochen oder auch nur eher andeutungsweise) als schändlich bzw. widernatürlich empfundenes Verhalten im sexuellen Bereich zu unterstellen. Denn so aufgeschlossen die Römer in Sachen Sex in vielerlei Hinsicht auch waren, gab es für sie dennoch auch Tabus. Als absolut schändlich galt z. B. der aktive Oralverkehr, egal ob von der Frau am Mann, vom Mann an der Frau oder vom Mann am Mann vorgenommen. Anzudeuten, ein freier Römer oder eine freie Römerin würde derartiges praktizieren, war eine schlimme Beleidigung. (Diese Beleidigung konnte durchaus subtil vorgetragen werden, indem man sich z. B. weigerte, aus einem bestimmten Trinkgefäß zu trinken, weil eine bestimmte andere anwesende Person es zuvor "mit ihrem Mund beschmutzt" habe. Das war dann nicht etwa ein Hinweis auf mangelnde Mundhygiene, sondern eine subtile, aber dennoch verständliche Anspielung, diese Person würde mit ihrem Mund aktiven Oralverkehr praktizieren.) Auch der passive Part beim Analverkehr galt als schändlich. (Der schon genannte Ausdruck "cinaedus" bezeichnet weniger generell einen Schwulen, sondern eher einen eher jüngeren, der normalerweise - womöglich gar gegen Bezahlung oder sonstige Gunsterweise - den passiven Part einnimmt.) Sehr beliebt in diesem Zusammenhang war die passive Form des Worts "pedicare" (= gleichgeschlechtlichen Sex haben), also der Vorwurf, ein Mann lasse sich von einem anderen Mann nehmen. Dazu gibt es dann auch noch das Wort "pedico" für einen Knabenschänder. Die Gedichte von Catull und insbesondere Martial enthalten haufenweise mehr oder weniger offen ausgesprochene Beschuldigungen, jemand würde aktiven Oralverkehr praktizieren oder sich nehmen lassen. Gerade Martial ist eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube für Beleidigungen aller Art.


Sehr ausgiebig berichtet auch Sueton über Spötteleien, Beschimpfungen der Caesaren, wobei besonders die Kapitel über Caesar, Tiberius und Nero Fundgruben sind. Von Vespasian sind einige treffende Wortspiele und derbe Bon Mots und Scherze überliefert.
 
Wenn man etwas bei den römischen Graffitis schaut wird man sehr viele Beschimpfungen und Verfluchungen finden, den auch damals hat man gerne seinen Unmut für alle deutlich kund getan.
Man kann das wunderbar nach lesen in Karl-Wilhelm Weebers Werk:
Decius war hier...
Das Beste aus der römischen Graffiti-Szene
Artemis & Winkler
ISBN: 9783411160167

Sehr zu empfehlen das Werk! Besonders wenn man nur das klassische Latain bisher kennt! :D
 

...schade, dass du nicht über Wikinger schreibst: auf deren Runensteinen sind sehr witzige vulgäre Sachen überliefert :rofl:



Also zunächst einmal bin ich hammermäßig von der Resonanz begeistert. Da ist so viel toller Input bei.

Wie Ihr Euch denken könnt ist es in einem Buch sicherlich langweilig, wenn man Ausdrücke aus alter Sprache verwendet. Wenn ein Gallier ein komplett unverständliches Wort brabbelt, hilft auch die Erläuterung des Begriffs nichts, es fehlt dem Leser einfach der Druck, der hinter dem Fluch steckt.

Ich hatte auf Seiten der Römer tatsächlich schon die Flüche in Richtung Fellatio und generell viel mit sexuellem Hintergrund bezogen.

Bei den Galliern war es bisher eben schwieriger - da kamen von meinen Proofreadern Rückantworten wie "Eine Gallierin sagt nicht 'scheiße', das klingt unpassend"


@dekumatland: Zu dem Thema Roman in der Wikingerzeit:
Mit meinem Verlag ist, wenn das aktuelle Buch beendet ist (was etwa für Ende 2013 geplant ist) bereits das nächste Buch in Planung, zu dem der Plot auch bereits in großen Teilen existiert und welches als Mehrteiler angelegt ist.
Und es wird in der WIKINGERZEIT spielen und ich freue mich schon soooo sehr darauf, weil das mit Abstand meine liebste geschichtliche Epoche ist und ich dafür fast kaum Recherche benötige, weil ich schon seit ich klein bin unermüdlich alles zu dem Thema aufgesogen habe, was ich konnte :)
 
Was halt noch massiv interessant ist - passt das ganze sexuelle Fluchen auch auf die Gallier oder gäbe es andere logische Bereiche, damit man einen kulturellen Unterschied in vielen Details aufzeigt.

In Deutschland fluchen wir ja sehr viel mit Fäkalien, im Englischen größtenteils mit dem Geschlechtsakt, wobei die Italiener, so habe ich mal gehört, zu einem großen Teil Geschlechtsteile in ihre Flüche packen.

Wenn jetzt die Römer in meinem Buch viel Fellatio, Prostitution und Sexualpraktiken zur Beschimpfung nehmen, könnte es doch zum Beispiel bei den Galliern die Herkunft sein. Schweinesohn, Hundesohn, so etwas in die Richtung. Und möglicherweise auch Flüche auf die Götter bezogen. Siehe Asterix: "Beim Teutates!"

Wie klingt dieser Ansatz für Euch?
 
In Deutschland fluchen wir ja sehr viel mit Fäkalien,
es gibt da eine Art Klassiker demzufolge das nicht so ist: Ernst Bornemann "Sex im Volksmund" - zwar schon nicht mehr die jüngste Publikation, aber dennoch erstaunlich.

Wenn ich es richtig verstehe, versuchst du das fluchen der Romanrömer möglichst authentisch und damit möglichst realistisch darzustellen - aber von den Flüchen der Gallier wissen wir ja wenig bis nichts. Also bleibt dir nur übrig, für die Romangallier Flüche zu erfinden. Das ist heikel!

Vielleicht (reine Spekulation!) wäre, um einen kulturellen Unteschied anzudeuten, folgende Idee zu erwägen:
- einerseits eher Begriffe aus bäuerlich-ländlichem Umfeld (Gallier)
- andererseits eher großstädtische (Römer)
(aber das müsste in einer Fußnote oder einem Glossar erläutert werden)
 
es gibt da eine Art Klassiker demzufolge das nicht so ist: Ernst Bornemann "Sex im Volksmund" - zwar schon nicht mehr die jüngste Publikation, aber dennoch erstaunlich.

Wenn ich es richtig verstehe, versuchst du das fluchen der Romanrömer möglichst authentisch und damit möglichst realistisch darzustellen - aber von den Flüchen der Gallier wissen wir ja wenig bis nichts. Also bleibt dir nur übrig, für die Romangallier Flüche zu erfinden. Das ist heikel!

Vielleicht (reine Spekulation!) wäre, um einen kulturellen Unteschied anzudeuten, folgende Idee zu erwägen:
- einerseits eher Begriffe aus bäuerlich-ländlichem Umfeld (Gallier)
- andererseits eher großstädtische (Römer)
(aber das müsste in einer Fußnote oder einem Glossar erläutert werden)


Interessant - wie würdest Du Dir das im Detail vorstellen? Wobei ich aber auch vermeiden will, die Gallier zu unkultiviert dastehen zu lassen. Als seien sie das primitive Bauernvolk und die Römer der Gipfel der Zivilisation.

Die Römer waren durchaus fortgeschrittener in ihrer Kultur, aber die Kelten dieser Zeit waren alles andere als primitiv. Viele der Waffen und Rüstungsteile (Helme, sogar Speere und Schwerter) haben die Römer sich von den Kelten einfach abgekupfert und für sich verwendet.
Die Kelten wären mit größter Wahrscheinlichkeit zu einer Hochkultur geworden, wäre Caesar nicht gekommen und hätte sie unterjocht und romanisiert.

Trozdem, back to topic, nenn mir doch mal ein konkretes Beispiel - ein Fluch eines Römers und ein inhaltlich verwandter aus gallischer Zunge. Würde mich sehr interessieren.
 
Trozdem, back to topic, nenn mir doch mal ein konkretes Beispiel - ein Fluch eines Römers und ein inhaltlich verwandter aus gallischer Zunge. Würde mich sehr interessieren.
langsam... ich bin ja kein Schriftsteller :)

vielleicht:
der Römer könnte in trunkenem Streit poltern, dass sein Gegner wohl in der großen Kloake zur Welt kam (oder dort gezeugt wurde) - der Gallier könnte seinen Kontrahenten mit dem Schweinekoben als Geburtsort sticheln.
das wäre natürlich beides NICHT realistisch, aber dafür hätte es den Unterschied ländlich-großstädtisch.

ach ja: ein paar Anregungen für satirische Diskrepanzen zwischen städtisch/intellektuell und vermeintlich (!) ländlich/dümmlich findest du in den Fabeln von Leo Tolstoi. Bezogen auf deine Römer-Gallier: das ländliche muss nicht eo ipso als unkultiviert-dümmlich rüberkommen.
 
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