Guillotine = "Sense der Gleichheit"

Das ist wiederum richtig. Zu Arbeiten an der Hinrichtungsstätte war es auch schon im 17./18.Jh. (wahrscheinlich bereits davor) schwer irgendeinen Handwerker zu bewegen, eben wegen dem Ruf einer solchen Arbeit. Manchmal wurden dann deswegen einfach sämtliche Handwerker eines Ortes, wo das Schafott stand zusammengerufen, dass sich zumindest formell alle daran beteiligen mussten, damit es zumindest innerhalb der Handwerkerschaft schwierig war, sich gegenseitig die Schuld/den schwarzen Peter zuzuschieben.

Bei der Gelegenheit half es auch nichts sich krank zu melden, man wurde zur Not herbeigetragen und hatte wenigstens einen Nagel einzuschlagen...
 
Klar und... Na ja, gerade, weil Scharfrichter zumeist verachtet waren, war ihre Stelle auch schwer zu besetzen. So übernahm z.B. 1767 in Memmingen die Witwe des verstorbenen Scharfrichters Widemann, Maria Juditha, rein formel dessen Amt. Bei der Ausübung des Amtes musste sie auf die Hilfe des ulmener, lindauer oder ravensburger Scharfrichters zurückgreifen. Das war mit Mehrkosten verbunden. Fünf Jahre später übernahm dann ihr Sohn Heinrich, der auswärts in die Lehre ging, das Amt. Ähnlich war 1819 der Fall des Berliner Scharfrichters Krafft, dessen Witwe den Brandenburger Scharfrichter, August Hellriegel, zu Hilfe holen musste.
Andererseits, Goethe traf mehrere Male den egener Scharfrichter Karl Huß. Davon berichtet er z.B. am 23. April 1820 in einem Brief an seinen Sohn August. Zugegeben, Karl Huß war eine große Ausnahme seiner Zunft.

Es gab auch Scharfrichter, die sich großer Bekanntheit und geradezu Beliebtheit erfreuten, so z.B. Julius Krautz. Krautz vollzog 1878 die Enthauptung von Max Hödel, der versucht hatte, Kaiser Wilhelm I. zu erschießen. Anschließend versandte er Briefe an die Justizministerien aller deutschen Länder, in denen er seine Dienste anbot, samt Attest, das ihm bei der Hinrichtung Hödels größte Ruhe, Sicherheit und Umsicht bescheinigte.

Ein Autor names Victor von Falk veröffentlichte einen Fortsetzungsroman mit dem Titel "Der Scharfrichter von Berlin", angeblich "nach Acten, Mittheilungen u. Aufzeichnungen des Scharfrichters Jul. Krautz", tatsächlich voll frei erfundener Schauergeschichten. Das Werk wurde ein kolossaler Erfolg. In einer populären Moritat ließ man die Opfer der von Krautz enthaupteten Mörder jubeln: „Es blinkt das Beil, der Menge graut's, / Ein Blitz, ein Schlag, hochspringt das Blut, / Wir sind gerächt! - Hoch Meister Krautz!“.

Krautz führte auch die im Kaiserreich übliche Bekleidung für Scharfrichter - schwarzer Frack, Zylinder, weiße Handschuhe - ein, die deutlich die Achtbarkeit seines Standes betonte. Schließlich überspannte er in seiner Geschäftstüchtigkeit allerdings den Bogen, als er sein Henkersbeil im Gruselkabinett eines Panoptikums ausstellte. Dies wurde vom preußischen Innenminister unterbunden. Das Ende seiner Karriere kam, als er in betrunkenem Zustand bei einer Wirtshausschlägerei seinen Gehilfen tötete. Zwar erkannte das Gericht auf Notwehr und sprach ihn frei, aber er wurde nicht mehr als Scharfrichter engagiert. Er eröffnete in Berlin ein Restaurant - er war gelernter Konditor - und verscherbelte die Geschäftsbücher aus seiner Scharfrichterzeit.
 
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Das ist wiederum richtig. Zu Arbeiten an der Hinrichtungsstätte war es auch schon im 17./18.Jh. (wahrscheinlich bereits davor) schwer irgendeinen Handwerker zu bewegen, eben wegen dem Ruf einer solchen Arbeit. Manchmal wurden dann deswegen einfach sämtliche Handwerker eines Ortes, wo das Schafott stand zusammengerufen, dass sich zumindest formell alle daran beteiligen mussten, damit es zumindest innerhalb der Handwerkerschaft schwierig war, sich gegenseitig die Schuld/den schwarzen Peter zuzuschieben.

In einem fränkischen Ort zitiert Ernst Schubert, dass beim Bau eines Galgens 365 1/2 Männern, soviele wie Tage im Jahr mitwirken mussten, als halber Mann fungierte der städtische Trommelschläger. In Göttingen heftete man als ehrenstrafe das Abbild eines Studenten, der nach dem tödlichen Ausgang eines Duells vor der Justiz flüchtete. Die Scharfrichter trugen meist Berufskleidung, um Unglücksfälle zu vermeiden. So gab es den Fall eines Mannes, der unwissentlich mit dem Scharfrichter getrunken und sich damit nach dem Verständnis der Zeit mit dessen "Unehrlichkeit" infiziert hatte, worauf er sich das Leben nahm. Die Arbeit an Galgen oder anderen Werkzeugen war durchaus nicht ehrenrührig. Die Arbeit des Scharfrichter war "unehrlich" aber sein Amt übte er im Namen der Justiz aus, wie z. B. Luther betonte. Der galgen oder Pranger war ein Instrumentarium der Strafgerichtsbarkeit und des Gesetzes. Gerade die Beteiligung von Richtern, Schöffen und ehrbaren Handwerkern sollte unterstreichen, dass es ein Instrument war, das den gebrochenen Rechtsfrieden wiederherstellen sollte. Alle Handwerksbetriebe schlugen wenigstens einen Nagel ein. Die Mitwirkung am Bau hatte für die Beteiligten keine entehrenden Folgen. Im gegenteil dürfte man den auftrag gerne angenommen haben. Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert tatsächlich so etwas wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für das ansässige mittelständische Handwerk. Der Barbier, der den Delinquenten rasierte, der Geistliche, der ihn tröstete, und natürlich auch die Handwerker und Gastwirte sie alle hielten die Hand auf vom Ratsherren bis zu den Gerichtsdienern und dem "Meister Hans" und seinen Gehilfen. exekutionen konnten mit allem Klimbim leicht 200 fl und mehr kosten. Zur Abnahme der Todesstrafe und Humanisierungstendenzen in der Justiz im 18. Jahrhundert mögen humanitäre aufklärerische Gedanken beigetragen haben, dass sie vielerorts Ende des 18. Jhds de facto abgeschafft bzw in Festungsbau umgewandelt wurde, dürfte auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass Exekutionen kostspielig waren und der Aufwand sich für viele Delinquenten nicht lohnte
 
Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert tatsächlich so etwas wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für das ansässige mittelständische Handwerk. Der Barbier, der den Delinquenten rasierte, der Geistliche, der ihn tröstete, und natürlich auch die Handwerker und Gastwirte sie alle hielten die Hand auf vom Ratsherren bis zu den Gerichtsdienern und dem "Meister Hans" und seinen Gehilfen. exekutionen konnten mit allem Klimbim leicht 200 fl und mehr kosten.
Ganz davon abgesehen war es oft auch die größte Show des Jahres... Es konnte durchaus vorkommen, daß man einem anderen Ort einen Delinquenten abkaufte, weil man schon lange keine Hinrichtung mehr hatte. Richard van Dülmen hat sein Buch zum Thema ganz bewußt "Theater des Schreckens" betitelt.
 
Warum wurde die Guillotine (Fallbeil) eigentlich als "Sense der Gleichheit" bezeichnet?
meiner privaten Ansicht nach beantwortet Heinrich Heine diese Frage nicht nur erschöpfend, sondern obendrein nicht nur stilistisch brillant:
CAPUT XVI

Das Stoßen des Wagens weckte mich auf,
Doch sanken die Augenlider
Bald wieder zu, und ich entschlief
Und träumte vom Rotbart wieder.

Ging wieder schwatzend mit ihm herum
Durch alle die hallenden Säle;
Er frug mich dies, er frug mich das,
Verlangte, daß ich erzähle.

Er hatte aus der Oberwelt
Seit vielen, vielen Jahren,
Wohl seit dem Siebenjährigen Krieg,
Kein Sterbenswort erfahren.

Er frug nach Moses Mendelssohn,
Nach der Karschin, mit Intresse
Frug er nach der Gräfin Dubarry,
Des fünfzehnten Ludwigs Mätresse.

"O Kaiser", rief ich, "wie bist du zurück!
Der Moses ist längst gestorben,
Nebst seiner Rebekka, auch Abraham,
Der Sohn, ist gestorben, verdorben.

Der Abraham hatte mit Lea erzeugt
Ein Bübchen, Felix heißt er,
Der brachte es weit im Christentum,
Ist schon Kapellenmeister.

Die alte Karschin ist gleichfalls tot,
Auch die Tochter ist tot, die Klencke;
Helmine Chézy, die Enkelin,
Ist noch am Leben, ich denke.

Die Dubarry lebte lustig und flott,
Solange Ludwig regierte,
Der Fünfzehnte nämlich, sie war schon alt,
Als man sie guillotinierte.

Der König Ludwig der Fünfzehnte starb
Ganz ruhig in seinem Bette,
Der Sechzehnte aber ward guillotiniert
Mit der Königin Antoinette.


Die Königin zeigte großen Mut,
Ganz wie es sich gebührte,
Die Dubarry aber weinte und schrie,
Als man sie guillotinierte."
- -

Der Kaiser blieb plötzlich stillestehn,
Und sah mich an mit den stieren
Augen und sprach: "Um Gottes will'n,
Was ist das, guillotinieren!"


"Das Guillotinieren" - erklärte ich ihm
"Ist eine neue Methode,
Womit man die Leute jeglichen Stands
Vom Leben bringt zu Tode.


Bei dieser Methode bedient man sich
Auch einer neuen Maschine,
Die hat erfunden Herr Guillotin,
Drum nennt man sie Guillotine.

Du wirst hier an ein Brett geschnallt; -
Das senkt sich; - du wirst geschoben
Geschwinde zwischen zwei Pfosten; - es hängt
Ein dreieckig Beil ganz oben; -

Man zieht eine Schnur, dann schießt herab
Das Beil, ganz lustig und munter; -
Bei dieser Gelegenheit fällt dein Kopf
In einen Sack hinunter."

Der Kaiser fiel mir in die Red':
"Schweig still, von deiner Maschine
Will ich nichts wissen, Gott bewahr',
Daß ich mich ihrer bediene!

Der König und die Königin!
Geschnallt! an einem Brette!
Das ist ja gegen allen Respekt
Und alle Etikette!


Und du, wer bist du, daß du es wagst,
Mich so vertraulich zu duzen?
Warte, du Bürschchen, ich werde dir schon
Die kecken Flügel stutzen!

Es regt mir die innerste Galle auf,
Wenn ich dich höre sprechen,
Dein Odem schon ist Hochverrat
Und Majestätsverbrechen!"

Als solchermaßen in Eifer geriet
Der Alte und sonder Schranken
Und Schonung mich anschnob, da platzten heraus
Auch mir die geheimsten Gedanken.

"Herr Rotbart" - rief ich laut -, "du bist
Ein altes Fabelwesen,
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
Auch ohne dich erlösen.

Die Republikaner lachen uns aus,
Sehn sie an unserer Spitze
So ein Gespenst mit Zepter und Kron';
Sie rissen schlechte Witze.

Auch deine Fahne gefällt mir nicht mehr,
Die altdeutschen Narren verdarben
Mir schon in der Burschenschaft die Lust
An den schwarzrotgoldnen Farben.

Das beste wäre, du bliebest zu Haus,
Hier in dem alten Kyffhäuser -
Bedenk ich die Sache ganz genau,
So brauchen wir gar keinen Kaiser."
aus: Heinrich Heine (1797–1856) Deutschland, ein Wintermärchen (1844)
 
Zuletzt bearbeitet:
Das ist wiederum richtig. Zu Arbeiten an der Hinrichtungsstätte war es auch schon im 17./18.Jh. (wahrscheinlich bereits davor) schwer irgendeinen Handwerker zu bewegen, eben wegen dem Ruf einer solchen Arbeit. Manchmal wurden dann deswegen einfach sämtliche Handwerker eines Ortes, wo das Schafott stand zusammengerufen, dass sich zumindest formell alle daran beteiligen mussten, damit es zumindest innerhalb der Handwerkerschaft schwierig war, sich gegenseitig die Schuld/den schwarzen Peter zuzuschieben.

Ich kenne es anders, alle Handwerker machten mit, wurden dazu verpflichtet, sich zu beteiligen, und Hinrichtungen erfüllten den Zweck einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

In einer fränkischen Stadt mussten im 18. Jahrhundert 365 1/2 Mann so viele wie Tage im Jahr waren am Bau des Galgen mithelfen, wobei der Stadtmusikant oder der Nachtwächter als "halber Mann" zählten.

Hinrichtungen summierten sich. Der Schreiner, der den Sarg anfertigte, die Handwerker, die den Galgen bauten, die Reitknechte, die mitfuhren, der Stellmacher, Wagner, der Sattler, der Barbier, der den Delinquenten rasierte, die Bäcker und Metzger, die für die Henkersmahlzeit sorgten, sie alle bekamen etwas für ihre Arbeit, und das konnte sich zu stattlichen Summen addieren.

Das historische Frankfurter Gretchen, Susanna Margaretha Brand kostete die Freie und Reichsstadt Frankfurt am Main etwa 200 Fl.
 
Warum wurde die Guillotine (Fallbeil) eigentlich als "Sense der Gleichheit" bezeichnet?

Es gab eine Reihe von Metaphern und Euphemismen für das "Rasiermesser" der Nation.

Die Guillotine tötete in Sekundenschnelle, es gab zwar einige Pannen bei Hinrichtungen, insgesamt erwies sich das Instrument als eine schnelle, zuverlässige Hinrichtungsmethode. In der Regel trat der Tod in Sekundenbruchteilen ein, und im Vergleich mit Enthauptungen von Hand, mit dem Tod am Galgen oder auch durch ein Erschießungskommando war das sicher eine zuverlässige, schnelle und vergleichsweise humane Tötungsmethode, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Humanität sprechen kann.

Bei Hinrichtungen mit dem Schwert oder auch Beil kam es immer wieder mal zu grausigen Patzern. Es war wichtig für den Scharfrichter, dass der Delinquent sich richten ließ, mitspielte.

Wenn eine größere Zahl von Delinquenten mit dem Schwert gerichtet werden sollte, war das für den Scharfrichter durchaus Schwerarbeit.

Die Guillotine erforderte keine Kraft oder Geschicklichkeit mehr vom Scharfrichter, er musste nur noch den Mechanismus auslösen und ihn warten.

Die Guillotine war aber auch ein Instrument, mit dem sich maschinenartig Menschen töten ließen. Egal ob einer oder Dutzende, die Guillotine machte es möglich, Hundert Menschen und mehr an einem Tag zu exekutieren. Die Maschine ermüdete nicht, bekam es nicht mit den Nerven.


Dem Wohlfahrtsausschuss und dem Terror fielen in Frankreich mehr als 16.000 Menschen zum Opfer, die unter der Guillotine ihr Leben lassen mussten. Die Guillotine machte es leichter, Menschen in großen Stückzahlen vom Leben zum Tode zu befördern, und das trug auch dazu bei, leichter Menschen zum Tode zu verurteilen.

Früh schon wurden Miniaturmodelle als Spielzeug verkauft, und auch Varietes entdeckten Guillotinen als Accessoire.
 
Hinrichtungen summierten sich. Der Schreiner, der den Sarg anfertigte, die Handwerker, die den Galgen bauten, die Reitknechte, die mitfuhren, der Stellmacher, Wagner, der Sattler, der Barbier, der den Delinquenten rasierte, die Bäcker und Metzger, die für die Henkersmahlzeit sorgten, sie alle bekamen etwas für ihre Arbeit, und das konnte sich zu stattlichen Summen addieren.

Das historische Frankfurter Gretchen, Susanna Margaretha Brand kostete die Freie und Reichsstadt Frankfurt am Main etwa 200 Fl.

Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie sich die genannten Dienstleistungen auf 200 Gulden hätten summieren können. Schreiner und Zimmerleute ein paar Gulden, der Rest eher im Kreuzerbereich, hätte ich geschätzt. Da wurde sicher kein Prunksarg in Auftrag gegeben, sondern eine schlichte Kiste aus dem billigsten Holz. Und bei der Henkersmahlzeit wird man auch nicht gerade Trüffel und Tokajer aufgetischt haben.
Kann man die Rechnung irgendwo nachlesen?
 
Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie sich die genannten Dienstleistungen auf 200 Gulden hätten summieren können. Schreiner und Zimmerleute ein paar Gulden, der Rest eher im Kreuzerbereich, hätte ich geschätzt. Da wurde sicher kein Prunksarg in Auftrag gegeben, sondern eine schlichte Kiste aus dem billigsten Holz. Und bei der Henkersmahlzeit wird man auch nicht gerade Trüffel und Tokajer aufgetischt haben.
Kann man die Rechnung irgendwo nachlesen?
Ernst Schubert hat seinerzeit Archivalien vor allem aus Franken bearbeitet (Ernst Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts) und er hat tatsächlich die Summe von 200 Fl genannt.

"...Die Todesstrafe war faktisch in Franken am Ende des 18. Jhds. abgeschafft. Aber das war weniger von Humanitätsgedanken erwirkt worden als von Aufwand und Kosten. Wir notieren nur als Beispiel, was 1727 in Hammelburg aufgewendet werden musste. Schöffengelder waren zu zahlen, Wachtmeister und Tamboure erhielten Gelder, ebenso wie der Mauerermeister, der Schreiner, Schlosser, Buchbinder erhielt Geld für das binden der Akten, der Oberförster für das Anweisen des Holzes, und schließlich wollten auch der Stadtphysikus und der Barbier bezahlt werden,...kleine und kleinste Handreichungen addierten sich zu der stattlichen Summe von 410 Fl."

Ernst Schubert, Arme Leute Bettler und Gauner S. 290- 291.

Ganz so spartanisch war die Henkersmahlzeit des Frankfurter Gretchens nicht.

Es wurden serviert: 1 gute Gerstensuppe, 1 Schüssel Rotkraut, eine Schüssel mit Bratwürsten von 3 Pfund, 10 Pfund Rindfleisch, 6 Pfund gebackene Karpfen, 12 Pfund gespickten Kalbsbraten, eine Schüssel Konfekt, 10 Milchbrodt, 2 schwartze Hospital Leibbrodt und 8/12 Maß Wein vom Jahrgang 1748.

Mitgegessen haben der Unterzeichnete, Pfarrer WiIllemer, der Obrist-Richter Raab, Pfarrer Zeitmann und die Einspänniger Göring und Göckler, der Hospitals-Bäcker, der Vorsitzende des Spitals und sein Stellvertreter.

Dir Wachen erhielten 3 Pfund Edamer und 1 Laib Schwarzbrot.

Die Delinquentin hatte keinen großen Appetit, aber die anderen ließen es sich schmecken, der Rest der Henkermahlzeit wurde dem Spital übergeben.

Zitiert nach Richard van Dülmen, Theater des Schreckens S. 86-87.
 
Klar und... Na ja, gerade, weil Scharfrichter zumeist verachtet waren, war ihre Stelle auch schwer zu besetzen. So übernahm z.B. 1767 in Memmingen die Witwe des verstorbenen Scharfrichters Widemann, Maria Juditha, rein formel dessen Amt. Bei der Ausübung des Amtes musste sie auf die Hilfe des ulmener, lindauer oder ravensburger Scharfrichters zurückgreifen. Das war mit Mehrkosten verbunden. Fünf Jahre später übernahm dann ihr Sohn Heinrich, der auswärts in die Lehre ging, das Amt. Ähnlich war 1819 der Fall des Berliner Scharfrichters Krafft, dessen Witwe den Brandenburger Scharfrichter, August Hellriegel, zu Hilfe holen musste.
Andererseits, Goethe traf mehrere Male den egener Scharfrichter Karl Huß. Davon berichtet er z.B. am 23. April 1820 in einem Brief an seinen Sohn August. Zugegeben, Karl Huß war eine große Ausnahme seiner Zunft. Er besaß in seinem Haus ein Museum mit Mineralien und präparierten Tieren.

Wenn dann die Obrigkeit eine Hinrichtung mit der Guillotine anordnete, musste dieses Ding auch erst einmal gebaut werden. Da könnte ich mir ebenfalls eine Verschleppung vorstellen. Kaum ein traditioneller Handwerker wird sich für diesen Auftrag freiwillig hergegeben haben. Seine Schande wäre bei jeder Hinrichtung in aller Öffentlichkeit zu sehen gewesen.

Nur kurz nebenbei, eine Art "Vorgänger" der Guillotine nannte man in Deutschland Dille. Kommt von Diele. Wie das Gerät genau aussah, weiß ich leider nicht, aber da musste man oben mit einem schweren Holzhammer auf ein hochkannt stehendes Brett schlagen, das unten mit einer Klinge versehen war.

In diesem Fall würde ich es etwas anders interpretieren: Die gute Frau versuchte den Job in der Familie zu halten, bis der Sohn ausgelernt hatte. das Scharfrichteramt war häufig erblich in einer Familie. Ich weiß nicht mehr, wo es war, aber in einem Ort hat eine Scharfrichtergattin sogar mal ihren Mann vertreten (müssen). Der konnte nicht seines Amtes walten, da er selbst wegen eines Vergehens beschuldigt war. Ich krieges es nicht mehr zusammen wie es war. Der Scharfrichter, mit dem Goethe zu tun hatte, besaß eine berühmte Münzsammlung, und ich glaube, über den Münzhandel lernten sich Goethe und der Scharfrichter kennen.

Heinrich Heine schreibt von der Tochter eines Scharfrichters, die wohl seine erste Liebe war.
In Paris übte die Familie Sanson gut 150 Jahre das Scharfrichteramt von Paris aus. Der Blaubart und Kindermörder Gilles de Rais, der Bandit Cartouche und später Ludwig XIV. , Danton, Robespierre- sie alle wurden exekutiert von einem Mitglied der Familie Sanson.

Charles Henri Sanson war der Letzte aus dieser Scharfrichterdynastie. Er hasste sein Gewerbe und dankte Gott, dass er nur Töchter hatte, die niemals diesen Beruf ausüben mussten. Er studierte an der Sorbonne Medizin und wollte eigentlich Arzt werden. Doch seine Mutter Marthe entschied, dass er das Familienunternehmen weiterführen musste. Der Mann, der den König und Marie Antoinette exekutierte war eigentlich überzeugter Royalist, und er wurde ein Scharfrichter wider Willen. Zeitweise verfiel er dem Spielteufel und dem Alkohol, verpfändete sogar einmal die Guilliotine. Er hat zwar kein Scharfrichter-Tagebuch wie Franz Schmidt hinterlassen, aber eine lesbare Biographie, in der er über das Schicksal seiner Familie berichtete.
 
Warum wurde die Guillotine (Fallbeil) eigentlich als "Sense der Gleichheit" bezeichnet?

Enthauptungen waren vielfach ein Privileg der oberen Stände. Enthauptung galt als nicht entehrende oder als am wenigsten entehrende Hinrichtungsart.

Es kam zwar immer wieder vor, dass "Begnadigungen" statt fanden und Delinquenten statt mit dem Galgen oder Rad exekutiert zu werden, stattdessen mit dem Schwert hingerichtet wurden. Das mag aus heutiger Sicht wie eine makabre Haarspalterei erscheinen, für die Delinquenten machte es aber den Unterschied zwischen einer schnellen und schmerzfreien Todesart und einem langen Todeskampf, und den Gerichten flossen Begnadigungsgelder zu, wenn eine mildere Exekution durchgeführt wurde.

Eine Enthauptung war auch die technisch schwierigste Art der Exekution. Von einem Scharfrichter wurde eine Probe verlangt, und üblicherweise bestand die in einer Enthauptung mit dem Schwert.

Wenn Mitglieder einer Bande exekutiert wurden oder wenn wie während des Großen Bauernkrieges große Zahlen von Delinquenten exekutiert wurden, stieß ein Scharfrichter an die Grenzen seiner physischen und psychischen Belastbarkeit. Es erforderte dieser Beruf eiserne Nerven, und es war kein Zufall, dass viele Scharfrichter der Trunksucht verfielen. Von Franz Schmidt wissen wir, dass er unter der Unehrlichkeit" seines Gewerbes litt, und er ließ sich als er sein Amt niederlegte wieder ehrlich machen.

Die Guillotine erlaubte es massenhaft Exekutionen vorzunehmen, selbst mehrere Hundert Exekutionen am Tag waren damit möglich geworden. Es war eine Exekution mit dem Schwert buchstäblich Handwerk, die Guillotine machte es möglich, im Akkord Menschen zu exekutieren, es war eine Enthauptung nichts Exklusives mehr, und sie wurde bald zu einer bevorzugten Hinrichtungsmethode. Arm und reich, hoch und niedrig, Aristokraten, Monarchen und Jakobiner ließen auf der Guillotine ihr Leben, und die Guillotine beseitigte die Standesgrenzen, die bei der Enthauptung zuvor eine Rolle spielten. So wurde die Guillotine zum "Rasiermesser der Nation", zur "Sense der Gleichhheit", denn sie machte die Menschen gleich so wie man es auch dem Colt-Revolver nachsagte, ein Gleichmacher zu sein.

Es sind insgesamt fast 20.000 Menschen in Frankreich mit der Guillotine exekutiert worden.
 
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