Normanen/Wikinger 890 in Osnabrück

Mittelalterlager

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Moin

Habe gerade gelesen, das 890 der Kirchenbau in Osnabrück von Normanen/Wikingern zerstört wurde. Weiß jemand von Euch näheres über dieses Ereignis?
 
Ich weiß jetzt ad hoc nichts davon, befürchte aber, wenn dies in Quellen irgendwo verbrieft ist, dass es sich um einen Einzeiler in irgendwelchen annalistischen Texten handelt, ohne Kontext oder weitere Information.
 
Ich schon:

"Das junge Bistum sah sich bald in höchster Gefahr: zwischen 880 und 884 erreichten die Normannen auch Osnabrück, nachdem 880 die Bischöfe von Hildesheim und Minden bei Uelzen gegen die Normannen gefallen waren. Nun fiel ihnen Dom und Domburg in Osnabrück zum Opfer, wie aus der Querimonia Egilmari, einem Schreiben Bischof Egilmars an Papst Stephan V. (885-891) hervorgeht. Diese Klageschrift zeigt auch die wirtschaftlichen Nöte des Bischofs nach dieser Katastrophe. Er konnte nämlich den begonnenen Neubau aus Mangel an Mitteln nicht fortsetzen."

Peter Schwenk, Brun von Köln (925-965) und seine Bedeutung im westfälisch-niedersächsischen Bereich, in : Niedersächsisches Jahrbuch 67 (1995). Schwenk stützt sich auf Angelika Spicker-Wendt: Die Querimonia Egilmari episcopi und die Responsio Stephani papae, Köln 1980

Franz Staab (1984) hält die Querimonia Egilmari allerdings für eine Fälschung:
 
Interessant, mir war nicht bekannt, das Wikinger so tief in Niedersachsen waren, zumal es ja damals nicht gerade mit Reichtum gesegnet war (hier ist im besonderen der Haseraum gemeint). Über die Verhältnisse im mittleren und oberen Weserraum ist mir nichts bekannt.
 
...mehr als das (Wikipedia Osnabrück) hab ich auf die Schnelle nicht gefunden.

hier steht - ohne Quellennachweis:

Der Siedlungskern um den Bischofssitz herum wurde mit Wällen und Wassergräben als Domburg ausgebaut, innerhalb derer auch die heutigen Plätze Domhof und Große Domsfreiheit lagen. Trotz der Befestigung wurde Osnabrück um 880, durch Normannen überfallen und die Domburg samt Kirche zerstört. Um 900 wurde der Missionsstützpunkt wieder aufgebaut. Ungefähr zur gleichen Zeit erhielt das Bistum das Marktrecht.​


und hier:

In der Zeit von 880 bis 884 n. Chr. wird die Osnabrücker Domburg durch Überfälle der Normannen zerstört.​



und hier:

Um das Jahr 800 erfolgte dann die Gründung des Bistums Osnabrück. Im 9. Jahrhundert zerstörten Normannen den ersten Dom, dieser wurde aber wieder aufgebaut.​


und hier:

Karl der Große um 780 das Bistum Osnabrück, dessen erster Leiter Bischof Wiho wurde. 785 entstand die erste Kirche. Normannen zerstörten sie 100 Jahre später.


Aber nirgends ein Hinweis auf eine zeitgenössische Quelle.
 
Den Text der Querimonia Egilmari gibt es hier:


Aber dass hier explizit von einem Normanneneinfall und von der Zerstörung der Domburg gesprochen wird, sehe ich nicht. Oder habe ich Tomaten auf den Augen?
Ich wollte gerade dasselbe schreiben, zu einem Normanneüberfall sehe ich hier nichts. Mir ist noch unklar, was es mit diesem Cobbo und dem Bischof der Suenonen auf sich hat.
Das ist das einzige, was vielleicht auch auf Schweden hinweisen könnte.
 
Mir ist noch unklar, was es mit diesem Cobbo und dem Bischof der Suenonen auf sich hat.
Das ist das einzige, was vielleicht auch auf Schweden hinweisen könnte.

Das ist eine alte Geschichte: Gauzbert sollte in Schweden missionieren, wurde aber von den Schweden vertrieben und danach auf Betreiben Cobbos als Bischof von Osnabrück investiert.

Egilmar beklagt sich, dass er sein Bauprojekt mangels Finanzen nicht fortführen könne (nec claustra monasterii [...] emendare, quae nuperrime coepimus construere). Das ist alles.

Einige Kirchen der Diözese seien durch Mordtaten befleckt (aliquantas [ecclesias] etiam homicidiis perpetratis infectas), das könnte man auf einen gewalttätigen Plünderungszug beziehen. Aber diesen müsste man voraussetzen, aus dem Text ergibt er sich nicht. Die Plünderungszüge, die an anderer Stelle erwähnt werden, beziehen sich auf die längst vergangene Ära Ludwigs des Frommen.
 
MMn entspringen die angeblichen Zerstörungen durch Normannen in Osnabrück vagen Angaben im Werdener Urbar.

Die historische Forschung hat zudem versucht, eine Datierung von A1 [erster Teil des Urbars] über Hinweise im Urbar zu erreichen, die auf die Verwüstung der Osnabrücker Diözese durch die Normannen (oder auch Wikinger genannt), aus Skandinavien und Dänemark stammenden Seeräubern, die für den Entstehungszeitraum des Werdener Urbars in den 880er Jahren erfolgten und 892 dauerhaft endeten, hindeuten sollten. Auch in Teil A1 meinte man derartige Anhaltspunkte finden zu können. Nachweislich fielen Normannen 880, 884 und 885 in das damalige Sachsen, also in Nordwestdeutschland ein. Diese Überfälle werden in den zeitgenössischen Fuldaer Annalen (Jahrbücher) aus dem 9. Jahrhundert zu diesen Jahren erwähnt. Ob die Normannen allerdings auch das Osnabrücker Nordland erreichten und ob die Hinweise im Urbar, dass einige Orte verwüstet und verlassen waren, wirklich auf die normannischen Raubzüge zurückzuführen sind oder ganz andere Ursachen hatten, bleibt ungewiss. Dafür gibt es keine eindeutigen Belege! Zudem könnten aber auch weitere Raubzüge der Normannen in den 880er Jahren erfolgt sein, die keinen Niederschlag in den für diese Zeit nur spärlich überlieferten schriftlichen Quellen gefunden haben. Lediglich an einer Stelle im Werdener Urbar, und zwar in A2, dem „Ostfriesischen Register“, werden überhaupt die Normannen ausdrücklich genannt.
Christof Spannhoff - Zur Datierung des ältesten Werdener Urbars (A), in Nordmünsterland. Forschungen und Funde 2 (2015), Seite 196f
 
Dass die Wikingerheere sehr beweglich waren ist bekannt. Mir geht es hier um folgendes:
Normalerweise waren die gut informiert, wo es was zu holen gab, die Gegend um OS war damal eher ärmlich.
Verkehrstechnisch eher nur über den Südkreis erreichbar, der Nordkreis ist da noch recht unwirtlich gewesen.
Aachen liegt auch nicht soweit abseits, in einer auch damals recht reichen Region, da lohnte eine Landexpedition eher.

ein buchtabe i nun endgültig augefallen:( (mod: habe mir erlaubt, den fehlenden Buchstaben einzuarbeiten)
 
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Wie könnten die Wikinger den Ort erreicht haben, über die Hase geht das nicht.
Du unterschätzt die Beweglichkeit der Wikinger und Normannen, und letzten Endes waren selbst kleine Flüsse und Bäche schiffbar, in größerem Umfang auch treidelbar.


Interessant sind ja auch die Wikingerüberfälle im Jahre 882 und 892: 2x wurde die Abtei Prüm verwüstet. Und Prüm liegt 460 m über dem Meeresspiegel.

Interessant wäre also zu wissen, wo an Weser, Ems, Ruhr (jenseits von Duisburg) und Lippe Überfälle der Wikinger waren, oder elbaufwärts jenseits von Hamburg.

Aber im ehemaligen Sachsengebiet gab es nun einmal nicht so viel reiche Beute, wenig Klöster.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich wollte gerade dasselbe schreiben, zu einem Normanneüberfall sehe ich hier nichts. Mir ist noch unklar, was es mit diesem Cobbo und dem Bischof der Suenonen auf sich hat.
Das ist das einzige, was vielleicht auch auf Schweden hinweisen könnte.
Ist zwar nicht gerade mein Wissensgebiet, aber das Ouiz bei den norwegischen Anglern hat so einige mitgebracht ...

Im Jahre 845 wurde Graf Cobbo (er lebte in der Nähe von Münster und Osanabrück) von König Ludwig dem Deutschen als Gesandter nach Dänemark zum König Horich I. geschickt.
Man vermutet dass König Horich I. nicht nur über Teile Dänemarks regierte, sondern auch über Schonen.
Schonen -> Provinz in Süden Schwedens. Diese Provinz gehörte bis ins 17. Jahrhundert zu Dänemark.
Weiteres zu Schonen -> bitte hier: Schonen – Wikipedia

Was nun den Bischof von Suenonen anbelangt...
Die Suenonen waren ein von dem römischen Historiker und Ethnographen C. Tacitus im 1. Jahrhundert erwähntes nordgermanisches bzw. nordeurasisches Volk. Ein Seevolk.

Da würde ich aber mich mehr mit den Missionsbischof Ansgar beschäftigen.
Ansgar (* 801 - † 865) hatte ja m.W. kontakt mit König Horich I. († 854).
 
Du unterschätzt die Beweglichkeit der Wikinger und Normannen, und letzten Endes waren selbst kleine Flüsse und Bäche schiffbar, in größerem Umfang auch treidelbar.


Interessant sind ja auch die Wikingerüberfälle im Jahre 882 und 892: 2x wurde die Abtei Prüm verwüstet. Und Prüm liegt 460 m über dem Meeresspiegel.

Interessant wäre also zu wissen, wo an Weser, Ems, Ruhr (jenseits von Duisburg) und Lippe Überfälle der Wikinger waren, oder elbaufwärts jenseits von Hamburg.

Aber im ehemaligen Sachsengebiet gab es nun einmal nicht so viel reiche Beute, wenig Klöster.
Ne, ich kenne die Hase in und auswendig, bis Löningen geht das einigermaßen, ab Quakenbrück/im Hasebinnendelta sogar mit sehr flachgehenden Kähnen schwierig, Ledda, Jümme und die anderen Fließgewässer in Ostfriesland/Emsland/Ammerland sind da eine ganz andere Kategorie.
Die Hase kann teilweise sehr breit werden, ist aber häufig verschlammt, sehr flach, teilweise zugewuchert, das wird damals ähnlich gewesen sein.

Ich wollte damit eigentlich nur sagen, das dieser Fluß als Transportweg auch für Wikinger kaum nutzbar ist. Demzufolge müßte ein Landweg gewählt worden sein um nach OS zu gelangen. Ich denke mal, hier wird eine Route aus dem Südkreis (Melle) die bessere Alternative gewesen sein. Der Nordkreis war zu jener Zeit noch recht weglos.
 
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