Aktualisierendes in Szene setzen - damals schon?

dekumatland

Aktives Mitglied
Auf die Idee zu diesem Faden hat mich eine Bemerkung von @El Quijote gebracht:
Im 15. Jhdt, malte man (in) Kreuzigungsszenen die Römer ja auch als spätmittelalterliche Ritter. Bei alttestamentarischen Kriegsszenen genauso.
ab der zweiten Hälfte des 20. Jhs. peu a peu trotz ein paar Skandalen schon Normalität geworden:
- Shakespeares Romeo und Julia im New York der 50er Jahre: Bernstein Westside Story
- die wagnerschen Germanengötter des Nibelungenrings als Kapitalismuskritik gedeutet (schon früh bei G.B. Shaw!) und im Jahrhundertring von Chateau in Szene gesetzt: Wotan in Nadelstreifen.
- die spanische Inquisition (Schiller - Verdi) als Securidas a la Cheauchescu
Und so weiter ---
Freilich zuvor schon auch in der Literatur: der vordergründig historische Roman Faraon von Prus verschlüsselt aktuelle Problematik im altägyptischen Gewand.
--- da lässt sich viel zusammentragen, um das abzukürzen: da befinden wir uns in Kunstanschauungen und Theorien, die im 19. Jh. einsetzten und davor noch nicht bekannt waren (vergleichbar mit "Realismus", aufgekommen im 19.Jh.)

Buchillustrationen, Fresken etc des 10.Jhs. zeigen die biblischen Römer gekleidet/bewaffnet a la 10.Jh. / Buchillustrationen, Fresken etc des 13. Jhs. zeigen dieselben a la 13. Jh. gestylt / dass die biblischen Römer dann im 15.Jh. weiterhin "aktualisiert" auftauchen, wundert schon nicht mehr. Aber auch historische Helden der Antike (Alexander), der Völkerwanderungszeit (Dietrich, Attila, Artus) oder früherer Jahre (Karl der Große, Roland, Charlemagne) erscheinen immer im Outfit der Zeit der Illustration oder Deskription.

Von der Spätantike bis ins 18. Jh. hat es nie ein "Skandal / Klitterung"-Geschrei deswegen gegeben.

Da stellt sich die Frage:
warum überhaupt wurde "aktualisierend" illustriert? Aus Unkenntnis (weil man naiv glaubte, alles habe schon immer wie heute ausgesehen?)? Um die erzählten/illustrierten Geschichten näher zu bringen?
 
Ich würde zumindest primär auf Unkenntnis tippen. Woher sollte ein Illustrator des Hoch- oder Spätmittelalters wissen, wie die antiken Griechen und Römer oder gar die Israeliten und Ägypter der Bronzezeit wirklich aussahen? Vielfach wird es sogar am Bewusstsein dafür gefehlt haben, dass sie anders aussahen.
Das gilt nicht nur für die darstellende Kunst, sondern auch für die Literatur: Stoffe, die eigentlich in der Völkerwanderungszeit spielen (Dietrich von Bern, Nibelungen, Artus, etc.), wurden in der Literatur des Hochmittelalters in einem zeitgenössischen höfischen Umfeld dargestellt. Auch da wird der Autor kaum Kenntnis darüber gehabt haben, wie es in der Völkerwanderungszeit tatsächlich zuging.
 
Stoffe, die eigentlich in der Völkerwanderungszeit spielen (Dietrich von Bern, Nibelungen, Artus, etc.), wurden in der Literatur des Hochmittelalters in einem zeitgenössischen höfischen Umfeld dargestellt. Auch da wird der Autor kaum Kenntnis darüber gehabt haben, wie es in der Völkerwanderungszeit tatsächlich zuging.
wie schon gesagt:
Aber auch historische Helden der Antike (Alexander), der Völkerwanderungszeit (Dietrich, Attila, Artus) oder früherer Jahre (Karl der Große, Roland, Charlemagne) erscheinen immer im Outfit der Zeit der Illustration oder Deskription.
Um dieses eine Exempel herauszugreifen: Stoff aus der Völkerwanderungszeit / literarische Verarbeitung Anfang 13. Jh - das prominente Nibelungenlied.
Seit den historischen Warlords Gundacarius (Gunther), Etzel (Attila) und Theodreiks (Dietrich) sind über 700 Jahre verstrichen. Seit den Karolingern alles christianisiert. Und der gebildete (!) Autor inszeniert das tragische Heldenepos in das höfische Idealbild (edle Ritter, Zucht & Maße usw) - trotzdem bemerkte Goethe, "dass viel heidnisches darin steckt", und der Dichterfürst hat gar nicht so unrecht! Nicht nur heidnische mythologische Motive (Schicksalsvorherbestimmung a la ae. Wyrd, vorhersehkundige Schwanenfrauen samt Kleiderzauber etc) sondern auch heidnische Haltung des Gefolgschaftsrecken (Recke als negatives, weil nicht christliches Konzept) - da schwingen beim gebildeten Verfasser Kenntnisse mit, deren Quellen wir leider nicht kennen.
Oder eine Ottonische Kirche im Harz (Gernrode?), deren Verzierungen etliche "heilige heidnische Totemsymbole/Tiere" (Schwan, Eber usw) aufweist.
---- was ich damit sagen will: die mittelalterlichen Literaten schwadronierten nicht ausschließlich ohne Kenntnisse daher.
 
In der Kunst der Renaissance kann man wunderbar nachvollziehen, wie die Wiederentdeckung der antiken Kunststile auch historisierende Szenen beeinflusste. Bei den Brüdern von Limburg geht es in den biblischen Szenen noch recht europäisch-mittelalterlich zu, Jean Colombe hat stilistisch schon ein Update in Richtung Orient parat, und zum Ende des Jahrhunderts ist zumindest in der Elite die Vorstellung von authentischer antiker Ästhetik (oder was man dafür hält) so präsent, dass Karl der Kühne seine Leibritter mit einer Fantasie-Livree ausstattete, die auf mich als Nicht-Rom-Kenner doch recht "römisch" aussieht. Heutige "Aktualisierungen" sind wohl eher dem Versuch geschuldet, die Zeitlosigkeit bestimmter Sujets zu betonen. Dann trägt Macbeth halt Turnschuhe.
 
warum überhaupt wurde "aktualisierend" illustriert? Aus Unkenntnis (weil man naiv glaubte, alles habe schon immer wie heute ausgesehen?)? Um die erzählten/illustrierten Geschichten näher zu bringen?
Paar Gründe:

• Nicht nachgeguckt.

• Weil die Authentizität der Details nicht interessierte, für zweitrangig gehalten wurde.(hierzu könnte man auch Darstellungen aus dem 18. Jh. zählen, als fremde Stile eher vereinnahmt als wiedergegeben wurden, d.h. entweder mit der eigenen Mode vermischt, oder einfach nur fantasievoll exotisiert. Es gab sogar hinzugedichtete Stilelemente, die sich standardisierten.)

• In der Hoffnung, den Erfolg zu steigern. Kommt heute recht häufig vor, dass Details bewusst der aktuellen Mode angepasst werden; v.a. bei Frisuren, aber auch bei Beinkleidern (bspw. um die Betonung der männlichen Genitalien abzuschwächen, oder das Cameltoe bei Herrenhosen im frühen 19. Jh. zu eliminieren) sowie generell, um das Outfit dem aktuellen Empfinden von Sexiness anzupassen (z.B. Cancan-Tänzerinnen ›heißer‹ aussehen zu lassen, indem bspw. die dicken Strumpfhosen modifiziert, bzw. weggelassen werden, wie im Musical Moulin Rouge!).
 
Weil die Authentizität der Details nicht interessierte, für zweitrangig gehalten wurde.
Ist das nicht viel zu modern gedacht? Authentizität wie auch Realismus passen nicht zu Spätantike, Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (auch nicht wirklich zu Renaissance bis Spätbarock), sowohl in Sachen Bilder als auch in Sachen Texte. Das überzeugt mich nicht. Aber ich weiß keine Lösung zu meiner Frage (sonst hätte ich sie nicht gestellt)
Ich hatte als Exempel das Nibelungenlied verwendet, zu dem ich recht viel Sekundärliteratur kenne - aber zur Selbstverständlichkeit, mit der die mittelalterlichen Epiker historische und religiöse Stoffe in ihre Zeit versetzten, war mir nichts anderes aufgefallen, als dass einfach nur dieser Umstand konstatiert wurde. Es gibt kein mittelalterliches "Programm", in welchem erklärt würde "und deshalb sehen die Römer wie Rittersleut aus und benehmen sich so"!

Allerdings gibt es den Heliand - und dessen keinesfalls ungebildeter Autor übertrug (und änderte bzw ergänzte) absichtlich (!!) Heilsgeschichte/Passion in die Lebenswelt halbheidnischen sächsischen Kriegsvolks: um sie Ihnen näher zu bringen --- da hätten wir eine dezidiert intentionale Inszenierung.
...aber ich kann nicht beurteilen, ob solches inszenieren allgemein Gang und Gebe war.
 
Zuletzt bearbeitet:
Was meinst Du mit:
Ist das nicht viel zu modern gedacht?


Authentizität wie auch Realismus passen nicht zu Spätantike, Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (auch nicht wirklich zu Renaissance bis Spätbarock), sowohl in Sachen Bilder als auch in Sachen Texte.
Kann man eigentlich nicht behaupten. Im Gegenteil, Realismus gehörte bis zum Erscheinen der Fotografie zu den Hauptaufgaben der Malerei. Der Grad des Realismus ist allerdings von vielen Faktoren abhängig, u.a. auch von der Konkurrenz, d.h. vom gerade angesagten Stil.(Realismus ist ein wichtiges Merkmal der sog. Altniederländischen Malerei, resp. der Flämischen Primitive. Hochrealistisch auch die niederländische Malerei des 17. Jhs., um zwei herausragende Beispiele zu nennen, wo Konkurrenzkampf den Willen zum genau Hingucken und genau Malen beflügelte. Apropos: genau hingucken zu können, war sicherlich auch ein Grund, warum bei hochrealistischen Darstellungen die Authentizität bewusst zur Seite geschoben und durch zeitgenössische Inszenierungen ersetzt wurde.)
Hinzukäme die Vorliebe für Symbolik, z.B. für »früher«, die manchmal schlicht mit römisch anmutendem Gewand dargestellt wurde. Da hätten wir wieder die Zweitrangigkeit von Authentizität. Oder umgekehrt für »Soldat«, wenn antike Krieger als mittelalterliche Ritter gezeigt wurden (die zudem viel genauer, realistischer dargestellt werden konnten).
 
Zuletzt bearbeitet:
@Mashenka ich glaube, wir reden aneinander vorbei: ich verwende den Begriff Realismus (und darauf bezogen das Adjektiv realistisch) bzgl Malerei und Literatur im kunst- & literaturhistorischen Sinn - da ist auf beiden Gebieten Realismus samt dazu gehörender Kunstauffassungen/Theorien eine Reaktion auf die Romantik, zweite Hälfte 19.Jh. (also a la Menzel, Repin, Storm, Turgenew).
Das umgangssprachliche "realistisch" im Sinne von mimetisch (im Detail: hier ein Feldhase, da ein paar "wie fotorealistisch" wirkende Stillebenfrüchte) ist was anderes.
Etwa Drachen (St. Georg besiegt sie gerade) waren ein beliebtes Sujet, auf Renaissance- und Barockgemälden kommen sie gerne mit Schuppen, Krallen usw ungemain detailversessen daher und
wirken "fotorealistisch" - aber das können sie aus sehr naheliegenden Gründen nicht sein :)

Früh-, hoch- & spätmittelalterliche Abbildungen mit ihren Inszenierungen (Römer als Ritter) - da haben Kunsttheorien des 19.Jhs. nichts zu suchen (schon allein der Begriff "realistisch" war im z.B. 13.Jh. unbekannt).

Inszenierung und sicher auch Stilisierung scheinen mir wesentlich. Aber wie schon erwähnt bzgl Nibelungenlied:
aber zur Selbstverständlichkeit, mit der die mittelalterlichen Epiker historische und religiöse Stoffe in ihre Zeit versetzten, war mir nichts anderes aufgefallen, als dass einfach nur dieser Umstand konstatiert wurde. Es gibt kein mittelalterliches "Programm", in welchem erklärt würde "und deshalb sehen die Römer wie Rittersleut aus und benehmen sich so"!
 
ich verwende den Begriff Realismus (und darauf bezogen das Adjektiv realistisch) bzgl Malerei und Literatur im kunst- & literaturhistorischen Sinn - da ist auf beiden Gebieten Realismus samt dazu gehörender Kunstauffassungen/Theorien eine Reaktion auf die Romantik, zweite Hälfte 19.Jh. (also a la Menzel, Repin, Storm, Turgenew).
Da haben wir den Salat…


Früh-, hoch- & spätmittelalterliche Abbildungen mit ihren Inszenierungen (Römer als Ritter) - da haben Kunsttheorien des 19.Jhs. nichts zu suchen (schon allein der Begriff "realistisch" war im z.B. 13.Jh. unbekannt).
Eben. Mit der Argumentation, dass der Begriff »realistisch« im 13 Jh. unbekannt war, folgst Du (nicht ich) dem Theoretisieren des 19. Jhs. Dass eine Bezeichnung erst dann Sinn macht, wenn es zur Unterscheidung nötig wird, in diesem Fall, wenn es auch Abstraktes gibt (DWDS zu »abstrakt«: »Aus ‘nicht sinnlich’ entwickelt sich (um 1800) ‘nur gedacht, vorgestellt, nicht wirklich’«), heißt noch lange nicht, dass sie nicht auch auf frühere Werke bezogen werden kann, quasi mit erweitertem Verständnis der Darstellungsweise.(Illustratoren des SMA sahen in abstrakten Darstellungen entweder ein Schmücken, oder ein Skizzieren/Vereinfachen, sei es um Zeit zu sparen, oder sich dem Vorwurf zu entziehen, anmassend schöpferisch sein zu wollen.)
Zur Veranschaulichung der Legitimation eigentlich anachronistischer Begriffe zur Beurteilung auch früherer Werke sei »Perspektive« erwähnt (DWDS zu »Perspektive«: »im 16. Jh. als Begriff der Malerei ins Dt. entlehnt«). Oder müsste man sich heute etwa dummstellen bei der Beurteilung der Fähigkeit eines deutschen Miniaturmalers des 15. Jhs., perspektivisch darzustellen?
 
Da haben wir den Salat…
Nix gegen den Salat! Er verhindert z.B., dass ich in mittelalterlichen Neumen nach leittönigen chromatischen Alterationen suche ;) ;) und dank ihm mache ich mir keine aufbauschenden Gedanken über den "Realismus" einer Drachenabbildung :D

Aber dieses Geplänkel trägt nicht viel zur Fragestellung bei...

In der mittelalterlichen Literatur findet sich zumindest ein explizites Beispiel einer absichtlichen "Inszenierung": entgegen der neutestamentlichen Darstellung (die eigentlich sakrosankt war) wird der Heiland samt Jüngern als Chef einer bewaffneten Kriegergefolgschaft a la sächsischer Warlord mit seinen Mannen deskribiert - Heliand.

Interessant sind die erwähnten "Inszenierungen", die allerlei in die Entstehungszeit/Lebensumwelt des Schreibers/Malers versetzen: gerade am Heliand, den ein gebildeter Kleriker verfasst oder redigiert hat, sehen wir ja, dass dies auch wieder besseres Wissen (hier aus quasi missionarischem Pragmatismus) praktiziert wurde (!).
 
Nicht nur heidnische mythologische Motive (Schicksalsvorherbestimmung a la ae. Wyrd, vorhersehkundige Schwanenfrauen samt Kleiderzauber etc) sondern auch heidnische Haltung des Gefolgschaftsrecken (Recke als negatives, weil nicht christliches Konzept) - da schwingen beim gebildeten Verfasser Kenntnisse mit, deren Quellen wir leider nicht kennen.
Oder eine Ottonische Kirche im Harz (Gernrode?), deren Verzierungen etliche "heilige heidnische Totemsymbole/Tiere" (Schwan, Eber usw) aufweist.
---- was ich damit sagen will: die mittelalterlichen Literaten schwadronierten nicht ausschließlich ohne Kenntnisse daher.
Waren das wirklich (bewusste) „Kenntnisse“? Oder sind diese heidnischen Versatzstücke nicht einfach in die Überlieferung ein- und mit ihr mitgeflossen, ohne dass der konkrete Künstler noch über ihre Herkunft Bescheid wusste?

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Schreibende und bildende Künstler hatten es zu den meisten Zeiten schwer, in ihren Darstellungen vergangene Epochen adäquat wiederzugeben. Wie denn auch? Einigermaßen brauchbare Informationen stehen ihnen doch meist erst in neuerer Zeit (ab etwa Renaissance) zur Verfügung. Davor hatten sie wohl meist ohnehin nur die Wahl, entweder ihre eigene Welt darzustellen oder ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen (oder eine Mischung aus beidem). Also auch falls ihnen bewusst war, dass die Welt früher anders war, wie sollten sie das dann umsetzen?
 
Waren das wirklich (bewusste) „Kenntnisse“? Oder sind diese heidnischen Versatzstücke nicht einfach in die Überlieferung ein- und mit ihr mitgeflossen, ohne dass der konkrete Künstler noch über ihre Herkunft Bescheid wusste?
Gute Frage!
Leider hat man kaum (nur fragmentarisch, teils erschlossen) Vorgängerversionen. Aber daraus kann man nicht zwingend schließen, dass der Autor sich einzig auf mündliche Überlieferung gestützt habe. Bzgl der Kenntnisse: der Autor trifft eine Wahl, sortiert das, was brauchbar für seine Geschichte ist, und lässt anderes aus (es erscheinen keine Götter/Götzennamen, kein Thor, Wotan etc; die Walküre Brünhild ist einigermaßen domestiziert) - da kann mit einiger Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass der Autor mehr wusste/kannte, als er preisgibt. Da passt seine Auswahl auch zur Intention, die wenig christlich agierenden Recken a la Hagen negativ einzufärben.
Wissen tun wir's freilich nicht 100prozentig.
 
Ich habe nicht wirklich was beizutragen, will aber folgendes noch in den Ring werfen:
Malerei mit religiösem Thema außerhalb von Europa/Nahem Osten stellt die Protagonisten des Alten und Neuen Testaments gerne nach eigenen ethnischen Vorbild dar. Inklusive Kleidung und Essen.
Ich ging immer davon aus, dass die Künstler - wenn sie denn überhaupt darüber nachdachten - die Geschichten so ihren Mitmenschen vertrauter machen wollten.
 
Ich habe nicht wirklich was beizutragen, will aber folgendes noch in den Ring werfen:
Malerei mit religiösem Thema außerhalb von Europa/Nahem Osten stellt die Protagonisten des Alten und Neuen Testaments gerne nach eigenen ethnischen Vorbild dar. Inklusive Kleidung und Essen.
Ich ging immer davon aus, dass die Künstler - wenn sie denn überhaupt darüber nachdachten - die Geschichten so ihren Mitmenschen vertrauter machen wollten.
Von welcher Zeit reden wir hier? Von einer Zeit, in der die Künstler wissen konnten, wie es im "Heiligen Land" tatsächlich aussah? Bei Kunst aus Zeiten ohne dieses Wissen stellt sich für mich wiederum die Frage, wie sie denn überhaupt eine historisch korrekte Darstellung schaffen sollten, auch wenn sie es wollten. Woher sollte ein mittelalterlicher mitteleuropäischer Künstler (geschweige denn ein afrikanischer oder indischer der frühen Neuzeit) wissen, wie ein römischer Soldat zur Zeit Jesu aussah? Oder gar ein Pharao des Neuen Reiches?

Es ist aber ohnehin generell so, dass Menschen, zumindest solange sie keine näheren Informationen haben, dazu tendieren, sich alles in vertrauter Weise vorzustellen. Der griechische Philosoph Xenophanes brachte es bereits auf den Punkt: Die Äthiopier stellen sich die Götter schwarz, die Thraker hingegen blauäugig und rothaarig vor. Er ging noch weiter: Wenn Pferde, Rinder und Löwen malen könnten, würden sie Götter als Pferde, Rinder und Löwen darstellen.

Heute ist es nicht viel anders. Man denke an Science-Fiction-Filme und -Serien. Dass Aliens häufig sehr menschenähnlich aussehen, ist zwar zum Teil dem Umstand geschuldet, dass sie von Menschen dargestellt werden. Aber auch wenn sie computeranimiert sind, also jedes beliebige Aussehen haben könnten, ist die Fantasie der Künstler oft arg begrenzt. Auch dann kommen meist Wesen mit zwei Augen, einem Maul und einer symmetrischen Zahl an Gliedmaßen heraus, oder sie sehen irgendwie kopffüßerartig aus oder zumindest mit Tentakeln, jedenfalls in der Regel Wesen vom Planeten Erde ähnlich. (Sollte es irgendwo im All intelligentes Leben geben, würde es vielleicht den Kopf schütteln, wenn es wüsste, dass wir Aliens uns selbst ähnlich darstellen.)
 
Woher sollte ein mittelalterlicher mitteleuropäischer Künstler (geschweige denn ein afrikanischer oder indischer der frühen Neuzeit) wissen, wie ein römischer Soldat zur Zeit Jesu aussah? Oder gar ein Pharao des Neuen Reiches?
Gewiß, vielerlei konnte der mittelalterliche Künstler nicht wissen - aber einiges konnte er wissen: etwa dass Karls des Großen Kriegsleute weder Topfhelme trugen noch ihr Publikum mit Turnieren bespaßten. Das hinderte ihn aber nicht an einer solchen Darstellung. (keine überlieferte Literatur kennt karolingische Turniere, und dass der Topfhelm eine Innovation des Hochmittelalters war, entstammt der unmittelbaren Lebensumwelt des hochmittelalterlichen Künstlers)

Ergänzung:
was ich damit sagen will: der mittelalterliche Künstler gestaltete gelegentlich wissentlich gegen die Realität (am Heliand deutlich erkennbar) und nicht einzig frei nach Fantasie.
 
Zuletzt bearbeitet:
Gewiß, vielerlei konnte der mittelalterliche Künstler nicht wissen - aber einiges konnte er wissen: etwa dass Karls des Großen Kriegsleute weder Topfhelme trugen noch ihr Publikum mit Turnieren bespaßten. Das hinderte ihn aber nicht an einer solchen Darstellung. (keine überlieferte Literatur kennt karolingische Turniere, und dass der Topfhelm eine Innovation des Hochmittelalters war, entstammt der unmittelbaren Lebensumwelt des hochmittelalterlichen Künstlers)
Auch da wäre ich nicht so sicher. Immerhin waren spätestens ab Ende des 10. Jhdts. sogar Geschichten im Umlauf, wonach Karl der Große als erster Kreuzritter nach Jerusalem gezogen war ... Und um zu wissen, dass das Unfug war, hätte man nur die zeitnah entstandenen Chroniken und Biographien über ihn lesen müssen, denen sich seine Ereignisgeschichte entnehmen ließ. Wie man zur Zeit Karls an seinen Höfen lebte, wurde in den meisten meist knappen Texten (vor allem den diversen Annalen) hingegen grundsätzlich nicht beschrieben (oder bereits arg sagenhaft überformt, wie in den nur einige Jahrzehnte nach seinem Tod entstandenen "Gesta Karoli Magni" des Notker Balbulus) - und schon gar nicht, was man nicht machte, nämlich z.B. Turnieren ...

Kleine Abschweifung: Ein junger Syrer fragte meine (über 70-jährige) Mutter einmal, wie die Handys in ihrer Jugend ausgesehen hätten ... Seiner Vorstellung nach gab es Handys also zwar vermutlich nicht schon immer, aber doch schon sehr lange. Immerhin war er von klein auf mit ihnen aufgewachsen und konnte sich wohl eine Welt ohne sie nicht mehr wirklich vorstellen.

Woher soll dem hochmittelalterlichen Künstler bekannt gewesen sein, dass es zu Karls Zeiten noch keine Turniere gab? In seiner Welt gab es sie schon "immer", und er konnte (sofern er überhaupt lesen konnte und Zugang zu Büchern hatte) nicht einmal nachlesen, dass es sie zu Karls Zeiten noch nicht gab.
 
Woher soll dem hochmittelalterlichen Künstler bekannt gewesen sein, dass es zu Karls Zeiten noch keine Turniere gab? In seiner Welt gab es sie schon "immer", und er konnte (sofern er überhaupt lesen konnte und Zugang zu Büchern hatte) nicht einmal nachlesen, dass es sie zu Karls Zeiten noch nicht gab.
Ein ritter sô gelêret was,
daz er an den buochen las,
swaz er dar an geschriben vant:
der was Hartmann genannt,
dienstman was er zouwe.
Hartmann von Aue, der arme Heinrich - - mag sein, dass Hartmann zu einer bildungsbeflissenen Minderheit zählte, aber das Beispiel zeigt, dass mittelalterliche Autoren durchaus über Bildung verfügen konnten (siehe auch Hartmann von Aue – Wikipedia ) Und die mittelalterlichen Epiker aller Couleur zeigen manche hoch gebildeten Querverweise in ihren Dichtungen.
Natürlich ist mir klar, dass wir nicht rekonstruieren können, was man alles im 13. Jh. mit den Möglichkeiten in diesem Zeitraum hätte wissen können, zumal die Sichtweisen, der Erfahrungshorizont in dieser Zeit anders als in unserer bilderüberfluteten Gegenwart war (unser Interesse an Rekonstruktion ist auch sozusagen bilderbedingt). Trotzdem gab/gibt es Bereiche, in welchen sich beides überschneidet: ich hatte Innovationen erwähnt (z.B. der Topfhelm, Entwicklungen in Bauweisen, Waffenwesen usw) und es scheint mir unwahrscheinlich, dass diese nicht wahrgenommen worden seien (war schon immer so) - zumindest hier haben wir doch einen Marker, der den damaligen Leuten ganz klar als Veränderung war. Metaphorisch gesagt: ein gelehrter dichtender Ritter konnte wissen, dass weder Karl der Große noch Dietrich von Bern mit Topfhelm Heldentaten vollbrachten.
 
Von welcher Zeit reden wir hier? Von einer Zeit, in der die Künstler wissen konnten, wie es im "Heiligen Land" tatsächlich aussah? Bei Kunst aus Zeiten ohne dieses Wissen stellt sich für mich wiederum die Frage, wie sie denn überhaupt eine historisch korrekte Darstellung schaffen sollten, auch wenn sie es wollten. Woher sollte ein mittelalterlicher mitteleuropäischer Künstler (geschweige denn ein afrikanischer oder indischer der frühen Neuzeit) wissen, wie ein römischer Soldat zur Zeit Jesu aussah? Oder gar ein Pharao des Neuen Reiches?
In Äthiopien konnte man schon wissen, dass Leute im "Heiligen Land" anders aussahen. Zum einen gab es im Land Ausländer, zum anderen reisten Pilger z.B. nach Jerusalem, auch im Mittelalter. Ob jetzt jeder einzelne Künstler diese Kenntnisse hatte, sei mal dahingestellt.
Im Laufe der Jahrhunderte und je nach Region veränderte sich da auch der Stil - mal ist die Haut heller, mal dunkler, mal sind die Haare mehr Afro, mal weniger. Malereien sind meist so ab dem 16. Jh. erhalten. Es gibt aber illuminierte Bücher, die älter sind (evtl. ab 6. Jh.). Diese ganz alten Beispiele folgen noch byzantinischen Vorbildern.
 
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