Legale Vorbereitung eines Angriffskrieges?

@bibliophile,
interessant sind ja Mythen und Legenden oder sonstige Memes.

"Konnte doch keiner ahnen!" in diesem Fall.
Gibt da ja nicht nur das Narrativ,
"dachte doch keiner an einen Weltkrieg!"
sondern auch, "hat doch keiner mit einem langen Krieg gerechnet".
Letzteres stimmt auch nicht.

Aber wer von denen, die sehenden Auges den Sprung in die Finsternis wagten, kann das schon zugeben?

Grüße hatl
 
dachte doch keiner an einen Weltkrieg!"
sondern auch, "hat doch keiner mit einem langen Krieg gerechnet".
Letzteres stimmt auch nicht.
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Weltkrieg wurde befürchtet.
 
Wobei ich mir persönlich schwer damit tue, aus der Benutzung der Vokabel "Weltkrieg" bereits Vorstellungen des Autors über Länge und Intensität eines solchen Konflikts abzuleiten.
 
Wobei ich mir persönlich schwer damit tue, aus der Benutzung der Vokabel "Weltkrieg" bereits Vorstellungen des Autors über Länge und Intensität eines solchen Konflikts abzuleiten.
Tut jetzt aber nichts zur Sache, oder?

Der Weltkrieg wurde befürchtet. Eine einfache Recherche in Zeitungsarchiven zeigt, dass spätestens in den 1890ern die Gefahr des Weltkriegs öffentlich diskutiert wurde.
1890 hält der General Moltke (der Ältere) sein Abschiedsrede vor dem Reichstag:
Die Zeit der Kabinettskriege liegt hinter uns, - wir haben jetzt nur noch den Volkskrieg ... Meine Herren, wenn der Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt, - wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen."
1898 der Zar initiiert eine Friedenskonferenz für das Folgejahr nachdem er sich von Jan Bloch dessen Werk über den künftigen Krieg hatte erklären lassen.
Dass nämlich ein künftiger Krieg intensiv und lang sein werde.
Und als 1914 nach wenigen Wochen der rasche deutsche Vormarsch nach Paris an der Marne endet kriegt Moltke der Jüngere einen Nervenzusammenbruch.

Ich finde ja die Frage wirklich interessant:
Waren sich die Entscheidungsträger der Gefahr eines langandauernden Krieg bewusst?
Ich denke ja.
Und dass der "Große Europäische Krieg" mindestens auch in Afrika und Asien geführt werden würde muss auch klar gewesen sein.
 
Waren sich die Entscheidungsträger der Gefahr eines langandauernden Krieg bewusst?
Wenn sie es nicht gewesen wären, hätten sie nicht versucht dem auszuweichen und auf Planungen zu setzen, die ("Kult der Offensive") auf Mobilität und Beschleunigung hinausliefen um genau dem zu entgehen.

Nur müssen wir eines Unterscheiden, nämlich den Großkonflikt, der auf Grund der ursprünglichen Bündniskonstellationen zustande kommt und den Großkonflikt, der sich durch seine lange Dauer von einer eher kleinen Basis her stetig ausweitet.

Moltke hat, wenn ich das richtig im Kopf habe in seiner Abschiedsrede Bezug auf den Siebenjährigen und den Dreißigjährigen Krieg genommen.
Das Heranziehen des Siebenjährigen Krieges wird man eher im Hinblick auf seine dauer und wirtschaftlichen Auswirkungen betrachten müssen, weil das kein "Volkskrieg", geführt mit Massenheeren war, sondern das waren ja vergleichsweise kleine Söldnerheere.

Der Dreißigjährige Krieg, den man schon eher als "Volkskrieg" auffassen kann, ist das aber nicht aus seiner Grundkonstellation heraus geworden, sondern durch die Unfähigkeit das Reich nach dem Konflikt zwischen Habsburg und der böhmisch-pfälzischen Partei zu befrieden, so dass sich immer neue Allianzen bilden und neue Parteien einschalten konnten, die 1618, als der Konflikt losging überhaupt nicht auf der Rechnung/ad hoc handlungsfähig waren.

Wenn man das mal vorraussetzt, handelte es sich bei dem Weltkrieg vor dem Moltke gewarnt hat, nicht um den Weltkrieg, der da 1914 kommen sollte, weil der Krieg von 1914, anders als der 30-Jähriege Krieg durch die Bündniskonstellation vom ersten Tag an ein kontinentaler Großkonflikt war, während im Kriegsverlauf selbst eigentlich nur ein wirklicher Großakteur in Form der USA noch mit hineingezogen wurde, mit guten Willen könnte man vlt noch Italien und das Osmanische Reich nennen, aber deren militärisches Gewicht war ja am Ende nicht das der wirklichen Großmächte.
Den Weltkrieg vom Ersten Tag an qua verschachtelter Bündnissysteme konnte Moltke anno 1890 in der Form auch noch nicht wirklich kommen sehen, weil es anno 1890 die Entente noch nicht gab.

Moltke wird wegen des Dauerkonflikts Deutschland-Frankreich und zunehmend Österreich-Ungarn vs. Russland wahrscheinlich eher an einen Konflikt zwischen 2 oder 3 europäischen Mächten gedacht haben, in den die übrigen nach und nach hineingezogen werden konnten, wenn er zu lange dauerte.

Wenn man das so betrachtet und Primär nicht den großen Krieg vom Beginn an gefürchtet wurde, sondern durch Ausweitung, macht auch die Denke der Militärs durch Beschleunigung den Konflikt einzudämmen und abzukürzen vollständig Sinn.
 
Moltke hat, wenn ich das richtig im Kopf habe in seiner Abschiedsrede Bezug auf den Siebenjährigen und den Dreißigjährigen Krieg genommen.
Er hat Bezug auf seine Zeit genommen. Die Zeit der Kabinettskriege ist vorbei. Ein künftiger Krieg wird eine "Volkskrieg" in dem Sinne sein, dass das gesamte Volk an diesem arbeitet.
Gigantische Heere hinter denen eine nie gekannte Produktionskraft steht, die nicht einfach erlahmt.
(Bereits der totale Krieg. )
Er sagt das klar in Bezug auf derzeitig drohende Kriege.
Meine Zitierung war von https://www.portal-militaergeschich...oerster_sicherheitspolitik_gewaltmonopols.pdf
 
"Es sind die größten Mächte Europas, welche, gerüstet, wie nie zuvor, gegeneinander in den Kampf treten; keine derselben kann in einem oder zwei Feldzügen so vollständig niedergeworfen werden, dass sie sich für überwunden erklärte, dass sie auf harte Bedingungen hin Frieden schließen müsste, dass sie sich nicht wieder aufrichten sollte, wenn auch erst nach Jahresfrist, um den Kampf zu erneuern. Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, - und wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfass schleudert!"

Er hat die mögliche Konstellation eines kommenden Krieges definitv mit dem Siebenjährigen und dem Dreißigjährigen Krieg verglichen.

Deren Entwicklung war aber wie gesagt eine andere, als der Erste Weltkrieg.

Moltke wird anno 1890 primär an einen Konflikt Deutschlands gegen Frankreich gedacht haben und analog zur Kriegsdauer und der langatmigen Belagerung von Paris im Krieg von 1870-1871 als Erfahrungshintergrund davon ausgegangen sein, dass bei so langer Dauer, die diplomatische Situation früher oder später instabil würde und die Kriegsparteien neue verbündete werben könnte.

Das war 1870/1871 primär deswegen nicht passiert, weil Österreich-Ungarn die Niderlage von 1866/1867 noch in den Knochen hatte und noch nicht wieder derartig bei Kräften war, dass es einen neuen Krieg wagen konnte.

Hätte der selbe Krieg 10 Jahre später stattgefunden und die Preußen und verbündeten deutschen Staaten hätten über ein Jahr lang mit ihren Truppen in Frankreich festgesteckt, hätte Paris wahrscheinlich gute Chancen gehabt Wien in den Konflikt hinein zu ziehen und den Österreichern Revanche für den verlorenen Krieg in Aussicht zu stellen.
Hätte sich Wien darauf eingelassen, hätten sich Italien und Russland dazu irgendwie verhalten müssen für die es dann nahe gelegen hätte sich auf die preußische Seite zu schlagen.
Russlands Involvierung hätte die von Großbritannien auf der anderen Seite nach sich ziehen können.

Realiter passierte das nicht, weil die Österreicher im gegebenen Moment nicht in der Lage waren zu tun, wofür die Situation günstig gewesen wäre.
 
Das was Stig Förster zitiert (s. o.) zitiert ergänzt das so, dass der Vergleich mit dem 7-Jährigen Krieg, bzw. 30-jährigen eine Illustration der Gefahr ist.
Diese aber besteht jetzt.
Die Zeit der Kabinettskriege liegt hinter uns, - wir haben jetzt nur noch den Volkskrieg ... Meine Herren, wenn der Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt, - wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen."
Wir müssten jetzt die Rede vor dem Reichstag selbst suchen...
 
Die Mächte sind so hochgerüstet wie nie zuvor (1890)
das 1890 von Moltke (!) ist erstaunlich (leider zickt die digitale Bibliothek gerade "interner Serverfehler") - Moltke spricht an, dass schon sehr hohe Ausgaben für militärische Belange den Staatshaushalt belastet haben, diese aber zur Friedenssicherung nötig gewesen seien und dass weitere solche Ausgaben nötig (wenn nicht sinngemäß unausweichlich) seien - - man gestatte und verzeihe mir einen Einschub:
Es ist gerade erst ein paar Jahre her, dass die Brisanzgranatenkrise 1885/87 sämtliche Verteidigungskonzepte über den Haufen geworfen hatte: 1890 waren die vielen (und teuren!) Festungen und Festungszonen des Kaiserreichs noch gar nicht gebaut; ebenso war der eiserne Riegel in Frankreich Makulatur geworden, musste in den Folgejahren aufwändig modernisiert und modifiziert werden; in England begann gerade erst der Umbau und Neubau der Küstenfestungen in Stahlbeton; in Russland begann das große Festungsbauprogramm, das später gestoppt wurde, erst Fahrt aufzunehmen und musste ständig modifiziert werden.
Was war 1890 an deutschen Festungen überhaupt schon in Reaktion auf die Brisanzkrise vorhanden? Das war wenig... die großen Gürtelfestungen der Biehler Ära (Köln, Straßburg, Ulm, Ingolstadt, Posen, Thorn) boten keinen ausreichenden Schutz mehr: mit großem Aufwand wurden die Kölner Außenforts mit Beton verstärkt, dito Straßburg, Posen, Thorn. Helgoland sowie die Nordseeinseln, die Festungszonen Wilhelmshaven, Kiel, Istein mussten erst noch gebaut werden (das wenige vorhandene war hoffnungslos veraltet) Pillau, Swinemünde, Mainz, Germersheim, Metz/Moselstellung, das alles war zunächst Zukunftsmusik. Was wir an hochgerüsteten Stahlbetonfestungen des Kaiserreichs kennen (z.B. Moselstellung, Helgoland, Kiel, Pillau, Istein, Molsheim, Selztsalstellung usw), das wurde großenteils erst 10 bis 20 Jahre nach dieser Rede realisiert. Zu schweigen vom Ausbau der Bahnlinien, der Weiterentwicklung der Artillerie, der Flottenrüstung...
=> wenn 1890 von einem Militär (!) die allseitige Hochrüstung überall betont wird, welche Worte müsste dann für den Ausbaustand 20 Jahre (sic!) später wählen?
 
.. habs gefunden.
das 1890 von Moltke (!) ist erstaunlich
behält man "so hochgerüstet wie noch nie zuvor (1890)" im Gedächtnis und blättert man dort weiter, wird es immer erstaunlicher:
"Zweiter Teil - II 1888 bis Jahrhundertwende" findet sich die Bemerkung, dass die in dieser Zeit "allein die großen Westfestungen (Metz, Diedenhofen, Straßburg)" - und die waren noch lange nicht fertig ausgebaut, da fehlte noch mehr als ein Drittel der Festungsanlagen! - weder artilleristisch noch personell ausreichend ausgestattet werden konnten, dass sie obendrein weit entfernt von einer Mobilmachung innerhalb weniger Tage waren, dass es zudem an ausgebildeten (Spezial)Truppen für die Panzerwerke fehlte.
 
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