Liste der aktiven Festungen, Festungszonen und Linearbefestigungen des dt. Kaiserreichs 1871-1918

dekumatland

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In mehreren Diskussionsfäden zum ausgehenden 19. Jh., zum Kaiserreich und zum Ersten Weltkrieg ließ sich das militärische Thema Festungsbau nicht immer umgehen, denn zu den historischen Fakten gehört, dass man allerorten mit den jeweils vorhandenen Mitteln (und diese genügten nie!*)...) gerade nach der Erfindung der Brisanzmunition (um 1885) so vehement wie machbar mit dem neuen Werkstoff Stahlbeton (Monirbeton, Eisenbeton, beton armé) in der neuen Bauweise der aufgelösten Befestigungsgruppen und Panzerbatterien fortifizierte. Der Festungsbau am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Bestandteil des Auf- und Wettrüstens geworden. Einerseits wurden sehr viele (sic!) veraltete Festungen aufgelassen, abgerüstet, geschleift**) sowie projektierte gar nicht erst gebaut***), andererseits gestaltete sich die notwendige Bauweise und artilleristische Ausstattung als immens kostenaufwändig. "Man baute weniger, aber dafür umso stärkere und weiträumigere Festungen" ist in der Spezialliteratur dazu zu lesen.
Die meisten strategisch relevanten Positionen hatten schon Festungsanlagen, teils im 17.-18. Jh., teils im 19. Jh. als Bundesfestungen ausgebaut; diese mussten, wo es machbar war, modernisiert werden (z.B. Köln, Straßburg, Königsberg) Allerdings gab es auch einige komplette "Neubauten" aus Stahlbeton (Graudenz, Kulm, Mutzig/Molsheim, Diedenhofen/Thionville, Istein, Nordseeinseln)

Westgrenze:
- Istein/Oberrhein - eine zentrale "Feste" mit Panzerbatterien, dazu eine enorm weiträumige Festungszone sowie eine Linearbefestigung am Rheinufer
- Kehl/Straßburg - Gürtelfestung, verstärkt mit Befestigungsgruppen, 5 Panzerbatterien
- Feste KWII (Mutzig/Molsheim) - erste "Feste" überhaupt, maßstabsetzend im Festungsbau; Panzerfortifikation
- Neubreisach - drei Befestigungsgruppen mit 4 Panzerbatterien
- Germersheim - veraltete Bundesfestung als Depot, weiträumig umgürtet von einer Armierungsstellung (Schützengräben, Bunker in Gruppen)
- Neuss - Brückenbefestigung mit Panzerfortifikation
- Mainz/Selztalstellung - die Bundesfestung als Depot, sehr weit außerhalb die "Selztalstellung", bestehend aus gestaffelten Befestigungsgruppen
- Koblenz - alte Bundesfestung, verstärkt mit zwei Bunkergruppen
- Köln - alte Bundesfestung, moderner äußerer Fortgürtel, Befestigungsgruppen, 1 Panzerturm
- Wesel - barocke Festung, zwei 19. Jh. Forts (Ziegelmauerwerk), verstärkt mit 38 Bunkern in Gruppen
- Metz - wohl stärkste Festung, 9 riesige "Festen", 15 Panzerbatterien, ein Panzerfort, zwischen diesen gesplittete Befestigungsgruppen; massivster Einsatz von Panzerfortifikation - "Moselstellung"
- Diedenhofen - drei Festen mit Panzerbatterien - "Moselstellung"
- Kleve/Elten - Linearbefestigung

Nordsee:
- Nordseeinseln****) von Borkum bis Sylt (zahlreiche weitreichende Küstenbatterien)
- Helgoland & Düne (weitreichende Küstenbatterien)
- Wilhelmshaven - Kriegshafen, moderne Gürtelfestung zzgl Küstenbatterien
- Geestemünde - Küstenbatterien, 4 Fortinseln
- Cuxhaven - Küstenbatterien
- Brunsbüttel - Küstenbatterien, Torpedobatterien
- St. Peter-Ording - Küstenbatterie

Nord-Ostsee:
Sicherungsstellung Nord - Linearbefestigung

Ostsee:
Kiel - größter Kriegshafen, riesige moderne Gürtelfestung/Festungszone (von Eckernförde bis Fehmarn), zahlreiche Küstenbatterien, Torpedobatterien
(Stralsund - zwei betonierte Forts mit Küstenbatterien, um 1900 eingeschlafen, man konnte sich nicht zum Ausbau eines weiteren Kriegshafens entschließen)
Swinemünde - Kriegshafen; Küstenbatterien, Torpedobatterien, Gruppenbefestigungen
Danzig/Weichselmünde - Küstenbatterien, Torpedobatterien
Pillau - Kriegshafen; Küstenbatterien, Torpedobatterien, Befestigungsgruppen

Ostgrenze:
- Königsberg - riesige doppelte Gürtelfestung, verstärkt mit Befestigungsgruppen (weit über 250 Bunker)
- Boyen/Lötzen/masurische Seen - Linearbefestigung und riesige Befestigunszone, Gruppenbefestigungen, Fahrpanzer, MG-Türme
- Küstrin - 4 ältere modernisierte Forts, Befestigungsgruppen
- Weichsellinie Festungekette:
- - Marienburg - Befestigungsgruppen
- - Graudenz - Befestigungsgruppen, 3 Panzerbatterien
- - Eisenbahnsicherung Posen-Thorn-Insterburg mit Panzertürmen an Brücken
- - Kulm - Gruppenbefestigungen
- Thorn-Fordon - Gürtelfestung modernisiert, 4 Panzerbatterien, Befestigungsgruppen
- Posen - Gürtelfestung modernisiert,
- Breslau - Armierungsstellung/Befestigungsgruppen

Südgrenze:
- Königstein - Bergfestung
- Ingolstadt - modernisierte Gürtelfestung mit Panzerfortifikation und Gruppen
- Ulm/NeuUlm - modernisierte Gürtelfestung, Gruppenbefestigungen


______________
*) nirgendwo konnte im Zeitraum 1885-1918 alles gebaut werden, was das Militär projektiert hatte; als pars pro toto sei die konzipierte österreichische Panzerfortkette genannt, die nie gebaut wurde.
**) z.B. Glatz, Silberberg, Magdeburg, Erfurt, Rastatt,
***) z.B. Hamburg, Berlin als projektierte Gürtelfestungen
****) Borkum, Juist, Norderney, Wangerooge, Sylt als Hauptfestungen der Inselkette
 
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Hallo!

- Köln - alte Bundesfestung, moderner äußerer Fortgürtel, Befestigungsgruppen, 1 Panzerturm

Der Panzerturm war auf Fort III. Leider finde ich nur eine nicht sonderlich erhellende Luftaufnahme:
Panzerturm von Fort III

Gibt es irgendwo nähere Angaben was für ein Panzerturm das war (Kaliber, Bauart)? Gar Fotos von diesem?

Beim suchmaschinen bin ich noch auf einen 15cm-Gruson-Panzerturm im Zwischenwerk IVb gestoßen:
15cm-Gruson-Panzerturm im Zwischenwerk IVb

Ich las, das anfangs geplant war auf allen 12 Forts Panzertürme zu installieren. Warum blieb es bei den beiden?

Lg, Rummelsdorf
 
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Hallo @Rummelsdorf
Sicher finden sich Infos dazu in dem exzellenten Buch "Festungsstadt Köln", kann ich aber erst morgen nachsehen, wenn ich daheim bin.
Fotos finden sich wahrscheinlich im IMKK Dossier "Demantelement de Cologne", das kann man vom UN Archiv Genf frei downloaden (!)
Ich vermute, dass der weitere Ausbau der Festung Köln kurz vor und dann während des Kriegs kein vordringliches Projekt mehr war, aber das kann ich erst morgen nachlesen.
 
@Rummelsdorf in diesem Beitrag über Wangerooge findest du den Link zum UN Archiv, wo du außer zu Helgoland zu allen IMKK Akten zu den geschleiften und den genehmigten Festungen Zugang hast. Zur Festung Köln gibt es zwei Dossiers, ein umfangreiches "Demantelement de Cologne" und ein schmaler es mit Fotos der Entfestigung.
 
laut IMKK hatte das Zwischenwerk IVb den Panzerturm:
Bildschirmfoto 2026-03-12 um 19.43.01.png

also Panzerturm für 15cm Geschütz.

Ansonsten finden sich gepanzerte Beobachtungsstände/posten in mehreren Forts. Leider hat das Kölner Dossier keine Detailpläne der einzelnen Forts, Zwischenwerke, Zwischenraumbefestigungen, sondern nur eine Gesamtübersicht.
 
@Rummelsdorf ich habe es jetzt nachgelesen in:
Henriette Meynen (Hrsg.) "Festungsstadt Köln. das Bollwerk im Westen" Hermann-Josef Emons Verlag 2010 ISBN 978-89705-780-7
darin: Bernhard Wacker, Uwe Zinnow, Bernd von der Felsen, Henriette Meynen S.118-259 die neudeutsche Befestigung Kölns 1873-1914
S.161 Teil 3 die Zwischenwerke (S.183-185 zu Zwischenwerk IVb)
(obwohl kostspielig, empfehle ich dir dieses opulente Buch bei Interesse an der Festungsgeschichte von Köln, denn es ist das umfangreichste und bestens recherchiert)

Zunächst zur Frage nach der Anzahl von Panzertürmen bzw. gepanzerter Artillerie in der Festung Köln: der Panzerturm (Gruson-Hartguss-Panzerkuppel) in Zwischenwerk IVb war der einzige in Köln, andere gab es nicht. Er war für zwei 15cm Ringkanonen.
Schon um 1878 ordnete das Kriegsministerium die Installation eines "Panzerturms" in der Festung Köln an - Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre war der äußere Kölner Fortgürtel noch Baustelle: 1881/82 waren die Forts und Zwischenwerke fertiggestellt. Hierbei waren die Außenforts der Westfront 1877/78 fertiggestellt, deren Zwischenwerke noch im Bau. Da ein nachträglicher Einbau des angeordneten Panzerturms teurer war, bot sich sein Einbau in ein noch zu bauendes bzw. im Bau befindliches Festungswerk an geeigneter Stelle an: das war das Zwischenwerk IVb. Der Panzerturm entspricht den Bauweisen kurz vor der Brisanzkrise, er ist wohl um 1880/81 gebaut worden (sinnvoll IVb zwischen der Hauptangriffsfront Fort IV - Fort V, um deren Vorfelder unter Feuer zu nehmen und den Angreifer zu zwingen, seine Artilleriewirkung auf drei Ziele zu verteilen) ((der gefährdete abschnitt Fort VI-VII erhielt keine Panzerkuppeln für Artillerie, vermutlich wegen des erhöhten Vorgeländes))
- es handelt sich also um kein Festungswerk der Bauweisen nach der Brisanzkrise!

Nach der Brisanzkrise wurde Köln verstärkt/modernisiert (zzgl. Betonverstärkungen in den Forts und Zwischenwerken, wohl auch betonierte Traditorenbatterien) durch "Zwischenfeldbauten" (gesplittete Gruppen)
31 Infanteriestützpunkte ISP (nicht alle aus Beton!)
28 Infanterieräume IR (quasi Bunker, 7 davon nur Mauerwerk)
26 Artillerieräume AR (verblüffenderweise nur 10 davon in Beton)
26 Munitionsräume MR (auch hier verblüffenderweise die Hälfte davon nur Mauerwerk)
15 Flankierungsbatterien FB (allesamt Stahlbeton)
11 Vorfeldstreichen VS (Stahlbeton)
7 Grabenstreichen GS (Stahlbeton)
3 Wachträume WR (Stahlbeton)
- keinerlei betonierte Batteriestellungen (ausgenommen die 15 FB) wie z.B. auf Borkum
(mein Eindruck ist, dass Köln als Festung vor und im Ersten Weltkrieg eher zweitrangig war, nicht gegen eine schwere Belagerung konzipiert wie Metz, Straßburg, Königsberg, Istein oder Selztalstellung)
 
Der Panzerturm entspricht den Bauweisen kurz vor der Brisanzkrise, er ist wohl um 1880/81 gebaut worden
genau dasselbe gilt übrigens für die zwei Panzertürme der Festung Ingolstadt.
Rolf Rudi "die Entwicklung des deutschen Festungssystems seit 1870" listet insgesamt 8 Panzertürme für zwei 15cm Geschütze für das dt. Kaiserreich auf, sie verteilen sich auf Ingolstadt (2) Köln (1) Metz (3) Neuss (2)

Ansonsten gab es deutlich mehr Panzertürme/Panzerbatterien*) für andere Kaliber, insgesamt:
8 x 21cm MPT
82 x 15cm HPT
58 x 10cm KPT
18 x 15cm SL (Schirmlafetten?)
36 x 10cm SL
16 x 6cm P.T.

(ich glaube, den Panzerturm Laboe (Festung Kiel) hat er nicht mitgezählt, wie bei ihm insgesamt die riesige Festung Kiel fehlt, lediglich Fort Friedrichsort wird erwähnt)

_______
*) die meisten davon verteilen sich auf Metz, Diedenhofen, KWII, Graudenz
 
Hallo dekumatland!

@Rummelsdorf in diesem Beitrag über Wangerooge findest du den Link zum UN Archiv, wo du außer zu Helgoland zu allen IMKK Akten zu den geschleiften und den genehmigten Festungen Zugang hast. Zur Festung Köln gibt es zwei Dossiers, ein umfangreiches "Demantelement de Cologne" und ein schmaler es mit Fotos der Entfestigung.

Danke für den Tipp! Das Dossier »Demantelement de Cologne« habe ich gefunden… leider kann ich kein französisch, aber ich werde versuchen die für mich relevanten Teile mal durch ein OCR zu jagen und übersetzen zu lassen (mich interessieren besonders die Forts und Zwischenwerke im Südosten Kölns). Das Dossier mit den Fotos habe ich nicht gefunden, hast Du da einen Link?

Zunächst zur Frage nach der Anzahl von Panzertürmen bzw. gepanzerter Artillerie in der Festung Köln: der Panzerturm (Gruson-Hartguss-Panzerkuppel) in Zwischenwerk IVb war der einzige in Köln, andere gab es nicht.

Verstehe. Fort III war mein erster Treffer. Ich hatte die Bildunterschrift so interpretiert, das es einen Panzerturm UND einen Panzerbeobachter gab. Die Bildunterschrift lautete:
»Luftfoto mit Detailaufnahmen des Haupthohlganges mit Panzerturm und Panzerbeobachter und Flankierungsbatterie.«:
Angeblicher Panzerturm von Fort III (zweites Bild)

Er war für zwei 15cm Ringkanonen.

Sowas hier?

screen02.jpg


Schon um 1878 ordnete das Kriegsministerium die Installation eines "Panzerturms" in der Festung Köln an - Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre war der äußere Kölner Fortgürtel noch Baustelle: 1881/82 waren die Forts und Zwischenwerke fertiggestellt. Hierbei waren die Außenforts der Westfront 1877/78 fertiggestellt, deren Zwischenwerke noch im Bau. Da ein nachträglicher Einbau des angeordneten Panzerturms teurer war, bot sich sein Einbau in ein noch zu bauendes bzw. im Bau befindliches Festungswerk an geeigneter Stelle an: das war das Zwischenwerk IVb.

Einleuchtend… ich las hier…

screen01.jpg

Festungen des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland, Frankreich und dem restlichen Europa

…folgendes: »Der Plan umfasste insgesamt zwölf Forts, bei denen es sich um Infanterie- und moderne Artilleriewerke mit Panzertürmen aus deutscher Produktion handelte«. Ich hatte das so verstanden, das schon bei der Planung der Forts Anfang der 1870er Jahre beschlossen worden war, das auf allen »modernen Artilleriewerken« Panzertürme installiert werden sollten…

(mein Eindruck ist, dass Köln als Festung vor und im Ersten Weltkrieg eher zweitrangig war, nicht gegen eine schwere Belagerung konzipiert wie Metz, Straßburg, Königsberg, Istein oder Selztalstellung)

Nach der »Brisanzkrise« hatte wohl der Kölner Festungsgürtel nicht mehr so die Priorität wie die Grenzfesten. Er lag ja auch ein gutes Stück im Inland. Man hatte zwar die völlig neue Befestigungsstrategie (Forts als Munitionsdepots und Infantriestützpunkte und die Artillerie in Zwischenbatterien) auch für Köln geplant und man versuchte noch bis 1912 mit der rasanten Fortschritt der Artillerie mitzuhalten, setzte aber nicht mehr alles um. Aus:
Voigtländer-Tetzner, Gerhard, und Gebhard Aders. „Die rechtsrheinischen Preussischen Befestigungen Kölns“. Rechtsrheinisches Köln - Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde, Band 5 (1979): S. 109-179.

P.s. Einen netten Fund gab es noch im Dossier »Demantelement de Cologne«. Zwei Kartenhälften des Festungsrings Köln in hoher Auflösung… ich hatte die nur mit einer schlechter Auflösung in s/w. Anbei die Karte, die ich heute dilettantisch zusammengestückelt habe (in 25% der Originalgröße, da das Forum größere Karten nicht angenommen hat, bei Bedarf Originalgröße per Email):

Karte_Festungsgürtel_Köln-(25%).jpg


Danke @dekumatland für die interessanten Infos!

Lg, Rummelsdorf
 
Einen netten Fund gab es noch im Dossier »Demantelement de Cologne«.
Im Borkum Faden hatte ich genau dieselbe Karte verwendet
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich hatte das so verstanden, das schon bei der Planung der Forts Anfang der 1870er Jahre beschlossen worden war, das auf allen »modernen Artilleriewerken« Panzertürme installiert werden sollten…
ja gewiss, aber das betraf den letzten Stand Festungsbau vor der Brisanzkrise, und dessen Konzeptionen waren nach 1885/87 obsolet geworden. Salopp gesagt killte die Brisanzkrise die Planungen der 70er und der frühen 80er Jahre (die vielen geplanten Bieler Forts etc des Ausbaus der Reichsfestungen 1871-85 wurden gar nicht mehr gebaut) - - das ist auch verständlich, denn große Anlagen (Forts, Zwischenwerke) waren gefährdet, leichter entdeckt zu werden und in ihnen bestand die Gefahr, dass konzentrierte schwere Belagerungsartillerie zu viele Schäden anrichtet, da zu viel in die Forts gepackt war. Dass z.B. in Köln beim Abschnitt um Fort IIV keine teure Panzertürme erhielt, war genau dieser Gefahr geschuldet.
dass weiterhin Fortgürtel sozusagen in Gebrauch blieben (als Depots mit Traditoren, teils betonverstärkt, ansonsten integriert in gesplitteten Zwischenfeldbauten etc) hatte seinen Grund in der Kostenexplosion: Anlagen wie die Metzer, Diedenhofener oder Mutziger "Festen" waren immens teuer, auch der Bau von Befestigungsgruppen in Stahlbeton mit (teils gepanzerten) Batterien war kostspieliger als die Mauerwerksforts.
Ohnehin wurden infolge der zu hohen Kosten nur eher wenige Festungen nach 1885/87 neu gebaut - man könnte jetzt die Nordseeinseln einwenden, aber: die zusammengenommen enthalten nicht mehr Festungsbauten als eine Großfestung wie Königsberg oder Istein/Oberrhain, und sie benötigen nicht die vielen Baumaßnahmen zur Nahverteidigung/Sturmfreiheit! Von 1887-1918 finden sich nicht viele "Neubau"_Festungen (Graudenz, Marienburg, Istein/Oberrhein, Cleve-Elten, Selztal, Diedenhofen/Thionville, KWII, cum grano salis Metz, wo allerdings die älteren forts weiter genutzt/integriert waren)

@Rummelsdorf das Dossier mit den Kölner Fotos hab ich dir verlinkt, und ich erinnere noch mal an meinen Lektüretipp:
Henriette Meynen (Hrsg.) "Festungsstadt Köln. das Bollwerk im Westen" Hermann-Josef Emons Verlag 2010 ISBN 978-89705-780-7
und auch wenn es nur ein kleiner Teil des nur noch antiquarisch und zu Mondpreisen erhältlichen Buchs ist:
 
Die Planung des neuen Festungsgürtels war 1871-1873 und sah angeblich auf allen »modernen Artilleriewerken« Panzertürme vor.
ja gewiss, aber das betraf den letzten Stand Festungsbau vor der Brisanzkrise, und dessen Konzeptionen waren nach 1885/87 obsolet geworden.
Der Festungsgürtel war aber schon vor der Brisanzkrise Mitte der 1880er Jahre fertig gestellt worden. Mit nur einem Panzerturm auf dem Zwischenwerk IVb, statt auf jedem »modernen Artilleriewerk«. Es muss also einen anderen Grund gegeben haben, warum die vorher geplanten Panzertürme nicht auf allen »modernen Artilleriewerken« verwirklicht wurden.

Allerdings ist mir darüber nur eine Quelle bekannt (siehe Betrag #10 dieses Threads). Kann das sein, das die Aussage, das auf allen »modernen Artilleriewerken« Panzertürme errichtet werden sollten, schlicht nicht stimmt? Das wird ja vermutlich kein Kölner Alleingang gewesen sein; sind auch für andere »Biehler Einheitsforts« in den frühen 1870er Jahre Pläne aufgestellt worden, auf allen »modernen Artilleriewerken« Panzertürme zu installieren?

P.s. Ich verstehe das doch richtig, das zu dem von mir vermuteten Zeitpunkt der Planung (frühe 1870er Jahre) mit »modernen Artilleriewerken« die Forts gemeint sein sollten, oder?

P.s. Danke für den Link zu dem File COL61bis/40/1.

Lg, Rummelsdorf
 
Ich habe nachgelesen im opulenten Kölnbuch: die Planung aus den 70er Jahren, mehrere Artillerieforts mit Panzertürmen auszustatten, findet sich dort nicht. Möglich ist, dass diese kostspielige Variante infolge des "Gründerkrachs" (Finanzkrise 1874) auf Eis gelegt wurde (aber ich weiß es nicht). Fest steht, dass Köln nur einen Panzerturm (Zwischenwerk IVb) und dazu ein paar Panzerbeobachtungsglocken (in den den Artillerieforts des äußeren Gürtels) hatte, ansonsten ein paar in Stahlbeton gebaute Traditorenbatterien in den Forts (nicht in allen).
Bezeichnend ist (laut Buch), dass in der Festung Köln Verstärkungsmaßnahmen/Anpassungen Ende 70er/Anfang 80er Jahre, nach der Brisanzkrise und beim partiellen Verstärken 1907-09 angehalten waren, kostengünstig nur die allernötigsten bombenfesten Stahlbetonverstärkungen zu errichten d.h. in den Kölner Forts/Zwischenwerken wurde nicht so viel nachbetoniert, wie in einigen anderen Festungen (Straßburg etc) - salopp gesagt gestaltete sich der Ausbau der Festung Köln nach der Brisnazkrise als gehemmt, quasi auf Sparflamme.
Überhaupt ist der Einbau von gepanzerter Artillerie / Panzertürmen etc in den Festungen des Kaiserreichs nicht in dem ausmaß erfolgt, in welchem er oftmals projektiert war (z.B. Thorn sollte einen Gürtel aus Panzerforts erhalten, der nie gebaut wurde) - zur Anzahl siehe #9 und den verlinkten Rudi Rolf.
 
In #1 sind die "aktiven", d.h. als solche auch geführten Festungen des Kaiserreichs aufgelistet. Es finden sich dabei einige wenige Festungen, die für die militärischen Belange kurz vor und während des Ersten Weltkriegs "up to date" waren, insbesondere die Küstenbefestigungen und Kriegshäfen. Ebenso finden sich ein paar wenige, weit gestreute riesige "Festungszonen" (mir fällt kein besseres Wort dafür ein) wie Istein/Oberrhein, masurische Seen und Kiel (von Eckernförde bis Fehmarn) und es finden sich Linearbefestigungen (Kleve/Elten, Sicherungsstellung Nord). Auch vergleichbar mit der russischen Festungskette (Narewlinie) findet sich die Festungskette Weichsellinie.

Alle diese Festungen waren nicht (!!) zu Beginn des Kriegs vollständig armiert, einige waren auch gar nicht fertig gebaut (Gerippestellungen wie Breslau, teilweise Selztal u.a., die erst bei Bedarf fertig gestellt werden sollten) außerdem wurde während des Kriegs einige Festungsartillerie an die Fronten verlagert, einige Festungsartillerie wurde gegen Beutekanonen getauscht (z.B. Borkum erhielt zwei monströse russische Kanonen für die Batterie Oldenburg)

Da infolge der Versailler Bestimmungen die Festungen entlang des Rheins beseitigt werden mussten, was recht gründlich 1920-27 geschah, sind einige davon gänzlich in Vergessenheit geraten. Z.B. Kleve/Elten ist erst vor 1-2 Jahrzehnten wiederentdeckt worden, von Istein/Oberrhein kennt man nur, dass es eine "Feste Istein" gab, dass die Festungszone vom Isteiner Klotz aus noch viele km rheinabwärts, dass sie rheinaufwärts bis Lörrach reichte (zahlreiche Befestigungsgruppen und eine Bunkerlinie entlang des Rheinufers) ist völlig vergessen. In diesem Sinn erinnert dieser Faden mit seiner Liste an einiges vergessene und unwiederbringlich zerstörte. Etwa vom weit ausgelagerten modernen Festungsring um Germersheim findet man im Gelände kaum noch Spuren. Dasselbe gilt für die riesige Selztalstellung, wo allerdings die Sprengtrümmer des zentralen Stützpunkt "Fort auf der Muhl" unter Denkmalschutz gestellt sind und ein paar Reste von Befestigungslinien (Gräben) mit Infotafel versehen sind. Erhalten sind (teilweise) kaiserzeitliche deutsche Festungsanlagen im heutigen EU-"Ausland", so in Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, Polen, wo einige davon vorbildlich museal gepflegt und aufbereitet sind.
In Holland kann man eine Küstenbatterie besichtigen, in Polen Gruppenbefestigungen, Panzerforts/Batterien, in Frankreich komplette "Festen".
 
Kiel (von Eckernförde bis Fehmarn)
bzgl der Ausdehnung muss ich mich korrigieren: die Kieler Festungsanlagen reichten weit über Eckernförde hinaus bis Nieby!
Pläne und Fotos finden sich in IMKK Dossier "Démantèlement de Kiel"
Und es findet sich immer wieder kuriose Fakten: das Kaiserreich verfügte insgesamt über acht 38cm Geschütze "langer Max". Drei davon waren fest installiert in der Festung Kiel, und zwar in der "Buchtbatterie Fiefbergen":
(die Fotos in diesem Link sind aus dem IMKK Dossier)
 
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