ich finde es merkwürdig, die Korrektheit einer Quelle, die wir alle nutzen, anzuzweifeln.
Wenn es gute Gründe gibt, an der Korrektheit der Quellen zu zweifeln, dann sollte man das unbedingt tun. Historiographische Quellen sind keine objektiven Berichte und keine historischen Überbleibsel (Überrestquellen), sie sind mit einem Interesse verfasst worden, das sich an ein Publikum richtet (Traditionsquellen). Sie wollen interessant sein. Jede historiographische Quelle stellt erst einmal eine Stoffauswahl dar. Wie die Stoffauswahl vonstatten geht, hängt von den Interessen des Verfassers der Quelle ab, sie kann in böser Absicht vorgenommen werden, oder auch nicht. Man kann nicht nur durch Hinzuichtungen lügen, sondern auch durch Auslassungen.
Ich weise seit Jahren daraufhin, dass Cassius Dio oft problematisch ist, weil bei ihm gestählte Germanen mit elbenhaften Fähigkeiten gegen tollpatschige Römer aus Zucker kämpfen und er 200 Jahre nach der Schlacht mit jeder Menge Sondergut aufwartet, das keiner der früheren Berichterstatter kennt (Ravenik verdreht beim Lesen dieser zwei bis drei Zeilen die Augen).
Nehmen wir mal die Tischgenossengeschichte. In früheren Quellen bekommen wir die Geschichte aufgetischt, dass Segestes Varus gewarnt habe, ihn - laut Taitus - sogar aufgefordert habe, alle germanischen Anführer einschließlich ihm selbst in Ketten zu legen. Bei Cassius Dio kommt diese Erzählung gar nicht mehr vor, bei ihm hat die Tischgenossengeschichte einen ganz anderen Zweck, Segestes wird in der Erzählung durch Segimer, Arminius' Vater ersetzt.
Es wäre absolut naiv, eine historiographische Quelle als objektiven, wahrhaftigen Bericht zu lesen. Der Verfasser mit seinen Interessen wird nie ganz objektiv sein und wie wahrhaftig sein Bericht ist, hängt von seiner Wahrheitsliebe ab. Ich glaube - nur so nebenbei - nicht, dass Cassius Dio bewusst log. Aber er hat eben Gründe für die Niederlage der Römer gesucht und die Lücken ausgeschrieben.
Ich nehme gerne die Schlacht Sagrajas als Bsp. Diese fand 1086 bei Badajoz zwischen den berberischen Almoraviden und den Truppen der andalusischen Kleinkönigreiche auf der einen und Alfonso VI. auf der anderen Seite statt. Wir wissen dank eines überlieferten Briefes von einem Minister aus Sevilla (Ibn Bassam überliefert diesen einige Jahrzehnte später in einer Literaturgeschichte, die er schrieb), dass die Schlacht an einem Freitag stattfand und dieser Minister wusste noch nicht, ob Alfonso die Schlacht überlebt hatte - Ibn Bassam wusste das natürlich schon - die zeitgenössischen Quellen berichten keine Details von der Schlacht, weder der Minister von Sevilla, noch Abdallah ibn Buluggin, der als König von Granada an dieser Schlacht teilnahm. Die christliche Überlieferung ist noch schmallippiger.
Ca. 100 Jahre nach der Schlacht taucht in der muslimischen Tradition die Erzählung auf, dass die Christen und die Muslime ausgemacht hätten, sich nicht am Freitag oder am Sonntag anzugreifen, da dieses die beiden Heiligen Tage der Christen und Muslime seien. Die Christen hätten dann aber doch am Freitag angegriffen, eine Erzählung aus dem 14. Jhdt. (also ca. 300 Jahre nach der Schlacht) erweitert das Nichtangriffsübereinkommen dann auch noch auf Samstag, weil in beiden Heeren, dem muslimischen wie dem christlichen auch Juden seien. In allen Varianten greifen die Christen dann übereinkommensbrüchig am Freitag an, werden aber geschlagen. Auch die Details der Schlacht werden ausgeschrieben. So sollen die Christen das Lager von Sevilla überrannt haben. bevor die Almoraviden eingreifen konnten, teilweise wird dann auch behauptet, dass die Almoraviden extra ein wenig gewartet hätten, bevor sie den Gegenangriff einleiteteten, obwohl sie längst bereit standen. (Die Taifa-Könige hatten zwar einen schlechten Leumund in der arabischen Geschichtsschreibung, die Almoraviden aber auch.)
So ändern sich die Angaben aus den Quellen.
Oder wenn ich die Schlacht von Cabra sieben Jahre früher heranziehe: Laut einziger historiographischer Quelle zu dieser Schlacht, griff Granada Sevilla an, aber wir wissen, dass das Gebiet, auf dem die Schlacht stattfand, zu Granada gehörte und Sevilla das expansivste der Taifa-Königreiche war. Es spricht also alles dafür, dass entgegen dem, was die Quelle (die Historia Roderici) berichtet, nicht Granada Sevilla angriff, sondern umgekehrt Sevilla Granada.
Wären wir naiv, würden wir der Historia Roderici glauben. Stattdessen wissen wir, obwohl es keine andere Quelle zu dieser Schlacht gibt, dass sie die Unwahrheit erzählt, eben weil wir wissen, dass die Schlacht auf dem Territorium des angeblichen Angreifers stattfand und der angeblich Angegriffene ein großer Aggressor war.
Haben wir ersatzweise eine unkorrekte Quelle, die zweifelsfrei wäre?
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