1348 - von der Pest verschonte Gebiete?

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Gast

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Hallo,
weiß jemand von euch warum Polen von der großen Pest von 1347-52 verschont blieb? Dass es in Mailand und Brügge kaum Pesttote gab, lässt sich ja mit deren Schutzmaßnahmen erklären. Aber bei ganz Polen ist dies schwer vorstellbar :/
Hat jemand eine Erklärung dafür?

Euer verzweifeltes Blaubeerchen
 
Auch Polen blieb nicht verschont:
Um 1346 lebten in Europa, in Nordafrika und in den angrenzenden Regionen des Nahen Ostens ungefähr 100 Millionen Menschen. Ein Drittel von ihnen überlebte die Pest nicht. Der Krankheitsherd befand sich diesmal in Zentralasien. Durch Pelzhändler gelangten die tödlichen Bakterien im Jahre 1346 über verseuchte Murmeltierpelze, die über und über mit Pestflöhen angereichert waren, über die Seidenstraße und den Norden des Kaspischen Sees nach Astrachan.

Von dort ging es weiter über Kaffa, einer Genueser Handelsniederlassung am Schwarzen Meer, nach Pera, dem Vorort von Konstantinopel, wo schon große Handelsschiffe auf die tödliche Fracht warteten. Im Sommer 1347 forderte die Pest ihre ersten Todesopfer in Konstantinopel, auf den griechischen Inseln, an den Küsten Anatoliens und des Balkans. Ende September 1347 brach die Pest in Messina, im Oktober 1347 in ganz Sizilien und an Allerheiligen 1347 in Marseille und Ende 1347 in Alexandria, Kairo, Gaza, Beirut, Damaskus und Marokko aus. Anfang 1348 wurden Tunis, Sardinien, Spanien, Süd- und Westeuropa, im Juli 1348 zunächst nur Trient, dann Kärnten und das Inntal und im August 1348 die Britischen Inseln mit den tödlichen Bakterien konfrontiert. Gegen Ende des Jahres 1348 wurden die lothringischen Städte, 1349 Norddeutschland und Dänemark, 1351 Polen und 1352 Rußland heimgesucht. Nur wenige Gebiete blieben von der Seuche verschont wie z.B. das südliche Oberschlesien, das westliche Böhmen, die Niederlande, die nördlichen Bereiche Skandinaviens und die Stadt Mailand.


http://www.kleio.org/mittelalter/MaX6a.htm
 
Danke schonmal, und bei den wenigen Bereiche die nicht betroffen waren, lässt sich das dort auf die geringe Besiedlung der Gegenden zurückführen?
 
Es gab naturlich "der Schwarze Todt" im Polen auch. Die Effekte (Anzahl der Pesttotte) waren aber relativ unglaublich klein.
Konig Kazimierz der Grosse hat die Grenze fur Auslander zugemacht. Jede Stadt wurde auch ganz zugemacht. Niemand konnte hin- oder herauskommen. Alle Krankhausern wurden fern von den Stadte lokalisiert und von Armee izoliert. Leute, die reisen einfach mussten (Kaufleute, Post-Kuriere, Versorgung fur Stadte) mussten in jedem Momment bei sich die Dokumente haben, dass sie aktuell direkt aus die Stadt kommen, wo es keine Pest gibt. Solche Dokumente wurden von Stadtrat vorbereitet. Ohne diese Dokumente waren sie in der nachsten Stadt verhaftet.
pozdrawiam
 
Konig Kazimierz der Grosse hat die Grenze fur Auslander zugemacht. Jede Stadt wurde auch ganz zugemacht. Niemand konnte hin- oder herauskommen. Alle Krankhausern wurden fern von den Stadte lokalisiert und von Armee izoliert. Leute, die reisen einfach mussten (Kaufleute, Post-Kuriere, Versorgung fur Stadte) mussten in jedem Momment bei sich die Dokumente haben, dass sie aktuell direkt aus die Stadt kommen, wo es keine Pest gibt. Solche Dokumente wurden von Stadtrat vorbereitet. Ohne diese Dokumente waren sie in der nachsten Stadt verhaftet.

Wie kannst du dir dann erklären, dass Polen viele verfolgte Juden in jener Zeit aufnahm? ;-)

Mit freundlichen Grüßen
Plinius
 
Ja und warum blieb Mailand verschont und ich hätte noch eine Frage wie konnte es sein das die Pestwelle 1351 stoppte mit was hat das zu tun in diesem jahr war sie doch am stärksten!
 
Eine sehr gute Frage !
 

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... und warum blieb Mailand verschont...

Dies wird gemeinhin dem Umstand zugeschrieben, daß Mailand Vorkehrungsmaßnahmen gegen den Schwarzen Tod traf.
Anm.: Hierbei ist zu beachten, daß dies aber letztlich nichts nützte, denn man schob so nur den Zeitpunkt hinaus...
Regio-Familienforscher Josef Ruggle schrieb:
Einigen wenigen Städten, darunter Mailand, der bedeutendsten Stadt Oberitaliens, gelang es, den «Schwarzen Tod» fernzuhalten, indem sie strikte Vorkehrungen trafen. So durften keine Fremden aus verseuchten Gebieten die Stadt betreten, keine Reisen dorthin unternommen werden; Bettler und umherziehendes Volk wurden abgewiesen, verdächtige Personen in Quarantäne gehalten. Es bedurfte ausserdem noch etwas Glück, denn die Wächter an den Stadttoren hätten sich allein schon bei der Abweisung infizierter Leute selber infizieren und die ganze Stadt anstecken können. Mit den strengen Massnahmen konnten jedoch auch die verschonten Städte die Katastrophe nur hinausschieben, denn nach der «Grossen Pest» 1347-1351 endemisierte sich die Seuche, d.h. sie löste sich in lokale und regionale Epidemien auf, die mehr als drei Jahrhunderte lang in beinahe regelmässigen Abständen überall in Europa Tod und Verderben brachten. Das von der «Grossen Pest» verschonte Mailand wurde bereits 1359 von einer Pestwelle erfasst.
Von GHGRB /«Regio-Familienforscher»Jg. 16/Nr. 1, März 2002: Pest
Anm.: Unterstreichungen im Text von mir vorgenommen...

... wie konnte es sein das die Pestwelle 1351 stoppte...

Die erste große Pestwelle endete nicht 1351 (da irrt auch der Autor des obigen Artikels), sondern 1353; auch stoppte sie i.d.S. nicht, sondern klang als gesamteuropäische Erscheinung in großem Ausmaß ab, trat jedoch endemisch in den Folgejahren dann regional immer wieder auf, d.h., sie suchte bestimmte Regionen danach in regelmäßigen Abständen heim.
 
Eigentlich eine gute Frage. "Der Schwarze Tod" (Welche Krankheit es denn damals gewesen sein mag; hierüber besteht durchaus keine Klarheit!) verschwand natürlich nicht, sondern blieb endemisch.

Der letztendliche Grund liegt in den Fähigkeiten des menschlichen Immunsystems: Mit einer gewissen Wahrscheinlich kann es eine Krankheit bekämpfen und danach für längere Zeit (manchmal lebenslang) den Erreger auch sofort abwehren. Diese "Abwehrkraft" ist aber eine sehr komplexe in einer langer Evolution erhaltene Fähigkeit, die auch scheitern kann (Beispiel AIDS). Die effektive Sterblichkeit hängt von vielen Parametern ab, z.B. von der allgemeinen Befindlichkeit der Kranken. In vielen Fällen ist auch gar nicht die auslösende Krankheit die Todesursache, sondern eine zusätzliche ("opportunistische") Infektion (z.B. Lungenentzündung).

Der zweite Epidemie-Parameter neben der Überlebenswahrscheinlichkeit ist die Anzahl Ansteckungen, die eine Person während ihrer Krankheit effektiv an Nicht-Immune vornimmt. Diese Zahl ist extrem variabel, da verhaltensabhängig. Die Übertragung von Krankheiten erfolgt durch Spucke ("Tröpfcheninfektion"), Insektenstiche, Hautberührung,... Je nachdem erfolgt eine Ansteckung häufiger oder seltener. Der Kranke kann durch sein Verhalten (Reisen, "Verstecken") diesen Parameter stark beeinflussen.

Ist diese Zahl kleiner als "1", dann stirbt die Krankheit aus; wir haben das bei den Pocken geschafft, durch eine effiziente Impf- Immunisierung. Ist diese Zahl "um 1", dann spricht man von einem "endemischen" Zustand. Die Anzahl Erkrankungen bleibt konstant, immer mal wieder - meist jahreszeitlich - von kleinen lokalen "Ausbrüchen" abgelöst. Diese Ausbrüche sind notwendig, um die Anzahl der Immunen ausreichend hoch zu halten.

Ist diese Anzahl bedeutend größer als 1 (weil zuwenig Immune vorhanden sind), dann verbreitet sich die Krankheit explosionsartig; abhängig vom Reiseverhalten und der Inkubationszeit der Krankheit geschieht diese über ein großes Gebiet, möglicherweise die ganze Welt. Der Schwarze Tode hat ganz Europa mit 25 Mio Toten getroffen, die Spanische Grippe die ganze Welt mit 50 Mio Toten.

Sobald der Anteil (zeitweise) Immuner nun eine bestimmte Schwelle überschritten hat, verschwindet die Krankheit oder bleibt endemisch.
Endemische Krankheiten äußern sich dann in der Regel als "Kinderkrankheiten". Das ist keineswegs etwas harmloses, aber das Immunsystem von Kindern ist äußerst effektiv...

Bei den zuständigen Behörden werden jede Menge solcher Szenarien durchgerechnet. Die Programme dazu haben feinsinnigere Parameter, die mit Krankenhauskapazitäten, Flugverkehr, Impfstoffproduktion,.. zusammenhängen...

Es ist keinesfalls so - wie die Europakarte aus der Wikipedia mit rot und grün andeutet - dass in manchen Gebieten alle Menschen, und in manchen keine angesteckt worden sind. Wenn es an Rattenflöhen oder Kleiderläusen mangelt, dann ist auch die Pest nur wenig ansteckend.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hier ein vereinfachtes Simulationsmodell, dass aber geändertes Verhalten während einer Epidemie oder Sprungausbreitung per Flugzeug nicht berücksichtigt...
http://www.informatik-forum.at/attachment.php?attachmentid=7095&d=1137666310

Hier noch eine ausführlichere Darlegung mit Skizzen und Beispielen:
http://www.buetzer.info/fileadmin/pb/pdf-Dateien/Pest_in_Wil.pdf

Man kann das mit einem Simulationsprogramm wie dem beliebten Dynasys http://www.freeware-archiv.de/Dynasys-Simulation.htm ausprobieren; wahrscheinlich gibt da sogar schon ein entsprechendes Beispiel...

Hier gibt's weitere medizinische Simulationssoftware
Software (ExploSYS)
 
Der Grund könnte auch darin liegen das viele Gebiete die von der Pest verschont wurden im Landesinneren liegen. In den küstennahen Gebieten (und erst recht in den italienischen Seerepubliken) wurde die Pest durch Schiffe aus den betroffenen Gebieten verbreitet.
Wie die Infrastruktur in Polen im 14. Jahrhundert aussah weiß ich nicht, aber ich vermute das der Verkehr zwischen Westeuropa und den russischen Fürstentümern hauptsächlich per Schiff abgewickelt wurde, also das wenige infizierte Ausländer durch Polen kamen. Ähliches könnte man von den Pyrenäen sagen, während in Mailand und Brügge vermutlich die Maßnahmen gegen die Pest zu einer geringen Verbreitung führte.
 
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