1491: Teil III - Terraforming

Dieses Thema im Forum "Lateinamerika | Altamerikanische Kulturen" wurde erstellt von Pope, 14. Februar 2006.

  1. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Charles C. Mann - 1492

    Wildnis oder Kulturlandschaft?

    Die Weite des amerikanischen Raumes um 1500 stellt man sich normalerweise als weitestgehend unberührte Natur vor. Urwälder und endlose Steppengebiete im Norden, der mächtige Amazonas-Regenwald im Süden.

    Was Mann schreibt, hört sich ungeheuerlich an: Amerika war wahrscheinlich von oben bis unten Kulturlandschaft. Weder die Wälder Neuenglands, noch die tropische Regenwälder waren, als die ersten Europäer kamen, biologische Zufallsprodukte.

    Im Norden betrieben die Indianer am Mississippi (Cahokia) seit den Anfängen des Maisanbaus kontrollierte Rodungen, die begehrte Nutzpflanzen begünstigte. So entstanden riesige Areale, die systematisch bewirtschaftet wurden: Felder für den Ackerbau; Gärten mit Früchten, Beeren und Gemüsen; Obst- und Kastanienhaine; lichte Wälder für das Wild. Für den gesamten Mittleren Westen vermutet Mann, dass diese Rodung (künstliche Versteppung) die Ausbreitung der Bisonherden bis nach Texas ermöglichte. Die Indianer kannten also die Prozesse, die die Natur beeinflussen konnten, und wendeten sie über Jahrhunderte an, um ganze Landstriche nach ihren Bedürfnissen umzuformen.

    Am Amazonas traf die Expedition von Gonzalo Pizarro (Bruders von Francisco Pizarro) derart viele Menschen an, wie man es heute kaum für möglich halten würde. Die bekannt gewordenen Siedlungen künden davon, wie die Indianer dort ihre eigene Muttererde ("terra preta") selber schufen. Eine statistische Auswertung der Baumarten ergab, dass weite Landstriche nicht natürlich gewachsen waren, sondern gezielt bewirtschaftet worden sein mussten. Mindestens 12% des Amazonas sollen anthropogen sein ... wenn nicht sogar 100% (S.307)

    Links:

    Beni, Bolivien
    http://www.sas.upenn.edu/~cerickso/
    http://www.s8int.com/sophis23.html

    Cahokia, USA:
    http://www.bradley.edu/las/eng/lotm/Cahokia/frameset.htm

    Amazonien
    http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,2341328,00.html
    http://www.geo.uni-bayreuth.de/bodenkunde/terra_preta/McCann_abstract.html
    http://www.geo.uni-bayreuth.de/bodenkunde/terra_preta/
    http://www.eprida.com/hydro/ecoss/background/glaser et al (2001).pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Februar 2006
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aufgrund der nunmehr schon drei Threads zum Thema möchte ich wenigstens auf die HP von Charles C. Mann aufmerksam machen:
    http://charlesmann.org/
    Dabei: heißt das Buch wirklich 1492 oder nicht doch 1491?
     
  3. Pope

    Pope Neues Mitglied

    ooops! :scheinheilig:

    Das Datum ist wohl derart eingedroschen ... :nono:

    Also: 1492 durch 1491 ersetzen!! :sorry:
     
  4. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Das wird auch bei Wilson: And the Earth shall weep so dargestellt.

    Nicht nur auf Cahokia bezogen hat die Gestaltung der Umwelt stattgefunden, auch die 'Urwälder' der Nordostküste sind auf gezielte Landschaftspflege zurückzuführen.

    Daß allein die Rodung bereits die Versteppung bewirkte, halte ich von Mann für etwas zu kurz gesprungen. Cahokia bestand ja nicht mehr, als die ersten Weißen dort auftauchten. Ich halte es eher für möglich, daß erst nach Aufhören der Landschaftspflege die Versteppung einsetzen konnte.

    Die Darstellung des amerikanischen Kontinents als (unbewohnter) Urwald von europäischer Seite ist ja auch keine neutrale Sichtweise: ein nicht bzw nur ganz dünn besiedelter Kontinent war ja eine Rechtfertigung der Kolonisierung; ebenso wie das Argument, die Indianer hätten mit dem Land 'nichts anfangen' können und es nicht genutzt.
     
  5. Obwalden

    Obwalden Mitglied

    Diese Erkenntisse tönen sehr interessant. Ob aber wirklich ein so grosser Teil der Landschaft Nordamerikas durch die Indianer kultiviert worden sein soll, halte ich aber eher für unwahrscheinlich. Auch wenn die Indianer zweifellos eine sehr grosse Kenntnis an Naturbeobachtung hatten, bedurfte es dazu zahlreicher Geräte, welche sie meines Wissens nicht hatten.
    Gruss
    Mike
     
  6. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Jedenfalls sind im Kulturareal Nordostküste tatsächlich weitreichende menschliche Eingriffe geschehen. Die Wälder dort hatten eher Parkcharakter, da Unterholz, Schößlinge, Altholz beseitigt wurden. Dadurch hatte zum einen das Wild keine Versteckmöglichkeit, zum anderen gab es weitaus weniger Waldbrände. Waldbrände wurden erst nach der weißen Besiedelung wieder ein Problem, da das Waldmanagement unterblieb.

    Auch in Kalifornien wurden die Wälder so gemanaged - und auch hier gibt es seit der Landnahme bis heute verheerende jahreszeitliche Brände.

    Nötige Geräte? Da müßten Hacken, Beile und so schon reichen - plus Arbeitskraft und Zeit. Daß es ein anderes Verständnis von 'Machbarkeit' gab, illustriert ein Beispiel aus einer anderen Region: Die Hopi betreiben seit Jahrhunderten Trockenfeldbau in einer Gegend, in der geeignete Böden nicht häufig sind. Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden daher auch Felder bearbeitet, die bis zu 80 Meilen vom Dorf entfernt lagen. Die Bauern schafften es an einem Tag, zu einem so weit entfernten Feld zu gehen, es zu bearbeiten und wieder nach Hause zu gehen. Nicht fahren, nicht reiten: gehen.
     
  7. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Das erste, was man akzeptieren (lernen) muss, ist dass Nordamerika möglicherweise - schätze ich mal grob - 50 Millionen Menschen beheimatet haben könnte. Das ist zwar nur grob 15% der heutigen Bevölkerung, aber Europa hatte damals auch nicht viel mehr. 25 Millionen alleine in Mexiko!

    Dazu die Berichte der Conquistadores, worin die Indianer (scheinbar) durchweg als gesund, wohlgenährt, hochwüchsig und kräftig beschrieben werden - wenn sie nicht gerade an Pocken litten.

    Nach dem klassischen Bild einer Handvoll Indianer in den Weiten des Raumes passte es ja auch gut, dass sie ihre Natur nicht beeinflussen konnten, sondern ihren Launen schutzlos und ehrfürchtig ausgesetzt waren.

    Die archäologische Realität spricht seit mehreren Jahrzehnten eine deutlich andere Sprache. Landwirtschaft war nicht die Ausnahme, eher die Regel.

    Das jedenfalls sagt mir Charles Mann ...
     
  8. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Darf ich dich dazu etwas fragen?

    Wie lang war im Vergleich mit unseren heutigen km eine Meile? Ich weiss es nicht, aber wenn ich das mit km zb vergleiche, ist das kaum zu glauben.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    1 M = 1609,344 m
    80 M = 128747.52 m ~ 129 km x 2 = 258 km

    Also an 258 km Tagesmarschleistung kann ich beim besten Willen nicht glauben, auch ohne die Feldarbeit nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass einige Felder so weit entfernt waren. Man bedenke: wir gehen etwa 4 - 6 km/h. Und die Hopi lebten nicht gerade in der kühlsten Gegend.

    Sollte ich aber einen eklatanten Rechenfehler gemacht haben:weinen:, bitte ich die Mod, den Beitrag einfach ins Nirwana zu verschieben, wo er dann der ewigen Seeligkeit entgegenschweben darf. :devil:
     
  10. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Du brauchst (noch) nicht ins Nirwana - :rotwerd: -- es sollten 80 km werden. Ich geißel mich :abtauch:
     
  11. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Das sind aber immer noch 160 km hin und zurück. Dann noch arbeiten?
    Ich glaube das nicht.
     
  12. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ein guter Wanderer schafft vielleicht 5-10km pro Stunde, je nach Gesamtstrecke und Beschaffenheit des Weges. 80km wären 8 Stunden Dauerlauf auf der Geraden ohne Gepäck.

    Auch wenn es 40km hin und 40km zurück sind, wären das zwei Marathonläufe pro Arbeitstag ... uiuiui
     
  13. Erik Erikson

    Erik Erikson Gesperrt

    Unmöglich!
     

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