Adlige Familien gegen 1790

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Zoé_Lavie, 27. April 2013.

  1. Zoé_Lavie

    Zoé_Lavie Neues Mitglied

    Hi :winke:,
    Ich habe die Suchfunktion benutzt um etwas über das obige Thema heraus zu finden, bin jedoch nicht wirklich voran gekommen :grübel:.

    Daher meine Fragen:
    1. Wie lebten die Kinder von adligen, vorzugsweise dem niederen Adel? Was war Kinderkleidung und was taten sie in ihrer Freizeit? (Bezug auf männliche und weibliche Kinder)
    2. Was machten die Hausherren so beruflich, wenn sie keine Offiziere waren? Oder ruhten sie sich auf ihrem Erbe aus? (Nach Möglichkeit genaue Tätigkeiten im Bereich Politik/Verwaltung)
    3. Was wurde getan, wenn die Kinder sich nicht an die Spielregeln der Eltern hielten? Und vor allem was waren die Spielregeln, was löste allgemeine Empörung aus?

    Danke schon mal für eure Antworten :heart:
     
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  2. Mischa

    Mischa Aktives Mitglied

    zu 1.
    So pauschal lässt sich das schwer beantworten. Da hängt viel von Region ab, in der die Adelsfamilie lebt, von der Konfession, die ja auch Einstellungen und Vorstellungen zur Erziehung prägt, und natürlich auch vom Vermögen der Familie.

    Generell kann man für Jungen vielleicht sagen, dass sobald sie der Kinderstube entwachsen waren (also so um dem siebten Geburtstag) einem Hauslehrer übergeben wurden. Dieser Hauslehrer war meistens selbst noch ziemlich jung so Mitte Zwanzig und eben mit dem Studium fertig. Er erzog und beaufsichtigte den Jungen meist gemeinsam mit seinen Brüdern (so die Altersunterschiede zwischen den Brüdern nicht zu groß waren) oder vielleicht mit einem gleichaltrigen Vetter.

    Der Hauslehrer brachte seinem Zögling den einerseits Unterrichtsstoff bei, den man auch heute in der Grundschule lernt, also Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion! andererseits stand aber oft auch schon früh Latein auf dem Stundenplan, da das Beherrschen dieser Sprache für ein Studium unumgänglich war, und Französisch, dass die meisten Kinder allerdings bereits zumindest halbwegs von ihren Eltern und der Gouvernante in der Kinderstube gelernt hatten.

    Wenn die Familie genug Geld hatte, kamen zur Ergänzung oft noch stundenweise andere Lehrer ins Haus. Etwa ein Lehrer für Schönschreiben - sehr wichtig in einer Zeit, wo alles handgeschrieben wurde - oder ein Tanzlehrer.

    Später erweiterte sich der Fächerkanon um Geschichte, Geographie, Mathematik und Naturkunde und auch im Hinblick auf den Beruf, den die Eltern für ihren Sohn ins Auge gefasst hatten. Der zukünftige Priester lernte Griechisch und Kirchengeschichte, der zukünftige Staatsbeamte bekam eine Einführung in die Rechtsgeschichte und die Ökonomie, der Soldat lernte neben Fechten und Reiten -was alle auch der zukünftige Priester beherrschen mussten - Fortifikation (Festungsbaukunde).

    Der zukünftige Priester und der Staatsbeamte gingen dann mit 14 oder 15 an die Universität-oft noch in Begleitung ihres Hauslehrers oder eines anderen von den Eltern als zuverlässig erachteten jungen Mannes. Der zukünftige Soldat versuchte meist mit Hilfe von Verwandten als Unteroffizier in einem Regiment unterzukommen.


    Die Schwestern dieser Jungen wurden ebenfalls mit etwa Sieben aus der Kinderstube "entlassen". Ihr weiterer Erziehungsweg hing aber stärker als bei den Buben von der finanziellen Situation der Familie ab.

    Gehörte die Familie zu den "Ärmeren" konnte es passieren, dass alles in die Bildung des oder der Söhne investiert wurde, und sich die Mädchen mit dem begnügen mussten, was ihnen die Mutter oder ältere Verwandte beibringen konnten. In den meisten Familien bekamen die Mädchen allerdings zumindest eine schulische Grundbildung entweder in dem sie teilweise am Unterricht ihrer Brüder teilnahmen oder durch eigene Lehrer oder, in dem sie vor allem in katholischen Familien schon sehr früh (manchmal schon vier oder fünf Jahren) zur Erziehung in Klöster gegeben wurden, in denen sie dann bis zur Verheiratung oder, wenn die Familie es so wollte, ein Leben lang, blieben.
     
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  3. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ich hab mal die Bibliothek einer hier ehemals ansässigen Landadelsfamilie gesichtet.
    Die gibt auch einige Aufschlüsse über die Interessen des niederen Adels.


    Bibliothek der Edlen von Weidenbach - 200 Jahre Adelsgeschichte in Büchern

    Halsgerichtsordnung, Linné und Groschenromane
    Buttenhausen. Walter Ott, der von 1946 bis zu seinem Ruhestand für das Bruderhaus Diakonie gearbeitet hat, hat neben seinem Engagement für den Erhalt der Hinterlassenschaften der jüdischen Geschichte Buttenhausens auch die ritterschaftlichen Archive des Hofguts archiviert. Die Unterlagen werden nun von Stadtarchivar Steffen Dirschka ins Stadtarchiv Münsingen überführt. Neben Akten, Urkunden und Rechnungsbüchern umfasst das Schloßarchiv auch die Privatbibliothek der Familie der Edlen von Weidenbach, die 1812 den Ort Buttenhausen erwarben, das Buttenhausener Schloß erbauten und dieses bis 1935 bewohnten. Die Bibliothek umfasst über 500 Werke aus der Zeit von 1760 bis in die 1930er Jahre und gibt einen tiefen Eindruck in die Interessen, die Bildung und die Neigungen einer deutschen Adelsfamilie.
    Wenig überraschend ist das Gewicht juristischer Abhandlungen, die ständig auf aktuellem Stand gehalten wurden. Die „Hals- oder peinliche Gerichtsordnung“ von 1773 mutet noch mittelalterlich an, ebenso das „Herzoglich Würtembergische Landrecht von 1760, Mit herzogl. ertheiltem gnädigsten Privilegio“, ab 1800 mit der Einführung des in einer sehr frühen Ausgabe von 1807 erhaltenem „Code Napoleon“ erhält das Rechtssystem ein moderneres Gepränge , wir finden die Einleitung in das Eherecht, „baierisches“ und württembergisches Staatsrecht, deutsches Privatrecht, Criminlarecht neben juristischen Encyklopädien. Woraus die Familie ihr Einkommen erwirtschaftete kann aus den zahlreichen Werken über Land- und Fortwirtschaftet abgeleitet werden. Neben praxisorientierten „Dienstvorschriften für das Kgl. Württembergische Forstpersonal“, „Kunstwiesenbau“, dem“ Handbuch der Landgüterverwaltung“ oder dem „Lehrbuch der populären Thierheilkunde“ vertieften die Schloßherrn ihr Wissen in grundsätzlicheren Werken über „Agriculturchemie des Grafen Chaptal, 1824“oder die „Organische Chemie und ihre Anwendung auf Agricultur und Physik“. Überhaupt ist das Interesse für naturwissenschaftliche Themen ausgeprägt, umfassend und ausgesprochen modern. Titel wie „Das Handbuch der analytischen Chemie“, „Anthropologie in zwei Bänden“ , „Krystallisation in geometrischer und physikalischer Hinsicht“, „Logarithmisch-Trigonometrisches Handbuch“, „Vorlesungen über Astronomie“ oder das „Planetensystem“ findet man so oder ähnlich auch im Bücherschrank eines heutigen Gymnasiasten, stammen aber allesamt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die „Genera Plantarum“ von Carl von Linné, in der der Forscher die Grundlagen für die noch heute angewandte Klassifikation von Tieren und Pflanzen legte, liegt in einer frühen Ausgabe von 1767 vor. „Vorlesungen über die Naturlehre für Frauenzimmer“ belegen aber, dass 1832 zumindest die Vorstellungen über die Geschlechterrollen von unseren abweichen, den „Frauenzimmern“ traute der Professor Kries nur eine „Light“-Version der Naturwissenschaften zu. Daneben finden wir Belege für einen wachen Blick auf die Weltgeschichte, “Die Völker des Kaukasus“ und „Die Mythengeschichte der asiatischen Welt“ werden beschrieben, der Philosoph Moses Mendelsohn, Johann Wolfgang von Goethe, Lord Byron Wahington Irving und stehen neben politischen Schriften über „Was thun bey Deutschlands, bey Europas Wiedergeburt“ oder „Über den Eroberungsgeist und die Usurpation“ beide von 1814. Selbstredend hatte die protestantische Famie Gesangbücher, Breviere, Andachten und Bibeln. Die Kriegskunde beschränkt sich dagegen auf zwei Bände der „Militärischen Schriften Kaiser Wilhelms des Großen“.
    Es blieb aber offensichtlich auch Zeit für leichtere Lektüre, Groschenhefte füllen einen Gutteil der Regale der Bibliothek. „Die Pfarre an der See“ liegt neben dem „Grabgewölbe“ in dem „Agathe“ ihren heimlichen Liebhaber erwartet, das „Bekenntnis am Grabe“ wird wohl ebenso dort abgelegt, „Das heimliche Gericht des Schicksals“ tagt mehrbändig über „Rosaura“, „Isidore“ missbraucht „die Waldhütte“ für zutiefst sittenwidrige Umtriebe und „Heinrich2 treibt der „Familienehrgeiz“. Die Broschüren aus der Zeit zwischen 1810 und 1820 sind durchaus erotisch zu nennen und ansonsten mindestens so modern wie das „Forsthaus Falkenau“, es gibt eben nichts Neues unter der Sonne der Romantik.
    Die Titel der Bibliothek der Familie von Weidenbach zeichnen ein differenziertes Bild über den Adel der Moderne. Die Herren von Buttenhausen waren offensichtlich von hoher Professionalität, bemüht bei allem, was mit ihrer „Kernkompetenz“, der Landwirtschaft zu tun hatte, auf dem neuesten Stand zu bleiben, ebenso auf dem Gebiet der Jurisprudenz, ohne die ein Großbetrieb nicht zu führen ist. Das Fachwissen ruhte auf einem soliden Fundament Kenntnissen in Naturwissenschaften, Geschichte, Philosophie, Literatur und Politik und den „Frauenzimmern“ wurde der Zugang zu nicht ganz so bierernsten Themen leichtgemacht. Schnarrende Junker waren die von Weidenbachs offenbar nicht, das dokumentiert auch das weitgehende Fehlen militärischer Schriften.
    Das letzte in der Bibliothek vorhandene Dokument ist dazu passend eine Abschrift der Predigt vom 27.06.1937, die Pastor Martin Niemöller kurz vor seiner Verhaftung 01. Juli hielt.
     
  4. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Militär war vorallem auch eine Versorgungsmöglichkeit für kinderreiche Familien. Die Kinder kamen häufig schon mit 14 Jahren zur Armee. Ein erstgeborener Sohn und Erbe war vielleicht Zeitweise in der Armee, konnte aber nach dem Eintreten des Erbfalls seinen Abschied nehmen und sich hauptberuflich der Verwaltung seiner Güter widmen. Jüngere Brüder blieben hingegen oft ihr Leben lang Offiziere (mit entsprechenden Einschränkungen bei den Heiratsmöglichkeiten). Um 1790 kann man auch unternehmerische Tätigkeit neben Güterverwaltung und Staatsdienst als Tätigkeitsfeld des niederen Adels in Betracht ziehen.
     
  5. gnlwth

    gnlwth Mitglied

    Liebe Zoé Lavie,

    das ist sicher ein weites Feld... was die Kinder betrifft, wäre vielleicht der Klassiker von Philippe Ariès ein lesenswertes Buch (siehe Geschichte der Kindheit)? Jetzt bin ich ja weit davon entfernt, Soziologe oder gar Pädagoge zu sein, weshalb ich auch nicht beurteilen kann, für wie überkommen oder gar falsch das Buch mittlerweile erachtet wird, aber ich fand es, obwohl es mal als wissenschaftlicher Text für eben genannte Berufsgruppen gedacht war, auch für Laien recht gut lesbar (und informativ).

    Dann, was die Kleidung und das Aussehen von Kindern angeht, vielleicht ist das: Children in Art History was für Dich? Leider ist das nicht nach Epochen, sondern nach Künstlern geordnet, so dass man erstmal ein bisschen suchen muss. Wenn man aber mal ein paar Maler aus der Epoche kennt, für die man sich interessiert, dann kann man sich die ja raussuchen. Abstriche muss man natürlich machen, da ja der Maler nicht zwangsläufig die Kinder in einer alltäglichen Situation portraitiert, sondern ein (eventuell in Auftrag gegebenes) Portrait ja immer noch irgend etwas aussagen soll. Aber vielleicht kann man trotzdem (oder gerade deshalb?!) einen Eindruck davon bekommen, wie Kinder so gesehen wurden.


    Viele Grüße,
    gnlwth
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2013
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Literaturtipp von gnlwth ist sicher ganz gut.

    Für eine bessere Beantwortung der Frage, müsste man aber wirklich wissen, wo in Europa diese Kinder groß gezogen werden sollen. Den Faktor Militär bspw. gab es in unterschiedlichen Gebieten in ganz anderer Intensität. Die Mode war auch sehr verschieden.

    Bitte um eine genauere Einordnung!:winke:
     

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