Ausgaben für die Hofhaltung in der Zeit von Louis XIV und August II.

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 21. August 2008.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Aufwand für Hofhaltung

    Ich hatte heute gestutzt, als ich in der Kurzbiographie über Louis XIV etwas über die Kosten für die Hofhaltung bei Malettke las. Demnach waren diese im Vergleich zu zumindest Kurbayern und Österreich gering.

    So finde ich bei Malettke:
    *

    Anzumerken wäre vielleicht, dass 1682 der Hof endgültig nach Versailles zog, wo er als ständiger Sitz auch bis zum Tode von Louis XIV blieb. Zwar ist der Aufwand der Hofhaltung in Versailles berühmt und die umfangreichen Bauarbeiten am Schloss gingen weiter, andererseits hatte aber auch der häufige Umzug des ganzen Hofes von Schloss zu Schloss ehedem einiges gekostet.

    Bei Siegfried Hoyer hingegen:

    **

    Hoyer bedauert in seinem Essay, dass keine zuverlässigen Zahlen für den sächsischen Hof August des Starken vorliegen. Die Zahlen dürften sich also ungefähr auf das Ende des 17. oder den Beginn des 18.Jh., die Zeit von Louis XIV, beziehen.

    Kann sich jemand erklären wie, auch mit gewissen Abstrichen (bei Malettke heißt es „Staatsausgaben“ und bei Hoyer „Einnahmen“) diese enormen Unterschiede auftreten können? Welche Aussagen haben diese Zahlen, als dass deutlich weniger im Frankreich von Louis XIV prozentual betrachtet als in den beiden Vergleichsstaaten für den Hof ausgegeben wurde?

    Ich schau mal die nächsten Tage, ob sich auch zu anderen Höfen vielleicht noch was findet.

    * Klaus Malettke: „Ludwig XIV.“ S. 202 in „Die Französischen Könige und Kaiser der Neuzeit 1498 - 1870“ beck’sche Reihe - 2006 – München

    ** Prof. Dr. Siegfried Hoyer "Wie absolut war August?" S. 49
    in "Saxonia - Schriftenreihe des Vereins für sächsische Landesgeschichte e.V. Band 1 - August der Starke und seine Zeit" Sächs. Druck- und Verlagshaus, Dresden, 1995
     
  2. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Auf den ersten Blick erschienen mir die Angaben zum Hof von Versailles als recht realitätsfremd. Doch inzwischen hat sich meine Meinung geändert.
    Frankreich war zu damaliger Zeit wohl das Land in Europa mit der größten Bevölkerungsdichte? Demzufolge waren die Einahmen, durch den Merkantilismus verstärkt, höher als bspw. im genannten Kurbayern.
    Ludwig XIV. führte eine rege expansive Außenpolitik, das stehende Heer war zum Zeitpunkt mächtig, Auf- und Ausbau von Manufakturen wurde betrieben, Akademien der Wissenschaft, der Kunst, der Musik entstanden. Dies Alles trug, neben der Hofhaltung, zu den Staatsausgaben bei.
    Die hohen Einnahmen und die verschiedensten Ausgabenpunkte; welche man in einer Bilanz zusammenstellen könnte, wenn man jeden Fakt mit seiner jeweiligen Summe kennen würde; ermöglichen eine klein aussehende Prozentangabe für die Hof in Frankreich.

    Mich würde interessieren ob die Angaben zum Wiener Hof alleinig für diesen gelten. Da bis 1700 Spanien den Habsburgern gehörte und welches sich markant in den Angaben wiederspiegeln würde.
    Mit Spanien kämen die Ausgaben für desen Kolonien bspw. hinzu.
    Österreich würde ich um diese Zeit nur die Kampfhandlungen gegen die Osmanen zuschreiben (Schlacht von Zenta als ein Beispiel).
    Da Kurbayern, auch mit der Pfalz und gewissen Erzbistümern, im direkten Vergleich zu Frankreich und Österreich ein kleinere Herrschaft war, waren desen Einahmen auch geringer. Dazu kommen die unterschiedlichen Häuser der Wittelsbacher, mit ihren eigenen Finanzen.

    Dies Alles wird wohl dazu beitragen, dass die vorliegenden Prozentangaben so unterschiedlich ausfallen, obwohl die Hofhaltung Ende des 17.Jh. und im 18.Jh. in jedem europäischen, (mehr oder weniger) absoluten Staat einen großen, den größsten?, Anteil der Einahmen kostete.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine gemeinsame Herrschaft HRR - Spanien gab es allerdings nur unter Karl V. Der schlug zwar seinem Bruder Ferdinand die wechselnde Thronfolge vor, aber damit war der Habsburger mit dem Namen seines spanischen Großvaters (Ferdinand von Aragón) natürlich nicht einverstanden. Demnach hätte also Ferdinand auf Karl als Chef des Hauses folgen sollen, auf Ferdinand Karls Sohn Philipp und auf diesen wiederum Ferdinands Sohn Maximilian. Wie gesagt, Ferdinand war nicht einverstanden und Karl trennte bei seinem Rücktritt das Erbe: Ferdinand bekam die habsburgischen Anteile, Felipe die spanischen Anteile und das Erbe von Philipp dem Schönen, was erst seit zwei Generationen habsburgisch war: die habsburgischen Niederlande. Eine gemeinsame Herrschaft gab es also nur zwischen der Königswahl in Frankfurt 1519 und der Abdankung Karls 1556.
    Und selbst da kann man nicht von einem gemeinsamen Staatswesen sprechen. Sowohl die deutschen Reichsfürsten als auch die spanischen Cortes waren nämlich sehr darauf bedacht, dass beide Herrschaften getrennt blieben und u.a. keine Steuern und Abgaben für die jeweils andere Herrschaft verwendet würden (Wahlkapitulationen Juni 1519/Oktober 1520).
     
  4. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

    Ich würde das einfach mit den sehr unterschiedlichen Staatseinnahmen begründen. Frankreich hatte die mit weitem Abstand höchsten Einnahmen ganz Europas, unter L.XIV. bis zu 150 Millionen Livres p. a. Um einen prächtigen Hof à la Versailles zu unterhalten, musste Fürst viel Geld aufwenden, doch hatte Fürst eben nicht Frankreichs Einwohnerzahlen (über 20 Mio.) zur Verfügung und damit ein sehr viel geringeres Steueraufkommen!

    Außerdem produzierte Frankreich alles was für die Hofhaltung so nötig war quasi selbst. Frei nach Colbert: Eine so große "Hofmaschine" funktioniert besser autark von externen Luxusgütern, das ist viel billiger. Und Frk.s Wirtschaftstrukur war ganz einfach in der Lage diese Luxusgüter-Autarkie erstens zu gewährleisten und zweitens den Aufbau derselben zu finanzieren. Letztlich kaufte die frz. Krone bei ihren eigenen Manufakturen ein und verkaufte die Überproduktion für teuer Geld an die anderen Höfe Europas.

    Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte bei den anderen europ. Höfen also eine ordentliche Lücke. Denn eigentlich war nur Frk. in der Lage eine so ausgreifende Hofhaltung bequem zu tragen. Ein absolutistischer Hof funktionierte also nach dem "Pfauen-Prinzip", mehr Scheinen als Sein. Auch eine Mittelmacht konnte dem Ausland so vortäuschen reich und mächtig zu sein. Das erscheint uns irrational, ist es ökonomisch auch. Aber es war dennoch billiger durch Hofhaltung politisch Eindruck zu schinden, als ein teures stehendes Heer zu finanzieren und sich ständig in Kabinettkriege zu verwickeln.

    Preussen beispielsw. folgte dieser polit. Logik nicht und nur so konnte es von Deutschlands größter Mittelmacht zur kleinsten Großmacht Europas werden. Lieber war Preussen der fünftmächtigste Staat des Kontinents, als ein x-beliebiger Versailles-Klon. Auch wenn man dafür dann nicht so "verfeinert" war, wie der Adel anderer Länder.

    Die napoleonischen Kriege fegten dann das "Prinzip der absolutistischen Hofhaltung" hinfort. Das Aufkommen des Massenheeres machte höhere Ausgaben für das Militär notwendig. Das sicherheitspolit. "Eindruck machen" durch Hofhaltung funktionierte nicht mehr. Meine Wahrnehmung: Man kann optisch nun die zunehmende Militarisierung der Herrschenden beobachten. Wo man sich vorher noch mit schicker Perrücke und reich verzierten Kostüm malen ließ, tritt uns die Oberschicht ab 1800 immer mehr mit Uniform und Orden entgegen. Im 19. Jahrh. ersetzt die milit. Rüstung die höf. Repräsention des 17./18. Jahrh. So zumindest mein Eindruck, andere Zeiten, andere Sitten.
     
  5. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Man muss dazu die gesamte Ausgabenstruktur sehen... Ich habe dazu aber nicht viel.. Ein gutes Beispiel ist vielleicht der letzte Haushalt Ludwigs XVI.

    Hofhaltung: 40 Mio Livre (das galt als sparsam)
    Jedoch waren die Staatsausgaben (ca 600 Mio Livre) durch Schuldendienst (318 Mio) extrem aufgebläht.
    Je nachdem kann man sagen 6,5% vom "nominellen" Betrag, oder 14% vom "echten". Frankreichs Bevölkerung konnte die 600 Mio eben einfach nicht aufbringen, insbesondere nicht die 300 Mio für den Schuldendienst; daneben waren die Kosten der Hofhaltung "peanuts".

    Im Buch von R. Gömmel "Die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus" finde ich für die deutschen Kleinstaaten Anfang des 18. Jh. einen Mittelwert von 25% der Staatsausgaben für "Hofhaltung, Zivilverwaltung, Bildung, Rechtswesen"). Er schreibt (ohne Begründung), dass der Wert für Bayern und Österreich bedeutend größer gewesen wäre. Aber das wussten wir ja schon....
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2008
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  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Kennt jemand Fürstentümer oder Reichsgrafschaften, wo dieser Mittelwert hinreichte?
    Bei einigen von den Kleinen habe ich eher den Eindruck, dass die Hofhaltung den Großteil der Staatsausgaben ausmachte. Das Beispiel Hohenlohe-Weikersheim, hatte ich schonmal angeführt: http://www.geschichtsforum.de/464590-post5.html

    Natürlich heißt ein übergroßer Anteil an den "Staats"ausgaben nicht, dass man deswegen übermäßig über die eigenen Verhältnisse gelebt hätte. Manche Ausgabenposten wie für das Militär war ja hingegen bei manchen Kleinstaaten zum Ausgleich maginal.
    Anteilig hohe Ausgaben des Hofes am Staatshaushalt ändern also nichts daran, dass der Fürst vielleicht sparsam, oder zumindest angemessen wirtschaftete. Vgl.: http://www.geschichtsforum.de/451103-post168.html
     
  7. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Für die Bevölkerung von Residenzstädten waren hohe Ausgaben der Hofhaltung lukrativ. Gibt es auch Literatur bei der die Vermögensverhältnisse der Bevölkerung aufgelistet sind? Wäre sicher interessant wieiviel bei kleineren Staaten von diesen Ausgaben im Land blieb. Bei Zwergstaaten mussten Künstler, etc. mehr oder weniger Zwangsläufig aus dem Ausland kommen oder waren modebedingt aus dem Ausland, zum Beispiel italienische Musiker. Schaumburg-Lippe hat sich noch zu Zeiten des Kanonengrafen, den Bachsohn Johann Christoph Friedrich (Bückeburger Bach) geholt. Wohl nach dem Vorbild des preußischen Hofes.
     
  8. excideuil

    excideuil unvergessen

    Zur Ergänzung:

    "Auch der jährliche Aufenthalt (des königlichen Haushaltes Ludwig XVI.) in Compiègne wurde gestrichen, obwohl sich der König dazu bequemen musste, der Stadtbevölkerung zur Entschädigung für ihren Verlust an der Verpflegung des Hofes 300000 Livres an Steuern zu erlassen." [1]

    Das Beispiel zeigt, dass die königliche/fürstliche Hofhaltung einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte, was wir heute Binnennachfrage nennen.

    Grüße
    excideuil

    [1] Cronin, Vincent: “Ludwig XVI. und Marie-Antoinette”, Claasen, Hildesheim, 1993, Seite 193
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1775, freilich ein bisschen neben der gesuchten Zeit, kosteten die Ausgaben für die Hofhaltung der Kurpfalz wie in einem anderen Thread erwähnt etwa eine Million Gulden, das soll mehr als ein Fünftel der Staatseinnahmen verschlungen haben.
    (vgl.: http://www.geschichtsforum.de/611039-post3.html )
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hierzu habe ich nun eine andere Angabe gefunden. F.-W. Henning gibt an, dass 23 % des Staatshaushaltes durchschnittlich für die Fürstenhöfe verschlungen wurden.* Das ist natürlich einigermaßen präziser als einen Prozentsatz für verschiedene Gebiete.
    Generell muss man aufpassen, wenn man von "der" Hofhaltung spricht. Der zeitgenössische Autor Georg Heinrich Zincke nahm eine wesentliche Unterscheidung innerhalb der Ausgaben für die Hofhaltung vor, welche uns Aufschluss über die Funktionalität derselben liefert.** Zincke unterscheidet zum einen in "Staats= und Landschaffts=Ausgaben" und zum anderen in "Hof= und Cammer=Ausgaben". Zu Letzterem gehören:
    1. Ausgaben für die Finanzverwaltung und Infrastruktur derselben
    2. Hofkosten in engerem Sinne, also für die fürstliche Familie u. dergl.
    3. übrige Hofkosten.
    Zincke (1692-1769) hat ein umfangreiches wirtschaftswissenschaftl. Werk hinterlassen.***

    * Friedrich-Wilhelm Henning: "Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit", Paderborn, 1991, S. 909.
    ** Georg Heinrich Zincke: "Grund-Riß einer Einleitung zu denen Cameral-Wissenschaften ..." 2 Teile, Leipzig, 1742/43.
    *** siehe: Georg Heinrich Zincken ? Wikipedia
     

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