Auswirkungen der 68er Bewegung

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von littlekeckz, 20. Januar 2012.

  1. Opteryx

    Opteryx Aktives Mitglied

    Aber eine mir als Laien durchaus Einleuchtende! Empirische Studien oder vernünftige Quellen habe ich leider nicht gefunden. Am Beispiel Familie dürfte aber jeder Geschichtsbewusste erkennen, dass man die kleinste Keimzelle der Gesellschaft, bewährt seit zigtausend Jahren in der Menschwerdung, mit der leicht schwachsinnigen Begründung der Förderung faschistoider Strukturen nicht einfach zerstören darf. Das genannte Kollektiv von Halbkranken ist nicht aus der Luft gegriffen. Gender tut das Übrige.
     
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ja, mir leuchten als Laie auch so einige Dinge ein, deswegen sind sie aber noch lange nicht objektiv richtig.

    Im Hinblick auf den Zusammenhang von Familie per se und faschistoiden Tendenzen hast du immer noch niemanden genannt, der das jemals ernsthaft behauptet hätte, schon gar nicht warst du dazu in der Lage eine größere Gruppe mit dieser Ansicht nachzuweisen.
    Für das "Kollektiv von Halbkranken" gilt selbiges. Sry, aber das ist journalistisches Schattenboxen, hat aber mit historischen oder sozialwissenschaftlichen Ansätzen so nichts zu tun.
     
    silesia gefällt das.
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Fein, dass das Magazin für konservative mentale Ertüchtigung zu dieser Einschätzung kommt. Und wo sind die Belege? Auf diese Behauptungen ohne Belege, also diese zweite Cicero-Pseudokritik eine Antwort.

    Man sollte sich schon mit den Fakten der Veränderung der politischen Kultur in den siebziger Jahren und danach auseinandersetzen und hin und wieder auch mal "harte Zahlen" ansehen. Dann kann man den "genuinen Anteil" der 68er bestimmen und nicht so tun, als wenn sie für alles oder für nichts zuständig gewesen wären.

    Methodisch lustig wird es, wenn "Cicero" offensichtlich zwischen der Parallelität und einer Kausalität nicht unterscheiden kann. Ausgerechnet den 68er die sozialen Wirkungen des "Wirtschaftswunders" der deutschen Volkswirtschaft in die Schuhe zu schieben ist frei von Fakten.

    Die Komplexität der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung hat "Cicero" offensichtlich nicht verstanden. Es sind viele Faktoren, die den Trend zur "Erlebnisgesellschaft" (vgl. Schulze) beeinflußt haben und sie ist in unterschiedliche Milieus (ebd. S.277 ff) und Szenen (ebd. S. 459 ff) untergliedert. Dabei bilden die 68er nur ein kleines Segment in der Gesamtgesellschaft.

    1. Die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomien in Richtung auf die Befriedigung der Alltagsbedürfnisse der Bevölkerungen. Damit folgte sie genuin interne Mechanismen zur Rationalisierung und den Vorteile der Massenproduktion bzw. der Philosophie der Economy of Scales (vgl. z.B. Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte). Daraus resultierte vor allem ein Angebotsdruck und durch eine deutlich intensivierende Werbung mußte dieses wiederum verkauft werden können.

    2. Die Legitimation von Regierungen durch die Zustimmung bzw. "Glück" ihrer Staatsbürger und die Umkehr des traditionelle Verständnisses, dass die Bürger für den Staat da zu sein hätten, sondern der Staat wurde zum Dienstleister am Bürger im Rahmen einer Sozialstaatsideologie. (vgl. zur Zentralität dieser Überlegung auch: Acemoglu: Why Nations fail bzw. zum Sozialstaat Esping-Anderson: The three worlds...)

    3. Im Rahmen der Tarifpartnerschaft konnten die Gewerkschaften eine deutliche Lohnsteigerung seit Mitte der 1960er Jahre verhandeln in Kombination mit einer Senkung der Arbeitszeit und Erhöhung des Urlaubsanspruchs (vgl. Ballerstedt & Glatzer, S. 383).

    Dieses vor allem auch als Ergebnis der Systemrivalität zwischen Ost und West und der damaligen Diskussion über die Konvergenz von Herrschaftssystem im Zuge der "Technokratiediskussion". Verstärkt durch die Diskussion über die - reale oder imaginierte - krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus (vgl. Offe: Strukturprobleme.., Habermas: Legitimationsprobleme oder Giddens oder Giddens: Der ditte Weg u.a.)

    4. Globale kulturelle Muster spielen dabei eine massive Rolle und die greift Cicero in der polemischen Beschreibung irreführend auf. Es trifft zu, dass in den sechzigern die Hippies der Power Flower Generation an Bedeutung gewonnen haben. Beschreiben durch einen Lebensstil, der sich deutlich von dem der Eltern unterschied. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund brüchiger militaristischer und maskuliner Weltbilder, die nach dem WW2 im Krieg in Korea und Vietnam im Napalmfeuer verbrannt sind.

    Und es ist zutreffend für einen Teil der Hippie-Bewegung ein hedonistisches Element zu erkennen, dass sich in Abgrenzung zu traditionellen Rollen orientierte und Tabubrüche in den Vordergrund stellte. Ob für diesen Teil Marcuse oder Reich bereits eine Rolle gespielt haben, erscheint zweifelhaft.

    Das gilt auch für den Teil, die als Folge in fernöstliche religiöse Welten abtauchten und irgendwelchen selbsternannten Bagwans etc. huldigten.

    Sieht man von medial inszenierten Ausnahmen ab, wie "Kommune 1", dann kann man eine sexuelle Revolution in dieser Zeit erkennen, die vermutlich auch im Rahmen des allgemeinen sozialen Wandels eingetreten wäre. Nicht zuletzt weil Sexualität in den Schriften der Wortführer der APO fast keine Rolle gespielt hatte.

    Dennoch ist es zutreffend, dass Marcuse und vor allem Reich auch in Teilen der 68er rezipiert worden ist. Vermutlich allerdings eher aus sexueller Frustration, weil sich die Ideologie der Ausschweifungen einer sexuellen Befreiung nicht unbedingt mit dem eigenen Erfahrungen gedeckt hatte.

    Vollends abenteuerlich wird die Behauptung in Bezug auf den "grenzenlosen Konsum". Nach dem Zerfall der politischen Bewegung der Apo differenzierten sich die politischen Szenen vielfältig. Teils traten sich emanzipativ in der Frauen- und Schwulenbewegung in Erscheinung, teils im Anti-AKW-Protest und teils als Gründer von Unternehmen, die sich der "alternativen Ökonomie" zugerechnet haben. Eine relativ weit entwickelte Form war in West-Berlin zu finden. (vgl. z.B. das "Stattbuch") und Vilmar und Runge stellten die Frage, "Auf dem Weg zur Selbsthilfegesellschaft?

    Im Kontext dieser Szenen entstanden "Dritte Welt Läden" oder andere Formen, die sich kritisch mit der globalen Entwicklung des Kapitalismus auseinander gesetzt haben. Und gleichzeitig wurde diese kritische Sicht in der alternativen Ökonomie durch eine ausgeprägte Form der Selbstausbeutung finanziert. Was den Vorwurf von "Cicero" des Konsumerismus oder Hedonismus für viele der damals betroffenen als blanker Hohn erscheinen wird.

    In den achtziger Jahren wird man dann am ehesten ein Milieu erkennen können, das Cicero mit den 68ern glaubt identifizieren zu können. In Erscheinung traten die "Popper". Sie waren die erste Subkultur, die sich aufgrund ihrer hedonistischen Stilisierung durch ihren Konsum definiert haben. Allerdings habe ich selten gesehen, dass einer mit einer Mao-Bibel, "Hohoho-Tchi-Minh" skandierend durch ein Einkaufszentrum gelaufen ist.

    Und es liegt m.E. auch keine Studie vor, die eine Genealogie der "Popper" von den Hippies oder den 68ern behauptet. Sondern sie agieren eher in dem Kontext, den Adorno u.a. im Rahmen der Fetischisierung von Waren beschrieben haben.

    In diesem Sinne kommt den 68ern sicherlich eine Bedeutung zu, die politische Kultur verändert zu haben. Auch durch die zeitverzögerte Gründung der alternative Liste bzw. der Grünen. Sie haben auf die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft einen positiven Einfluss gehabt (was die Konservativen natürlich anders sahen) und sie haben das Thema "soziale Gerechtigkeit" in vielfältiger Weise thematisiert. Ganz zu schweigen, dass sie ein wichtiger Resonanzkörper waren, soziale Modernisierung in der Innen- und Außenpolitik zu erleichtern (Kanzlerschaft von Brandt)

    Unsinn ist es aber, ihnen einen Einfluss auf die Struktur des Konsums vor zu halten. Sie haben natürlich konsumiert und da sie nicht selten "besserverdienend" waren, haben sie ein höheres disponibles Einkommen zur Verfügung gehabt. Und sich in der Regel eher "konservativ" verhalten mit Familie, Haus, Auto und Urlaub.

    Das entzaubert die 68er natürlich und läßt sie zu ganz normalen Menschen werden und für die meisten ist sowohl Marx, Freud, Adorno, Marcuse oder Reich wohl eher äußerlich geblieben.

    Ballerstedt, Eike; Glatzer, Wolfgang; Cremer-Schäfer, Helga; Mayer, Karl-Ulrich (1979): Soziologischer Almanach. Handbuch gesellschaftlicher Daten und Indikatoren. 3. Aufl. Frankfurt/Main: Campus-Verl.
    Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt: Campus Verl.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2019
    silesia gefällt das.
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was daran ist schlimm?

    Mit diesen Worten wird dann den Leuten der Umstand, in welche Gesellschaft und welche Zeit sie hineingeboren wurden zum Vorwurf gemacht und ihnen somit das Recht abgesprochen, ein kritisches Verhältnis zu dieser Gesellschaft aufzubauen.

    Hier werden Ross und Reiter nicht genannt. Ein Rainer Langhans ist eben kein Rudi Dutschke. Beide stehen für die 68er, beide sind ganz unterschiedliche Typen, die für ganz unterschiedliche Dinge stehen. Langhans ist womöglich medial als Bürgerschreck präsenter gewesen. Prägender war aber sicherlich Dutschke. Wobei man davon ausgehen muss, dass die wenigsten Generationsgenossen so libertin wie Langhans gelebt haben oder Dutschkes Diskursen im einzelnen folgen konnten.

    Grau reduziert also die 68er auf Gestalten á la Langhans, die zwar in der veröffentlichten Meinung eine wichtige Rolle spielten, aber deren Lebensweise keine Blaupause für alle (linken) Studenten war und der intellektuell wenig zu "68" beigetragen hat.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    es waren sicher nicht die Hedonisten, die sich auf Antikriegsdemos in Berlin, Frankfurt oder Essen den Schlagstöcken und Wasserwerfen einer vorwiegend vor 1945 ausgebildeten, leberwursttaktierenden Polizei gestellt haben.
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Das Beispiel der Kommune 1 zeigt mE, dass das durchaus ging.
     
  7. Opteryx

    Opteryx Aktives Mitglied

    Das Problem liegt darin, dass solche Fragen in der DDR an uns Ostlern vorbei gingen, ohne uns näher zu berühren. Ich habe auch nicht vor, darin vertiefend einzutauchen. Ich kann dir also nur mit Satire antworten (young andfree-kaleb.de):
    "Von Marx und Engels, die im Kommunimus sowieso keinen Platz für die Familie sahen, begründet
    von Freud und C.G. Jung mit der Psychoanalyse weiterentwickelt
    und von der Frankfurter Schule und Köchen namens
    Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Herbert Marcuse,
    Max Horkheimer und anderen, verquirlt, hieß der Slogan:
    Die autoritäre Persönlichkeit, vor allem von uns Deutschen,
    kommt aus der autoritären Familie und ist potentiell faschistisch.

    Die Rechnung ist so simpel wie genial:

    Familiäre Strukturen –> Kind lernt Autorität(en) zu achten –> wird Faschist.
    = Weg mit der Wurzel allen faschistischen Übels"
    Aber ein Körnchen Wahrheit steckt drin.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Schön wie unsachlich hier diskutiert wird, unter Ignoranz fundierter Beiträge. Eine wirklich vorbildliche Art, sich ernsthaft mit den 68ern auseinanderzusetzen. Liegt auf der Linie der unsachlichen Art von "Cicero".
     
  9. Opteryx

    Opteryx Aktives Mitglied

    Ich hatte ja auch längst erwartet, dass sich hier noch ein paar Personen mit Fachwissen zu Wort melden. Leider vergeblich. Ich verfüge, wie bereits erwähnt, nicht über die dafür nötige Ausbildung. Ich sehe nur das Ergebnis dieser Politik. Und das ist die stark attackierte Familie. Du darfst das gern fundiert entkräften.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es tut mir natürlich leid, dass mein Wissen als nicht ausreichend angesehen wird. Ich glaube u.a. Rabehl, Lönnendonker oder Fichter würden Dir widersprechen.

    Und was Du siehst ist mir ehrlich ziemlich egal, nicht zuletzt, weil Du vermutlich genauso wenig Fachwissen in Bezug auf Familiensoziologie hast wie zum Thema NSB.

    Ansonsten gibt es keinen halbwegs seriösen Soziologen, der ernsthaft behaupten und belegen würde, dass die 68er die Familienstrukturen in West-Deutschland zerstört hätten. Selbst die Autoren von Cicero betten diesen Prozess in den allgemeinen sozialen Wandel, völlig losgelöst von den Wirkungen der 68er ein. Gerade weil sie die angemaßte Omnipotenz der "68er Intellektuellen" - Achtung! aufgebauschter Strohmann zum nachfolgenden Bashen - kritisieren, den sozialen und politischen Wandel entscheidend beeinflußt zu haben.

    Nicht zuletzt, weil Fakten bisher von Dir ja auch nicht zur Kenntnis genommen wurden.

    Und es ist der Vorteil von Satire, dass sie sich nicht um eine halbwegs seriöse Bewertung kümmern muss. Aber derartiger Unsinn gehört in den Smalltalk.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2019
  11. Opteryx

    Opteryx Aktives Mitglied

    Ich schrieb "noch ein paar Personen", ohne deine einzelne Kompetenz anzuzweifeln. Was Du mir gegenüber aber gnadenlos tust, ohne meine Fachrichtung zu kennen.
    Im "sozialismus.net" gibt es neben einigen unbrauchbaren aber auch eine brauchbare Einschätzung zum Familienproblem:
    "Mit dem gesellschaftlichen Aufbruch im Zuge der Bewegungen rund um 1968 wurde die Kleinfamilie als Lebensform dann vermehrt in Frage gestellt – vor allem in studentischen und kleinbürgerlichen Schichten. Die Scheidungsraten stiegen von nun an deutlich an, Jugendliche versuchten aus ihrer Familie „auszubrechen“, und alternative Lebensformen wie Kommunen und Wohngemeinschaften erfreuten sich großer Beliebtheit in bestimmten sozialen Milieus. "
    Ein Zusammenhang ist also nicht zu bestreiten. Auf Grund des oben Gesagten stelle ich aber jetzt meine Diskussion ein.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    DU nimmst Deine Gesprächspartner nicht ernst, indem Du sie - also u.a. mich - mit Satire als inhaltliche Stellungnahme konfrontierst. Und reagierst beleidigt, wenn andere deswegen verärgert sind. Es wäre an Dir gewesen, die notwendige Ernsthaftigkeit in die Diskussion einzubringen. Um mal die Reihenfolge richtig zu rücken.

    Ansonsten hättest Du vielleicht nochmal Grau lesen sollen, der zu Recht feststellt, dass der soziale Wandel viele Entwicklungen bereits angestoßen hat, die vorher oder parallel zu den 68ern verlaufen sind.

    Die Wurzeln der Auflösung der Bedeutung von Familien und der damit zusammenhängenden Rollenstrukturen kann man historisch deutlich bereits als Folge des WW1 in der Weimarer Republik erkennen. Und dann erneut als Folge des WW2. Es waren also vor allem die Kriege, die diesen sozialen Wandel beschleunigt haben. Das wäre ein Ansatzpunkt für eine Analyse der Veränderung der Familienstruktur.

    Und so formuliert Schelsky bereits 1955: " Der Grund dafür, dass die gegenwärtige Familiensoziologie vor allem den Destruktionsvorgängen in der Familienstruktur nachspürt...." (Schelsky, S.15) und belegt, das der soziale Wandel deutlich vor den 68ern die Strukturen der Familie verändert hatte.

    Zudem gehört dazu u.a. auch die zunehmende Individualisierung von Lebensstilen wie es u.a. Beck analysiert. Wie auch die Diskussion um die Emanzipation der Frau.

    Beck, Ulrich; Beck-Gernsheim, Elisabeth (2001): Individualization. Institutionalised Individualism and its Social and Political Consequences. 1. Aufl. London: SAGE Publications Ltd.
    Schelsky, Helmut (1960): Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2019
  13. Opteryx

    Opteryx Aktives Mitglied

    Ich habe es als Satire weitergereicht, weil die Quelle es als solche anbietet. Du hättest den wahren Kern erkennen müssen. Aber das wars dann auch.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ja, über Sloterdijks Ausfälle nachzudenken, ist Lebenszeitverschwendung.

    Fachwissenschaftlich findet er keine Beachtung. Das verhält sich umgekehrt proportional zu seiner Medienwirksamkeit, weil die populistischen Sprüche doch gern mal für die Auflagen aufgegriffen werden. Damit sichert er seine Brötchen. So in diesem Fall oder zB auch seine Vulgärökonomie zur Finanzkrise. So wie er hier als Stichwortgeber für Linksextreme fungiert hat (und fungiert), entwickelt er sich in den letzten 10 Jahren als Stichwortgeber für die Systempolemik der Rechtsextremen.

    Was sich "im Netz" als Echokammer angeblich zur "Bestätigung" findet, kann nicht zur Sache interessieren, solange es nicht in substantiellen - wissenschaftlichen - Publikationen aufgegriffen und untersucht wird .
     
  15. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ne, dass ist deutichst nach dem wünsch-dir-was-Paradigma zusammengeklaubt.

    Um mal etwas näher drauf einzugehen:

    Marx und Engels sahen im Kommunismus nicht grundsätzlich keinen Platz für die Familie, sondern für das, was man anno 1860 unter einer Familie verstanden haben mag. Genau so wenig ist deren Einlassung über das "Absterben des Staates" ja auch nicht als ein Plädoyer für Anarchie oder das Ende aller bürokratischen Institutionen zu verstehen, sondern als Perspektive des Ablebens des halbkonstitutionellen Obrigkeitsstaates als postuliertes, reines Herrschaftsinstrument der machthabenden Kreise.

    Was den Rest angeht:
    Da wirfst du zu Gunsten eigener Interpretationen einfach mal das Ende strikt autoritärer Familienstrukturen mit dem Ende vn Familienstrukturen an und für sich in einen Topf, was Unsinn ist.

    Insofern halte ich das für ziemlich daneben, um ehrlich zu sein.
     
    Reinecke gefällt das.
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Manche sind schon eigenwillig in ihren Verweisen. Sich auf "Cicero" beziehen und dann auf "sozialismus.net" zu wechseln und beide für glaubwürdige Verweise zu halten, erzeugt bei mir "Stirnrunzeln".

    Doch der Zusammenhang ist zu bestreiten, da Du behauptet hast, die 68er hätten diesen Wandel hervorgerufen und sie für einen - imaginären - Schaden an dem Institut der Familie moralisch verantwortlich gemacht.

    Bereits Anfang der siebziger Jahre wird in der "Sozialkunde (S. 424) konstatiert: "Die Dynamik von Eheschließungen ist soziologisch nur im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu begreifen...." Also als Ergebnis des komplexen soziale Wandels der Industriegesellschaften.

    Betrachtet man aktuelle Analyse zu dem Thema, wie die Ausführungen von Schneider oder Konietzka & Kreyenfeld, so stellen sie die Entwicklung ebenfalls in den Kontext des sozialen Wandels.

    Und richtig ist, dass seit Ende der sechziger Jahre eine gravierende Veränderung der sozialen Beziehungen zu erkennen ist. Die traditionelle Familie und ihre Funktionen, Rollenmuster und Werte verlieren an Bedeutung. In der Folge ergeben sich pluralisierte Formen des Zusammenlebens. Die Gründe liegen u.a. in der Emanzipation der Frauen, aber auch in der Steigerung des Bildungsniveaus. Nicht zuletzt sind es die Anforderungen der Wirtschaft, die "Angestellte" motivieren, mobil zu sein. (vgl. in diesem Sinne auch Peuckert)

    Dieses Veränderungen in den partnerschaftlichen Beziehungen können teilweise in den früheren sozialistischen Ländern deutlich ausgeprägter erkannt werden, die durch den politischen Einfluss der 68er wenig beeinflußt worden sind (vgl. z.B. Schneider dazu). Was obige These von "Opteryx" noch dubioser erscheinen läßt.

    Wenn überhaupt, dann hatten die 68er eine beschleunigende Funktion - im Rahmen ihrer medialen Inszenierung - auf die sozialen Strukturen in der BRD parallel zum bedeutsameren ohnehin stattfindenden sozialen Wandels bzw. Modernisierungsprozesses.


    Claessens, Dieter; Klönne, Arno; Tschoepe, Armin (1974): Sozialkunde der Bundesrepublik Deutschland. Düsseldorf, Köln: Diederichs.
    Konietzka, Dirk; Kreyenfeld, Michael (2013): Familie und Lebensformen. In: Steffen Mau und Nadine M. Schöneck (Hg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Wiesbaden: Springer, S. 257–271.
    Peuckert, Rüdiger (2019): Familienformen im sozialen Wandel. Springer VS
    Schneider, Norbert F. (2012): Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform. In: Stefan Hradil und Adalbert Hepp (Hg.): Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, S. 95–121.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. September 2019
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Um thanepower noch zu ergänzen:

    Es kommen viele Dinge zusammen. Vor 1968 gab es die Pille so gut wie nicht (Erstzulassung in den USA 1960, in Dtld. ab 1968 an verheiratete Frauen, erst danach an Unverheiratete). Es gab "den Kuppelparagraphen" (eigentlich die §§ 180 u. 181 StGB), "der" erst 1970 abgeschafft wurde. Demnach machte sich strafbar, wer zuließ, dass unverheiratete Pärchen im Studentenzimmer (oder sonstwo) die Zeit nutzen konnten für Sex. Sprich: Du hast als Student/in in deiner Bude gehockt und wenn du Begleitung des anderen Geschlechts hattest, dann machte dein Vermieter sich strafbar, wenn er nicht aufpasste (männliche Homosexualität stand ja eh und noch länger unter Strafe, Frauen sah man als sexuell passiv an, so dass weibliche Homosexualität gesetzlich nicht reglementiert wurde), dass du keine "Unzucht" triebst: Sprich: Wer vor 1970 Sex haben wollte, sollte tunlichst sehr genau wissen, wie man verhütet und wann die Luft rein ist - oder aber heiraten. Das änderte sich dann mit dem Fall "des Kuppelparagraphen" und der Einführung der Anti-Baby-Pille; die Verhütung wurde sicherer und die Sexualität privater (im Gegensatz zu dem, was die Kommune 1 aus Gründen der Provokation inszenierte). Das sind zeitliche Koinzidenzen, die sich natürlich gesellschaftlich spiegeln. Und da "die 68er" nun mal Teil der Gesellschaft waren, spiegeln sich die Koinzidenzen gerade dort, gerade bei den Studenten (aus deren Reihen sich "die 68er" nun mal vorwiegend rekrutierten), denn wer in die Ausbildung ging, lebte meist eh noch bei den Eltern (also der sozialen Kontrolle schlechthin) und heiratete in der Regel früher (da ja auch das Geld da war).
     
    thanepower gefällt das.
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann möchte ich noch 1949 ansprechen.

    Mit dem so verabschiedeten Grundgesetz wurden Entwicklungen auf die Schiene gesetzt, bei deren holpriger Umsetzung das Verfassungsgericht erheblich Druck machte, was die familienrechtlichen Reformen im BGB und die Umgestaltung des Rechts von 1900 nur zu einer Frage der Zeit machte.

    Die massive Gewichteverschiebung zu Gunsten der Frauen, letztlich - juristisch - zur Gleichberechtigung, wird oben ebenfalls übersehen. Dass sich damit Familienstrukturen veränderten, liegt wohl auf der Hand. Die rechtshistorische Entwicklung ging 68er-Veränderungen voraus. Kann man im Einzelnen nachlesen.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 1:
    Wenn ich jemand belehre, dann sollte man sich vorher mit dem auseinandergesetzt haben, was der zu dem Thema bereits geschrieben hat. Und deswegen noch einmal eine Zusammenfassung.

    Eine seriöse Bewertung der Ereignisse der „langen 60er“ bzw. „70er Jahre“ ist nicht durch oberflächliche politisch aufgeladene Vorurteile zu leisten. Die Prozesse, die in den langen 70er Jahren abliefen, lassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Zunächst waren es transnationale Ereignisse, die die politische Kultur in West und Ost in einer „heißen“ Phase des Kalten Krieges divergierend beeinflußten. Zumal die Ereignisse in einer Phase abliefen, die durch die Diskussion der „Konvergenz“ der politischen Systeme gekennzeichnet war und eines – vermuteten - Verlustes an politischer Legitimität der kapitalistischen Demokratien.

    Die globale Revolte war gleichzeitig ein im Mannheim`schen Sinne „Generationenkonflikt“, der spezifisch im Rahmen der Jugendsoziologie thematisiert wurde. Gleichzeitig betraf dieser Protest die Sozialstruktur der Gesellschaft und hinterfragte die Bedeutung von Werten im familiären Umfeld. Davon betroffen waren direkt die Rollenmuster von Jung und Alt und die Gleichstellung von Mann und Frau. Und bedeuteten einen Modernisierungsschub im Zuge des Sozialen Wandels. Dieses auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung einer post-industriellen Gesellschaft.

    Der transnationale Protest organisierte sich im Rahmen eines neuartigen Beziehungsgefüges zwischen sozialer Bewegung, kritischen Intellektuellen, liberalen Massenmedien und dem eigentlichen System der Politik (vgl. z.B. Klimke). Im Ergebnis wurde ein neues Modell von „westlicher Demokratie“ definiert, das das „Repräsentationsprinzip“ durch die partizipative Teilhabe ergänzte (vgl. dazu z.B. die Diagnose von Dahrendorf)

    Das pauschale und generalisierte Urteil der Literatur zu den Ereignissen in den langen siebziger Jahren ist, dass die 68 nicht die Ursache dieser Prozesse waren, sondern eher ein Symptom. Dennoch war diese transnationale Revolte ein Katalysator, der die- sozialistischen - politischen Ziele und die Geschwindigkeit des Prozesses beeinflusst hatte.

    Betrachtet man zunächst primär die Bundesrepublik Deutschland (BRD) dann kann man “ 68“ als eine Zäsur begreifen, in deren Folge in den – langen - siebziger Jahren sich die Wirkungen verstetigten und die BRD als demokratischen Sozialstaat nachhaltig geprägt haben.

    Die Beschreibung der pre-68-Bundesrepublik konzentriert sich auf die fortschrittliche Industrienation mit einer zurückgebliebenen politischen Kultur (vgl. Allmond & Verba, S. 126ff, ebenso Dahrendorf, bes. S. 325ff)

    In diesem Sinne betont Schelsky (1960, S. 356ff) noch, dass die Reaktion auf die Modernisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft durch die fortschreitende Industrialisierung u.a. auch in der Betonung von „Tradition und Autorität“ liegt. Dieses auch im Kontext seiner Ergebnisse zu der skeptischen Nachkriegsgeneration, die sich stark auf die Familie und den Wohlstand konzentrierte und gleichzeitig eine gewisse unpolitische Haltung in der Adenauer-Ära aufwies (Schelsky, 1957)

    Die in komparativer Sicht (vgl. Almond & Verba) geringere politische Partizipation in der Bundesrepublik findet ihre Entsprechung in einem rückwärtsgerichteten politischen Weltbild vor 1968. So sagten 1951 45 % dass es ihnen im Kaiserreich und 40 % während der NS-Periode von 1933 bis 1938 am besten gegangen sei. Die Periode nach 1945 wird nur von 2 % geschätzt (vgl. Greiffenhagen & Greiffenhagen, S. 331 ff). Ähnlich problematisch sieht es bei der Frage nach Verantwortung im NS-System aus. Und noch 1971 sind ca. 50 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass der Nationalsozialismus „im Grunde eine gute Idee“ war. (ebd. S. 333). In diesem Sinne resümiert Reichel die politische Kultur der pre 1968 Bundesrepublik: „Die politische Kultur dieser Jahre war weder charakterisiert durch scharfe ideologische Gegensätze, Radikalismus oder gewalttätige antidemokratische Bewegungen – noch durch eine wertbewußte, auf Emanzipation und Selbstbestimmung gerichtete, also inhaltlich und nicht nur formal verstandene Demokratie (S. 148).

    Es war eine Phase der Entideologisierung des öffentlichen Lebens und der Politik. Den langsamen Ausklang der Adenauer-Ära kann man u.a. an der stetigen Zunahme der Stimmen für die SPD erkennen und der damit zusammenhängenden Bejahung des Modells des korporatistischen Wohlfahrtsstaats (vgl. Ballerstedt & Glatzer, S. 456).

    In dieser Phase einer zunehmenden Kritik an der Bundesrepublik in den frühen sechziger Jahren durch führende Intellektuelle, wie Böll, Duve, Grass, Hochhut, Walser oder der Gruppe 47 wird von liberaler und undogmatischer neo-marxistischer Sicht eine deutliche Kritik an den verkrusteten politischen und gesellschaftlichen Strukturen formuliert (vgl. Jarausch, S. 143ff)

    Der Kritik ist gemeinsam, dass sie das Prinzip der Öffentlichkeit und der aktiven, emanzipatorischen Partizipation in die politische und soziale Öffentlichkeit integriert sehen möchten und so einen Modernisierungsschub intendieren, über den ein höheres Maß an politischer und sozialer Partizipation erzielt wird. „In other words, West Germany needed to break with its remaining authoritarian structures in the pre-political realm.“ (Jarausch, S. 144)

    Literatur zu Pre-1968:
    Almond, Gabriel A.; Verba, Sidney (1965): The civic culture. Political attitudes and democracy in five nations. Boston: Little Brown.
    Ballerstedt, Eike; Glatzer, Wolfgang (1977): Soziologischer Almanach. Unter Mitarbeit von u.Miwirkung von Karl-Ulrich Mayer und Wolfgang Zapf. 1. Aufl. Frankfurt/Main: Herder & Herder (SPES-Project, 5).
    Dahrendorf, Ralf (1965): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Stuttgart, Hamburg: Deuscher Bücherbund.
    Greiffenhagen, Martin; Greiffenhagen, Sylvia (1981): Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur Deutschlands. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag
    Habermas, Jürgen (1973.): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt (am Main): Suhrkamp
    Klimke, Martin (2010): The other alliance. Student protest in West Germany and the United States in the global sixties. Princeton, N.J., Woodstock: Princeton University Press
    Jarausch, Konrad Hugo (2010): After Hitler. Recivilizing Germans, 1945-1995. Oxford: Oxford Univ. Press.
    Offe, Claus (1972): Strukturprobleme des kapitalistischen Staates. Aufsätze zur Politischen Soziologie. Frankfurt/Main, New York: Suhrkamp.
    Reichel, Peter (1981): Politische Kultur der Bundesrepublik. Opladen: Leske und Budrich
    Schelsky, Helmut (1957): Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend. 1. Aufl. Düsseldorf-Köln: Eugen Diederichs Verlag.
    Schelsky, Helmut (1960): Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme. 4., unveränd. Aufl.
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 2:
    Vor diesem Hintergrund einer bundesrepublikanischen Gesellschaft, mit Tendenz zur Entwicklung in Richtung einer post-industriellen Gesellschaft, waren es die Studenten, die einerseits grundsätzlich durch die Ablehnung der „Notstandsgesetzgebung“ in Widerspruch zu den etablierten Parteien geraten waren und andererseits durch konkrete Auslöser – Benno Ohnesorg-Ermordung, Dutschke-Attentat, Schahbesuch, Ereignisse an der FU-Berlin etc. (vgl. z.B. Hager) aktiviert und mobilisiert worden sind. Und diese Impulse aufgriffen und im Rahmen von marxistischen, neo-marxistischen und freudianischen Konzepten eine radikale Gesellschafts- und Kapitalismuskritik formulierten (vgl. z.B. Bergmann, Dutschke, Lefevre, Rabehl und Mosler )

    Dieser Protest aus dem Umfeld der Universitäten ist retrospektiv erklärbar, aber war vor dem Kenntnisstand der empirischen Studie „Student und Politik“ , die zwischen 1957 und 1960 vor allem von v. Friedeburg und Weltz durchgeführt worden ist, dennoch erstaunlich. Im Kern kam sie zu dem brisanten Ergebnis, dass die untersuchten Studenten eher ein autoritäres Weltbild aufwiesen, das in Krisen eher antidemokratische Tendenzen unterstützen würde. In einer Folgestudie, die v. Friedeburg 1963/64 an der FU Berlin durchgeführt hatte, kam er zu einem anderen Ergebnis und diagnostizierte, dass das demokratische Potential mit 26 Prozent deutlich höher sei als das autoritäre mit 12 Prozent. Und im Kern die gesellschaftliche Wandlung beschreibt, die im Vorlauf zu 68 bereits stattgefunden hatte.

    Die Mobilisierung der Studenten in 1968 deutet Kaase als Resultat struktureller und situativer Faktoren und zeigt anhand der Daten, eine deutlich höhere aktive Bereitschaft zur politischen Partizipation wie die restliche Bevölkerung (S, 166ff). Gleichzeitig betont Kaase, dass die Mobilisierung der Studenten ein zunächst isoliertes Phänomen im Jahr 1968 war, da ähnliche Ergebnisse für die selben nicht-studentischen Kohorten nicht erkennbar waren.


    Literatur: Politik und Wirkung von SDS, Apo und 68er:
    Baier, Horst (Hg.) (1968): Studenten in Opposition. Beiträge zur Soziologie der deutschen Hochschule. Bielefeld: Bertelsmann Universitätsverlag.
    Bergmann, Uwe; Dutschke, Rudi (1968): Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition. Eine Analyse. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt
    Friedeburg, Ludwig von (1968): Freie Universität und politisches Potential der Studentun. Über die Entwicklung des Berliner Modells und den Anfang der Studentenbewegung in Deutschland. Neuwied: Luchterhand
    Habermas, Jürgen (1968): Die Scheinrevolution und ihre Kinder. Sechs Thesen über Taktik, Ziele und Situationsanalyse der oppositionellen Jugend. In: Horst Baier (Hg.): Studenten in Opposition. Beiträge zur Soziologie der deutschen Hochschule. Bielefeld: Bertelsmann Universitätsverlag, S. 151–160.
    Habermas, Jürgen (1969): Protestbewegung und Hochschulreform. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 354).
    Habermas, Jürgen; Friedeburg, Ludwig; Oehler, Christoph; Weltz, Friedrich (Hg.) (1967): Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten. 2. Aufl. Neuwied, Berlin: Luchterhand
    Hager, Jens; Häußermann, Hartmut (1967): Die Rebellen von Berlin. Studentenpolitik an der Freien Universität. 2. Aufl. Köln Berlin: Kiepenheuer u. Witsch.
    Kaase, Max (1971): Die politische Mobilisierung von Studenten in der BRD. In: Klaus R. Allerbeck und Leopold Rosenmayr (Hg.): Aufstand der Jugend? Neue Aspekte d. Jugendsoziologie. München: Juventa-Verlag, S. 155–178.
    Mosler, Peter (1977): Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte -zehn Jahre danach. 1. Aufl. Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt

    Aus den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen und im speziellen aus dem politischen Diskurs und der Praxis der nach 1969 zerfallenden Studentenrevolte, differenzierten sich eine Reihe von Öffentlichkeiten, Netzwerken und Milieus als Zerfallsprodukte heraus, und verfolgten deutlich differenzierte Ziele und Agenden. Die radikalste, utopische und terroristische Variante war dabei die „Rote Armee Fraktion“.

    Der vordergründig nicht erfolgreiche transnationale Versuch einer radikalen Umgestaltung westlicher Gesellschaften folgte die verstärkte Abgrenzung in subkulturellen Milieus (vgl. beispielhaft Hollstein 1969, Roszak oder Schwendter).

    Die Entwicklung von subkulturellen Milieus verstetigte sich in manchen Regionen der Bundesrepublik und wurde in West-Berlin am konsequentesten in Richtung einer alternativen Gesellschaft vorangetrieben (vgl. Hollstein 1981 und Hollstein & Penth). Im Ergebnis konstituierte sich eine netzwerkartig aufgebaute alternative Ökonomie, die als „Selbsthilfebewegung“ eine gewisse Autarkie (Runge & Vilmar)

    Für die Bundesrepublik insgesamt war die Entwicklung der Bürgerinitiativbewegung relevant, die sich mit einer unterschiedlichen Ausrichtung gegen das richtete, was Habermas mit der „Kolonisation der Lebenswelten“ bezeichnet hatte (vgl. Mayer-Tasch). Alternative Erklärungsmuster der Entwicklung der Neuen sozialen Bewegungen diskutiert Brand in Anlehnung an Thesen von Inglehart zum Wertewandel, auf die noch separat einzugehen wäre (vgl. Brand, S. 63-69)

    In diesem Kontext ist auch die Entwicklung der neuen Frauenbewegung als Teil der Bürgerrechts- und Protestbewegung zu nennen (vgl. u.a. Gerhard). Teils auch in deutlicher Abgrenzung zur Männergesellschaft des SDS, deren Ignoranz mit Wagenladungen von Tomaten zu „hinterfragen“ wäre, so Meinhof in „konkret“. Und mündete 1977 u.a. in die Gründung von „Emma“ durch A. Schwarzer ein und wird zum zentralen Medium, das neue Selbstverständnis und Selbstbewußtsein der Frauen zu artikulieren und zu reflektieren

    Im politischen Bereich erfolgte primär zum einen der „Marsch durch die Institutionen“, der die Gesellschaft und die Politik in den siebziger Jahren anfing zu beeinflussen und auch eine De-Radikalisierung mit sich brachte (vgl. z.B. Kittel). Anderseits sahen sich „Spontis“ (vgl. Schütte) und die Kader der K-Parteien als die legitimen Erben der APO an.

    In diesem Kontext ist vor allem die Hinwendung der Diskussion über die „politische Ökologie“ (vgl. z.B. U. Skirke als damaliger Juso-Vorsitzender) relevant, die sich während des Protestes als Teil der „Neuen sozialen Bewegungen“ – NSB - im Rahmen des Widerstands gegen die Atomkraftwerke artikulierte (vgl. Roth). Und einen integrierender Fokus bildete – trotz zahlreicher Abgrenzungsversuche – das neue politische ökologische Bewußtsein organisatorisch auf der Ebene einer Partei zu bündeln (vgl. dazu Klotzsch & Stöss)

    Literatur: Spontis, BI-Bewegung und Neue soziale Bewegungen:
    Brand, Karl-Werner (1982): Neue soziale Bewegungen. Entstehung Funktion und Perspektive neuer Protestpotentiale ; eine Zwischenbilanz. Opladen: Westdeutscher Verlag
    Gerhard, Ute (2018): Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. München: C.H. Beck
    Härlin, Benedikt (1979): Ein Jahr Netzwerk Selbsthilfe. Dokumentation der Gründung und Entwicklung eines Fonds für politische und alternative Projekte mit Beiträgen aller Beteiligten. Ein dokumetarisches Szenarium. Berlin: Rotation.
    Hollstein, Walter (1969): Der Untergrund. Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen. Neuwied, Berlin: Luchterhand
    Hollstein, Walter (1981): Die Gegengesellschaft. Alternative Lebensformen. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
    Hollstein, Walter; Penth, Boris (1980): Alternativ-Projekte. Beispiele gegen die Resignation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
    Huber, Joseph (1980): Wer soll das alles ändern. Die Alternativen der Alternativbewegung. 1. Aufl. Berlin: Rotbuch-Verlag
    Huber, Joseph (1987): Die neuen Helfer. Das "Berliner Modell" und die Zukunft der Selbsthilfebewegung. 1. Aufl. München: Piper
    Kittel, Manfred (2011): Marsch durch die Institutionen? Politik und Kultur in Frankfurt nach 1968. Berlin, Boston: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
    Klotzsch, Lilian, Stöss, Richard (1986): Die Grünen. EAP-KSP. In: Richard Stöss (Hg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1980, Bd. 3. 4 Bände. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 1509–1598.
    Mayer-Tasch, Peter Cornelius (1976): Die Bürgerinitiativbewegung. Der aktive Bürger als rechts- und politikwissenschaftliches Problem. Hamburg: Rowohlt
    Roth, Roland (1985): Neue soziale Bewegungen in der politischen Kultur der Bundesrepublik - eine vorläufige Skizze. In: Karl-Werner Brand (Hg.): Neue soziale Bewegungen in Westeuropa und den USA. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 20–82.
    Runge, Brigitte; Vilmar, Fritz (1986): Auf dem Weg zur Selbsthilfegesellschaft? 40.000 Selbsthilfegruppen : Gesamtüberblick politische Theorie und Handlungsvorschläge. Mit einem Vorwort von Horst Eberhard Richter. Essen: Klartext.
    Schütte, Johannes (1980): Revolte und Verweigerung. Zur Politik und Sozialpsychologie der Spontibewegung. Giessen: Focus-Verlag
    Schwendter, Rolf (1973; 1981): Theorie der Subkultur. Neuausgabe mit einem Nachwort, sieben Jahre später. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Syndikat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2020

Diese Seite empfehlen