dekumatland
Aktives Mitglied
1907 bis 1914, die sieben Jahre des Zauberbergs, 1907 also heißt es:
(Borkum von der Fähre aus, Ende August 2018 bei zeitweiligem Sauwetter)
das ist aus "Die Nordsee-Insel Borkum - ein Handbuch für Reisende und Badegäste von Herrmann Meier, Klassenlehrer in Emden, Leipzig 1863" und es liest sich gerade der medizinische Abschnitt von Dr. Janssen (Emden) ganz besonders köstlich:
dieses Opus von 1863, als Borkum als Seebad noch ein Zwerg neben dem längst schon mondänen Norderney war, ist einerseits ein Zeugnis für die Entwicklung von Borkum (immerhin sind in Müllers Buch sämtliche Fahrpläne der Schiffs/Fährverbindungen enthalten), ist Werbung für das sich entwickelnde Seebad - und es zeigt deutlich, dass Wilhelm Busch durchaus realistisch auf die Mentalität seiner spießbürgerlichen Zeitgenossen geblickt hatte und sie brillant vorführen konnte:
So kam Lenchen auf das Land.
Wilhelm Busch "die fromme Helene" Vorrede, 1872 - muss ich aus dem Borkumbuch mit Medizinabteilung die Passagen markieren, die wie ein Vorbild für Buschs geniale Vorrede wirken?
...was hat das mit Borkum, Festung, Vorabend zum Ersten Weltkrieg, den sieben Zauberbergjahren zu tun? Wir finden da geradezu typisch die Mentalität der "Gründerzeit", auch mit ihren offensichtlichen wie verdeckten, verborgenen Schattenseiten. Und aus dieser Mentalität, die sich schon vor der Reichsgründung 1871 deutlich manifestiert hatte, entstammt die geschäftlich-wirtschaftlich-gesellschaftliche Dimension des Baubooms und Aufschwungs Ende des 19. Jhs. mit ihrem "Heuschreckenkapitalismus" und ungebremstem Fortschrittsoptimismus, ihrer Aufrüstung und Kolonialbestrebungen, wir haben vereinfacht gesagt die Keimzelle solcher "Vorbilder" wie dem Geschäftsmann/Unternehmer Diederich Heßling (Heinrich Mann, der Untertan), dem schneidigen preußischen Offizier zahlreicher Karikaturen, dem Militär Joachim Ziemßen (Thomas Mann, Zauberberg) - und damit eben auch die Mentalität, die sozial-gesellschaftliche Herkunft der Geschäftsleute und Lokalpolitiker, die Norderney zum mondänen Seebad ausbauten (und dieses auch ausbeuteten) und von deren Kollegen, die ab 1890 Borkum in die Sphäre von Norderney hieven wollten, und das um jeden Preis: wie ein paar Beiträge zuvor beschrieben, molk man auf Borkum das sozusagen "antisemitische Geschäftsmodell" (Bäderantisemitismus) sehr explizit und damals wohl auch werbewirksam siehe B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum und es gelang dann auch mit dem Bau der spektakulären Wandelhalle 1911 Borkum an die Spitze der Nordseebäder zu bringen: mit diesem Jugendstil-Prachtbau in Hightech-Stahlbeton übertrumpfte man das klassizistische Theater von Norderney und machte Borkums Seepromenade zum mondänen Nordseezentrum.
...ja, Aufenthalte und Umständlichkeiten gab es auch, wenn man beispielsweise von Kassel nach Emden reiste und von dort per Fährverkehr zum Nordseebad Borkum. Freilich würde man dann nicht wie Hans Castorp emporgehoben in schwindelerregende Bergeshöhen, sondern käme zu einem flachen platten Düneneiland, in eine Gegend, wo selbst die Regenbögen flach und platt, ganz ohne charakteristische Wölbung und Rundung eine topfebene landschaftliche Langeweile präsentieren:Ein einfacher junger Mensch reiste ist Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen. Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise (...) Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in direkten Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und Umständlichkeiten.
(Borkum von der Fähre aus, Ende August 2018 bei zeitweiligem Sauwetter)
1907 also, als Hans Castorp sommers in die Schweizer Alpen fuhr, hätte er eigentlich stattdessen auch Borkum als Reiseziel wählen können: das Klima der Insel wurde schon seit Mitte des 19. Jhs. als extrem gesund beworben:Das also ist sie, die von Großbritannien mit Misstrauen beäugte sagenumwobene Festungsinsel, Gegenstand von sensationsheischendem Presserummel seit 1890, Objekt dilettantisch vergurkter britischer Spionage 1910, kurzum wegen diesem Sandflachländchen gab es eine regelrechte emgliche "Borkum-Paranoia! - mon dieu, das sieht doch vom Wasser her betrachtet ganz und gar nicht bedrohlich aus! Und als man 1914 eine Umrundungsfahrt veranstaltete, stellte man erfreut fest, dass es vom Wasser aus nicht bedrohlich aussah, dass man keine militärischen Anlagen erblicken/ausspähen konnte, ja und sicherheitshalber ließ man zwei von der See her sichtbare beliebte Gasthäuser sprengen/abtragen, weil diese feindlichen Schiffen eine Orientierung hätten bieten können (das gilt zwar auch für die Leuchttürme, aber die benötigte man und plante lediglich, sie eventuell umzulegen (man strich den großen weiß an, damit er nicht von weitem rot-weiß erkennbar war) und die Hotelfront zur Seeseite, tja, militärisch ein Graus, aber die rührte man nicht an: dass sie da war und wo genau, wusste ohnehin jeder)
das ist aus "Die Nordsee-Insel Borkum - ein Handbuch für Reisende und Badegäste von Herrmann Meier, Klassenlehrer in Emden, Leipzig 1863" und es liest sich gerade der medizinische Abschnitt von Dr. Janssen (Emden) ganz besonders köstlich:
dieses Opus von 1863, als Borkum als Seebad noch ein Zwerg neben dem längst schon mondänen Norderney war, ist einerseits ein Zeugnis für die Entwicklung von Borkum (immerhin sind in Müllers Buch sämtliche Fahrpläne der Schiffs/Fährverbindungen enthalten), ist Werbung für das sich entwickelnde Seebad - und es zeigt deutlich, dass Wilhelm Busch durchaus realistisch auf die Mentalität seiner spießbürgerlichen Zeitgenossen geblickt hatte und sie brillant vorführen konnte:
| Wie der Wind in Trauerweiden Tönt des frommen Sängers Lied, Wenn er auf die Lasterfreuden In den großen Städten sieht. Ach, die sittenlose Presse! Tut sie nicht in früher Stund All die sündlichen Exzesse Schon den Bürgersleuten kund?! – Offenbach ist im Thalia; Hier sind Bälle, da Konzerts. Annchen, Hannchen und Maria Hüpft vor Freuden schon das Herz. – Kaum trank man die letzte Tasse, Putzt man schon den irdschen Leib. Auf dem Walle, auf der Gasse Wimmelt man zum Zeitvertreib. – Wie sie schauen, wie sie grüßen! Hier die zierlichen Mosjös, Dort die Damen mit den süßen Himmlisch hohen Prachtpopös. – Und der Jud mit krummer Ferse, Krummer Nas und krummer Hos Schlängelt sich zur hohen Börse, Tiefverderbt und seelenlos. – Schweigen will ich von Lokalen, Wo der Böse nächtlich praßt, Wo im Kreis der Liberalen Man den Heilgen Vater haßt. – Schweigen will ich von Konzerten, Wo der Kenner hoch entzückt Mit dem seelenvoll-verklärten Opernglase um sich blickt; Wo mit weichem Wogebusen Man schön warm beisammen sitzt, Wo der hehre Chor der Musen, Wo Apollo selber schwitzt. – Schweigen will ich vom Theater; Wie von da, des Abends spät, Schöne Mutter, alter Vater Arm in Arm nach Hause geht. Zwar man zeuget viele Kinder, Doch man denket nichts dabei. Und die Kinder werden Sünder, Wenn's den Eltern einerlei. »Komm Helenchen!« – sprach der brave Vormund – »Komm, mein liebes Kind! Komm aufs Land, wo sanfte Schafe Und die frommen Lämmer sind. Da ist Onkel, da ist Tante, Da ist Tugend und Verstand, Da sind deine Anverwandte!« |
So kam Lenchen auf das Land.
Wilhelm Busch "die fromme Helene" Vorrede, 1872 - muss ich aus dem Borkumbuch mit Medizinabteilung die Passagen markieren, die wie ein Vorbild für Buschs geniale Vorrede wirken?
...was hat das mit Borkum, Festung, Vorabend zum Ersten Weltkrieg, den sieben Zauberbergjahren zu tun? Wir finden da geradezu typisch die Mentalität der "Gründerzeit", auch mit ihren offensichtlichen wie verdeckten, verborgenen Schattenseiten. Und aus dieser Mentalität, die sich schon vor der Reichsgründung 1871 deutlich manifestiert hatte, entstammt die geschäftlich-wirtschaftlich-gesellschaftliche Dimension des Baubooms und Aufschwungs Ende des 19. Jhs. mit ihrem "Heuschreckenkapitalismus" und ungebremstem Fortschrittsoptimismus, ihrer Aufrüstung und Kolonialbestrebungen, wir haben vereinfacht gesagt die Keimzelle solcher "Vorbilder" wie dem Geschäftsmann/Unternehmer Diederich Heßling (Heinrich Mann, der Untertan), dem schneidigen preußischen Offizier zahlreicher Karikaturen, dem Militär Joachim Ziemßen (Thomas Mann, Zauberberg) - und damit eben auch die Mentalität, die sozial-gesellschaftliche Herkunft der Geschäftsleute und Lokalpolitiker, die Norderney zum mondänen Seebad ausbauten (und dieses auch ausbeuteten) und von deren Kollegen, die ab 1890 Borkum in die Sphäre von Norderney hieven wollten, und das um jeden Preis: wie ein paar Beiträge zuvor beschrieben, molk man auf Borkum das sozusagen "antisemitische Geschäftsmodell" (Bäderantisemitismus) sehr explizit und damals wohl auch werbewirksam siehe B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum und es gelang dann auch mit dem Bau der spektakulären Wandelhalle 1911 Borkum an die Spitze der Nordseebäder zu bringen: mit diesem Jugendstil-Prachtbau in Hightech-Stahlbeton übertrumpfte man das klassizistische Theater von Norderney und machte Borkums Seepromenade zum mondänen Nordseezentrum.