Begriff "Reichskristallnacht"

Aber was soll der Zusatz "Reichs-"? Es war doch der Überdruss an den nationalsozialistischen Begriffen, der sich sarkastisch mit den Worten wie z.B.
"Reichswasserleiche" für die Schauspielerin Kristina Söderbaum in ihren ideologisch aufgeladenen Filmen Luft verschaffte.
Warum liest du das eine "Reichs-" sarkastisch, das andere aber nicht?

Der Partikel sagt natürlich etwas aus: Das waren reichsweite Übergriffe, keine lokalen oder regionalen. Der Aspekt kommt in "Novemberpogrom" oä Begriffen nicht zum Ausdruck.
 
Das ist eine wichtige Aussage. Sie ist deswegen wichtig, weil sie zu einem Zeitpunkt gemacht wurde, als das falsche Wort "Kristallnacht" noch nicht im allegemeinen Sprachgebraucht war. Aber die Betroffenen fanden in den Nachkriegsjahren in Deutschland kein Gehör, weil sie erstens zu wenige waren, und weil zweitens die ehemaligen Nazis bald das Leben Deutschland (bis in die 1960 Jahre!) bestimmten: Sie hatten ein Interesse daran, die Verbrechen der Nazis zu verharmlosen.
Reichskristallnacht ist nicht verharmlosend. Es gibt dem Grauen ein Bild.
Es macht den Schrecken für die Menschen deutlicher als das wissenschaftliche Wort Pogrom, mit dem vor allem studierte Historiker etwas anfangen können.
Fragt doch mal rum, welcher Mensch weiß, was ein Pogrom ist.
 
Reichskristallnacht ist nicht verharmlosend. Es gibt dem Grauen ein Bild.
Kann Deine Sichtweise nicht nachvollziehen.

Bestenfalls ist der Begriff eine sarkastische Verarbeitung der Nazi-Rhetorik, aber wie transportiert er denn ein Grauen? "Reichskristallnacht" klingt nach Sachbeschädigung, nicht nach Menschenhatz und brennenden Synagogen.
Es macht den Schrecken für die Menschen deutlicher als das wissenschaftliche Wort Pogrom, mit dem vor allem studierte Historiker etwas anfangen können.
Fragt doch mal rum, welcher Mensch weiß, was ein Pogrom ist.
Der Begriff "Pogrom" ist standardsprachlich präsent, auch in Abwandlungen wie "Pogromstimmung". Man muss kein studierter Historiker sein, um ihn zu kennen.
Am Begriff "Pogrom" (in welcher Zusammensetzung auch immer) finde ich problematisch, dass Pogrome (nicht immer, aber mitunter) tatsächlich spontane Volksbewegungen sind, die ohne Zutun der Obrigkeit entstehen.
Im Zusammenhang mit den Massenmorden Arajs' und anderer Kollaborateure ist freilich oft von "Pogromen" die Rede, obgleich es sich nicht um spontane Gewaltausbrüche handelte, die überdies vom SD ermutigt und ermöglicht wurden.
 
Reichskristallnacht ist nicht verharmlosend. Es gibt dem Grauen ein Bild.
Es macht den Schrecken für die Menschen deutlicher als das wissenschaftliche Wort Pogrom, mit dem vor allem studierte Historiker etwas anfangen können.
Fragt doch mal rum, welcher Mensch weiß, was ein Pogrom ist.

Das sind aber zwei völlig verschiedene Fragen, welcher Begriff treffender ist und welcher am verständlichsten.

Ich glaube auch das Progrom präziser ist. Dafür ist aber Reichskristallnacht sicher nicht am verständlichsten. Frag doch mal rum, welcher Mensch weiß, was die Reichskristallnacht war. Am verständlichsten wäre wohl Leichte Sprache. Da würde ich in Richtung "Gewalt gegen Juden" gehen. Vielleicht so:

Der 9. November im Jahr 1938
war eine besondere Nacht.
Es gab viel Gewalt gegen Juden.
Viele Deutsche haben das getan.
 
Ich finde gerade und besonders den Begriff "Reichspogromnacht 1938" verharmlosend.
"Der Pogrom von 1938" wäre neutraler.

Aber was soll der Zusatz "Reichs-"? Es war doch der Überdruss an den nationalsozialistischen Begriffen, der sich sarkastisch mit den Worten wie z.B. "Reichswasserleiche" für die Schauspielerin Kristina Söderbaum in ihren ideologisch aufgeladenen Filmen Luft verschaffte.

Jeder wusste um die Gewalttaten vom November 1938 und um die Täter.

Genaugenommen waren es Reichspogrom-Nächte, in Kurhessen ging das schon in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1938 los und setzte sich dann bis zum 9. November 1938 fort. Es war Nordhessen eine NS-Hochburg, und aus einer Mischung von Übereifer und Opportunismus wurde das enorm getriggert und sehr barbarisch. Es lebten viele Juden in Nord- und Mittelhessen, mehr als im Reichsdurchschnitt.

Aber Reichspogromnacht finde ich insgesamt schon sehr zutreffend.
Denn ein Pogrom war es, ein Rückgriff aus ferner, barbarischer Vergangenheit, eine Orgie der Gewalt, eine Orgie der Niedertracht.
Es war die Einladung, die Sau mal ganz viehisch raus zu lassen. Es war eine Tat von Parteileuten, lange geplant, ein Probelauf, um auch mal zu sehen wie die Deutschen darauf reagieren. Stellenweise haben die Nachbarn sich beteiligt, haben furchtbar geklaut und geplündert. Danach konnte sich auch keiner mehr, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hatte, Illusionen über den Charakter dieses Regimes machen, auch, dass die Nacht über Deutschland hereingebrochen war, das es zappenduster wurde, vor allem für die Juden.

Ich finde, Reichspogromnacht schon okay, ein kurzer, prägnanter Begriff, der die Sache beim Namen nennt, nicht verschleiert und auch nicht verharmlost, und der daher auch im Sprachgebrach akzeptiert wurde.

So genau weiß man gar nicht mehr, woher der Begriff Reichskristallnacht herkam, er war plötzlich da, und er wurde schnell aufgegriffen und übernommen. Nun kann man natürlich sagen, dass es ein zynischer Euphemis war, was ja auch stimmt, denn es blieb ja nicht bei zertrümmertem Glas und es wurden nicht nur Scheiben, sondern auch der ein oder andere Schädel eingeschlagen.
Andererseits hat die Menschheit nun einmal die Angewohnheit, Massaker mit Euphemismen zu umschreiben: Wer denkt dabei nicht an die Vesper von Ephesus, einen der ersten Massenmorde in der Geschichte, bei dem während des 1. Mithridatischen Krieges 88 v. Chr. mehre Zehntausend Römer ums Leben kamen. In Anlehnung daran sprach man von der Sizilianischen Vesper. Am Ostermontag 1282 erhoben sich die Sizilianer gegen die französische Besatzung unter Karl von Anjou und massakrierten Franzosen. Die Bürger von Brügge fielen im Morgengrauen des 18. Mai 1302 über die französische Besatzung und die "Leliaarts" her, die Lilienmänner, die auf Seite der Franzosen standen. Das Ereignis ging als die "Brügger Frühmette" in die Geschichte ein.

Weitaus bekannter noch ist die Bartholomäusnacht 1572 auch "Pariser Bluthochzeit" genannt als man über die Hugenotten herfiel.
Die Institution, die fast 20.000 Franzosen ums Leben und auf die Guillotine brachte, nannte sich "Wohlfahrtsausschuss"

In Anlehnung an die Bartholomäusnacht ging die Eroberung und Plünderung Magdeburgs durch Tilly im Dreißigjährigen Krieg als "Magdeburger Hochzeit" (Bluthochzeit) in die Geschichte ein.
Die Tendenz, Massaker zynisch euphemistisch zu umschreiben ist nicht nur eine Neigung der Nazis oder auch nur totalitärer Regime.

Insgesamt war das Ergebnis für die Nazis unbefriedigend. Die große Mehrheit der Deutschen reagierte mit Entsetzen, Fassungslosigkeit. Bei vielen nicht einmal aus prinzipieller Opposition zu den Nazis, sondern weil man da exzessiv Dinge tat, die man einfach nicht tut.

Es kam auch zu ersten Morden. Mancherorts auch zu Plünderungen und Vergewaltigungen. In meiner Heimatstadt traf es einen Mann namens Moritz Moses, genannt der Portier. Ein kleiner Mann, um die 1, 60 m der einen Kneifer trug. Es gibt noch ein Foto von ihm, wie er das Pflaster reinigt unter Aufsicht von zwei SA-Kleiderschränken. Ein Buchhändler hatte die Fotos vervielfältigt und als Ansichtskarten verkauft. Der war als Agent und Zwischenhändler tätig, wollte mit dem Autobus nach Hause fahren, es gibt noch einen Hinweis, dass ihm drei SA-Leute in Zivil folgten, und vermutlich haben sie ihn auch noch erwischt. Die Leiche wurde erst einige Tage später gefunden.
Es ist ganz gut dokumentiert, weil es damals immer noch Beamte gab, besser gesagt einen Beamten gab, der wegen Mord eine Ermittlung startete und Anzeige erstattete auch wegen Sachbeschädigung und versuchter Brandstiftung. Der Mann, der der bekennenden Kirche nahestand wurde daraufhin nach Schlesien versetzt, kam aber nach dem Krieg nach Kurhessen zurück.
 
In der Realschule hatte ich eine sehr engagierte Geschichtslehrerin. Da sie auch Deutschlehrerin war, wurde manche Deutschstunde zur Geschichtsstunde.

Ihr Herzensanliegen waren im Nationalsozialismus: Verfolgung, Zerstörung der jüdischen Kultur. So hat sie diesem Thema viel Zeit gewidmet. Ende der 80er war jedoch nur von Reichskristallnacht die Rede.

Auf die Benennung Progrom bin ich erst später durch eigene Geschichtsstudien gekommen. (u.a. im Zusammenhang mit den Kreuzzügen und den Progromen im Zarenreich.)

Für mich ist die Weglassung von Kristallnacht und Hinwendung zur Progrom Nacht (oder eben Nächten) ein nachvollziehbarer Wandel.
 
Aber warum dann das Zufügen des Wortes "Reichs-"?
  • Es stammt aus der Sprache der Täter, wurde aber 1938 in der Bevölkerung hier sarkastisch verwendet.
  • Sarkasmus, wie z.B. "Reichsfeuerzeug" als Spitzname für das allzu brandgefährdete Flugzeug Heinkel He 177.
  • In der neutralen Bezeichnung "Pogrom" bagatellisiert sie als Zusatz die Tat.
  • Der Begriff "Reichspogromnacht" entwertet, relativiert die Drastik des Begriffs "Reichskristallnacht".
  • Der drastische Begriff "Reichskristallnacht" beleuchtet, wie ein Scheinwerfer, nicht nur die Täter, sondern auch die Mitläufer, Zeitzeugen und Beobachter.
  • Pogrom ist eine neutralisierende Schublade, der Begriff "Reichskristallnacht" provoziert, stört, erzwingt die Stellungnahme.
 
Zuletzt bearbeitet:
Bemerkenswert, dass Du es so siehst. Persönlich scheint es mir genau umgekehrt. Reichspogromnacht wirkt auf mich wie der eindrücklichere Begriff. Er enthält einerseits den Begriff des Pogroms, der übrigens schon für Zeitgenossen v.a. mit Judenverfolgungen (in Russland) assoziiert war, andererseits nimmt er das Vokabular des Nationalsozialismus aufs Korn, das zugleich euphemistisch und megaloman ist.
 
Aber warum dann das Zufügen des Wortes "Reichs-"?
  • Es stammt aus der Sprache der Täter, wurde aber 1938 in der Bevölkerung hier sarkastisch verwendet.
  • Sarkasmus, wie z.B. "Reichsfeuerzeug" als Spitzname für das allzu brandgefährdete Flugzeug Heinkel He 177.
  • In der neutralen Bezeichnung "Pogrom" bagatellisiert sie als Zusatz die Tat.
  • Der Begriff "Reichspogromnacht" entwertet, relativiert die Drastik des Begriffs "Reichskristallnacht".
  • Der drastische Begriff "Reichskristallnacht" beleuchtet, wie ein Scheinwerfer, nicht nur die Täter, sondern auch die Mitläufer, Zeitzeugen und Beobachter.
  • Pogrom ist eine neutralisierende Schublade, der Begriff "Reichskristallnacht" provoziert, stört, erzwingt die Stellungnahme.
Kristallnacht macht den Schrecken anschaulich.
Pogrom ist ein kalter wissenschaftlicher Begriff.
 
Kristallleuchter, Kristallglas, Kristallgitter, Kristallpalast, Kristallstruktur, Kristallzucker usw. alles harmlose Wörter. Warum soll jetzt Kristallnacht den Schrecken jener Nacht anschaulich machen?
 
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