Belagerung: Heißes Öl auf die Angreifer

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Gast, 14. Dezember 2010.

  1. Gast

    Gast Gast

    Man liest immer wieder, dass die Belagerten von der Stadt- oder Burgmauer heißes Öl auf die Angreifer geschüttet haben. Irgendwo hab ich aber einmal gelesen, dass das nicht wahr sein kann, weil Öl viel zu selten und viel zu teuer war (zumindest in Mitteleuropa, vielleicht war das bei Römern noch anders). Eine Google-Recherche hat mir da nicht weitergeholfen. Vielleicht weiß von euch jemand mehr darüber.
    Herzlichen Dank
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Eine einzelne Granate kostet auch mehrere Hundert Euro, wird aber dennoch verschossen.

    Olivenöl war im gesamten Mittelmeerraum ganzjährig und in größeren Mengen verfügbar. Siedendes Öl, Pech etc, war daher ein probates Mittel, Angreifer abzuwehren und zu demoralisieren. Neben Öl bot sich noch eine billigere Alternative an: heißer Sand.

    Josephus Flavius schlug als Kommandeur der Festung Jotapata in Galiläa einige römische Angriffe zurück, indem er die Römmer mit glühendem Sand bewerfen ließ.
     
  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    ... oder ganz ordinär: Jauche, Unrat und Kadaver! Muss man nicht erst heiss machen, das Zeug ist auch kalt anwendbar.


    Gruss Pelzer

    .
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Pech als Produkt aus der Köhlerei stand eigentlich überall zur Verfügung, ob in so großen Mengen dass man es kübelweise auf die Angreifer schüttete, mag ungewiss sein. Hinzu kommt, dass man es ähnlich wie Blei oder Öl ständig heiß und flüssig halten musste, um überaschende Angriffe abzuwehren. Bei wochenlangen Belagerungen ist das undenkbar.
    Ehrlich gesagt, was in manchen Sandalenfilmen und Ritterschinken gezeigt wird, hat m.E. wenig mit der damaligen Realität zu tun. Allerdings gab es an besonders gefährdeten Stellen, so an den Toren sogenannte Pechnasen. Die waren aber wohl besser zum Löschen als zum Zündeln gedacht.
    Pechnase - regionalgeschichte.net

    Zwar nicht angenehm, dürfte aber einen entschlossenen Sturmangriff kaum behindern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Dezember 2010
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  5. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Man musste auch nicht unbedingt Öl verwenden. Tierische Fette ,wie Unschlitt(Rinder-oder Hammelfett) werden auch flüssig, wenn man sie erhitzt. Pech war als Wagenschmiere oder bei der Schuhherstellung(Schusterpech)und als Dichtungsmittel auch in jedem Ort vorhanden. Städte die Werften besaßen, hatten wohl die größten Pechvorräte.
     
  6. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Ich wollte mich etwas zurückhaltend äussern. :still:
    Aber dann halt Klartext: Man schüttete Scheisskübel über die Angreifer. Die Wirkung konnte erhöht werden, wenn man zerbrochene Flaschen oder faustgrosse Granitsplitter untermischte. Oder man liess verendete Hunde, Katzen oder Innereien in einem Fass einige Wochen reifen, um sie dann als Aufguss zu verwenden. Oder man warf zerbrochene Dachziegel, glühende Kohlen oder einfach Hausmüll auf die Ankömmlinge. Die Liste liesse sich beliebig erweitern…

    Angenehm war das nicht. Aber handlich und kostengünstiger als Öl oder Pech.
    Und es verursachte tolle Infektionen...


    Gruss Pelzer

    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Dezember 2010
  7. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Auf die Kosten werden Belagerte nicht mehr geachtet haben, da wurde verwendet was da war. Das Aas wurde eher in eine belagerte Stadt hineingeschossen um Krankheiten zu verbreiten.
     
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  8. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Heißes Öl oder Fett hat den Vorteil, dass es besser durch irgendwelchen Schutz durchdringt. Es braucht schon sehr flüssigkeitsdichte Materialien, die aber dann auch noch gegen die Hitze beständig sein müssen. Gegen Jauche u.ä. hilft z.B. schon feuchtes Stroh.

    Ölspritzer sind außerdem auch kaum vermeidbar und stören schon in geringen Mengen.

    Natürlich sind Vorrat und Bereitstellung ein Problem, daher wird der Einsatz nicht mal einfach so geschehen sein. Die Kunst des Verteidigens besteht eben auch im geschickten Einsatz solcher Mittel. ;)

    Solwac
     
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  9. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Der eindeutige Vorteil von Öl (und Fett) gegenüber kochendem Wasser, ist der höhere Siedepunkt und die größere thermische Trägheit: Öl lässt sich höher erhitzen, speichert die Hitze länger und kühlt auf dem Weg nach unten nicht so schnell ab wie Wasser. Ausserdem müssen es ja nicht gleich so große Mengen gewesen sein. Ein Kochtopfvoll, die man einen Angreifer entgegenschleudert, der gerade eine Sturmleiter hochklettert, kann diesem schon dazu bewegen die Leiter loszulassen.
     
  10. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Selbst kaltes Öl ist wirkungsvoll. Die Angreifer flutschen nur so von den Leitern.
     
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  11. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Bei der Verteidigung von Laupen (Kanton Bern, Schweiz) haben die Verteidiger heisses Pech verwendet, um die Angreifer zu abzuwehren.

    Beim Angriff der Savoyer 1602 auf die Stadt Genf hat angeblich eine Frau eine heisse Gemüsesuppe über die mit Leitern hochkletternden Angreifer geschüttet. Noch heute wird dies gefeiert (Escalade), dazu gibt es die Marmite (aus Schokolade heute), ein Suppentopf.
     

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  12. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Andere Methode - gleicher Effekt. Das Begiessen der Wälle und ansteigenden Zufahrten mit Wasser bei Frostwetter.
     
  13. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Genau das ist der springende Punkt. Die Belagerer, die die Leiter erstiegen, waren ja nicht im T-Shirt unterwegs, sondern in Rüstungen (Kettenhemd, Panzer, Lederkoller usw.), die in erster Linie die Funktion hatten, Schläge und Stiche abzuwehren.

    Heißes Öl o.ä. hat nun die Eigenschaft, durch jede Ritze in der Schutzkleidung zu dringen und Verbrennungen, bzw. Verbrühungen hervorzurufen (Der im Vergleich zu Wasser höhere Siedepunkt wurde ja schon erwähnt). Man kann sich vorstellen, welche Wirkung ein Schwall heißes Öl durch ein geschlossenes Visier geschüttet auf den Angreifer hatte. Selbst wenn er den Angriff überlebte, war er bis ans Lebensende gezeichnet, evtl. sogar blind.

    Das gleiche Prinzip wurde übrigens viele Jahre später in Form der Brandflaschen (auch Molotow-Cocktails genannt) wiederholt. Die Sowjets erzielten gute Erfolge gegen deutsche Panzer, indem sie Flaschen mit brennender Flüssigkeit darauf warfen. Das brennende Gemisch lief in den Motorraum oder ins Panzerinnere und richtete dort starken Schaden an.
     
  14. Sascha

    Sascha Neues Mitglied

    Die Wirkung von Öl ist doch fast jedem vom Kochen bekannt.
    Eine zu heiße Pfanne, in der man was rein wirft, dass spritzt weit und verursacht auch schon bei kleinen Tropfen langwierige Flecken auf der Haut, Wasser ist das gegen fast harmlos.

    Eventuell kann es sich auch noch entflammen, (wird aber auch bei Belagerung schwierig, vielleicht mit Beimischung)

    Pech wird in großen Mengen auch im Schiffsbau benötigt, es ist noch klebriger und praktisch nicht sofort abwaschbar, wenn es auf die Haut kommt. Echt unangenehm, wenn mann warten muss bis es abkühlt…
     
  15. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi zäme

    Auf alten Bildern sieht man oft, wie aus den Pechnasen und Maschikuli ganz einfach Steine auf die Angreifer geworfen wurden. Die waren preiswert, wirksam und vor allem auf der Wehrmauer problemlos lagerbar. Heisses Pech oder Wasser hingegen ist relativ unhandlich. Die gefährlichen Flüssigkeiten müssen ja in den Wehrgängen hin und her transportiert werden. Und bei einem Zwischenfall verletzen sich damit leicht auch die Verteidiger. Stellt euch vor, so ein Kessel mit kochendem Pech stürzt um und entzündet sich.
    Da sind Steine (und Unrat) wesentlich einfacher; man wirft sie dem Angreifer auf den Kopf und der ist im besten Fall sofort tot. Oder er stützt zumindest von der Leiter...

    Gruss Pelzer

    .
     
  16. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Mal sollte die moralische Wirkung nicht vergessen. Bekanntes Beispiel: Die früheste Verwendung von Artillerie - die wirklich effektive Wirkung der alten Donnerbüchsen war doch fast Null.
    Und wer sich nach einem missglückten Sturm die Brandblasen pflegte und das ganze Bild noch in Erinnerung hatte, war entweder sehr demoralisiert oder aber sehr, sehr wütend.
     
  17. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Jauche ist sicher eine eklige Angelegenheit, dürfte aber keine kriegsentscheidende Rolle gespielt haben. An Gestank waren Söldner, die unter unhygienischen Bedingungen campierten gewöhnt.
    Gegen Steine konnte ein Helm noch einigermaßen schützen ,vor über 200 Grad heißen Flüssigkeiten nicht. Mit Öl und Teer getränktes hölzernes Belagerungsgerät und Stoff von Kleidungsstücken brannten auch hervorragend, sodass einige hinterher geworfene Fackeln eine verheerende Wirkung bei den Belagerern entfalteten. Eine ziemlich bösartige Verteidigungswaffe stellten auch Feuerkränze dar. Das waren Radreifen, die mir mehreren Schichten von teergetränkten Stoff umwickelt waren. Man versuchte diese ,brennend, den, die Mauern erklimmenden Angreifern über die Schultern zu werfen. Die Kosten spielten bei einer belagerten Stadt keine große Rolle, da man wusste, was allen bevorstand, wenn die Erstürmung gelang. Nachschub konnte man ohnehin nicht erwarten, also wurde restlos alles zur Verteidigung in die Schlacht geworfen, was man noch hatte.
     

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