tegula
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Der Historiker Götz Aly stellt in seinem Buch die deutscheste aller Fragen: „Wie konnte das geschehen?" Seine Ausführungen sind detailliert, faktenreich und quellenbasiert, ganz ohne Moral und Anklage. Selbst für mich als Historiker boten die 700 Seiten neue Aspekte bei der NS-Forschung. Weil ein solcher Umfang nicht für jeden geeignet ist, um sich durch die Materie zu arbeiten, habe ich den Versuch unternommen, Alys Buch auf 3000 Wörter herunterzubrechen:
www.zeilenabstand.net
Für diejenigen, die noch weniger Zeit haben, hier mein Fazit:
Die Deutschen nahmen das Kriegsende mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Erleichterung hin. Ein langer Prozess der Selbstläuterung setzte ein, bei dem spürbar war, wie sehr die Propagandamaschinerie eines Goebbels nachwirkte. Überhaupt stellt sich nach der Lektüre von Alys Buch der Eindruck von den Deutschen als verführtem Volk ein. Wohl dosierte Geschenke und Lügen, später die Angst vor der Vergeltung im Falle eines verlorenen Krieges, machten die Menschen gefügig. Mithilfe von Massenorganisationen trieb die NS-Führung die Verschmelzung von Staat und Gesellschaft voran. Abweichler wurden zum Kollektivfeind erklärt: die Juden, die Kommunisten – überhaupt jeder, der die Überlegenheit der arischen Rasse und den Endsieg infrage stellte. An ihrer physischen Vernichtung machte sich das deutsche Volk durch Zuschauen mitschuldig und konnte so in der Endphase des Krieges auf die Formel Sieg oder Vernichtung eingeschworen werden. Am Tag der Goebbels-Rede vom totalen Krieg am 18. Februar 1943 kommentierte Erich Kästner zutreffend:
Aly gewährt uns intensive Einblicke in die Manipulation des deutschen Volkes durch das NS-Regime. Insbesondere das Tagebuch von Propagandaminister Goebbels erlaubt in diesem Kontext ein tieferes Verständnis der Geschehnisse. Überraschend deutlich schält sich dabei heraus, dass es mehr politisches Kalkül war als ideologisches Getriebensein, das das Handeln der Mannen rund um Hitler bestimmte. Die NS-Zeit kann daher nicht als autoritäre Herrschaft einiger weniger fehlgeleiteter Menschenverachter und Massenmörder charakterisiert werden. Sie ist ohne präzise Kenntnisse der politischen Gemengelage und der Mechanismen eines massengestützten Volksstaates nicht hinreichend deutbar. Der Holocaust besitzt eine Komponente, die Aly zutreffend als Massenraubmord einer Verbrechensgemeinschaft einordnet.
Zieht man Parallelen in unsere Zeit, um aus der Geschichte zu lernen, ist auf das Scheitern der politischen Mitte bei der Abwehr des extremistischen Gedankengutes und die Verschiebung moralischer Normen hinzuweisen. Es war die Mitte der Gesellschaft, die bei den Wahlen 1932 dem Rechtsextremismus das Tor zur Macht weit öffnete, und es war die politische Mitte, die beim Ermächtigungsgesetz den letzten demokratischen Widerstand aufgab. Die zentrale Botschaft von Alys Buch ist, dass es keine verbrecherische Elite war, die Deutschland und Europa in die Menschheitskatastrophe führte, sondern der korrumpierbare Bürger, der Opportunist, die schweigende Mehrheit, die millionenfach als passive und aktive Unterstützer fungierte. Wer sich bei der Analyse von Völkermorden und Menschheitsverbrechen auf das Böse beschränke, werde die Gefahr einer Wiederholung, die in jeder Gesellschaft stattfinden könne, nicht erkennen, urteilt Aly abschließend und mahnend. Diese Mahnung geht über Deutschland hinaus.
Götz Aly: Wie konnte das geschehen?
Rezension: Der Historiker Götz Aly stellt in seinem Buch die deutscheste aller Fragen: „Wie konnte das geschehen?"
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Für diejenigen, die noch weniger Zeit haben, hier mein Fazit:
Die Deutschen nahmen das Kriegsende mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Erleichterung hin. Ein langer Prozess der Selbstläuterung setzte ein, bei dem spürbar war, wie sehr die Propagandamaschinerie eines Goebbels nachwirkte. Überhaupt stellt sich nach der Lektüre von Alys Buch der Eindruck von den Deutschen als verführtem Volk ein. Wohl dosierte Geschenke und Lügen, später die Angst vor der Vergeltung im Falle eines verlorenen Krieges, machten die Menschen gefügig. Mithilfe von Massenorganisationen trieb die NS-Führung die Verschmelzung von Staat und Gesellschaft voran. Abweichler wurden zum Kollektivfeind erklärt: die Juden, die Kommunisten – überhaupt jeder, der die Überlegenheit der arischen Rasse und den Endsieg infrage stellte. An ihrer physischen Vernichtung machte sich das deutsche Volk durch Zuschauen mitschuldig und konnte so in der Endphase des Krieges auf die Formel Sieg oder Vernichtung eingeschworen werden. Am Tag der Goebbels-Rede vom totalen Krieg am 18. Februar 1943 kommentierte Erich Kästner zutreffend:
Die Stimmung in der Bevölkerung ist sehr ernst geworden. Das Ausschlaggebende ist die Furcht vor einer russischen Invasion. Mit diesem Mittel, das Kraft durch Furcht genannt worden ist, kann man noch allerlei erreichen.
Aly gewährt uns intensive Einblicke in die Manipulation des deutschen Volkes durch das NS-Regime. Insbesondere das Tagebuch von Propagandaminister Goebbels erlaubt in diesem Kontext ein tieferes Verständnis der Geschehnisse. Überraschend deutlich schält sich dabei heraus, dass es mehr politisches Kalkül war als ideologisches Getriebensein, das das Handeln der Mannen rund um Hitler bestimmte. Die NS-Zeit kann daher nicht als autoritäre Herrschaft einiger weniger fehlgeleiteter Menschenverachter und Massenmörder charakterisiert werden. Sie ist ohne präzise Kenntnisse der politischen Gemengelage und der Mechanismen eines massengestützten Volksstaates nicht hinreichend deutbar. Der Holocaust besitzt eine Komponente, die Aly zutreffend als Massenraubmord einer Verbrechensgemeinschaft einordnet.
Zieht man Parallelen in unsere Zeit, um aus der Geschichte zu lernen, ist auf das Scheitern der politischen Mitte bei der Abwehr des extremistischen Gedankengutes und die Verschiebung moralischer Normen hinzuweisen. Es war die Mitte der Gesellschaft, die bei den Wahlen 1932 dem Rechtsextremismus das Tor zur Macht weit öffnete, und es war die politische Mitte, die beim Ermächtigungsgesetz den letzten demokratischen Widerstand aufgab. Die zentrale Botschaft von Alys Buch ist, dass es keine verbrecherische Elite war, die Deutschland und Europa in die Menschheitskatastrophe führte, sondern der korrumpierbare Bürger, der Opportunist, die schweigende Mehrheit, die millionenfach als passive und aktive Unterstützer fungierte. Wer sich bei der Analyse von Völkermorden und Menschheitsverbrechen auf das Böse beschränke, werde die Gefahr einer Wiederholung, die in jeder Gesellschaft stattfinden könne, nicht erkennen, urteilt Aly abschließend und mahnend. Diese Mahnung geht über Deutschland hinaus.