"Das Land ohne Prominente" oder "Der thüringische Landesname"

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von El Quijote, 15. Mai 2020.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wie könnte denn Deiner Meinung nach die ursprüngliche Aussprache gewesen sein, und wann soll sie sich in welchen Dialekten zu Düringen gewandelt haben?

    Die Erklärung lautet "Hyperkorrektur", das habe ich bereits ausgeführt. Man hielt die "D-Form" irrtümlich für eine dialektale Form und die "Th-Form" für die "vornehmere", "korrektere".

    Dass Dich meine Vermutung, der Landesname sei mündlich kaum gebraucht worden, nicht überzeugt, ist o.k. Ich kann es nicht belegen, also in die Tonne damit. Die Erklärung wird dadurch weder entwertet noch widerlegt.



    Dann wäre die ursprüngliche Form: Duringen. Möglichkeit 3 (Das Niederdeutsche hat, ebenso wie das Dänische, die hochdeutsche Verschiebung nicht mitgemacht)

    1. Aus þ wird dänisch t-, hochdeutsch d-:
    dänisch ting - hochdeutsch Ding
    dänisch tysk - hochdeutsch Deutsch

    2. Aus t- wird dänisch t-, hochdeutsch z-:
    dänisch tid - hochdeutsch Zeit
    dänisch tunge - hochdeutsch Zunge

    3. Aus d- wird dänisch d-, hochdeutsch t-:
    dänisch dag - hochdeutsch Tag
    dänisch del - hochdeutsch Teil

    Das hat nichts mit der binnendeutschen Konsonantenschwächung zu tun, die erst im Neuhochdeutschen aufkommt. Diese erfasst ja nicht nur ostmitteldeutsche Dialekts, sondern auch großflächig süddeutsche Dialekte (bairisch, alemannisch, fränkisch in unterschiedlichen Auswirkungen), wodurch u. . der verschobene Tisch wieder zum Disch zurückgeschoben wir und der zwischenzeitlich dazugekommene Teller zum Deller verbeult wird.

    Nun musst Du zwei Fragen beantworten:

    Wenn die ursprüngliche Form Duringen war, wie kommen dann aber die zahlreichen Schreibungen mit T-, Th- (bzw. griechisch Theta) zustande, die vor der oberdeutschen Lautverschiebung belegt sind?

    Und wieso tauchen die ersten Schreibungen mit D- erst in der Zeit auf, in der tatsächlich t- zu d- verschoben wurde?
     
  2. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Für das "t" in der ältesten Namensüberlieferung bei Vegetius Renatus habe ich keine befriedigende Erklärung. Eventeull hat sich das einfache "t" auch erst bei der späteren Abschrift eingeschlichen oder der spätantike Autor hat die Thüringer mit der gotischen Terwingern verwechselt. Die Verwechslungshypothese hilft bei der etymologischen Klärung aber kaum weiter, da es auch die Form Therwinger gibt.

    In der althochdeutschen und altniederdeutschen Schriftsprache steht die Buchstabenkombination "th" für phonetisch [þ], so auch in dem Stammesnanmen bei den frühsten lateinischen Autoren Gregor von Tours das [þ] für die ursprüngliche Form.

    Dieses [þ] das in den meisten deutschen Dialakten zu [d] verschoben, in den oberdeutschen Dialekten und dem Langobardischen jedoch zu [t]. Das [t] findet sich noch in den aus dem Langobardischen entlehnten italienischen Worten.

    Udolphs etymologische Herleitung des Stammesnamens von germanisch *dur passt damit aber überhaupt nicht zusammen. Tatsächlich geht Udolph von einer Ursprungsform mit [d] aus.

    Die einfachste Erklärung für das Auftauchen der Schreibweisen mit "t" und "th" sind romanische oder oberdeutsche Schreibtraditionen. Ich denke, dass die binnendeutsche Konsantenschwächung auch zu Hyperkorrekturen verführt, weil grafisch "t" und "th" auch im Dialekt als [d] ausgesprochen werden können.
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nein!
    Auch in den oberdeutschen Dialekten ist anlautendes þ- zu d- verschoben worden: þing
    ist im Alemannischen und Bairischen Ding.

    Im Langobardischen ist anlautendes þ- noch als solches bezeugt: Die mit þing zusammenhängenden Wörter werden in einer Zeit, als das Langobardische noch lebendig war, jedenfalls mit th geschrieben. Daneben treten, insbesondere in latinisierten Ableitungen, auch t-Schreibweisen neben th-Schreibweisen auf (thingare / tingatio):

    upload_2020-5-21_22-25-40.png
    germanismi editi e inediti nel codice diplomatico longobardo

    Ob sich hier noch ein Lautwandel innerhalb des lebendigen gesprochenen Langobardischen ereignet hat oder ob die Wörter erst im Munde romanischer Muttersprachler diese Lautform angenommen haben, bin ich überfragt.
     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Doch! Es ist es Binsenweisheit, dass diese Formen nicht zum heutigen Standarddeutsch gehören und selbst in den Dialekten kaum noch vorhanden sind. Relikte finden sich jedoch noch in wenigen schweizerdeutschen Dialekten und natürlich über langobardischen Lehnwörter im Italienischen.
    Auch Formen wie "Vertingung" statt "Verdingung" ,"tinglich" statt "dinglich" oder "Ting" statt "Ding" finden sich in der oberdeutschen Schreibsprache, die vor allem durch die damalige Aussprache am Kaiserhof im Wien gepräg wurde.
    Relativ bekannte Formen aus einigen schweizerdeutschen Dialekten sind "tünn" statt "dünn", "tick statt dick", "tumm" statt "dumm", "tanke" statt "danke" und natürlich "schwyzertüütsch" statt "schweizerdeutsch".

    Eine Verschiebung von ] zu [t] im Süden des Sprachgebietes ist die einzige Erklärung für die akut vom Aussterben diese akut vom Aussterben bedrohten Formen. Uund neuzeitlich wurde dann dieses [t] zu [d] verschoben.

    Die langobardische Form "thinx" ist noch unverschoben überliefert, d.h. als ] ausgesprochen. Die zugehörige Quelle Edictum Rothari datiert auf 643.
    Wenn Paulus Diacouns im 8. Jahrhundert "Torongia" schreibt, bildet er vielleicht auch eine zum [t] verschobene langobardische Form des Landesnamens ab.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Langobardisch und die oberdeutsche Schreibsprache am Wiener Kaiserhof liegen mindestens ein halbes Jahrtausend auseinander. (Im Fall der oberdeutschen Schreibsprache halte ich diese Schreibungen zudem nicht für regulär, vgl. Urkundenbuch Der Pfarrei Bergheim )

    Gibt es zu dieser These sprachwissenschaftliche Untersuchungen?
     
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die These basiert auf Theo Vennemanns nicht unumstrinnener "Zurückdrängungstheorie". Demnach sei die vollständige Lautverschiebungen mit ihren extremen Formen (wie [þ] zu [t] oder [k] zu [kch]) wie sie neuzeitlich nur noch in hoch- und höchstalemannischen Dialekten gebräuchlich waren, einst im gesamten oberdeutschen sowie langobardischen Sprachgebiet verbreitet. Diese Formen seien dann durch die Lenisierung in fränkischer Zeit im deutschen Sprachgebiet fast vollständig verschwunden, was als Frankonisierung, Niedergermanisierung oder Kreolisierung bezeichnet, da es sich um Mischenformen aus Ober- und Niedergermanisch handeln soll.
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Vennemann soll also behauptet haben, die Lautverschiebung sei nicht ] zu [d] erfolgt, sondern von] zu [t]?
    Wo soll er diese These aufgestellt haben?

    Hier hat er sich klar und eindeutig geäußert:

    upload_2020-5-23_14-0-31.png

    Languages and Cultures
     

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