Das Reitergrab von Nordendorf - wie ist der Bestattete anzusprechen?

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von Carolus, 18. Februar 2020.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ganz sicher bin ich mir nicht. Es gibt zumindest eine alternative Erklärung:
    "Partenkirchen < *Barthen-kirchen enthält den Namen der römischen Station Partanum als Bestimmungswort; dass das anlautende P- des vorbairischen Namens nicht, wie zu erwarten, zu abair. Pf- verschoben wurde, hängt mit der Eindeutung durch den PN. Barthel (<Bartholomäus) zusammen: Partenkirchen/*Barthenkirchen wurde als *Barthelskirchen 'Kirche des hl. Bartholomäus' eingedeutet."

    Deutsches Gewässernamenbuch

    Weshalb (um es noch einmal zu sagen) Vergleiche mit Gegenden durchgehend romanischer Besiedlung fehl am Platze sind.

    Antwort siehe hier: Das Reitergrab von Nordendorf - wie ist der Bestattete anzusprechen?

    Diese Leute würde ich aber in keinem Fall als "Romanen" bezeichnen.
     
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  2. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Aus dem Kanton Glarus wird etwa berichtet, dass sich die Dialekte nördlich und südlich des Hirschensprungs immer noch unterscheiden:

    Der Hirschensprung war im Frühmittelalter Grenze zu Churrätien und auch Sprachgrenze zwischen dem Alemannischen und Rätoromanischen Gebiet. So gibt es oberhalb von Rüthi den Weiler Plona, der auf diese sprachlichen Wurzeln zurückgeht. Noch heute lässt sich diese Sprachbarriere in den unterschiedlichen Dialekten der beiden Gemeinden südlich und nördlich des Hirschensprungs gut feststellen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hirschensprung

    Nun steht Partenkirchen nicht alleine da, in der Umgebung findet man weiterhin Ortsnamen wie Kochel, Wallgau, Walchensee etc.
    Einverstanden. Gleichwohl sind die romanischen Sprachinseln ein sehr spannendes Thema, das, wie ich las, etwa im Fall Augsburg noch nicht gut erforscht ist (ein Problem ist der Verlust der dortigen kirchlichen Archive).

    Literatur:
    Romanische Sprachgeschichte / Histoire linguistique de la Romania.
    Historische Sprachwissenschaft als philologische Kulturwissenschaft
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Welche kirchlichen Archive sind gemeint? Diözesanarchive und Pfarrarchive reichen eigentlich nirgends bis in das 7. Jahrhundert zurück. Was hätte da Augsburg für ein besonderes Problem?
     
  4. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Gerade in Augsburg hätte man vermuten können, dass die Archive weiter zurückreichen. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wo ich in den letzten Tagen vom Verlust der dortigen Archive gelesen hatte. Im Falle Augsburgs wäre der Dreißigjährige Krieg jedenfalls eine gute Erklärung.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Noch einmal: Welche Archive?
    Die Diözesarchive wurden durch den Reichsdeputationshauptschluss alle aufgelöst oder zumindest in ihrem Bestand grundlegend dezimiert.
    Das Archiv des Bistums Augsburg (ich habe vor Jahren auch mal dort geforscht) hat im 2. Weltkrieg erhebliche Verluste erlitten, aber dieses Archiv ist auch nicht älter als 200 Jahre.

    (Die Bestände des Augsburger Stadtarchivs gehen bis ins ausgehende 13. Jahrhundert zurück.)
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Weil jetzt mehrfach von Archiven die Rede war, ein kleiner Exkurs zur Archivgeschichte:

    Wenn im Mittelalter etwas beurkundet wurde, wurde die Urkunde gerollt und gesiegelt und zwar so, dass man sie wieder entrollen konnte, denn es war ja wichtig, auf den Text zugreifen zu können, eine Urkunde war ein juristisch bindender Akt.
    Die Rollen wurden meist in Kisten aufbewahrt, meist in Klöstern, oder wer auch immer der Urkundenempänger und -nutznießer war. Manche Klöster erstellten auch Urkundenbücher, das waren die gebundenen Abschriften der Urkunden, das war teuer, denn auch die Abschriften waren ja auf Pergament sicherte aber den Erhalt der Urkunde, wenn auch nicht des Originals.
    Durch Brände, Kriege und Revolutionen gingen Urkundenbestände immer wieder verloren, mit der Aufgabe der Klöster nach der Reformation oder dem Reichsdeputationshauptschluss wurden Bestände nicht mehr gepflegt. Im 16. Jhdt. hatte man den historischen Werk der Urkunden noch nicht erkannt und in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. auch noch nicht. Wenn also Urkunden juristisch keine Gültigkeit mehr besaßen, weil z.B. ein Kloster reformiert oder säkularisiert war, dann interessierte sich niemand mehr für die Urkunden, die Privilegien oder Schenkungen waren irrelevant geworden. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. begannen Historiker die (aufgelassenen Kloster)Archive für sich zu entdecken und erkannten, dass es Sicherungen derselben geben müsse, so dies nicht durch die Städte (Stadtarchive) oder Länder geschah. D.h. auch die Archive aufgelöster Institutionen (Klöster, Gerichte) oder ausgestorbener Adelsgeschlechter mussten irgendwie in die existierenden Archive integriert werden und ein Bewusstein dafür geschaffen werden, dass Archive nicht nur eine juristische sondern auch eine geschichtswissenschaftliche Funktion haben. Teilweise haben Historiker am Anfang dieses Prozesses Archivalien sich einfach angeeignet, vor allem in aufgelassenen Archiven, tw. aber auch in nicht aufgelassenen Archiven. Zum Teil haben sie damit Archivalien vor der sicheren Vernichtung bewahrt. Ein einigermaßen zentralisierter Archivdienst wurde erst um 1900 eingerichtet, die Art und Weise des Archivierens entwickelt sich stetig fort. Juristisch auch in Zukunft relevante Dinge müssen Archive auf alle Ewigkeit aufbewahren, z.B. auch Grundbücher - bzw. Kataster etc.
    Dann müssen die Archivare aber auch in die Zukunft schauen: Was ist für künftige Historiker relevant und was nicht? Künftige Historiker sollen ein angemessenes Bild unserer Gegenwart zeichnen können, aber natürlich sollen außergewöhnliche Ereignisse nicht unter den Tisch fallen. Andererseits darf das Außergewöhnliche nicht den Blick auf das Alltagsleben verstellen. Gleichzeitig müssen die Mengen an Archimaterial aber auch irgendwie für das Archiv sowie für die sichtenden Historiker auch zu managen sein.
     
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  7. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Das kann ich heute nicht mehr beantworten, vielleicht finde ich die Quelle morgen wieder — so schrieb ich schon gestern. Und trotz intensiver Suche habe ich die Textstelle leider auch heute nicht wiedergefunden.

    Sinngemäß hieß es, dass es für die frühmittelalterliche Geschichte Augsburgs ein archivarisches Manko gäbe.
    Als dort natürlich längst keine Romanen mehr lebten.

    Sehr interessant, danke!
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das gibt es aber überall. Archivalien aus dem Frühmittelalter sind extrem rar bzw. so gut wie nicht existent. Die reichsstädtischen Archive gehören zu den Archiven mit der längsten kontinuierlichen Überlieferung, da können die kirchlichen Archive in der Regel nicht mithalten. Und mit dem 13. Jh. steht das Augsburger Stadtarchiv eigentlich ganz gut da.
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Angesichts der archäologisch nicht nachweisbaren Siedlungskontinuität möchte ich auch leise Zweifel an der Namenskontinuität anmelden.
    Der Flussname Günz hat ja nicht wenige Ortsnamen gezeugt. Außer Günzburg finden wir flussaufwärts die Ortsnamen Günz, Günzegg, Obergünzburg (also noch ein zweites Günzburg) und Günzach.
    Wäre es nicht denkbar, dass - wie in anderen Fällen auch - lediglich der Gewässername tradiert wurde und die Siedlungen alle nach dem Gewässernamen benannt wurden?
     
  10. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Es wäre denkbar, aber wie schaut denn der archäologische Befund des Römerlagers bzw. der mutmaßlich bestehenden Lagervorstadt (canabae) aus?

    Hat sich das heutige Günzburg aus einem der beiden entwickelt? (Online habe ich auf die Schnelle nichts gefunden, Literatur zur Raetia habe ich im Bücherregal nicht so viel)
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ein paar Zitate aus: Wolfgang Czysz, GONTIA – Günzburg in der Römerzeit, Friedberg 2002:

    "Fassen wir die Beobachtungen zum spätantiken Kastell zusammen: Die Verteilung der Fundmünzen und die Herkunft der Architekturspolien und Südwasserkalktuff- und Jurakalk-Quader weist auf ein Areal zwischen der Brunnengasse, St. Martin und der Ulmer Straße. In ostwestlicher Richtung ergibt sich dadurch eine Breite von etwa 200 m, wenn wir annehmen, daß der Quaderfund noch im Bereich der eingebrochenen Nordmauer lag. Daraus ergäbe sich eine annähernd quadratische Innenfläche von rund 3 Hektar.
    Von der Art und Dichte der Innenbebauung wissen wir noch nichts […] Ebensowenig wissen wir aber auch noch von der spätantiken Zivilsiedlung, ob sich die Bewohner innerhalb der Mauern einquartieren durften oder im offenen Gelände jenseits der Günz am Kappenzipfel niedergelassen hatten, wo doch eine ganz erhebliche Anzahl spätantiker Funde gemacht wurde; das bleibt durch zukünftige Forschungen zu klären.
    Durch Brandschichten im Innern des Kastellareals deutet sich an, daß Günzburg in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, vermutlich aber auch später, immer wieder zerstört worden ist." (S. 191-192)

    "In dieser Zeit [ausgehendes 4. Jahrhundert] schwand die römische Besiedlung unter dem Druck anhaltender Bedrohung dahin. Nur wenige der noch existierenden Straßensiedlungen und die schwer zugänglichen Wehrsiedlungen im Landesinnern (Goldberg bei Türkheim, Lorenzberg bei Epfach, Moosberg bei Murnau) waren noch am Leben. Von den Villen im Umfeld der schützenden Hauptstadt hatte kaum eine die schweren Zeiten überstanden. Die Verteilung spätantiker Grab- und Siedlungsfunde zeigt überdeutlich, wie die einst dichte Besiedlung im Lauf des 4. Jahrhunderts auf das Dreieck zwischen der Hauptstadt, Kempten und der Münchner Schotterebene zusammengeschmolzen war.
    […]
    Der Lebensstandard der Provinzbevölkerung war auf ein niedriges Niveau abgesunken. Das Ende des regulären Geldnachschubs in Günzburg wird durch den in Thessaloniki geprägten Halbcentenionalis des Theodosius I. von 384/388 markiert. Die Versorgungslage im Alpenvorland war nicht erst jetzt prekär. Die Abhängigkeit von Italien glich den Verhältnissen des frühen 1. Jahrhunderts. […] Die Verproviantierung der Grenztruppen mußte nunmehr wieder über die Alpenpässe schlimmstenfalls mit Saumpferden und Lasttieren bewerkstelligt werden" (S. 221)

    "In Günzburg selber klafft einstweilen noch eine zeitliche Lücke von über 150 Jahren, bis die ersten Reihengräber der Merowingerzeit im Stadtgebiet faßbar werden. [...] Erst der Landesausbau des frühen 6. Jahrhunderts hinterließ wieder Spuren im archäologischen Fundbild. Er knüpfte, soweit man das heute sagen kann, nicht an die Topographie des spätantiken Kastells von Günzburg an, das längst ein Ruinenfeld geworden war. Wir kennen bisher ausschließlich Grabfunde, nämlich Ausschnitte kleinerer und größerer Reihengräberfriedhöfe aus der unmittelbaren Umgebung zugehöriger Gehöfte." (S. 223-224)
     
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