Das Ritual des dreifachen Todes: Opferkult im alten Norden

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Für die Menschen der nördlichen Gemeinschaften war ein Opfer weder ein blinder Wutausbruch noch alltägliche Praxis. Es war vielmehr ein außergewöhnlicher, fast rechtlicher Vertrag, der nur bei drohenden Hungersnöten, harten Wintern oder verheerenden Kriegen in Kraft trat: die Pflicht, den Göttern einen Teil des eigenen Lebens zurückzugeben.


Diese Taten waren keine bloße Willkür, sondern dienten oft der Weissagung. Die letzten Reflexe und Zeichen des sterbenden Körpers wurden akribisch gedeutet, um herannahende Krisen oder Schlachten vorherzusehen.


Die bewusste, extreme Gewalt – die moderne Gerichtsmediziner heute als „dreifachen Tod“ bezeichnen – war ein Opfer an drei Sphären zugleich: Himmel, Erde und Unterwelt.


Ein Schlag auf den Schädel, das Strangulieren mit einer Schnur und das Durchtrennen der Kehle – bis der Körper schließlich mit dem Gesicht nach unten im Moor versenkt wurde. Funde wie der berühmte „Lindow-Mann“ beweisen mit ihren Schädelfrakturen, der Halsschlinge und der Schnittwunde, dass diese Rituale keine Legende waren, sondern eine bittere Pflicht gegenüber den Mächten jener Zeit.


Was denkt ihr: War dieses radikale Bündnis mit den Göttern aus heutiger Sicht reine Verzweiflung – oder der ultimative Ausdruck bedingungsloser Hingabe und Pflichterfüllung an die kosmische Ordnung?
 
Nö. Das war durchaus häufig, und es war ein barbarischer Brauch, den zivilisierte Völker als barbarische Sitte barbarischer Völker betrachteten.

Ganz sicher wurden dumpf raunende Begriffe wie "bedingungslose Hingabe" und "Pfichterfüllung" nicht verwendet, die stammen aus einer späteren Zeit, in der sich die Prediger dieser Begriffe im Bedarfsfall eben diesem "Opfer" durch die sorgfältig vorbereitete Flucht nach Südamerika, die Kooperation mit dem britischen / amerikanischen / russischen oder französischen Feind oder durch die Zyankalikapsel wenig heldenhaft entzogen. "Kämpfen bis zum letzten Schuss" war gerade nicht die Eigenschaft deutscher Soldaten, und die Millionen deutscher Kriegsgefangener wie auch die Zivilbevölkerung waren durchaus kooperationsbereit. "No fraternisation" als amerikanische oder englische Dienstanweisung hatte ihren Grund. Und übrigens: wer die letzte Kugel in die eigene Schläfe schießt, kämpft ja nicht mehr, und schon gar nicht heldenhaft...

Was wir nicht wissen ist, ob das Opfer einverstanden war. Ob es sexueller Außenseiter, sozial Schwacher, Kriegsgefangener oder Strafgefangener war, oder Täter einer sozial besonders geächteten Tat (z.B. Ehebruch), deren grausame Tötung die örtliche Gemeinschaft stabilisierte / befriedigte oder ganz einfach nur einschüchterte.

"Bündnis mit den Göttern" ? Falscher Begriff, ein Bündnis setzt Konsensfähigkeit voraus. Es war eher ein "sittenwidriger Vertrag zu Lasten Dritter", wie heutige germanische Juristen sagen würden.

Und ganz sicher war es nicht nur eine Sitte im kalten Norden, da wo kaltes Moor und Gerbsäure einige Opfer konservierten. Wir hatten es überall in fragilen Gemeinschaften, wo die ritualisierte Tötung anderer (und meist schwächerer Opfer) die Gemeinschaft oder das Herrschaftssystem stabilisieren sollten.

Nicht zu Unrecht war der römische Militärdienst bei germanischen Söldnern sehr beliebt, die das geregelte Leben, den geregelten Sold, die bessere Gesundheitsversorgung, das schöne Militärbad und das römische Militärdiplom dem heimischen Torffeuer vorzogen.
 
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Mal als kurze Ergänzung. Die Kelten unterscheiden sich bei dem Thema im praktischen Teil doch nicht besonders von den Germanen. Also entspricht es eher einer vielleicht gemeinsame älteren indoeuropäische Traditionslinie.

Von der menschlichen Besiedlung an, sind Germanen von der Sesshaftigkeit, Ackerbau, Bronze, Eisen und Schrift, europäische Spätstarter. Vielleicht nur bei der Sprache und DNA zeitlich etwas begünstigter. Mit dem sprachlichen und DNA-Steppenimpuls kommt der männlich dominierte Impuls, der neben DNA, Techniken auch Kulte und wahrscheinlich auch Sprachen importiert, in das europäische Migrationsspiel. Kelten, Germanen, Thraker und Skythen sind dabei seine späteren Ausprägungen in dem europäischen Migrationsspiel.

Begünstigt – oder besser gesagt beschleunigt – durch die Metallzeit und Migration entstehen Hierarchien, in denen sich der Kultus verschiebt: völlig ohne die Fixierung auf spätere Götternamen wie Odin oder Theutates funktioniert dieser Wandel über die soziale Steigerung. Wenn Eliten und Kriegerverbände erstarkt sind, reicht das Tieropfer als "Währung" für politische Legitimation oder zur Krisenbewältigung nicht mehr aus. Die einen nehmen Kriegsgefangenen, die anderen eigenen Frauen und Kinder und die anderen als Ultima ratio den Anführer des Stammes.

Oder so fürs Kopfkino:
Auf dem germanischen Thing, weil es nicht regnet:
„Walburga, dieses Hexenweib ist schuld. Lasst sie uns opfern!“
Meanwhile, 800 km entfernt bei den Druiden:
„Aufgrund des Klimawandels sind wir zu dem Entschluss gekommen … ähm … Majestix … also für morgen solltest du dir nichts mehr vornehmen!“
 
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