Das Römische Reich in der Byzantike – Ein notwendiger Epochenbegriff

Wie byzantinisch war das frühe Byzanz?​


Eine Anmerkung zu Edward Gibbon

Es gehört zu den großen Leistungen der Geschichtsschreibung, Ordnung in das Chaos der Vergangenheit zu bringen. Zu ihren noch größeren Leistungen gehört es allerdings, Chaos dort zu entdecken, wo zuvor Ordnung vermutet wurde.

Besonders eindrucksvoll gelang dies den Historikern des 18. Jahrhunderts. Sie entdeckten nämlich, dass das Byzantinische Reich ein zutiefst dekadenter, intrigantenreicher und moralisch fragwürdiger Staat gewesen sei.

An der Spitze dieser Bewegung stand Edward Gibbon, dessen monumentales Werk über den Niedergang des Römischen Reiches Generationen von Lesern prägte.

Die Byzantiner, so lernte man, seien in Hofzeremoniell erstarrt gewesen, hätten sich in theologischen Spitzfindigkeiten verloren, sich gegenseitig vergiftet, geblendet, entthront und kastriert und dabei den Ernst echter Staatskunst aus den Augen verloren.

Soweit die Theorie.

Betrachten wir nun kurz das frühe Byzanz.

Dieses begann bekanntlich mit einem Brudermord.

Anschließend vertrieben die Byzantiner ihre Könige, führten jahrhundertelang erbitterte Machtkämpfe innerhalb ihrer Aristokratie, verwüsteten große Teile der bekannten Welt und entwickelten ein politisches System, dessen regelmäßige Funktionsweise darin bestand, dass ehrgeizige Feldherren mit Armeen auf die Hauptstadt marschierten.

Im frühen Byzanz ließ man politische Gegner verbannen, enteignen oder ermorden.

Man führte Bürgerkriege.

Man setzte Diktatoren ein.

Man erklärte ganze Bevölkerungsgruppen zu Staatsfeinden.

Man kaufte Wahlen.

Man bestach Richter.

Man proskribierte Senatoren.

Gelegentlich ließ man sogar ganze Städte auslöschen.

Ein besonders bemerkenswerter byzantinischer Herrscher namens Caligula erklärte sein Pferd zum Konsul.

Ein anderer namens Nero spielte Musik, während seine Hauptstadt brannte.

Wieder ein anderer, Commodus, hielt sich für Herkules und trat öffentlich als Gladiator auf.

Während der sogenannten Byzantinischen Soldatenkaiserzeit wurden Kaiser mit einer Geschwindigkeit ermordet, die selbst spätere Hofeunuchen vor organisatorische Schwierigkeiten gestellt hätte.

Die Prätorianergarde versteigerte zeitweise den Kaiserthron an den Höchstbietenden.

Man könnte meinen, die spätere Byzantinistik hätte ihre Vorbilder bereits gefunden.

Dennoch gelten all diese Vorgänge gewöhnlich als Episoden der ehrwürdigen römischen Geschichte.

Warum?

Vermutlich deshalb, weil sie sich vor dem Jahr 395 ereigneten und daher automatisch den Nimbus klassischer Größe genießen.

Nach 395 hingegen verwandelt sich dieselbe Mischung aus Ehrgeiz, Intrige, Machtkampf und menschlicher Schwäche plötzlich in ein spezifisch „byzantinisches“ Phänomen.

Der Historiker steht damit vor einer schwierigen Frage.

Wenn Caligula, Nero, Commodus und die Soldatenkaiser Römer waren — wann genau wurden ihre Nachfolger Byzantiner?

Und falls sie Byzantiner wurden:

Weshalb verhielten sie sich weiterhin so erstaunlich römisch?

Vielleicht besteht die eigentliche Leistung der Byzantiner darin, dass sie über tausend Jahre hinweg erfolgreich jene Eigenschaften bewahrten, die man gewöhnlich schon bei ihren Vorfahren bewundern konnte.

In diesem Fall wäre Byzanz nicht der Gegensatz Roms.

Sondern dessen konsequenteste Fortsetzung.

Die Byzantiner lassen jedenfalls freundlich grüßen.
 
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