Der Drache von Gent

Naresuan

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Aus Wikimedia Commons - Urheber: Rene Boulay

Das Wahrzeichen Gents ist der Belfried, ein im 12. Jh. begonnener und 1380 fertig gestellter Turm. Die Turmspitze ziert eine Kopie des hier abgebildeten Drachens.
Spätestens seit Historiker des 17. Jh.* die Geschichte niederschrieben, herrschte in Gent der Glaube, es handle sich bei dem Drachen um Kriegsbeute aus Konstantinopel, die Balduin IX. von Flandern als lateinischer Kaiser nach 1204 von dort nach Brügge versenden ließ.
1859 erweiterte der dänische Historiker Frederik Schiern dies um die Möglichkeit, dass es sich bei dem Drachen um die Galionsfigur eines der Schiffe des norwegischen Königs Sigurd des Jerusalemfahrers handelt, welche dieser 1111 in Konstantinopel zurück gelassen haben soll.
Die Heimskringla spricht davon:
He gave the emperor all his ships; and the valuable figureheads which were on the king's ships were set up in Peter's church, where they have since been to be seen.
Welche Peterskirche gemeint ist, lässt sich hier nicht bestimmen, aber es gab eine Peterskapelle im Bereich der Hagia Sophia, in der die Ketten Petri und der Teppich des St. Nikolaus ausgestellt waren. Von Galionsfiguren schrieb Erzbischof Antonius von Nowgorod, der die Kapelle im Jahr 1200 besuchte, allerdings nichts.

Auch William von Malmesbury* schreibt von Drachenköpfen, welche in die Hagia Sophia gebracht wurden:
navem aureis rostratam draconibus fastigio sanctae Sophiae pro trophaeo affixit.

1871 fand der Genter Historiker Julius Vuylsteke einen Eintrag in den Rechnungsbüchern, wonach 1377/78 für einen Drachen 2312 Pfund bezahlt wurden.
Seither gilt die Annahme, dass der Drache in seiner heutigen Form damals lokal hergestellt wurde. Der Teil der Legende, dass nämlich der Drache erst 1382 von den Gentern in Brügge erbeutet wurde, war damit erledigt.

Doch was ist mit dem Rest der Legende bzw. der These Schierns für die Zeit davor?

Darum dazu einige Fragen an eure Expertise:

Kennt jemand ähnlich gestaltete Drachen auf Turmspitzen aus dem 14. Jh.?
Gibt es an der Figur Anhaltspunkte dafür, dass eine nordische Galionsfigur aus dem 12. Jh. nachgebildet oder nachempfunden wurde?
Liegt die Überführung einer Galionsfigur aus Konstantinopel nach Flandern für die Zeit um 1200 im Bereich des Möglichen oder anders gefragt: schafften es ähnlich große Teile (>3m) aus der Plünderung Konstantinopels weiter als bis Venedig?

* weitere konsultierte Quellen:
 
Wie’s aussieht, ist die Baugeschichte des Turms äußerst verzwickt. Die obere Partie samt Dach wurde x-mal umgestaltet. Der heutige Zustand stammt aus dem 20. Jh., als wieder einmal eine ›Rekonstruktion‹ versucht wurde. Siehe die Zeichnungen aus 1904 @ Wikimedia (an denen der Drache auch Wunschdenken sein könnte, zumal eine Rekonstruktionszeichnung aus 1844, die möglicherweise als Vorlage diente, keinen Drachen zeigt). Erinnert bisschen an das Wirken eines Viollet-le-Duc im 19. Jh., der Baugeschichten mitunter erfand. Bzgl. ›Rekonstruktion‹ und Drachen ist übrigens auch die Kathedrale von Metz sehenswert, wo ein ähnliches Viech die Fassade schmückt (siehe auch »Portail de la Vierge« @ Wikimedia), das aber aus einer fantasievollen Umgestaltung aus dem 19. Jh. stammt.

Gibt es an der Figur Anhaltspunkte dafür, dass eine nordische Galionsfigur aus dem 12. Jh. nachgebildet oder nachempfunden wurde?
Würde den ursprünglichen Zweck als »Galionsfigur« aufgrund der Machart (Größe, Gewicht und Material im Verhältnis zu damaligen Schiffen) und der stehenden Pose ausschließen, da sich die Figur bei der ersten überschlagenden Welle verabschieden würde. Damit wäre auch der Ausflug nach Konstantinopel vom Tisch. Wie viel vom heutigen Drachen wirklich alt sein könnte, lässt eine Fotografie @ Flickr erahnen.
 
Zuletzt bearbeitet:
an denen der Drache auch Wunschdenken sein könnte, zumal eine Rekonstruktionszeichnung aus 1844, die möglicherweise als Vorlage diente, keinen Drachen zeigt
Vielleicht war er 1844 zeitweilig nicht oder etwas anderes auf der Spitze des Turms. Antoon Sanders will ihn ja 1621 auf der Spitze des Turms gesehen haben und zwar vergoldet.
In fastigio turris eminet auratus Draco
Ich vermute auch, dass die heutige Version nicht eine direkte Kopie des 1621 gesichteten Drachens und kaum eine Kopie desjenigen von 1377 ist, falls mit dem damals erwähnten Drachen überhaupt jener auf der Turmspitze gemeint war, aber ist es auszuschließen, dass gestalterische Elemente bei solchen Figuren die Zeit überdauert haben?

Danke für die Links. Die Geschichte des Graoully von Metz muss ich mir genauer anschauen. Doch scheint es mir jetzt schon eine typischere Drachen-Legende zu sein, als die Geschichte um den Import einer Figur aus Konstantinopel.
 
Es ist ja nicht so, dass es keine anderen Drachen aus dem 14. Jh. auf Turmspitzen gibt. Nur sind die kleiner und sehen anders aus.

Da hätten wir z.B. den Drachen auf dem Turm der Tuchhallen von Ypern. Laut Bürgermeister von Ypern eine exakte Replik des ursprünglichen Drachen aus dem 14. Jh.
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Er gleicht dem Drachen auf dem Belfried von Tournai, vermutlich auch aus dem 14. Jh.
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Die eigentümliche Form des Drachens von Gent könnte auch dadurch entstanden sein, dass man von ihm zu besonderen Gelegenheiten Feuerwerk entfachen wollte.
Angeblich so geschehen 1595 nach der Eroberung Cambrais durch Spanien. Danach immer wieder, zuletzt 1819.
Ob sich die Form des Drachen von Gent zum vornherein besonders gut dafür eignete oder sie zu diesem Zweck so gestaltet wurde, weiß ich nicht.

Feuerwerk von Drachen auf Turmspitzen abzufeuern ist mMn keine gute Idee, doch die Liste der aufgezeichneten Feuerwerke lässt darauf schließen, dass die Genter keine Gelegenheit dafür ausgelassen haben.
1625 Eroberung von Breda (einhundertacht Feuerpfeile vom Drachen abgefeuert)
1625 Geburt María Eugenia von Spanien (Feuerwerk drei Tage lang)
1629 Geburt Baltasar Carlos von Spanien
1637 Krönung Ferdinands III.
1648 Friede von Münster
1683 Aufhebung der Belagerung Wiens durch die Türken
1700 Krönung Philipp V. von Spanien
1709 Einzug des Herzogs von Marlborough
1741 Geburt des späteren Kaisers Joseph II.
1767 700 Jahre Heiliger Makarius
1819 Besuchs des Prinzen von Oranien

oder ist das jetzt zuviel Lokal-/Regionalgeschichte?
 
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