Der Ring des Polykrates?

Eumolp

Aktives Mitglied
Bei meinen jahrzehntelangen Studien zur Spätantike bin ich auf folgende 3 Anekdoten gestoßen, die ich kurz vorstellen will. Der Zeitraum, in dem sie spielen, ist ungefähr 440-450. Einmal spielt Theodosius II mit, dann Aetius, Attila und Aspar und schließlich Valentinian III und Petronius Maximus.

1. Apfel-Anekdote

Es geht um einen angeblichen Seitensprung Eudocias (= Ehefrau von Theodosius II) mit Paulinus, einem engen Jugendfreund des Kaisers. Ein Apfel spielt die Hauptrolle. Klar: Apfel = Liebe, aber auch Apfel = Entzweiung (Trojanischer Krieg). Quelle ist Chronicon Paschale zum Jahr 444:

444 ... In this year, when the emperor Theodosius went in procession to church on the Feast of the Holy Epiphany, it happened that the magister Paulinus had an affliction of the foot and stayed away from the procession and made his excuses. And a certain poor man presented to the emperor Theodosius a Phrygian apple, quite exceptionally enormous. And the emperor was astounded and all the senate, and immediately the emperor gave the poor man 150 nomismata and sent the apple to the Augusta Eudocia, and the Augusta sent it to Paulinus, the magister and friend of the emperor. But the same magister, not knowing that the emperor sent it to the Augusta, himself again sent it to the emperor Theodosius, as he departed from the church. And the emperor received it in the absence of the Augusta, and he hid it away, summoned the Augusta and asked her, 'Where is the apple which I sent to you?'. And she said, 'I ate it.' And he made her swear by his own salvation whether she had eaten it or sent it to someone. And she swore that she had sent it to no-one, but had eaten it herself. And he gave a command and the apple was brought, and he showed her it. And between them there came about a separation and a breach. (Chron. Pasch. 444)

Wir haben hier: Theodosius gibt Apfel an Eudocia gibt Apfel an Paulinus gibt Apfel an Theodosius.

2. Zwerg Zerkon

Der Zwerg Zerkon war ein Hofnarr. Er wurde Aspar von Bleda geraubt, kam nach seinem Tod zu seinem Bruder (und Mörder) Attila, der wiederum schenkte ihn Aetius und der Aspar. Quelle ist Priscus:

Zercon: a Scythian so-called, but a Moor by origin. Because of his physical deformity and the laughter which his stammering and his general appearance caused ... he was presented to Aspar, the son of Ardabur, when he was in Libya. When the barbarians attacked Thrace, he was captured and taken to the Scythìan kings. Attila could not stand the sight of him, but Bleda was most pleased by him, not only when he was saying amusing things but even when he was not, because of the strange movements of his body as he walked. ... After his death Attila gave Zercon as a gift to Aetius, the general of the western Romans, who sent him back to Aspar. (Priscus fr. 13.2 Blockley)

Aspar gibt Zerkon an Bleda gibt Zerkon an Attila gibt Zerkon an Aetius gibt Zerkon an Aspar. Zur Info: Aspar wurde später von Kaiser Leo I ermordet, allerdings nicht mit eigener Hand, weshalb ich ihn in den einschlägigen Faden leider nicht einfügen konnte.

3. Würfelspiel bei Valentinian III

Petronius Maximus (ein Senator, später Kaiser) gibt Ring an Valentinian, der wiederum will Maximus' Frau betören und betrügt Maximus. Später wird Maximus Valentinian umbringen, zuvor muss er Aetius aus dem Weg räumen, was aber wahrscheinlich auf eine andere Heiratsbeziehung zurückgeht. Quelle ist Johannes von Antiochia:

Valentinian, having fallen in love with the wife of Maximus … used to play at dice with him. When Maximus lost and was unable to pay, the emperor took his ring. Rising, he gave it to one of Maximus’ friends so that the man showed it to Maximus’ wife and, as though from her husband, ordered her to come to the palace to dine with him there. She came, thinking this the truth, and when it was announced to the emperor, he arose and without Maximus’ knowledge seduced her. After the lovemaking the wife went to meet her husband as he came, wailing and reproaching him as her betrayer. When he learned the whole story, he nursed his anger at the emperor. Knowing that while Aetius was alive he could not exact vengeance, he laid plans through the emperor’s eunuchs to destroy Aetius. [Joh. Antioch. fr. 200.1 Müller FHG = fr. 293.1 Roberto]

Max. => Val. => Max's Freund => Max's Frau => Max.
Diese Ringstruktur ist nicht so ganz einfach, die Handlungen sind unterschiedlich. Dennoch der "Ring" kommt in Form eines Attentats zu Maximus zurück. Tatsächlich wird Val. von Maximus ermordet, der heiratet auch gleich seine Witwe: Valentinians Herrlichkeit ist dahin.

4. Herodot und der Untergang

Auffällig ist die Ringstruktur aller 3 Geschichten, und dass es eher böse endet (evtl. nicht in der Anekdote, aber im historischen Kontext). Aber das Hauptmerkmal ist natürlich: am Schluss ist derselbe Zustand erreicht wie am Anfang. Interessant auch, dass diese Anekdoten ungefähr zur selben Zeit spielen (nicht unbedingt aufgeschrieben wurden). IMO ist das Vorbild Herodots bekannte Erzählung vom Ring des Polykrates (von Schiller aufgegriffen), den ich hier nicht wie die anderen Zitate mühsam abtippe, sondern auf die Übersetzung verweise: Der Ring des Polykrates: Herodot 3,39-42

Eine Interpretation von mir wäre, dass der Untergang des Römischen Reichs damit symbolisiert sein könnte, im Schicksal berühmter Männer eben dieser Zeit (Valentinian, Theodosius, Aetius), wie ja auch der Ring des Polykrates dessen Untergang darstellt ("Denn ich habe noch von niemandem gehört, der zuletzt nicht ein schlimmes Ende genommen und alles verloren hätte..."). Die Erzähler aber haben diesen Untergang sehr wohl erlebt und kannten wohl auch die Texte der anderen Historiker.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem diese Strukturähnlichkeiten aufstoßen, jedoch bin ich noch nie auf eine solche Zusammenstellung gestoßen. Das wäre dann eine Frage an die Runde: gibt es Leute, denen das auch aufgefallen ist, vielleicht in einem Zeitschriftenartikel? Ist denn meine Interpretation überhaupt korrekt? Eine weitere Frage wäre, ob es noch mehr solcher Ring-Geschichten gibt, die ich nicht kenne.
 
Zuletzt bearbeitet:
Mir ist das noch nie aufgefallen, und die Parallelen (auch die mit Herodots Schilderung) erscheinen mir eher gesucht.

In der Apfel-Anekdote kehrt der Apfel durch einen dummen Zufall bzw. ein dummes Missgeschick zum Kaiser zurück.
In der Zwerg-Anekdote wird Zerkon zunächst einfach weitergereicht. Aetius hingegen scheint ihn bewusst seinem ursprünglichen "Besitzer" zurückgeschickt zu haben. Also kein Zufall.
In der Würfel-Anekdote kommt eigentlich gar nichts zu seinem Ursprung zurück.
In der Ring-Anekdote kehrt der Ring wiederum durch Zufall zu Polykrates zurück. Anders als in der Apfel-Anekdote wird er allerdings nicht weitergereicht, sondern der Tyrann wirft ihn ins Meer und erhält ihn ein paar Tage später im Bauch eines Fisches zurück.

Dass etwas zurückkehrt, ist nicht so außergewöhnlich: A verliert seinen Ring, B findet ihn, gibt ihn im Fundbüro ab, A wendet sich ans Fundbüro und erhält seinen Ring zurück.
 
Zuletzt bearbeitet:
obwohl ein Gutteil der relevanten Akteure gekillt wurde? Eher scheint mir, dass sich die Lage trotz dergleichen Mördereien nicht verbessert hatte, oder übersehe ich was?
Was das relevante "Objekt" der Geschichte betrifft (wenn man Zerkon als "Objekt" benennen darf), kehrt dieses wieder zum Ausgangspunkt zurück. In allen 4 Geschichten. Der Zustand am Ende hat sich aber in der Tat verändert, insofern habe ich mich falsch ausgedrückt: es hat das "Subjekt" nicht glücklich gemacht, sondern sein Schicksal erfüllt.

Dass etwas zurückkehrt, ist nicht so außergewöhnlich: A verliert seinen Ring, B findet ihn, gibt ihn im Fundbüro ab, A wendet sich ans Fundbüro und erhält seinen Ring zurück.
Sicher, aber ich finde, du siehst das zu realistisch. Ich glaube nicht, dass sich irgendeine Geschichte so zugetragen hat, am allerwenigsten die von Polykrates, wenn es auch wohl überall einen realistischen Kern gibt. Die Geschichten sind IMO moralische Belehrungen, die 3 evtl. auf Rom gemünzt, allegorisch auf dessen Untergang, was ihre ähnliche formale Struktur andeutet. Realistisch nur zum Teil. Z.B. versteht man die Ermordung des Aetius eher als dessen Forderungen wegen der Heirat seines Sohnes Gaudentius mit Placidia, Val.'s Tochter. Die Sache mit dem Würfelspiel kommt mir einfach nur als eine wohlfeile Geschichte vor, die uns belehren will: Petronius, der Drahtzieher am Band Daher haben die 3 Geschichten historisch gesehen wenig Bedeutung. Am realistischsten erscheint die Geschichte um Zerkon. Aber kann man wirklich, wie ein Herr Zecchini (Aezio, eine Monographie zu Aetius) meint, daraus diplomatische Beziehungen zwischen Aetius - Aspar - Attila ableiten? Nö, ganz sicher nicht.

Moralische Belehrungen waren in der Spätantike weit verbreitet, üblicherweise im christlichen Kontext, hier einmal - ausnahmsweise - im klassischen. Mein "Schlüsselerlebnis" für solche Geschichten ist eine Episode in Augustinus' Bekenntnissen, wo er von einem Apfeldiebstahl in seiner Kindheit erzählt. Ich habe ein paar Wochen gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es sich hierbei nicht um einen Schwank in seiner Kindheit handelt, sondern um die Geschichte der Erbsünde, wobei offenbar der Apfel schon damals als die Frucht am Baum der Erkenntnis galt (was er laut Bibel nicht ist).
 
Zuletzt bearbeitet:
Was das relevante "Objekt" der Geschichte betrifft (wenn man Zerkon als "Objekt" benennen darf), kehrt dieses wieder zum Ausgangspunkt zurück. In allen 4 Geschichten.
In der Würfelspiel-Geschichte kommt der Ring doch gar nicht zurück. Valentinian benutzt ihn nur, um Maximus' Frau anzulocken. Weiter hat der Ring in der Geschichte keine Bedeutung.
Dass ein Mann die Ehefrau eines anderen verführt und der betrogene Ehemann auf Rache sinnt, ist nicht so ungewöhnlich. In allen solchen Fällen kehrt dann, wenn man so will, gewissermaßen die Tat zum Verführer zurück.
 
Mein "Schlüsselerlebnis" für solche Geschichten ist eine Episode in Augustinus' Bekenntnissen, wo er von einem Apfeldiebstahl in seiner Kindheit erzählt. Ich habe ein paar Wochen gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es sich hierbei um die Geschichte der Erbsünde handelt, wobei offenbar der Apfel schon damals als die Frucht am Baum der Erkenntnis galt (was er laut Bibel nicht ist).
Das geht ja auch auf die lateinische Übersetzung zurück: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: bonum et malum.
malum
(kurzes a) = 'das Böse'
mālum (langes ā) = 'Apfel'
Im Schriftbild ist das nicht erkennbar. Und so ist mit den lateinischen Bibelübersetzungen der Apfel in die Geschichte von der Erbsünde gekommen.

Vetus Latina:
et praecepit Dominus Deus Adae dicens: Ab omni ligno quod est in paradiso, edes ad escam. De lignum autem cognoscendi bonum et malum, non manducatibus de illo, qua die autem ederitis ab eo, morte moriemini.​
Vulgata:
Praecepitque ei dicens: Ex omni ligno paradisi comede. De ligno autem scientiae boni et mali ne comedas, in quicunque enim die comederis ex eo mortis morieris​

In der Ring-Anekdote kehrt der Ring wiederum durch Zufall zu Polykrates zurück. Anders als in der Apfel-Anekdote wird er allerdings nicht weitergereicht, sondern der Tyrann wirft ihn ins Meer und erhält ihn ein paar Tage später im Bauch eines Fisches zurück.

Interessant. Das Wappen der Diözese Glasgow geht auf mehrere Ereignisse zurück, die dem Hl. Kentigern/Mungo passiert sein sollen. So soll er als Novize mal Nachtwache gehabt haben und eingeschlafen sein, das Feuer ging darüber aus und verglühte. Mit frischen Haselzweigen gelang es ihm ein Feuer zu entfachen. Dann soll er ein Rotkehlchen, das Mitschüler von ihm getötet hatten, wieder zum Leben erweckt haben und schließlich soll ein schottischer Lokalkönig seiner Frau den Ring gestohlen und in den Fluss geworfen haben. Dann warf er seiner Frau Ehebruch vor. Sie solle ihm den Ring präsentieren. Die arme Frau ging zu St. Kentigern, mittlerweile Bischof, der daraufhin einen seiner Novizen zum Angeln schickte. Als der mit dem Fisch wiederkam, schnitt St. Kentigern diesen auf und zum Vorschein kam der Ring, den die Königin nun dem König präsentieren konnte. Im Wappen von Glasgow wird das mit einem Fisch mit einem Ring im Maul dargestellt.
 
Die Geschichten sind IMO moralische Belehrungen, die 3 evtl. auf Rom gemünzt, allegorisch auf dessen Untergang, was ihre ähnliche formale Struktur andeutet.
Trotz aller kriegerischer Wirren (Barbaren 406 über den Rhein, Attila, Aetius (katalaunische Felder), Theoderich vs Odoakar) hatte man in der Spätantike nicht den Eindruck, dass Rom bzw das Imperium untergegangen sei oder gerade untergehe (Demandt, Wolfram) Schon das berühmte "Roma capta" fand einer der Kaiser nicht so schlimm, als er erfuhr, dass es sich nur um die Stadt, nicht um seinen Lieblingshahn handele (!)
 
Iohannes von Antiochia schrieb allerdings erst im 6. oder 7. Jhdt., das "Chronicon Paschale" wurde im 7. Jhdt. verfasst. Beide Quellen berichteten also aus deutlicher zeitlicher Distanz im Rückblick. Bereits der ebenfalls im 6. Jhdt. schreibende Marcellinus Comes hatte zum Jahr 476 vermerkt, dass das "westliche Reich des römischen Volkes" "untergegangen" sei.
Die Geschichten sind IMO moralische Belehrungen, die 3 evtl. auf Rom gemünzt, allegorisch auf dessen Untergang, was ihre ähnliche formale Struktur andeutet.
Was soll denn die moralische Belehrung in der Zerkon-Geschichte sein? Zerkon wird einfach wie ein Objekt herumgereicht. Zwar fanden alle seine "Besitzer" ein unschönes Ende, aber nicht wegen der Sache mit Zerkon und zum Teil erst viel später. Was sie mit Zerkon machten, hatte keine Auswirkung auf ihr Schicksal.
 
Zuletzt bearbeitet:
Zurück
Oben