Bei meinen jahrzehntelangen Studien zur Spätantike bin ich auf folgende 3 Anekdoten gestoßen, die ich kurz vorstellen will. Der Zeitraum, in dem sie spielen, ist ungefähr 440-450. Einmal spielt Theodosius II mit, dann Aetius, Attila und Aspar und schließlich Valentinian III und Petronius Maximus.
1. Apfel-Anekdote
Es geht um einen angeblichen Seitensprung Eudocias (= Ehefrau von Theodosius II) mit Paulinus, einem engen Jugendfreund des Kaisers. Ein Apfel spielt die Hauptrolle. Klar: Apfel = Liebe, aber auch Apfel = Entzweiung (Trojanischer Krieg). Quelle ist Chronicon Paschale zum Jahr 444:
Wir haben hier: Theodosius gibt Apfel an Eudocia gibt Apfel an Paulinus gibt Apfel an Theodosius.
2. Zwerg Zerkon
Der Zwerg Zerkon war ein Hofnarr. Er wurde Aspar von Bleda geraubt, kam nach seinem Tod zu seinem Bruder (und Mörder) Attila, der wiederum schenkte ihn Aetius und der Aspar. Quelle ist Priscus:
Aspar gibt Zerkon an Bleda gibt Zerkon an Attila gibt Zerkon an Aetius gibt Zerkon an Aspar. Zur Info: Aspar wurde später von Kaiser Leo I ermordet, allerdings nicht mit eigener Hand, weshalb ich ihn in den einschlägigen Faden leider nicht einfügen konnte.
3. Würfelspiel bei Valentinian III
Petronius Maximus (ein Senator, später Kaiser) gibt Ring an Valentinian, der wiederum will Maximus' Frau betören und betrügt Maximus. Später wird Maximus Valentinian umbringen, zuvor muss er Aetius aus dem Weg räumen, was aber wahrscheinlich auf eine andere Heiratsbeziehung zurückgeht. Quelle ist Johannes von Antiochia:
Max. => Val. => Max's Freund => Max's Frau => Max.
Diese Ringstruktur ist nicht so ganz einfach, die Handlungen sind unterschiedlich. Dennoch der "Ring" kommt in Form eines Attentats zu Maximus zurück. Tatsächlich wird Val. von Maximus ermordet, der heiratet auch gleich seine Witwe: Valentinians Herrlichkeit ist dahin.
4. Herodot und der Untergang
Auffällig ist die Ringstruktur aller 3 Geschichten, und dass es eher böse endet (evtl. nicht in der Anekdote, aber im historischen Kontext). Aber das Hauptmerkmal ist natürlich: am Schluss ist derselbe Zustand erreicht wie am Anfang. Interessant auch, dass diese Anekdoten ungefähr zur selben Zeit spielen (nicht unbedingt aufgeschrieben wurden). IMO ist das Vorbild Herodots bekannte Erzählung vom Ring des Polykrates (von Schiller aufgegriffen), den ich hier nicht wie die anderen Zitate mühsam abtippe, sondern auf die Übersetzung verweise: Der Ring des Polykrates: Herodot 3,39-42
Eine Interpretation von mir wäre, dass der Untergang des Römischen Reichs damit symbolisiert sein könnte, im Schicksal berühmter Männer eben dieser Zeit (Valentinian, Theodosius, Aetius), wie ja auch der Ring des Polykrates dessen Untergang darstellt ("Denn ich habe noch von niemandem gehört, der zuletzt nicht ein schlimmes Ende genommen und alles verloren hätte..."). Die Erzähler aber haben diesen Untergang sehr wohl erlebt und kannten wohl auch die Texte der anderen Historiker.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem diese Strukturähnlichkeiten aufstoßen, jedoch bin ich noch nie auf eine solche Zusammenstellung gestoßen. Das wäre dann eine Frage an die Runde: gibt es Leute, denen das auch aufgefallen ist, vielleicht in einem Zeitschriftenartikel? Ist denn meine Interpretation überhaupt korrekt? Eine weitere Frage wäre, ob es noch mehr solcher Ring-Geschichten gibt, die ich nicht kenne.
1. Apfel-Anekdote
Es geht um einen angeblichen Seitensprung Eudocias (= Ehefrau von Theodosius II) mit Paulinus, einem engen Jugendfreund des Kaisers. Ein Apfel spielt die Hauptrolle. Klar: Apfel = Liebe, aber auch Apfel = Entzweiung (Trojanischer Krieg). Quelle ist Chronicon Paschale zum Jahr 444:
444 ... In this year, when the emperor Theodosius went in procession to church on the Feast of the Holy Epiphany, it happened that the magister Paulinus had an affliction of the foot and stayed away from the procession and made his excuses. And a certain poor man presented to the emperor Theodosius a Phrygian apple, quite exceptionally enormous. And the emperor was astounded and all the senate, and immediately the emperor gave the poor man 150 nomismata and sent the apple to the Augusta Eudocia, and the Augusta sent it to Paulinus, the magister and friend of the emperor. But the same magister, not knowing that the emperor sent it to the Augusta, himself again sent it to the emperor Theodosius, as he departed from the church. And the emperor received it in the absence of the Augusta, and he hid it away, summoned the Augusta and asked her, 'Where is the apple which I sent to you?'. And she said, 'I ate it.' And he made her swear by his own salvation whether she had eaten it or sent it to someone. And she swore that she had sent it to no-one, but had eaten it herself. And he gave a command and the apple was brought, and he showed her it. And between them there came about a separation and a breach. (Chron. Pasch. 444)
Wir haben hier: Theodosius gibt Apfel an Eudocia gibt Apfel an Paulinus gibt Apfel an Theodosius.
2. Zwerg Zerkon
Der Zwerg Zerkon war ein Hofnarr. Er wurde Aspar von Bleda geraubt, kam nach seinem Tod zu seinem Bruder (und Mörder) Attila, der wiederum schenkte ihn Aetius und der Aspar. Quelle ist Priscus:
Zercon: a Scythian so-called, but a Moor by origin. Because of his physical deformity and the laughter which his stammering and his general appearance caused ... he was presented to Aspar, the son of Ardabur, when he was in Libya. When the barbarians attacked Thrace, he was captured and taken to the Scythìan kings. Attila could not stand the sight of him, but Bleda was most pleased by him, not only when he was saying amusing things but even when he was not, because of the strange movements of his body as he walked. ... After his death Attila gave Zercon as a gift to Aetius, the general of the western Romans, who sent him back to Aspar. (Priscus fr. 13.2 Blockley)
Aspar gibt Zerkon an Bleda gibt Zerkon an Attila gibt Zerkon an Aetius gibt Zerkon an Aspar. Zur Info: Aspar wurde später von Kaiser Leo I ermordet, allerdings nicht mit eigener Hand, weshalb ich ihn in den einschlägigen Faden leider nicht einfügen konnte.
3. Würfelspiel bei Valentinian III
Petronius Maximus (ein Senator, später Kaiser) gibt Ring an Valentinian, der wiederum will Maximus' Frau betören und betrügt Maximus. Später wird Maximus Valentinian umbringen, zuvor muss er Aetius aus dem Weg räumen, was aber wahrscheinlich auf eine andere Heiratsbeziehung zurückgeht. Quelle ist Johannes von Antiochia:
Valentinian, having fallen in love with the wife of Maximus … used to play at dice with him. When Maximus lost and was unable to pay, the emperor took his ring. Rising, he gave it to one of Maximus’ friends so that the man showed it to Maximus’ wife and, as though from her husband, ordered her to come to the palace to dine with him there. She came, thinking this the truth, and when it was announced to the emperor, he arose and without Maximus’ knowledge seduced her. After the lovemaking the wife went to meet her husband as he came, wailing and reproaching him as her betrayer. When he learned the whole story, he nursed his anger at the emperor. Knowing that while Aetius was alive he could not exact vengeance, he laid plans through the emperor’s eunuchs to destroy Aetius. [Joh. Antioch. fr. 200.1 Müller FHG = fr. 293.1 Roberto]
Max. => Val. => Max's Freund => Max's Frau => Max.
Diese Ringstruktur ist nicht so ganz einfach, die Handlungen sind unterschiedlich. Dennoch der "Ring" kommt in Form eines Attentats zu Maximus zurück. Tatsächlich wird Val. von Maximus ermordet, der heiratet auch gleich seine Witwe: Valentinians Herrlichkeit ist dahin.
4. Herodot und der Untergang
Auffällig ist die Ringstruktur aller 3 Geschichten, und dass es eher böse endet (evtl. nicht in der Anekdote, aber im historischen Kontext). Aber das Hauptmerkmal ist natürlich: am Schluss ist derselbe Zustand erreicht wie am Anfang. Interessant auch, dass diese Anekdoten ungefähr zur selben Zeit spielen (nicht unbedingt aufgeschrieben wurden). IMO ist das Vorbild Herodots bekannte Erzählung vom Ring des Polykrates (von Schiller aufgegriffen), den ich hier nicht wie die anderen Zitate mühsam abtippe, sondern auf die Übersetzung verweise: Der Ring des Polykrates: Herodot 3,39-42
Eine Interpretation von mir wäre, dass der Untergang des Römischen Reichs damit symbolisiert sein könnte, im Schicksal berühmter Männer eben dieser Zeit (Valentinian, Theodosius, Aetius), wie ja auch der Ring des Polykrates dessen Untergang darstellt ("Denn ich habe noch von niemandem gehört, der zuletzt nicht ein schlimmes Ende genommen und alles verloren hätte..."). Die Erzähler aber haben diesen Untergang sehr wohl erlebt und kannten wohl auch die Texte der anderen Historiker.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem diese Strukturähnlichkeiten aufstoßen, jedoch bin ich noch nie auf eine solche Zusammenstellung gestoßen. Das wäre dann eine Frage an die Runde: gibt es Leute, denen das auch aufgefallen ist, vielleicht in einem Zeitschriftenartikel? Ist denn meine Interpretation überhaupt korrekt? Eine weitere Frage wäre, ob es noch mehr solcher Ring-Geschichten gibt, die ich nicht kenne.
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