Deutschschweizer wollen nicht hören, dass sie alemannisch sprechen

Das Wort alemannisch bezieht sich auf die Sprache.
Aber erst seit Johann Peter Hebel, der bezog es auf den südbadischen Dialekt. Später wurde es für von Sprachwissenschaftlern auch die Nachbardialekte übernommen. Die Etiketten, die sich die Sprachwissenschaftler ausgedacht haben, sind den jeweiligen Dialektsprechern in aller Regel wurscht. Die Kölner bezeichnen ihre Mundart als "Kölsch", und nicht als "ripuarisch", und wenn jemand von außen kommt und sagt: "Nein, nein, ihr sollt doch eure Mundart bitteschön ripuarisch nennen, so und nicht anders ist es korrekt", dann werden sie dem den Vogel zeigen.
 
Es gibt Deutschschweizer, und da zähle ich mich dazu, die ganz selbstverständlich ihren Dialekt sprachwissenschaftlich zu den alemannischen zählen. Andere Deutschschweizer finden dafür höchstens ein "Hä?", weil sie davon noch nichts gehört haben.

Im 18. Jh. befassten sich deutsche Autoren mit den deutschen Dialekten, stellten Schwäbisch neben Elsässisch und "Schweizerisch" und sahen Alemannisch als (nicht mehr existierende) Ursprache dieser.
Ueber die beiden Hauptdialecte der Teutschen Sprache, Friedrich Carl Fulda, 1773 (siehe "Stammbaum" der Sprachen Seite 60)
Der teutsche Sprachforscher, Johann Jakob Heinrich Nast, 1777 (diverse Erwähnungen von "schweizerisch")
"Schweizerisch" als Sammelbegriff für die dortigen Dialekte gab es also schon relativ früh für ein Land, in dem damals die Kanzleisprache als "Eidgenössische Landsprach" bezeichnet wurde.

Anzumerken ist noch das "Schwyzerisch" mit y eigentlich nur für den markanten Dialekt rund um den Hauptort Schwyz im Kanton Schwyz benutzt werden sollte, wo man Polizei als Polizii und Bleistift als Bliischtift ausspricht, also viel öfter aus ei ein ii gemacht wird, als anderswo in der Schweiz. Persönlich ziehe ich darum die Schreibweise "Schwiizerdüütsch" für Schweizerdeutsch vor.
 
Der Bezeichnung "alemannisch" ist ein Begriff
  • der außerhalb der Schweiz entworfen wurde und verwendet wird, den Schweizern aber fremd ist.
  • Er betont eine Gemeinsamkeit, die es so nicht gibt.
  • Er verwischt die innerschweizer Unterschiede, die im Selbstverständnis und im Alltagsleben eine viel größere Rolle spielen.
  • Für einen Deutschschweizer ist die Unterscheidung Schweiz-Nichtschweiz die viel wichtigere.
  • Schweizer und Nicht-Schweizer trennt auch eine seit Jahrhunderten ganz andere politische Kultur.
  • Die Betonung einer alemannischen Gemeinsamkeit kann auch als "Heim ins Reich!" verstanden werden.
  • Im Vergleich zum Röstigraben ist die deutsch-schweizer Grenze eher ein Grand Canyon.
Ich muss allerdings zugeben, dass ich so gut wie nichts über das Selbstverständnis und die Selbst-Definition der Bevölkerung nördlich der Grenze weiß. Auch das Selbstverständnis und Abgrenzung der Romandie gegenüber dem nahen Frankreich ist mir nicht bekannt.
Mir geht’s nicht um Politik, sondern um Linguistik.
 
Als Bezeichnung für alle westoberdeutschen Dialekte setzte sich "Alemannisch" ohnehin erst im 19. Jh. durch - zweifellos auch ein Bezug auf die Völkerwanderungszeit, in welcher man damals die Entstehung der "deutschen Stämme" verortete. Man hätte vor Ort die traditionelle Bezeichnung des jeweils eigenen Dialekts also geradezu bewusst ändern müssen.
Ja, Alemannisch als Begriff ist ein Late.Comer. Bairisch ist da besser dran.
Ich sehe es so: die Alemannisch.Sprecher sind Teil einer großen Sprachfamilie, die aber meist von ihrer Verwandschaft nix wissen. Schad drum.

Btw …. Ich finde den Begriff Alemannisch netter und menschlicher als das farblose Wort Westoberdeutsch.
 
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Korrekterweise müsste man Bairisch schreiben, denn der Freistaat Bayern und die bayrischen Dialekte sind alles andere als kongruent.
Die meisten Sprecher des Bairischen leben außerhalb Bayerns, und sie bezeichnen sich selber auch höchst selten als Baiern, geschweige denn ihre Mundart als bairisch.
Da hast du sehr recht.
Normalerweise mache ich auch einen Unterschied in der Schreibung zwischen Staat und Mundart. Habe es nun editiert.

Ja, die Österreicher hören es auch nicht gerne, dass sie Bairisch reden würden.
 
Ich kann es nur von Südtirol sagen, und nur im aktuelleren oder nicht allzuweit zurückliegenden Sprachgebrauch:

  • "Die Deitschen"
  • "Die Schwaben" (und da waren sogar Schweizer mit gemeint!)
  • "Unsri Leit" (so wie ich das auch im Elsass gehört hatte)
 
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Meine Frage galt dem alten Herzogtum Alemannien, etwa zur Zeit als die Alemannen den Limes überschritten.
 
Nicht das Bairische, sondern die Sprache im Reg Bez Schwaben in Bayern

Plus Liechtenstein und Vorarlberg und Teile von Tirol.
Jau...
Die Titelung des Fadens und den Faden, den Du, @Linde , ediert hast, stammt von Dir. Daher nochmals die Frage, was Dich speziell auf das Schweizerdeutsch fokussiert hat.
Der elsässer Volksmund nennt die eigene 'Sproch' elsässisch - und der schwäbische 'schwäbisch'.
Und im Vorarlberg?

Es wird doch wohl nicht um die Restauration des früheren alemannischen Stammesherzogtums gehen oder um heutige legitime Ansprüche, die vermeintlich dadurch teils vertuscht oder ignoriert werden, dass die betreffenden alemannischen Dialekte nicht überall als 'alemannisch' bezeichnet werden....:)
 
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