Die Griechen im Atlantik

Ich halte solche eklatanten Fehlleistungen für Kopierfehler.
So einfach kann man es sich nicht machen. Bei antiken Geographen stimmen nicht nur viele Längen- und Entfernungsangaben nicht (was man in der Tat auf Kopierfehler zurückführen könnte), sondern auch sonstige Positionsbestimmungen. Z.B. war bei den antiken Geographen die Ansicht verbreitet, Byzantion und Massalia würden auf demselben Breitengrad liegen (was nicht stimmt). Das kann man nicht auf einen Überlieferungsfehler zurückführen.
 
Ah, weil die Autoren von Germania und die Insel Thule an manchen Stellen daneben lagen, ist auch alles andere nichts wert?

Du hast es nicht verstanden. Es geht nicht darum, dass die Autoren "an manchen Stellen" danebenlagen, sondern dass hier methodisch Unfug getrieben wird. Es geht auch nicht um Kopistenfehler!

Exkurs:
Jeder, der sich mit dem Werk von Ptolemaios mal ein wenig beschäftigt hat, weiß, dass es hier von Kopistenfehlern wimmelt, es kann auch kaum anders sein, weil das Buch größtenteils aus nie gehörten Namen und Zahlen besteht. Wenn ich versuche, eine Seite des Telefonbuchs von Tallinn abzuschreiben, wird die Abschrift haufenweise Buchstaben- und Zahlendreher enthalten, die ich gar nicht bemerke. Wenn ich hingegen eine in gepflegtem Deutsch verfasste Reisebeschreibung abschreibe, werden mir die meisten Fehler verhältnismäßig schnell auffallen. Und Wenn Diodor das britische Dreieck mit 7.500+15.000+20.000 = korrekt 42.500 Stadien angibt, dann weiß ich, dass da kein Zahlendreher drinsteckt, und wenn Strabon die Summe von "mehr als 40.000 Stadien" bestätigt, bleibt kein Spielraum, sich auf Zahlendreher herauszureden.
Das alles bezieht sich jetzt aber nicht auf Kleineberg, Lelgemann & Co.
Ende des Exkurses.

Schon die Ausgangsthese, es gäbe bei Ptolemaios systematische Verzerrungen, die sich ebenso systematisch entzerren lassen, darf als widerlegt gelten. Am Beispiel Noricum habe ich gezeigt, dass Ptolemaios rund ein Drittel der heute noch gut identifizierbaren Orte korrekt positioniert hat, zwei Drittel der Orte dagegen falsch. Welche der Fehler schon in seiner Vorlage enthalten waren, welche Fehler er selbst begangen hat und welche Fehler auf seine Abschreiber zurückzuführen sind, spielt keine Rolle, denn die überlieferten Koordinaten sind unser Material, mit diesem müssen wir arbeiten. Und wenn sich herausstellt, dass das Material so chaotisch ist, dass es durch eine "systematische Entzerrung" nicht ins Lot zu bekommen ist, sondern nur noch größerer Unfug herauskommt, dann ist halt die Ausgangsthese widerlegt.

Zumindest für den Teil der Welt, in dem sich die Angaben überprüfen lassen. Das antike Martigny lag halt nicht in Tirol, das antike Zarten lag nicht am Kaiserstuhl und das antike Salzburg lag auch nicht an der Donau, und wenn die Autoren solche unsinnigen Lokalisierungen benötigen, um ihre These zu retten, dann braucht die These auch nicht gerettet zu werden.

Und für diejenigen Teile der Welt, wo eine Überprüfung gar nicht möglich ist (das betrifft die Gemania Magna, aber erst recht noch weiter entferntere Regionen) sind dann nur noch Spekulationen am Werk. Da kann man mit Pytheas und Ptolemaios frei jonglieren, und da beginnt dann Dein frommer Glaube und da endet mein wissenschaftliches Interesse.

Und dann geht es fast nur noch darum, welchen (antiken) Autoren glaubt man mehr.
Nein, es geht nicht um Glauben. Es geht auch nicht um Autor(ität)en, sondern es geht um Sachfragen. Und da kann man sehr wohl feststellen, welche der Angaben bei Strabon, Ptolemaios, Eratosthenes nachweislich korrekt sind und in welchen Punkten sie sich nachweislich geirrt haben. Und bei den Fragen, die sich nicht klären lassen, wird man dann auch mal feststellen müssen, dass sie sich nun mal mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln nicht klären lassen.
Das noch so penetrante Propagieren spekulativer Hypothesen als der Weisheit letzter Schluss schafft keine Erkenntnisse.
 
Vielleicht war mit Thule ja doch Island gemeint. Zumindest im 2. Jhdt. n. Chr. Es gibt da bei Dionysios Periegetes (Dionysios von Alexandria) in dessen Gedicht über die bekannte Welt folgende Passage zu finden ist (Originalsprache: Griechisch):

§ 58 Cutting further along Ocean's long path​
in your well-built ship you would to the island of Thulis. Here, when the sun reaches the pole of the Bears, the ever-blazing fire pours out days and nights alike. For then it revolves in a more oblique orbit​

Ich weiß jetzt nicht, wie ich die Stelle zu verstehen habe, ob diese sich auf die Sonne bezieht, die so wiet im Norden (im Sommer) nicht untergeht, oder - so habe ich die Stelle zuächst verstanden - auf Vulkanismus. Aktiven Vulkanismus gab es zu dieser Zeit im Nordatlantik nur auf Island.
 
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