Die Renaissance - eine Zeit allein dominiert von den Künsten?

Dieses Thema im Forum "Krisenzeiten und Renaissance (14. - 15. Jhd.)" wurde erstellt von treppenwitz, 21. August 2008.

  1. Rafael

    Rafael Aktives Mitglied

    Ups... hast Recht. Die Notiz ist unnötig.


    Ich verstehe die Frage nicht ganz - möglicherweise weil ich nicht ganz firm in diesem Thema bin. Es geht doch darum, dass, so wie Nicole schon darstellte, Vasari in der Kunst eine Wiedergeburt der Antike sehen wollte und sich somit auch von der Gotik abwenden musste. Der gotische Stil (Mittelalter) ist "dem antiken" (Antike) Stil nicht unbedingt sehr ähnlich und liegt zeitlich ja sehr weit auseinander... und die regionale Komponente (Frankreich) verstehe ich in diesem Zusammenhang gar nicht.
    Habe ich deine Frage total falsch verstanden?:confused:
     
  2. Nicole H.

    Nicole H. Gast

    Richtig. Die französischen Kathedralen als gotisch (=barbarisch) abzustempeln, erscheint schon übertrieben.
    In Florenz Anfang des 15.Jhs. war man jedoch bestrebt, dem "importierten" Stil der Gotik, einen eigenen "ur-italienischen" entgegen zu stellen. Im Sinne eines neuen Selbstwertgefühls ging es um die Wiederentdeckung einer antiken Tradition (das Baptisterium von Florenz hielt man übrigens für römisch).



    PS: @timotheus
    Komm´, nimm mir den Domian nicht übel. :) So böse war der Scherz doch nicht, oder?


    LG Nicole
     
  3. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Gotik ist insofern barbarisch, als dass sie mit dem antiken Ideal von Einfachheit wenig zu tun hat. Man störte sich mWn an der "überladenen" Gestaltung und reich verziert ist die Oberfläche auf jeden Fall.
     
  4. Nicole H.

    Nicole H. Gast

    Richtig. Die Hinwendung zur antiken Kunst sollte etwas "reinigendes" bewirken. Zwar noch nicht im modernen Sinne, d.h. durch den Verzicht auf Ornamentik, sondern der Formenkanon wurde wieder auf die elementaren Körper reduziert (wie weitgehend in der antiken Architektur). Themen der antiken Architektur, wie Zentralbauten, Kuppeln, Architrave, klassische Säulenordnungen etc. traten wieder auf.

    LG Nicole
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 8. Oktober 2008
  5. Rafael

    Rafael Aktives Mitglied

    Und wenn die antiken Themen in Kunst und Architektur als nachahmenswerte Ideale galten, kann man mit dieser Sicht schließlich auch die gotischen Kathedralen als barbarisch einstufen. Auch wenn wir aus unserem heutigen Verständnis vielleicht anders urteilen mögen.
     
  6. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    @Rafael: Verzeih' meine verspätete Reaktion. Ich hatte überlegt: "Gotik" steht ja vor allem für Frankreich, "Renaissance" für Italien - beide Länder hatten und haben aber sehr vieles kulturell gemeinsam, weshalb mir die Antithese nicht so einleuchtete.

    Die Einstufung der Gotik als "barbarisch" war ja auch den Zeitläuften unterworfen, wie etwa Günther Binding (Was ist Gothik? [2000]) einleitend ausführt; schon ein Jahrhundert vor Vasari sei bei Valla "alles Gotische schlecht, alles Schlechte gotisch" gewesen (S. 15), und die kunstgeschichtliche "Rehabilitation" der Gotik trat wohl erst nach der Mitte des 18. Jahrhundert ein, wobei u. a. Goethe zu nennen ist.

    Bei den Zeitgenossen scheint die Renaissance-Idee vor allem eines zu sein: der Ausdruck eines anderen, neuen Selbstgefühls. Eugenio Garin schreibt: "Es ist allgemein ein polemisches Bewußtsein [sic], das natürlich nicht allein das neue Zeitalter formt, aber einige seiner Aspekte bestimmt" und sieht am Beginn zwei Beweggründe: "zur antiken Welt und zum klassischen Wissen zurückzukehren und das Ende einer Epoche der menschlichen Geschichte, der mittelalterlichen, zu proklamieren" (Die Kultur der Renaissance, in: Propyläen Weltgeschichte, Bd. 6 [1964], S. 429-534 [434]).

    Warum das gerade in Italien geschah, hat viele Gründe, unter anderem sicher den, dass dort viele Städte ihre alten Bauten bewahrt hatten und die klassische Kunst weiterlebte und immer noch Bewunderung erregte. (Auf andere Faktoren wäre noch zurückzukommen.) Vorbereitet wurde dies bereits um 1300 durch Dichter wie Petrarca, welche die "neue Zeit" so beschrieben:
    Nur schöne Seelen, die das Gute stärken
    Bewohnen dann die Welt, die golden strahlet
    Und schon und reich wird an antiken Werken (zit. ebd.)
    Etwas überspitzt gesagt: Petrarca & Co. betrieben Geschichtspolitik.:) Um die Kontroverse ein wenig zu schüren, setze ich aber nochmal bei Oswald Spengler an, der (Bd. 2, S. 355 f.) die oben erwähnte Differenz der Renaissance zur Gotik apodiktisch verneint: "Die Renaissance hat den starken Glauben der Gotik zur beständigen Voraussetzung des Weltgefühls. ... Man lasse doch endlich das Märchen von einer Erneuerung des 'Altertums' fallen. ... Der antike Mythos war ein Unterhaltungsstoff, ein allegorisches Spiel; durch seinen dünnen Schleier hindurch sah man den wirklichen, den gotischen, nicht minder scharf."

    Entscheidend ist hierbei, wie Spengler "Gotik" kultur- bzw. mentalitätsgeschichtlich einordnet, nämlich als die Zeit dreier großer Schöpfungen: des Marienkultes, des Teufelsglaubens und des Bußsakraments (S. 358). Seine These, dass die Renaissance Fleisch vom Fleisch der Gotik sei, gewinnt unter diesem - zunächst befremdlich wirkenden - Aspekt an Plausibilität: Denn "Raffael war der innigste aller Madonnenmaler; ein fester Glaube an das Teufelswesen und an die Erlösung von ihm durch die Heiligen liegt dieser ganzen Kunst und Schriftstellerei [der R.] zugrunde, und alle ohne Ausnahme, Maler, Architekten, Humanisten, mochten sie die Namen Cicero, Virgil, Venus, Apollo täglich im Munde führen, haben die Hexenbrände allabendlich als etwas ganz Natürliches betrachtet und Amulette gegen den Teufel getragen", und als Leonardo "an der heiligen Anna selbdritt arbeitete, auf der Höhe der Renaissance, wurde in Rom im besten Humanistenlatein der Hexenhammer geschrieben (1487)" (S. 356).
     
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  7. Nicole H.

    Nicole H. Gast

    Hallo jschmidt,

    diese Hinweise sind sehr wichtig. Man darf die Zeit der Renaissance nicht verklären. Es ist keineswegs so, dass die mittelalterliche Welt von einer aufklärerischen Bewegung aus der Finsternis geholt wurde. Teufelsangst, Hexenverfolgung und Aberglaube gehörten weiterhin zum Alltag (zum Teil noch extremer als zuvor).

    LG Nicole
     
  8. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Mal unterstellt, das wäre so, dann käme auch deSilvas These zum Tragen:
    Worin besteht diese "neue Rationalität", die jedenfalls in Teilbereichen - etwa unter heute so genannten "menschen-rechtlichen" Aspekten - sogar einen Rückschritt, ein Plus an Barbarei bedeuten konnte? Und wie lässt sich dieser Befund mit anderen, positiveren Hervorbringungen der Renaissance-Zeit in Beziehung setzen?

    Anders gefragt: Was war denn das Humane an den Humanisten jener Zeit?:pfeif:
     

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