Einsatz von Kavallerie

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Cheops, 15. Mai 2010.

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  1. Cheops

    Cheops Neues Mitglied

    Hallo!
    Ich frage mich schon seit längerem, ob Kavallerie wirklich so gut war, wie man im allgemeinen immer annimmt. Ich meine natürlich Kavallerie im Nahkampf, Berittene Bogenschützen waren selbstverständlich äußerst effektiv!
    Ich stelle mir das immer so vor, dass eine Abteilung Reiter im vollen Galopp auf die Reihen der gegnerischen Infanterie zu ritt, dort mit ihren Lanzen die Männer der ersten und zweiten Reihe aufspießt und die Männer dahinter niederreitet. Nur, wie weit kommen sie?
    Es dürfte doch garnicht lange dauern, bis sich die Frontlinie in einen rießigen Haufen aus niedergetrammelter Infanterie, vom Pferd gefallenen Reitern und gestürzten Pferden verwandelt hatt. Dieses Durcheinander von Leibern dürfte die Reiter in den hinteren Reihen davon abhalten weiter zu stürmen!
    Auch den Nahkampf von Reitern gegen Infanteristen stelle ich mir uneffektiv vor. Schließlich haben die Kavalleristen Hals und Kopf ihres Pferdes im Weg, und können sich so schlechter gegen Angriffe von verschiedenen Seiten wehren. Auf der anderen Seite hatte der Infanterist die Möglichkeit, die Beine des Reiters anzugreifen, oder gleich das Pferd. Wenn im Schlachtgetümmel ein Pferd stirbt, dürfte dessen Reiter doch arge Probleme bekommen, bevor er sich wieder aufrichten kann.
    Oder wurde expliziet befohlen, Pferde nicht zu töten, weil sie als Kriegsbeute zu wertvoll waren?

    Ich hoffe, ihr könnt mir bei meinen Fragen helfen!
     
  2. IronDuke

    IronDuke Neues Mitglied

    Die Frage, ob Kavallerie wirkungsvoll war kannst Du Dir selber vielleicht beantworten, indem Du Dich mal aus der "Zuschauerperspektive" der Fernsehfilme löst und Dir vorstellst, wie Du als Infanterist in erster (oder meinetwegen zweiter Linie) stehst, während ein Haufen großer Pferde mit hoher Geschwindigkeit auf Dich zugaloppiert, darauf Reiter mit schwingenden Säbel, deren Stoßkraft durch die Geschwindigkeit des Pferdes vervielfacht wird. Wenn die an Dich ran kommen, hauen die Dir und Deinen Kameraden rechts und links von Dir glatt den Kopf runter. Da geht es um Leben und Tot. Da bleibt niemand stehen, um dem einen oder anderen Reiter am "Hosenbein zu zupfen". Die einzige Chance für die Infanterie bestand auf kurze Entfernung noch darin, eine Rundum-Abwehrformation in Gestalt eines Karrees einzunehmen, was aber entsprechende Disziplin des angegriffenen Truppenteils voraussetzte. In vielen Fällen suchten die meisten Infanteristen ihr Heil in der Flucht, von panischer Angst getrieben, um nicht nieder gehauen zu werden.
    Tatsache ist allerdings auch, dass die Kavallerie nur wirkungsvoll war solange sie in der geschlossenen Formation angriff. Hatte sich der Angriffschwung erst einmal verbraucht und war der Verband in Unordnung geraten, so musste er erst neu sammeln, ehe er einen neuen Angriff ausführen konnte.
     
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  3. Cheops

    Cheops Neues Mitglied

    Aber die Psychologische Wirkung eines Kavallerieansturms betrifft doch nur die Reihen, die die Angreifer auch sehen!
    Wenn die dahinter stehenden Männer einfach stehen blieben (es setzt natürlich eine gewisse Disziplin voraus, nicht einfach weg zu laufen, wenn die Männer vor einem zu fliehen versuchen), dann rasen die Reiter doch trotzdem in den von mir geschilderten Schlamassel?
     
  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Kavallerie gab es spätestens von den Karolingern an in West und Mitteleuropa. Bis in den 2. Weltkrieg hinein. Also über 1000 Jahre. Wenn die Reiterei nicht so wirkungsvoll gewesen wäre, währe sie nach spätestens 100 Jahren wieder verschwunden. Sie hat sich natürlich im Laufe der Zeit entwickelt, genauso wie die Infanterie.

    Apvar
     
  5. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Kavallerie dient ja nicht nur zum Angriff auf dem Schlachtfeld. Einen wichtigen Aspekt wuerde ich nicht auslassen: Die Aufklærung. Das geht effektiv nur zu Pferd; dafuer braucht's berittene Einheiten.

    Zur Kavallerie wæhrend der Schlacht hat IronDuke schon gut beantwortet. Man kann es sich leicht selber ausmalen, wenn man mal das Glueck hat, die inzwischen leider selten gewordene Polizei zu Pferd "live" zu erleben.
    Oder mal bei einer Parade zu beobachten. Ich habe jedenfalls einen grossen Respekt vor diesen riesigen Tieren - das wuerde sich auch mit Gewehr in der Hand nicht ændern.

    Was Kavallerie bewirken und manchmal auch nicht bewirken kann, læsst sich bei Waterloo uebrigens ganz gut ablesen:
    Vgl. Angriff der brit. Kavallerie auf unvorbereitete, in "falscher" Formation erwischte Infanterie vs. Angriff von mehreren 1000 Kavalleristen auf vorbereitete Englænder.

    Gruss, muheijo
     
  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Und die leichte Kavallerie war auch gut um die Panik bei flüchtenden zu erhöhen. Wenn ein Reiter hinter einem verängstigtem auftaucht... Panik.
    Und als Boten zwischen den einzelnen Formationen und dem Feldherren war sie auch wichtig.

    Apvar
     
  7. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Zunächst spricht man (mit Hans Delbrück) von "Kavallerie" eigentlich erst ab der Frühen Neuzeit. Definition wäre hier
    Kavallerie:= Diszipliniert und IN FORMATION manövrierende und kämpfende Reiterei. Dann ist Kavallerie immer so gut, wie ihr eigener Ausbildungsstand, die Qualität der Pferde und der Gegner das zulassen. Wie oben schon geschrieben: gegen disziplinert im Karrée stehende Infanterie hatte Kavallerie keine Chance. (Berittene Bogenschützen waren übrigens im Nahkampf alles andere als effektiv - siehe die Geschichte des Konflikts zwischen Regnum Teutonicum (Panzerreiter) vs. die Magyaren (berittene Bogner). Solange die Magyaren genügend Raum für Abstand und Manöver hatten, waren sie im Vorteil. Sobald der Kampf auf engem Raum stattfand und die Panzerreiter den Nahkampf nicht nur suchten, sondern auch fanden, war das Ergebnis ein Blutbad!

    Um zur Kavallerie zurückzukommen: Ihr Ansatz gegen Infanterieeinheiten musste wohl überlegt sein. Entweder verließ man sich darauf, dass die Infanterie vor dem Zusammenprall auseinanderstob (gegen schlechte Infanterie) oder man hoffte das (siehe Ney bei Waterloo). Diese Hoffnung konnte trügerisch sein, dann gab's ein Blutbad unter der Angreifenden Kavallerie. Häufig genug widerstrebten unerfahrene Remonten dem reiterlichen Befehl, in die bunte Menschenmasse hineinzuspringen.
    Ihren größten Wert zeigte Kavallerie (neben Aufklärung und Schwerpunktvelagerung) bei der Verfolgung eines bereits geschlagenen Gegners. Der größte Teil der Verluste wurde der Unterlegenen Partei durch verfolgende Kavallerie zugefügt, wenn die Infanterie aufgelöst war, mit dem Rücken zum Feind (nicht mehr) stand und nicht mehr an Gegenwehr dachte. Dann war der Infanterist leichte Beute - da sein Rücken häufig noch durch seinen Tornister geschützt war, positionierte sich der Kavallerist auf einer Höhe mit dem Flüchtenden und schlug ihm den Säbel von vorn ins Gesicht.

    Ansonsten wurde Kavallerie häufig (Spanien, Irland) zur Kontrolle bereits eroberten Gebietes genutzt, da sie - wie bereits geschrieben - hoch mobil war und einen unorganisierten Gegner - wie noch weiter oben geschrieben - leicht ausienandertreiben und dann verfolgen und niedermachen konnte. Auf den Schlachtfeldern haben Kavallerie, Fußgänger und Artillerei immer "Schere, Stein, Papier" gespielt.:S
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Mai 2010
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  8. sky-

    sky- Neues Mitglied

    Zuerst sollte man zwischen Reiterei und Kavallerie unterschreiden.

    (Ich spare mir Plänkler, sondern gehe nur auf die echte Schlachtenkavallerie/Reiterei ein)

    Reiterei beschreibt den Einsatz von Reitern ohne festgefügten taktischen Körper, dass heißt es wurde nicht peinlichst genau exerziert, damit die Abteilung wie _EIN_ Mann auftritt und absolut auf Kommando agiert.

    Da bei einer Reiterei also die absolute Geschlossenheit also fehlt, liegt der Akzent viel mehr auf dem einzelnen Krieger, der Reiter ist also nur verwendbar, wenn er kampferfahren und bestenfalls noch gut ausgestattet mit Schutz und Angriffswaffen ist. Das Extrembeispiel sind in dem Fall also die Ritter, oder aber auch später zum Beispiel die Husaren.

    Zu was benutzt man also Reiterei?

    Sie ist sehr effektiv um Bewegungen des Gegners zu unterbinden, so zum Beispiel das wichtige Essen/Wasser-Holen. Der Krieg im Kleinen kann also durch Reiterei sehr effektiv geführt werden, durch ihre Mobilität.

    Ein wichtiger Punkt ist ebenfalls die Verfolgung eines geschlagenen Feindes.

    In der Schlacht wurde die Reiterei meißtens eingesetzt um zuerst die feindliche Reiterei zu werfen und dann die Infanterie in der Flanke zu bedrohen. Ist eine Phalanx in der Flanke bedroht, bleibt sie stehen und verliert ihre Hauptkraft, den Massendruck und ist damit im Normalfall verloren.

    Man wird sich das ungefähr so vorstellen können, dass die Reiter immer an die Flanke heran preschten um Hiebe auf die Seiten der Männer auszuteilen oder in Abteilungen, deren Geschlossenheit schon gelitten hat einzubrechen und ganz niederzuhauen.

    Ebenfalls sehr effektiv ist sie gegen Plänkler, die ihr nur wenig Widerstand leisten können.

    Ebenfalls kann die Reiterei auch einen Chok frontal auf die Infanterie reiten und sie damit durchbrechen. Besonders die späteren Ritter führten diese Taktik. Hier muss man sich vorstellen, dass die einzelnen Ritter besonders nach Lücken oder Unregelmäßigkeiten in den Infanterieformationen gespäht haben um einzubrechen. Ist einmal eine Lücke geöffnen drängen alle anderen Reiter nach und die Einheit wird gesprengt und niedergehauen. Dazu ist allerdings ein guter Panzerschutz wünschenswert, da der Einbruch nicht gleichmäßig erfolgt.



    Disziplinierte Kavallerie hingegen agiert geschlossen, dass heißt jeder Reiter hält seinen Platz und das verbürgt eine enge Geschlossenheit. So ist der Akzent auf dem taktischen Körper und weniger auf den Einzelkämpfer, der Einzelne kann es sich also leisten weniger kriegerisch geübt und geschützt zu sein.

    Schlachtenkavallerie reitet nur den Chok, man versuchte möglichst gleichmäßig und eng geschlossen an _einer_ Stelle zugleich einzubrechen und das wirft den Feind natürlich vollkommen auseinander. Die Pferde drücken die Menschen weg, wenn sie nicht ohnehin überritten werden. Danach beginnt die Flucht, rette sich wer kann in dem Fall. Meißtens waren die Verluste nahezu absolut bei einem Einbruch.

    Kavallerie reitet auch gegen feindliche Kav einen Chok. Es gibt anschauliche berichte dass es meißt so ablief: der moralisch Unterlegene (also meißt der zahlenmäßig unterlegene) stutzt kurz vor dem Zusammentreffen und flieht schon vorher. Ein Zusammentreffen von 2 Brigaden im vollen Chok ist wohl nie vorgekommen, es hätten sich wohl beide gegenseitig vernichtet.

    Bei Infanterie lief es wohl meißt so, dass kurz vor dem Zusammentreffen ebenfalls Lücken gesucht wurden und die Reiter dann in diese einbrachen.

    Wenn der taktische Körper der Infanterie zu geschlossen war, stutzten wohl die ersten Glieder und rissen die Pferde wieder Rückwärts zurück. Das ist natürlich verlustreich.

    Für die Verfolgung wurden dann eigene leichte Reiter (eben Husaren zum Beispiel) benutzt, da die Schlachtenkavallerie sehr kostbar war.

    Zusammengefasst lässt sich also sagen, Flankenbedrohung, Krieg im Kleinen, Schwerpunktangriff, Verfolgung, Aufklärung und das Vertreiben von Plänklern sind die Hauptaufgaben der Reiterei/Kavallerie gewesen und das hat sie sehr effektiv erfüllt, bis das Maschienengewehr ihr ein Ende bereitete.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Mai 2010
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  9. Cheops

    Cheops Neues Mitglied

    Danke, ich wusste nicht, dass es so eine genaue Trennung zwischen Kavallerie und Reiterei gibt/gab!

    Ich glaube, damit wäre meine Frage beantwortet. :)

    Das war mir schon klar, deswegen hab ich mich ja auch gefragt, in wie weit ich eine falsche Vorstellung von Reiterangriffen habe.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Menschen sind doch keine Roboter oder Schachfiguren. Wer sagt denn, dass hintere Reihen die Angreifer nicht sehen? Mich macht eine Gefahr, die ich nicht sehe im Übrigen nervöser, als eine die ich sehen und einschätzen kann. Du unterschätzt auch andere Sinne. Es ist ja nicht nur so, dass man eine gegnerische Reiterei auf sich zu rasen sieht. Man hört das Stampfen der Hufe. Der Nachbar zur Linken schickt ein Stoßgebet zum Himmel, der auf der Rechten murmelt "Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße..." und hat dieselbe vielleicht in der Hose. Und dann das Beben der Erde, wenn eine ganze Herde Pferde auf dich zu galoppiert....
    Dann die Bewaffnung der Reiter: Nicht Schwert oder Säbel, sondern zunächst mal die Lanze.
    Selbst wenn es dem auf dem Boden stehenden Infanteristen gelingt den Reiter oder sein Pferd (tödlich) zu verletzen, die Wucht des Aufpralls wird dadurch nicht mehr gebremst.

    Wie gesagt, das würde voraussetzen, dass Reiter mit Schwertern, statt mit Lanzen in einen Schildwall ritten.

    Ich würde den Umfassungsangriff nicht geringschätzen. Dazu benötigt man auch Reiter, zu Fuß ist das jedenfalls kaum zu gewährleisten.
     
  11. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Um die Beiträge von sky- und EQ abzurunden noch folgende Ergänzung:
    Pinkenier-Formationen konnten Kavallerie-Attacken effektiv abwehren. Das setzte aber auch voraus, dass die Infanterie mit Piken ausgerüstet und darin trainiert war, entsprechende Formationen zu bilden.
     
  12. Gunny

    Gunny Neues Mitglied

    John Keegan hat vor Jahren in einer Studie mal nachgewiesen, dass während des Spanienfeldzuges in den napoleonischen Kriegen es der französischen Kavallerie nur ein einziges mal gelungen ist, ein britisches Infanteriekarree aufzubrechen, was verheerende Konsequenzen für die Infanteristen hatte. Dabei war ein Dragoner im Sattel erschossen worden, das Pferd ging durch, wurde ebenfalls getroffen und beide fielen in ein Karree.
    Karrees spanischer Infanterie wurden auf dem gleichen Kriegsschauplatz gleich serienweise aufgebrochen:
    Kavallerieangriffe gegen kaltblütig agierende hochdisziplinierte Infanterie (die hatten die Briten) hatten kaum eine Chance, es sei denn, man setzte zur Unterstützung Artillerie ein.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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