Emotionen und Ängste am 9.11.1989

Ich habe das im Radio gehört und nicht geglaubt.
Es war ein Westsender.
Darum war ich erstmal skeptisch.
Also habe ich den Fernseher angemacht und das DDR-Fernsehen hat tatsächlich das gleiche erzählt.
Es waren sehr gemischte Gefühle.
Einerseits kam schon der Gedanke auf,jetzt in den Westen fahren zu können um mal zu gucken,wie es da aussieht.
Die Alternative dazubleiben gab es für mich nicht.
Andererseits kam auch mächtiges Unbehagen auf bei mir.
Es war die Angst vor dem was kommt jetzt.
Ich wohnte damals direkt an der Stadtgrenze und habe auch überlegt,gleich nach Berlin zu fahren.
Aber meine Tochter war zu dieser Zeit drei Monate alt und als die Nachrichten kamen,gerade seelig eingeschlummert.
Außerdem war es mächtig kalt.
Und ich war immernoch etwas skeptisch.
Also habe ich entschieden,so wichtig ist es auch nicht,daß ich unbedingt sofort in den Westen muß.
Ich war mein ganzes Leben nicht da,also kam es darauf auch nicht mehr an.
Darum wurde der Beschluß gefaßt,am nächsten Tag nach Berlin zu fahren.
Zum einen,weil man da noch eine Weile beobachten konnte,wie es sich entwickelt.
Zum anderen,um entsprechende Vorbereitungen zu treffen,für das Baby.
Ich fahre ja schließlich nicht,einfach mal so in den Westen.
Außerdem gab es ja diese extremen Wartezeiten an den Grenzübergängen und das bei den Temperaturen.
Also habe ich Babynahrung,Windeln,Extra-Decken und eine Wärmflasche in den Kinderwagen gepackt und bin nach Berlin gefahren.
Wie zu erwarten war,hat es am Grenzübergang ewig gedauert.
Als ich die Schlange an den Banken gesehen habe,habe ich mich entschlossen,mich da nicht auch noch stundenlang anzustellen um mir das Begrüßungsgeld zu holen.
Also ging es gleich zum Kudamm,was ein sehr schweres Unterfangen war,mit dem Kinderwagen in der hoffnungslos überfüllten S-Bahn.
Keine Ahnung wie,aber irgendwann hatte ich es dann geschafft zum Kudamm.
Da war es genauso voll.
Den Kudamm ging es dann einmal rauf und einmal runter.
Das hat ewig gedauert,bei den Menschenmassen.
Ich war sehr lange in Berlin,aber irgendwann ging es nicht mehr,schon wegen dem Baby.
Mitten in der Nacht war ich dann wieder zu Hause.
 
Eine gewisse Unsicherheit war schon vorhanden, das weiß ich noch. Eine Frage geisterte immer herum: Bleibt die Grenze jetzt offen oder haben "Die" ( die SED-Regierung ) das nur gemacht, um die Menschen mal kurz den Westen anschauen zu lassen um sie dann wieder zu schließen. Ich habe jedoch immer die Meinung vertreten, daß die Grenze offen bleibt und hab immer gesagt - dann gibts doch gleich wieder Demos ohne Ende, wir sind doch gut drauf - wußte aber auch nicht so recht, warum "sie" diese bestgesichertste Grenze der Welt, an der man noch kurz davor erschossen werden konnte nun plötzlich offen steht. Niemand traute "denen" so recht. Wie sich einige Zeit später herausstellte, war das Mißtrauen auch berechtigt,
denn diese "Maueröffnung" war so gar nicht geplant gewesen, es war "nur" ein Mißverständnis innerhalb des Politbüros.
 
"Unsicherheit", die westliche Sicht:

Meine einzige Angst (nach einigen tagen) war, dass das nun wieder groß gewordene Deutschland sofort wieder als ein Bedrohungsfaktor für Europa und die Welt gesehen werden würde,- von denen, die Deutschland tendenziell gewohnt waren, zu stigmatisieren.
Und der ganze Blätterwald (Frankreich, England, Italien) äusserte auch umgehend solche Befürchtungen (in lässigen Andeutungen, hinweisartig belehrend sozusagen). Ich las daraus ein gewisses "noch immer keine Freude zugestehen wollen". (bei der Fußball-WM hatt man dies schon vergessen und erstaunt gerne zugestanden ...)

Es kam anders. Und auch wenn der Mann dick und am Schluss unglücklicherweise ein bissl unseriös war, - er war Historiker und wusste, dass man nur im Salzkammergut gut Urlaub machen kann ... Don't blame Kohl. ;)
 
saxo schrieb:
Das Volk der DDR hat die Grenzöffnung erkämpft, Schabowski hat sie nur verkündet und die BRD hat gar nichts dazu beigetragen.

Ganz mein zeitgeschichtlicher Augenzeugeneindruck.

Nur: was Du (unter anderen hier) verweigerst einzugestehen: es wurden Hämmer und schließlich kleine Bagger gegen DIE MAUER aufgefahren.

- und DAS war Moment / Emotion - und jenseits des planvollen Willens sozialistischer Geister.

!

(PS: ja, BP ist Budapest)
 
ning schrieb:
Ganz mein zeitgeschichtlicher Augenzeugeneindruck.

Nur: was Du (unter anderen hier) verweigerst einzugestehen: es wurden Hämmer und schließlich kleine Bagger gegen DIE MAUER aufgefahren.

- und DAS war Moment / Emotion - und jenseits des planvollen Willens sozialistischer Geister ...


Nachtrag, falls ich (wieder mal) unklar geschrieben habe: Das war Mut! Nenn es Zivilcourage, nenn es "aus sich heraustreten, die kleine Angstmaus verscheuchen, über sich selbst hinauswachsen" oder nenn es Wahnsinn, Gratwanderung, Fatalismus. "On the edge" ist zwar englisch, aber wie immer treffend.

"DIE" "BRD" konnte gar nichts tun, und sollte es auch nicht, aber sie ist von beiden Staaten die einzige "Macht" gewesen, die das, was ich oben beschrieben habe, zugelassen hat und zulassen musste (laut Gesetz) und ebenso gerührt und gebannt geschehen ließ, wie es auch der Osten tun MUSSTE:

Dass da welche einen Hammer und andere danach einen Bagger holten.
Dass sie das schlimmste, was sich ein Paar, eine Lebensgemeinschaft, eine gemeinsame durchgestandene Geschichte antun kann, wegmachte: die betonierte Trennung.
Und von wegen, die Leute, die damit begannen, waren vermutlich von der "BRD"-Seite. Sie haben auch ihre Verwnadten befreit, sie und dann auch die "über ihren Schatten springenden Ossis" haben gemeinsam das hier schon zitierte "Ungetüm", das "Monster", die "Schandtat", die MAUER
ein- und niedergerissen. Was DU hier bezweifelst, gefällt mir - nicht.

Tear down your wall!
 
ning schrieb:
was Du (unter anderen hier) verweigerst einzugestehen: es wurden Hämmer und schließlich kleine Bagger gegen DIE MAUER aufgefahren.
Ich dachte immer, wir wären die, die alles verklären... ? Ich häng mal ein Bild an (ich hoffe, es klappt), was ich etwa Ende November/Anfang Dezember 89 gemacht habe; am neu eingerichteten provosorischen Grenzübergang Eberswalder Straße in Berlin. Du siehst ein Stück Mauer herausgebrochen - zweifellos mit einem Bagger. Was glaubst Du wohl, wer das gemacht hat? Die sich langweilenden Polizisten sprechen auch ein deutliches Bild. Auffällig ist auch, daß kein Besucherverkehr festzustellen ist.

Was ich damit sagen will? Daß die offene Grenze sehr schnell Normalität dür die DDR-Bürger geworden ist, genauso, wie es die Mauer 28 Jahre lang vorher war. Eigentlich hat man von staatlichen Stellen egal welcher couleur nach der Grenzöffnung kaum noch was gemerkt. Bald mußte man nicht mal mehr den Ausweis vorzeigen, obwohl wir uns noch am 10.11. extra ein Visum geholt hatten. Weiter "oben" herrschte vermutlich das blanke Chaos. Die Betriebe nahmen auf eigene Faust Kontakt zu West-Betrieben auf, die Stasi und die Polizei vernichtete Akten en masse - und der kleine Bürger ärgerte sich, weil seine 100 DM so schnell alle waren.. :cry:
 

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Wo und wann an den 1400 km deutsch-deutscher Grenze ist das Bild denn aufgenommen worden? Die richtige Antwort könnte Deine Aussage entweder argumentativ stützen oder aber sie wäre vollkommmen unsinnig. Und woher stammt das Photo?
 
El Quijote schrieb:
Wo und wann an den 1400 km deutsch-deutscher Grenze ist das Bild denn aufgenommen worden? Die richtige Antwort könnte Deine Aussage entweder argumentativ stützen oder aber sie wäre vollkommmen unsinnig. Und woher stammt das Photo?


Das hat er doch geschrieben.
 
Heute war ich mehrere Stunden von einem Blog gefesselt, auf den ich zufällig stieß und der auch mit diesem Thema zu tun hat: call-a-story

Interessant geschrieben finde ich...
:fs:
 
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