Englische (britische?) Küche und ihr z.T. unverdient schlechter Ruf

Zweifellos ist das Wort alt, aber das heute übliche »mmh, lecker« (gerne mit aufgerissenen Augen) wurde in meiner Erinnerung erst um 2005/2010 zur Mode. Gut möglich aber, dass ich mich täusche, zumal ich selten in Deutschland bin und absolut null Ahnung habe, wie bspw. der DDR-Bürger seine geschmackliche Begeisterung zum Ausdruck brachte.
Meine Mutter ist der Meinung, dass das Wort vor der Wende nicht oder kaum verwendet wurde. So exzessiv wie heute wurde es jedenfalls nicht verwendet. Speisen schmeckten gut oder, wenn sie außergewöhnlich gut waren, waren sie köstlich.
 
Kann man Kartoffelchips unter Küchenkultur einordnen? Ich finde man kann! Ich bin nicht mal ein Freund von diesen Essigchips, aber von einigen englischen Herstellern gibt es Chips der gehobenen Preisklasse, und die Dinger sind einfach köstlich. Große dick geschnittene, handgekochte Chips aus einer Kartoffelsorte, die ein wunderbar nussiges Aroma und einen intensiven Eigengeschmack hat- und das Ganze abgerundet mit einer großartigen Würzung. Mein Favorit ist Tyrell´s Sweet Chili and Red Pepper.

Wenn es "Junkfood" ist, dann aber Junkfood der Spitzenklasse aus hervorragenden Zutaten, denen man die Qualität anschmeckt.
 
Die "Chips" bei Fish'n'Chips sind kein Knabbersnack a la Kartoffelchips (die es natürlich auch gibt) sondern quasi die engl. Pommes-Variante, und die können sehr gut sein.
 
Ich kann Rio nur bestätigen: Im Ruhrgebiet meine Kindheit war lecker normal. Köstlich kannte ich höchsten aus altbackenen Übersetzungen von Enid Blyton (womit ich jetzt ganz geschickt wieder die Überleitung zur britische Küche eingeleitet habe *mirselbstaufdieschulterklopf*).
 
Mittelhochdeutsch:

lecken - lecken

lecker - Schmarotzer
leckerheit - Lüsternheit
leckerîe - Lüsternheit
leckerinne - Gaunerin
lecke-spiz Schmarotzer

aber auch:
lecker-mursel - Leckerbissen

(mursel/murschel - Bissen)
 
Altsächsisch:

likkon - lecken
lîkon - gefallen

War da im Niederdeutschen der ähnliche Klang am Werk, während sonst die Tugendlehre zuschlug?
 
giftgrüne Erbsen und sausages zum Frühstück....meine Tante war Ehefrau eines britischen Offiziers(Waliser, 1963 Corsham ,Wiltshire, dazu Toast für Stahlbeißer
 
1927 schrieb André Maurois in "Conseils à un jeune Français partant pour l'Angleterre" (auf Deutsch 1939 als "Ratschläge für Englandreisende" erschienen):
NOURRITURE
Avant le départ, on t'aura dit que tu mangeras mal en Angleterre. ... Mais si tu sais placer sagement ta faim, tu pourras manger parfaitement.
Ici, deux repas excellents: le breakfast et le thé; un médiocre: le lunch; un mauvais: le dîner. Réserve ton appétit pour les deux premiers.
In späteren Ausgaben wurde der letzte Satz noch etwas verkürzt auf:
Ici, deux repas excellents : le breakfast et le thé; Réserve pour eux ton appétit.
übersetzt:
Vor der Abreise wird man dir gesagt haben, dass das Essen in England nicht so gut sein wird. Aber wenn du deinen Hunger klug einteilst, kannst du hervorragend essen. Es gibt zwei ausgezeichnete Mahlzeiten: Frühstück und Nachmittagstee. Heb dir deinen Appetit für diese auf.
Was sinngemäß das Gleiche bedeutet, was Maugham gesagt haben soll. Die früheste Erwähnung dessen Zitats dürfte 1960 im Buch "English Cooking, a New Approach" von Rupert Croft-Cooke sein, einem Kriminalschriftsteller und Bekannten Maughams. Darin behauptet er, dass Maugham diese Worte ein Jahr zuvor geäußert habe.
Mr. Somerset Maugham said only last year that if you want to eat well in England have breakfast three times a day.
Dem sagt man wohl Sekundärzitat und ob es sich um ein Kuckuckszitat handelt, weiß nur der Kuckuck und die Beteiligten.

Es ist davon auszugehen, dass Croft-Cooke und Maugham die Worte Maurois' kannten. Ein Hinweis dafür liefert Harold Nicolson in seinem lesenswerten Aufsatz "Geometrie der Speisekarte", wo er 1958 ein gemeinsames Essen mit Maugham in Paris erwähnte und wo er auch die Ratschläge Maurois' zitierte. Sie waren scheinbar 30 Jahre nach ihrer Entstehung im Umfeld Maughams immer noch Gesprächsthema:
Mit großem Takt hatte er [André Maurois] seinen Landsleuten den Rat gegeben, in England nicht zu Mittag und zu Abend zu essen, wenn sie sich dort glücklich fühlen wollten, aber die Beigaben zum englischen Frühstück und Nachmittagstee seien köstlich.

Meine Einschätzung: Maugham und Croft-Cooke diskutierten über Maurois. Wer von beiden schließlich die heute bekannte und pointierte Zusammenfassung auf Englisch formulierte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
 
Hatte mal in Orly brekkie gehabt. Best ever. Auch Air France bietet super food an, zu mindesten in b.c.
Das indische mathematik Genie Srinivasa Ramanujan starb vorzeitig, einerseits wegen des grāßlichen Essens in GB, andererseits dessen Klimas.
 
Man sollte sich die Frage stellen, ab wann die britische Küche einen schlechten Ruf hatte.

Die Römer jedenfalls haben sich nie über die britische resp. britannische Küche beklagt ("Ist Ihnen die Cervisia nicht lauwarm genug?"), und in großem Stil z.B. fangfrische englische Austern auf den Kontinent verschickt.

Sind die unbestreitbaren Schwächen der heutigen britischen Esskultur nicht eher auf die Entfremdung und Loslösung von regionaler Herkunft und damit auch von regionalen Gerichten und Kochtraditionen zurückzuführen?
Und natürlich die Tatsache dass immer mehr Menschen in die städtischen Ballungszentren gezogen sind?

Hohe Immoblienpreise, Gewöhnung an Fertiggerichte und beengte Wohnverhältnisse in der Stadt und soziale Fragmentierung sind nicht förderlich für auch kulinarisch fröhliche Familienfeiern im großen Kreis wie z.B. auf dem Land in Frankreich.

@Lukullus wird in Portugal ganz andere Traditionen des Kochens im Familienkreis und bei Freunden kennengelernt haben.
 
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die unbestreitbaren Schwächen der heutigen britischen Esskultur
konnte ich auf den Kanalinseln, wo ich mehrfach war, nirgendwo entdecken, jedenfalls nicht bzgl. britischer Speisen (eine Pizzeria erwies sich als grenzwertig, wobei z.B. in Warschau die Pizza weitaus übler ist)

fantastische Küche (Madeira, Azoren) - das Vorurteil, dort gäbe es "nur" Bacalhau, ist genauso ungerechtfertigt wie lauwarme Cervisia und Wildschwein in Pfefferminzsauce
 
@Lukullus wird in Portugal ganz andere Traditionen des Kochens im Familienkreis und bei Freunden kennengelernt haben.
Habe ich, vor allem auf Reisen durchs Land das jeweils Regionaltypische. Für meinem Geschmack sind viele Leckereien darunter, nicht nur an der langen Küstenlinie mit ihrem reichhaltigen Angebot an Meeresgetier (Bacalhau ist da nicht heimisch).

Persönlich halte ich wenig bis nichts von einer Verleumdung der englischen Küche. Ich war ein einziges Mal Mitte der 80er im Rahmen eines Schüleraustauschs für wenige Tage in Englischland (Cornwall), hatte dabei zwar tatsächlich das Pech, dass meine Gastgeberfamilie Kochmuffel und deshalb Fast-Food-Freaks waren, doch anderen aus meiner Klasse ging's da wesentlich besser.
In meinem Freundeskreis gibt's zwei Britannien-Liebhaber, die verfügen über einen breiten Fundus an Kochbüchern aus allen möglichen Regionen, da lässt sich viel Leckeres entdecken und nachkochen.
 
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Man sollte sich die Frage stellen, ab wann die britische Küche einen schlechten Ruf hatte.
Üblicherweise wird auf diese Frage Voltaire zitiert und die Schuld den Franzosen des 18. Jh. zugeschoben.
Er soll nämlich gesagt haben:
"In England gibt es sechzig verschiedene Religionen, aber nur eine Sauce."
Statt "sechzig" findet man für dieses Zitat auch 42 oder 100 Religionen und statt einer Sauce deren zwei.
In den "Letters on the English", wo das angeblich stehen soll, finde ich nichts zu Saucen, dafür aber viel zu Religion. Ich meine, Voltaire hat das nie geschrieben.

Meines Erachtens waren es die Engländer, die den kulinarischen Krieg mit den Franzosen auslösten, in dem sie gegen Ende des 18. Jh. begannen ihr Roastbeef als einzig wahre Ernährungsweise zu besingen und in Karikaturen das Essen der Franzosen lächerlich zu machen. Damit zementierten sie selbst die Meinung, dass das englische Essen nur aus Roastbeef bestehe und zu bestehen habe.

When mighty Roast beef was the Englishman's food,
It ennobled our veins and enriched our blood.
Our soldiers were brave and our courtiers were good
Oh! the Roast Beef of old England,
And old English Roast Beef!

But since we have learnt from all-vapouring France
To eat their ragouts as well as to dance,
We're fed up with nothing but vain complaisance
Oh! the Roast Beef of Old England,
And old English Roast Beef!

Henry Fielding (1707-1754)
 
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