Entwicklung der Stadtbevölkerung

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Laura123, 15. Oktober 2018.

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  1. Laura123

    Laura123 Mitglied

    Hallo zusammen,

    ich versuche in letzter Zeit das Mittelalter besser zu verstehen. Meine Bücher lassen aber oft Fragen offen, meist werden nur die „Ergebnisse“ von Entwicklungen dargestellt, aber der Weg dahin wird ausgeklammert, für mich gehört das aber zu einem umfassenden Verständnis dazu.

    Folgendes Beispiel: Entwicklung der mittelalterlichen Stadt

    - Handwerker, Kaufleute: diese werden vorab gar nicht erwähnt, gab es davor „nur“ Bauern und Adelige bzw. Geistliche. Wer erledigte Handwerksarbeiten auf dem Dorf? Bestand noch kein Handel? Wieso war es für die Kaufleute besser Stadtbürger zu sein, wenn man da Steuern zahlen musste?

    - Tagelöhner: Wie ist diese Schicht entstanden? Waren das ehemals verarmte Bauern die (vergeblich) ihr Glück in der Stadt suchten?

    - Patrizier: Wenn das Adelige und reiche Großgrundbesitzer waren, warum gingen sie in die Stadt? Um im Stadtrat zu sein? Aber auf dem Land hatten sie ja auch die Oberhand über ihre hörigen Bauern? Mussten sie ihre Burgen dann leer stehen lassen/verkaufen?

    - Bevölkerungswachstum als ein Grund für die Urbanisierung: Wurden erbrechtlich die Bauernfelder immer weiter aufgeteilt, weswegen der Anbau nicht mehr rentabel war und sie als Ausweg das Stadtleben sahen? Oder wo kamen das mehr an Leuten zuvor unter?

    Ich hoffe ihr findet meine Fragen nicht lachhaft, aber meine Recherchen haben immer auf andere Phänomene der mittelalterlichen Stadt hingeführt, aber mich in dieser Hinsicht leider nicht weitergebracht.

    Danke im Voraus für jede Hilfe!!

    Laura
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Oktober 2018
  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Um die Fragen zu beantworten, müsste man Bücher schreiben, die es allerdings schon gibt. Ich würde mir an deiner Stelle konkrete Stadtgeschichten vornehmen. Die sind sowieso meist anschaulicher und sagen klar, wo Quellen fehlen.

    Ein großes Hindernis ist dabei die Quellenarmut zu diesen Themen im 10. und 11. Jahrhundert.

    Ein Teil deiner Fragen zeigen auch, dass dir die Gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit nicht klar sind. So wurden Ministeriale in Städten angesiedelt, wo sie die ritterliche Lebensweise aufgaben. Das waren Unfreie und ihr Besitzer bestimmte, wie sie ihm dienen sollten. Und aus ihnen entstand ein Teil des Patriziats, das in Deutschland nur in Ausnahmefällen als adelig galt. (Was auch davon abhing, ob das jeweilige Dienstrecht adlige Ministeriale kannte und wie die Stellung in der Stadt genau war.)

    Und wieso sollte überhaupt die Stadtbevölkerung frei sein? Ihre Freiheit trotzten sie dem Stadtherrn oft genug erst irgendwann ab.

    Bis ins 13. Jahrhundert wuchs übrigens die Bevölkerung. Im 14. und 15. Jahrhundert kam es dann zu Krisen, weil das Wachstum stagnierte, die Fehden sich zu andauernden Kleinkriegen auswuchsen, das Klima sich abkühlte, die Landwirtschaft nicht weiter optimiert werden konnte und die Grundherren durch Druck auf die Bauern neue Einnahmen zu generieren begannen. Dazu kamen die bekannten Seuchen und noch andere Faktoren. Das ist bei deinen Fragen immer so ein Problem: "Im Mittelalter" ist einfach keine Zeitangabe, mit der irgendetwas anzufangen ist. Informationen, die in der Zeit a gelten, können in der Zeit b ins Gegenteil verkehrt sein.

    Höfe teilen? Wohl kaum. Der älteste oder auch der jüngste übernahm den Hof, und wurde vom Grundherrn damit belehnt. Teilung oder Neuansiedlung von Höfen kamen nur vor, wo der Grundherr darin einen Nutzen sah. Natürlich gab es außerhalb der mittelalterlichen Städte Handwerk und auch Städte im modernen Sinn.als durch Bevölkerungszahl und Zentralortfunktion hervorgehobener Ort. Das Stadtrecht und die Befestigung umschreibt einen Rechtsraum, der nicht mit unserem Begriff Stadt gleichzusetzen ist.

    Auch zum Adel gibt es Untersuchungen zu einzelnen Regionen, die du lesen musst, um das ganze Feld besser zu durchschauen.

    Literatur sollte es zu allen größeren Städten und den meisten Regionen geben. Achte vielleicht auf eine gewisse Aktualität und die Kompetenz der Autoren. Zu Paderborn kann ich aus dem Stand einiges nennen, das zur Beantwortung der ganzen Fragen für Ostwestfalen gelesen werden müsste - ohne Anspruch auf Vollständigkeit, nur was mir gerade einfällt:

    Karl Hüser, Jörg Jarnut, Frank Göttmann: Paderborn. Geschichte der Stadt in ihrer Region. 3 Bände. Paderborn 1999, ISBN 3-506-75690-7. (Seitdem hat sich das Bild der Stadt durch geradezu sensationelle Archäologische Befunde sehr geändert, was aber für deine Fragen kaum eine Rolle spielt.)

    Hermann Bannasch: Das Bistum Paderborn unter den Bischöfen Rethar und Meinwerk. Paderborn 1972. (Durch die Vita Meinwerci und die darin überlieferten Urkunden ist einiges aus der Zeit des frühen 11. Jahrhunderts beleuchtet, was sonst im Dunkel läge.)

    Heinrich Schoppmeyer: Der Bischof von Paderborn und seine Städte zugleich ein Beitrag zum Problem Landesherr und Stadt. (= Klemens Honselmann: Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte. Bd. 9) Paderborn 1968.

    Heinrich Schoppmeyer: Der Ursprung der Landstände im Hochstift Paderborn. Paderborn 1986.
    oder Heinrich Schoppmeyer: Die Entstehung der Landstände im Hochstift Paderborn, WZ 136, 1986 S. 249. (oben rechts ist der Link zum PDF) Besonders interessieren wird dich die Auseinandersetzung des Bischofs mit Paderborn. Der Bischof scheint zu Beginn des Zeitraums die Paderborner als zu seinem Tafelgut zählende Hörige betrachtet zu haben. Jedenfalls, wenn man es vereinfacht ausdrückt. Zudem werden die Machtgruppen deutlich, mit denen auch woanders zu rechnen ist, auch wenn die Lösungen abweichen können.)

    Michael Lagers: Der Paderborner Stiftsadel zur Mitte des 15. Jahrhunderts – Untersuchungen zum Auf- und Ausbau niederadliger Machtstrukturen. (= Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte. Band 74), Paderborn 2013.

    Um mal zu sehen, wie dünn die Quellenlage sein kann, etwas vom Sammelfleiß des 19. Jahrhunderts:
    Wilhelm Spancken: Zur Geschichte des Gaues Soratfeld und der Go- und Freigerichte im paderborner Lande., Westfälische Zeitschrift 40, 1882, S. 3–51.
    (Da die Darstellung natürlich etwas veraltet ist, ein kleiner Überblick: Im Frühmittelalter war nur der Nordrand zum Padergau hin besiedelt. So ist auch unklar, ob das Soratfeld zum Padergau gezählt wurde. Karl der Große soll dann für die Besiedlung der Gegend um Lichtenau gesorgt haben, dass später von den Paderborner Bischöfen als Stadt errichtet wurde. Erst im Spätmittelalter wurde der Südteil um Kleinenberg erschlossen, dass ebenfalls als Stadt gegründet wurde. Die Ränder im Osten (Eggegebirge) und Süden blieben Forst, der hier schon Bischof Meinwerk verliehen worden war. In der Zeit der spätmittelalterlichen Wüstungsbildung verschwanden 17 der 27 Orte, während im direkt westlich davon gelegenen Sintfeld alle Orte bis auf die Stadt Wünnenberg aufgegeben wurden.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2018

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