Epikur als Vorbild für die Christen?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Altling, 12. Mai 2021.

  1. Altling

    Altling Gast

    Hallo,

    ich lese grade etwas erstaunliches:
    "Epikurs Schule war straff und hierarchisch organisiert. Ihre Mitglieder, zu denen auch Frauen und Sklaven zählte, lebten in enger Gemeinschaft nach festen Regel, bis hin zu eigenen Feiertage, so dass nach außen der Eindruck einer religiösen Vereinigung entstehen mochte. Die frühen Organisatoren der christlichen Kirche haben denn in dieser Hinsicht auch viel von den im übrigen verachteten Epikureern gelernt".
    Seite 100 F, "Die Philosophie der Antike: Stoa, Epikureismus und Skepsis" von Hossenfelder

    Ist das historisch wirklich stichthaltig?

    Danke im Voraus
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 12. Mai 2021
  2. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Also erstmal geschaut, ob das Urchristentum mit Epikureern in Berührung gekommen sein kann:

    Noch im frühen 3. Jahrhundert war die epikureische Tradition im Römischen Reich lebendig, doch schon bald darauf setzte ihr Niedergang ein.
    Epikur – Wikipedia

    Also möglich wäre es schon, dass sich das Urchristentum an den Strukturen der Epikureer orientiert hat. Ich würde die Textstelle aber so deuten:
    Man konnte vielleicht Parallelen in dem Aufbau feststellen. Aber diese Gemeinsamkeiten müssen nicht zwingend darauf zurückgehen, dass die Christen die Epikureer zum Vorbild hatten. Dafür wäre meiner Meinung nach ein weiter Beleg, etwa ein Kirchenvater, der sich auf Epikur als Vorbild bezieht, nötig.

    Denn inhaltlich galten die Epikureer als Antithese zum Christentum. Dass man bewusst beim Aufbau der eigenen Organisation auf diese geschat hat, halte ich für unwahrscheinlich.

    Für die antiken Kirchenväter war Epikur der philosophische Gegner schlechthin. Seine Lehre, die polytheistisch war und menschengestaltige Götter annahm, zugleich aber die Vorsehung bestritt und die Gottesfurcht austilgen sollte, erschien ihnen wie ein Gegenentwurf zum Christentum. Nur seiner Ethik – abgesehen von der Lustlehre – konnten manche Christen Positives abgewinnen, da sie auf Seelenfrieden abzielte. Christliche Polemiker unterstellten Epikur und seinen Anhängern eine Fülle von Ausschweifungen und Perversionen.

    Epikur – Wikipedia
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Stephen Greenblatt - Die Wende - wie die Renaissance begann -
    geht sehr ausführlich auf Epikur ein.
    "Frühe Christen, unter ihnen auch Tertullian, fanden manches am Epikureismus durchaus bewundernswert - das Lob der Freundschaft, die Betonung von Wohltätigkeit und Vergebung, die Skepsis gegenüber weltlichen Ambitionen -, doch Anfang des vierten Jahrhunderts war die Aufgabe eine eindeutig andere geworden: Nun sollten die Atomisten zum Verschwinden gebracht werden." (S. 111)
    Denn die Atomisten gehen von der Sterblichkeit der Seele aus und damit ist ihre Lehre eine Bedrohung des Christentums.
    Epikur "durfte nicht länger als Apostel der Mäßigung, als Verfechter des verständigen Genusses gelten können" S. 112, sondern als ein solcher der zügellosen Ausschweifungen.

     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Nach der biblischen Apostelgeschichte diskutierte der Apostel Paulus in Athen mit Stoikern und Epikureern. Auf eine Abgrenzung der verschiedene Philosopenschulen wird dort kein Wert gelegt.
     
    Scorpio gefällt das.
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Maglor ist mir zuvorgekommen und hat auf Paulus verwiesen. Hatten wir nicht auch schon mal einen Thread, in dem es um den Erfolg dieser Missionsreise ging?

    Die Episode ist in der Apostelgeschichte des Lukas ApG 17, 16-36 beschrieben.

    Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, als er die Stadt voller Götzenbilder sah. Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden. Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker stritten mit ihm und sagten: "Was will dieser Schwätzer sagen?".

    In Athen hatte Platon seine bekannte Akademeia gegründet, bei der Belagerung Athens hatte Sulla die Platanen der Akademie roden lassen für Belagerungsmaschinen. Politisch war Athen nach Sullas Eroberung unbedeutend, um so mehr Wert legte Athen aber auf seine geistesgeschichtliche Tradition. Auch Epikur hatte in Athen eine Philosophenschule gegründet, die fast ebenso berühmt war, wie die Platons.

    Doch inhaltlich gab es zwischen der Lehre Epikurs und dem Christentum kaum Übereinstimmungen in der Lehre, eher schon könnte man gewisse Parallelen zwischen der Stoa und dem Christentum erkennen. Epikur könnte man zwar nicht ohne weiteres als Atheisten bezeichnen, aber ein Grundsatz seiner Lehre bestand darin frei von Furcht vor Göttern zu leben, sich auf Rationalität eher, als auf Orakel zu verlassen. Auch stand Epikur dem Genuss nicht feindlich gegenüber, ging viel mehr davon aus, dass gerade die Hedoneia, die Genussfähigkeit den Menschen vom Tier unterscheide.
    Vielleicht könnte man in der von Epikur empfohlenen Privatsphäre eine Gemeinsamkeit erkennen. Epikur empfahl, keine politischen Ämter zu übernehmen oder Ehrenämter anzustreben. Das wiederum spricht aber wieder gegen eine straffe Organisation. Eine Autorität allein des Amtes, unabhängig von der Qualität und Autorität des Amtsträgers widersprach eigentlich den Lehren Epikurs.
     
  6. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Ich habe mich gerade mal mit einem Theologen/Kirchengeschichtler unterhalten.
    Organisationstechnisch gab es zunächst zwei Gemeindemodelle im Urchristentum, das charismatische/paulinische (von Paulus, auf seiner Theologie beruhend) und das hierarchische Modell bei den Juden (von den Aposteln geleitet, insbesondere Petrus, Jakobus und noch einer, der mir entfallen ist), von Jerusalem ausgehend. Beide Organisationsmodelle waren theologisch begründet und damit definitiv ohne Einfluss der Epikureer.

    Wenn dann findet sich ein solcher Einfluss in dem Modell, das etwas später auftritt und die beiden anderen ersetzt (allmählich ab dem Ende des 1. Jh.). Dieses neue und im Kern nach wie vor bestehende Modell bildet sich aus einer abstufenden Dreiteilung der Gemeindeleitung in Episkopen, Presbytere und Diakone.
    Mit der epikureischen Organisation kenne ich mich nicht gut genug aus, um das hier gut vergleichen zu können.
    Was Hossenfelder da scheinbar als Vorbild bezeichnet, ist aber meiner Meinung nach nichts, was man nicht auch anderswo finden könnte. Den Kalender mit eigenen Feiertagen dürfte man bei den Mysterienkulten samt und sonders genauso gefunden haben. Einzige exklusive Gemeinsamkeit scheint mir die freie, und halbswegs gleichberechtigte "Mitglieds"möglichkeit für Sklaven zu sein. Allerdings würde ich das dennoch nicht von den Christen auf die Epikureer zurückführen - es ergibt sich aus der christlichen Theologie von selbst.
     
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