Erziehungsalltag in Athen

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Eumolp, 3. November 2007.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Das hervorragende Buch von William Davis, A Day in Old Athens, hat mich inspiriert, den Tagesablauf eines Teenagers im perikleischen Athen nachzuzeichnen. Dabei habe ich mich zu 50% auf Davis gestützt, aber auch andere Bücher verwendet und vor allem in den Quellen nachgelesen, soweit sie in einer Übersetzung vorliegen.

    Verwendete Literatur:
    Henri Irénée Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, München 1977(7)
    Wolfgang Decker, Sport in der griechischen Antike. Vom minoischen Wettkampf bis zu den Olympischen Spielen, Beck, München 1995
    Robert Flacelière, Griechenland. Leben und Kultur in klassischer Zeit, Stuttgart 1977
    Sophie Royer, Catherine Salles, François Trassard, Leben im alten Griechenland, Stuttgart 2005

    Zwar ist kein Werk der Weltliteratur draus geworden, aber doch ein Text von 12 Seiten, so dass ich das Posting auf mehrere Tage verteile, in gemessenem historischen Schritt gewissermaßen. Das meiste ist, wie gesagt, recherchiert, allerdings sind ja auch Quellen widersprüchlich. Daher: Für Anregungen, Ergänzungen, Nachweis von Anachronismen, überhaupt jede Kritik bin ich immer dankbar!

    Drei Punkte vorneweg:
    1. wahrscheinlich ist der Tagesablauf, wie Marrou schreibt, so, dass die Jungen erst zum Sport gehen und dann in die Schule, schon allein der Kühle am Vormittag wegen. Doch gibt es keine klare Quelle dazu.
    2. bis zum Ephebenalter kommen die Jungen wahrscheinlich nicht in die Gymnasien, sondern in private Ringschulen. Das wird allerdings unterschiedlich dargestellt.
    3. Bei der Darstellung des Gymnasiums Akademos habe ich mich weitgehend an das von Olympia gehalten.
     
  2. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    "Hipponikos, Sohn des Philokleon, steh auf!"

    Mit verklebten Augen blickt der Junge, gerade zum Meirakion (1) geworden, den breitschultrigen Sklaven an, der mit einer Öllampe in der Hand wie ein bedrohlicher Dämon vor dem Bett steht. Hassen könnte er ihn - wo er ihn doch sonst ganz gerne mag. Der Tyrann! Schaudernd zieht Hipponikos die Leinendecke über den Kopf.

    "Eos greift schon mit den Rosenfingern über die Dächer", zitiert Skythos den Homer, "und Helios hat bereits die Achse seines Sonnenwagens geölt, weit draußen im Okeanos..."

    "Erzähle mir die Geschichte von Phaeton (2), Skythos", brummt Hipponikos unter der Decke hervor, so kann er vielleicht noch eine Redezeit (3) lang herausholen.

    Doch der lässt sich auf nichts ein, schließlich hat er die tragische Geschichte um den Unglücksfahrer bereits gestern vorgetragen. "Wie sagen die Philosophen: Wer große Dinge vollbringen will, stehe bereits im Dunkeln auf!" Hipponikus kann von Glück sagen, dass Skythos, sein Pädagoge, eher zur gemütlichen Sorte von Mensch gehört und nicht gleich losschlägt, wenn etwas nicht nach Plan geht. Nur wenn der Vater zusieht, tut er so, als ob er ihn mit aller Strenge erziehe - schließlich will er selbst keinen Ärger bekommen, denn Philokleon ist der Meinung, nur eine ordentliche Tracht Prügel zähme das wilde Tier, welches das Kind ursprünglich ist und erst das mache aus ihm zuletzt ein gottähnliches Wesen wie er selbst (4). Der Junge gähnt, ordnet seinen zerknäulten Chiton (5), den er während der Nacht getragen hat, legt den Gürtel an und trottet schlaftrunken in den Baderaum. Dort steht ein Waschbecken, in das die Magd frisches Wasser geschüttet hat, schnell fährt er mit dem Schwamm über's Gesicht und ordnet mit den zehn Fingern die Lockenmähne - fertig ist die Morgentoilette. Die Sklavinnen sind schon wach und eilen geschäftig im Andron (6) umher, um Fußboden und Teppiche zu reinigen und die heruntergeworfenen Blumengirlanden, Muschelschalen und Knochen vom Vorabend aufzulesen; auf einen Tisch in der Aula hat Hermione, die Gute, eine kleine Schale unverdünnten Weins mit Weizenbrot und Feigen bereitgestellt, sein Akratisma (7). Als Säugling hatte er an ihrer Brust gelegen, und wenn er als Kind im Frauengemach spielte, kümmerte sie sich mehr als die Mutter um ihn. Gerne hätte Hipponikos von den Fleischresten des gestrigen Deipnons (8) genascht, aber Skythos drängelt, keine Zeit zu verlieren, so begnügt er sich eben mit dem eingetunkten Weizenbrot - freilich ein unerlaubter Luxus, besagt doch ein Gesetz von Solon, dass nur an Festtagen Weizenbrot gegessen werden dürfe, ansonsten man sich mit Gerste begnügen soll.

    Die Eltern schlafen noch im Thalamos, dem großzügigen Schlafraum im ersten Stock (9), während seine Kammer gerade mal die Größe einer Sklavenkammer hat.

    Eine Schulpflicht besteht nicht, die nötigen Fertigkeiten im Lesen und Schreiben sind jedoch für das politische und geschäftliche Leben in der Polis unabdingbar, und einer, der zugäbe, es nicht zu beherrschen, macht sich nur lächerlich: Weiter als zum Wurstverkäufer dürfte er es nicht bringen!

    Der Versuch, eine wichtige Funktion in der Stadt zu auszuüben ohne diese Vorkenntnisse, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt - wenn man von den gelosten Ämtern wie den Geschworenen bei den Volksgerichten absieht, aber die bringen ohnehin kaum etwa ein. Wie könnte der junge Mann sonst Gesetzestexte von Solon lesen, die auf Holztafeln auf der Akropolis ausgestellt sind? Oder den Namen des unbotmäßigen Politikers beim jährlichen Ostrakismos (10) auf die Tonscherbe kratzen? Daher wäre es unverantwortlich, keine Schule zu besuchen, auch wenn das Schulgeld für manche vom Essen abgeknapst werden muss, außerdem ist man ohne musische und sportliche Ausbildung ohnehin nur ein halber Mensch - einem Barbaren vergleichbar, der seinen Wein aus Unbildung ungemischt trinkt (11)!

    Die Söhne der Theten (12) würden sich die Finger nach einer solchen Ausbildung lecken, die Wohlhabenden leisten sich überdies einen Pädagogen, üblicherweise ein Sklave, manchmal speziell zu diesem Zweck eingekauft, der gewisse Kenntnisse in der Literatur, den Musen und den Wissenschaften hat, um den Jungen hinreichend alle Fragen beantworten zu können, welche der Vater, den man tagsüber kaum antrifft, nicht beantworten kann. Einen guten Ruf sollte der Mann besitzen, charakterfest, ein moralisches Vorbild für die Kinder, nicht zu jung, keiner, die sich Wartezeiten mit zuviel Wein verkürzt, wie man es manchmal in den Gymnasien unter schattigen Platanen beobachten kann. Denn er ist es, der den Knaben den ganzen Tag über begleitet und beaufsichtigt, der seinen Umgang überwacht und, sobald notwendig, auch mit dem Knotenstock disziplinarisch eingreifen darf - gute Eltern erwarten dies!

    Wenn der Junge das siebte Lebensjahr erreicht hat, dann ist er bereit für die Schule, und der Elemtarunterricht sollte in weiteren sieben Jahren abgeleistet sein. Überhaupt spielt die Sieben eine besondere Rolle in der Einteilung der Altersstufen, wo bereits Solon in seinen berühmten Hebdomaden vorgeführt hat:

    Knabe zuerst ist der Mensch, unreif: da wirft er der Zähne weg,
    der dem Kinde entsproß, von sich im siebenten Jahr.
    Wenn zum anderen Mal Gott schloß die Sieben der Jahre,
    Zeichen der Mannheit sodann keimen, der nahenden, auf.

    - auch wenn Aristoteles später die "keimende Mannheit" nicht so exakt bestimmen will (13). Auf alle Fälle hat Hipponikos das Alter des Pais (14) hinter sich gelassen und wird nun Meirakion genannt, nun darf er auch den Himation (15) über die Schulter schlagen, wenn es kälter wird.

    Die ersten Sonnenstrahlen klettern über den Hohenrücken des Hymettos (16) und beleuchten spärlich die engen Gassen, die Akropolis dagegen strahlt schon im rötlichen Glanz. In der Nachbarschaft kräht ein Hahn, und irgendwo quieken Schweine, die gerade gefüttert werden. Natürlich gehen sie zu Fuß - im Zweispänner fahren nur noch Angeber oder Leute, die ihre Gesinnung gegen die Demokratie zur Schau stellen wollen. Außerdem würden Pferde ohnehin nicht durch die engen Straßen passen.

    Der Pädagoge vorweg, die Schreibtafel in der Linken, den Knotenstock in der Rechten, hastet er über den nackten Fels, der den Straßenbelag abgibt. Gelegentlich hat man eine Querrille eingehauen, damit das Regenwasser abfließen kann, aber da es seit einiger Zeit nicht geregnet hat, verhindert nur der Morgentau, dass der Staub nicht in hohen Wolken aufwirbelt. Viel lästiger fallen da die Kothaufen, kippt man doch die Nachttöpfe gerne aus den Fenstern auf die Straße, auch die kleinen Kinder hebt man gerne vor der Haustür ab (17).

    Vom Dipylontor her ziehen Bauern oder Händler ihre Karren zur Agora (18) hin, manche manche haben einen Esel. Selleriestauden liegen gestapelt neben Bohnen und Knoblauch, Krügen mit Erbsen, Zwiebeln oder Feigen, Amphoren voll Essig, Öl oder Wein, und gelegentlich sind auch exotische Früchte zu sehen: goldene Äpfel der Hesperiden, Datteln aus Phönizien, persische Nüsse...



    1 Jugendlicher zwischen 14 und 18 Jahren
    2 Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, darf einen Tag lang den Sonnenwagen lenken und löst dabei eine Katastrophe aus.
    3 Eine Redezeit in der Volksversammlung dauerte 6 Minuten.
    4 Plat.Nom. 766a
    5 Untergewand, diente aber den Schülern als Kleidung
    6 Männergemach und Ort der Symposien
    7 Frühstück
    8 Abendessen
    9 Dort befindet sich auch das Frauengemach.
    10 Scherbengericht
    11 Galt als Kennzeichen barbarischer Sitten. In Griechenland gehörte es zur guten Sitte, den Wein 1:3 oder 3:5 mit Wasser zu mischen.
    12 Tagelöhner
    13 Arist.Pol. 1336b35, Arist.Hist.Anim.VII.1
    14 Kind bis ca. 14 Jahre.
    15 Mantel der Männer
    16 Gebirgszug bei Athen
    17 Aristoph.Wolken 1384
    18 Zentraler Platz in Athen, auch Marktplatz
     
  3. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Liest sich gut. Bin gespannt, wie es weiter geht :)
     
  4. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Schulgebäude finden sich recht zahlreich in Melite, dem Stadtteil, in dem Hipponikos lebt, sie fallen nicht einmal besonders auf, denn für mehr als zehn Schüler sind sie nicht eingerichtet und unterscheiden sich daher kaum von anderen Gebäuden. Nicht, dass sich ein Sohn aus gutem Haus mit dem Sohn eines Theten abgeben müsste - Leuten, die den Sklaven näherstehen als den Freien! Dafür hat jede Klasse ihre Schule, und die es sich nicht leisten könnten, verdingen sich schon im Jünglingsalter als Tagelöhner.

    Für die ärmeren Klassen reicht ein einfacher Raum mit ein paar Hockern, für die Sprösslinge der Bessergestellten hat man immerhin einen eigenen Vorraum für die Pädogogen angebaut, in dem sie die Unterrichtsstunden abwarten können, wenn sie es nicht vorziehen, ihrem Zögling über die Schulter zu sehen (19). Doch der eigentliche Unterrichtsraum ist kaum besser ausgestattet - schließlich kommen die Schüler ja nicht zum Vergnügen hierher! Sondern um zur sittlichen Tüchtigkeit herangebildet zu werden, die zudem Lust und Liebe dazu einflößt, ein untadelhafter Bürger zu werden und das Geschick verleiht mit Gerechtigkeit zu herrschen und zu gehorchen (20). Nur eben hängen in diesen "besseren" Häusern ein paar Zirkel und Lineale mehr, sind die Lehrer besser ausgebildet und besitzen mehr Bücherrollen, die an der Wand befestigt sind. Alles andere sieht ähnlich aus: zwei Reihen niedriger Holzbänke oder einfach nur Schemel ohne Lehnen sind gegeünber dem Stuhl des Lehrers aufgereiht, ein Lehnsessel mit zurückgebogenen Füßen. Ansonsten hängen eben die Lehrmittel an den Wänden, bereichert um Trinkgefäße, szenische oder dionysische Masken, auch Bildnisse der Musen finden sich auf der anderen Seite. Tische stehen keine im Raum, denn die Schüler schreiben auf Wachstäfelchen, die man bequem auf dem Schoß halten kann.

    Der Lehrer, den man Didaskalos oder Grammatikos nennt, mag zwar eine wichtige Tätigkeit ausüben, schließlich soll er die Kinder in die elementaren Grundlagen des Schreibens und Lesens sowie der Literatur einführen. Er gibt ihnen die technischen Hilfsmittel in die Hand, erzieht aber selbst nicht. Daher genießt er keinen sonderlich guten Ruf, denn wie der Handwerker nimmt er Geld für seine Dienste. Und noch nicht einmal viel: gerade einmal 40 Drachmen verdient er (21), nur wenige erhalten mehr, und selbst diesem Geld muss er lange nachlaufen. Vor den Zeiten der Demokratie hatten die Adligen selbst die Erziehung des Nachwuchses befreundeter Männer übernommen - und zwar unentgeltlich. So erregt das Ansinnen des Lehrers, Geld für seinen Dienst anzunehmen, einigen Unmut - bekommt doch derjenige, der für die sittliche Bildung der Paides zuständig ist, der Pädagoge nämlich, selbst nichts. Noch Sokrates wettert vehement gegen diejenigen, die für ihre Lehrtätigkeit Geld nehmen, so dass er den Hippokrates vor denjenigen warnt, die ihre Kenntnisse wie Kleinkrämer an den Mann bringen, um ihn am Schluss um den Wert desselben zu betrügen (22) - wenn es auch im Fall der Sophisten ganz andere Summen sind, die da fließen: Protagoras, so hört man, erhält für seinen Unterricht 10000 Drachmen! Eine Höhe, die sich allerdings nicht halten konnte und binnen weniger Jahre um neun Zehntel gefallen ist.

    Trotz seines niedrigen Status hat der Lehrer beinahe unumschränkte Gewalt über die Jungen, sie sollen ihn fürchten und vor ihm zittern, und wenn der Schüler zu Hause den Eindruck von Verzogenheit macht, dann liegt das offenbar daran, dass ihn der Didaskalos - wahlweise der Pädagoge - nicht oft genug gezüchtigt hat. Hipponikos Freund Kottalos kann ein Lied davon singen: In der vorigen Dekade war er nämlich Zeuge einer Szene zwischen Metrotimé, der Mutter seines Freundes und dem Schulmeister Lampriskos.

    "Peitsche ihn zwischen den Schultern, Lampriskos", hatte Mitrotimé gefordert, "bis seine verruchte Seele aus ihm heraustritt! Den ganzen Tag über spielt er Gerade-Ungerade, kaum weiß er, wie die Schultür von innen aussieht! Seine Schreibtafel liegt ungenutzt in einer Ecke, obwohl ich sie doch jeden Monat neu einwachse, und wenn er sie doch einmal in die Hand nimmt, blickt er sie finster an, als ob sie aus dem Hades käme und schmiert bloß auf ihr herum. Kaum einen Buchstaben kennt er. Gestern hat sein Vater ihm aufgetragen, 'Maron' zu schreiben, und was hat er daraus gemacht? 'Simon'!"

    So ging das eine ganze Zeit weiter vor der versammelten Schar, der arme Kottalos an der Seite des Lehrers, die Augen zum Ausgang gerichtet. "Wenn man ihn scheltet, läuft er weg zu seiner Großmutter oder setzt sich auf's Dach wie ein Affe, macht darüber gar die Ziegeln kaputt..."

    Der Lehrer hatte dem Bericht der Mutter gelauscht und fühlte sich genötigt, seinen Pflichten nachzukommen. Laut rief er drei andern Schüler, Euthias, Kokkalos und Phillos, die ihm wegen ihrer Körperkraft bei solchen Gelegenheiten üblicherweise zur Hand gehen, um den Taugenichts während der folgenden Strafe festzuhalten. "Euthias, hol mir den Lederriemen!"

    Nun wurde auch Kottalos lebendig. "Bei den Musen, bei deinem Bart, Herr, nicht den Ochsenziemer!" - "Das ist die Strafe für Ungezogenheit!" - "Beim Hund, wieviele Schläge willst du denn geben?" - "Das wird mir deine Mutter sagen." - "Wie viele denn, Mutter?" Doch Metrotimé blieb unbarmherzig: "So viele, wie dein böses Fell vertragen kann!"

    Dann ging es los mit dem Auspeitschen, Schlag auf Schlag, nur unterbrochen durch die Schmerzensschreie des Jungen. "Ich werde dir folgen, ich verspreche es!" - "Red nicht so viel, sonst bekommst du einen Knebel in den Mund!" - "Ich werde nicht mehr reden, aber bring mich nicht um!"

    Fast schien es, als habe Lampriskos doch noch Mitleid, weil er seine Helfershelfer anwies, den Jungen loszulassen, da aber schaltete sich die Mutter wieder ein: "Nein, ledere ihn bis zum Sonnenuntergang!" - "Er ist aber schon fleckig wie eine Wasserschlange." - "Gut, dann lass ihn nun seine Leseübungen machen, anschließend aber soll es nochmal zwanzig Schläge regnen." Kottalos hatte laut aufgestöhnt, aber die Mutter hatte sich nicht erweichen lassen. (23)

    Nicht immer sind es die Knaben, die gepeinigt werden. Als jüngst der Alkibiades den Lehrer nach einer bestimmten Rhapsodie des Homer fragte und dieser keine Auskunft geben konnte, wurde der Junge tätlich, denn dass man Homer vernachlässigen konnte, erschien ihm unerträglich (24).

    Die Formung des Charakters bildet den Kern antiker Erziehung, wenn auch die Schule selbst diese Formung nur unterstützen und das persönliche Vorbild abgeben soll. Daher wird der Unterrichtstag in drei Bereiche eingeteilt, wobei das Einstudieren der literarischen Tradition den Anfang macht, gefolgt von der Einübung in die Musik, dann aber gehört der Nachmittag dem Training des Körpers (25).

    19 Es ist strittig, ob sich die Pädagogen in solchen Vorräumen aufhielten und ncht eher im Klassenraum selbst.
    20 Plat.Nom. 643e
    21 ungefähr das Verdienst eines Handwerkers.
    22 Plat.Prot. 313c
    23 nach Herondas, 3. Mime, Der Schulmeister
    24 Aelian VH xiii.38
    25 Manche drehen diese Reihenfolge um, doch ist der wirkliche Tagesablauf nirgendwo nachgewiesen.
     
  5. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Auf jeden Fall steht im Grammatikunterricht die Beherrschung des Lesens und Schreibens an erster Stelle. Als Hipponikus mit sieben Jahren zum Grammatisten (26) kam, dem Elementarschullehrer, durfte er zusammen mit seinen Freunden Buchstaben, Silben, Doppelsilben pauken, bis er nachts sogar davon träumte: "Es gibt Alpha, Beta, Gamma und Delta und ei und auch Zeta" (27). Über dieses Stadium ist er - den Musen sei Dank - hinaus, nun folgt das Auswendiglernen der Klassiker, deutlich erinnert er sich an das erste Gedicht, das sie vor einem Monat, im Skirophorion, drannahmen: "Oh Muse", hatte der Grammatikos pathetisch deklariert, "ich beginne zu singen vom breiten Skamander..." (28). Auch die Striemen auf den Oberarm bleiben ihm lebhaft im Bewusstsein, als er darüber gekichert hatte. Nur wenn der Knabe alles weiß und keinen Anlass für Kritik abgibt, kann er damit rechnen, nicht bestraft zu werden. Allerdings muss er gleichzeitig damit rechnen, das nächste Mal härter herangenommen zu werden, denn wer eine kleine Bürde tragen kann, dessen Last darf man getrost erhöhen (29). Dann kamen Homer, Hesiod und Phokylides (30) an die Reihe. Nikoratos, ein Freund des Vaters, hatte kürzlich damit geprahlt, die gesamte Ilias auswendig zu kennen (31); er konnte sogar diejenigen Verse der Ilias aufsagen, die kein Sigma enthielten (32). Nachdem er eine größere Probe seines Könnens abgegeben hatte, unterhielten sich die Männer beim Mahl noch über den Homer, nicht alle waren mit dem Wertekanon des alten Dichters zufrieden. Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe spielen bei ihm nämlich kaum eine Rolle (33). "Man muss nur einmal daran denken, wie Odysseus die Göttin belogen oder den Dolon heimtückisch ermordet hat (34)." - "Genau. Oder erinnere dich an die Maßlosigkeit von Achilles' Zorn, der die hellenischen Völkern beinahe in den Untergang geführt hätte", pflichtete der Vater bei. Dagegen rutschten dessen Frömmigkeit und Kampfgeist oft ins Barbarische ab. "Wer würde denn heute zwölf Jünglinge beim Begräbnis lebendig opfern, wie Achill das für seinen Freund Patroklos getan hat? (35)" - "Oder erinnert euch an die Schändung des toten Hektor, als der strahlende Held dessen Leiche quer über's Schlachtfeld schleifte!" Solche Extravaganzen hatten allerdings selbst Homer's Unwillen erregt.

    Doch kam man von Homer schnell auf die Agoge in Sparta zu sprechen, und Hipponikos lauschte mit klopfendem Herzen.

    "Schon mit 12 Jahren werden die Knaben dort aufgefordert, ihre kärgliche Speise durch Diebstahl anzureichern, und die einzige Tugend, die ich darin sehen kann, ist die unglaubliche Standhaftigkeit, wenn sie erwischt werden. So habe ich neulich davon gehört, dass einem Paidiskos ein gestohlener Fuchs die Eingeweide zerrissen hat, als er ihn unter seinen Chiton presste, um den Diebstahl zu verbergen (36)." - "Die Lakonier haben es schon immer verstanden, Lügen und Gerüchte in die Welt zu setzen! Auch ihre Paidiskoi sollen sich vor dem Altar der Artemis Orthia zu Tode peitschen lassen, wenn sie beim Käsediebstahl erwischt werden - gesehen hat das aber noch keiner (37)." Hipponikus standen bei solchen Geschichten die gelockten Haare zu Berge, und trotz der Schläge des Didaskalos war er froh, in Athen zu leben, dem Musentempel von Hellas!

    Zurück zur Schule! Während die klassischen Dichter trotz Kritik weiterhin die erste Stelle im Lehrplan einnehmen, sucht man das Erlernen von Fremdsprachen vergeblich: ein echter Grieche würde doch niemals barbarisches Gestammel freiwillig lernen - es sei denn, es handele sich um einen Kaufmann. Auch das Studium der Arithmetik hält sich in engen Grenzen, und selbst das Addieren zweier Zahlen wird nur ansatzweise erlernt - dafür bringt man ihm eindrucksvolle Techniken im Fingerrechnen bei, mit denen man die Zahlen bis zu einer Million darstellen kann - was allerdings weit über Hipponikos' Vorstellungsvermögen hinausreicht. Wenigstens lernen die Schüler, wie man die Seiten des Dreiecks zu einem Halbkreis berechnet, wie es Thales aus Milet vor Jahren gelehrt hat, aber Naturwissenschaften, Geographie, das Studium der Tiere... nichts davon erfährt der Schüler, sofern er keinen Spezialunterricht nimmt. Immerhin lernt er die Landschaften von Hellas in der Odyssee kennen, worunter sich allerdings Phantasieinseln und erfundene Herrscher mischen. Auf keinen Fall soll der Schüler zum Banausen werden - das ist eher etwas für die Krämer oder Handwerker, also Leute, die sich Spezialkenntnisse verschaffen, oder gar für fahrende Kaufleute, die einzig die Sorge um einen Gewinn von möglichst viel Vermögen umtreibt und daher zwangsläufig der Natur widersprechen (38). Ein gebildeter Grieche benötigt solches Wissen nicht!

    Um die Mittagszeit herum sind die trockenen Übungen beendet, ein paar Zeilen Homer, dazu das Diktat einer Fabel von Äsop, und die Pädagogen treiben die Jungen einzeln nach Hause zum Essen. Mit größerem Eifer trägt Skythos die Bücher und die Wachstafel des jungen Herrn, denn es besteht die Möglichkeit, dass sie Philokleon antreffen, und er will sich nicht nachsagen lassen, er erledige seine Pflichten nicht.

    Nun geht es wieder nach Hause, zum Ariston, dem Mittagsmahl, eine kleine Mahlzeit zwischendurch, bei dem es nur ein wenig Fisch mit Brot gibt, dazu einen geharzten Wein in hoher Verdünnung.

    Anschließend kommt man zum zweiten Teil des anstrengenden Tages: in der glühenden Mittagssonne, ein wenig dösig vom Wein, traben Hipponikos und sein Pädagoge zur Musikschule. Hier steht der Einzel-, mehr noch der Chorgesang im Mittelpunkt, aber auch ein elementares Erlernen der einfachen Instrumente, gelegentlich auch der Gesang unter Begleitung der Lyra. Dieser Unterricht findet neuerdings nicht mehr täglich statt wie in Hipponikos' Knabenzeit; jetzt konzentriert sich das Singen und Musizieren auf die Zeiten der großen Festtage: den Theseus-Spielen, den Oschophorien und Panathenaien, wobei letztere gegen Ende des Monats anstehen. Dort tanzt und singt er im Chor und erhält dafür den letzten Schliff - eine Schande, würde er beim Pyrrhischen Tanz (39) der Meirakioi versagen! Heißt es nicht, daß der des Chortanzes Unkundige auch ein Mensch ohne Erziehung sei, ein wohlerzogener Mensch dagegen hinlänglich in demselben geübt? (40) Auch wenn Hipponikos ganz sicher kein großer Kitharoide (41) wird oder an einem der musischen Wettbewerbe teilnehmen will - etwa bei den Thargelien (42) oder gar an den Pythien (43) in Delphi -, so pflichtet er doch dem Vater bei, dass die alte Tradition des Vorsingens nicht verloren gehen dürfe - ist doch der Gesang der Sterblichen süßestes Labsal (44)! Hatten die Aöden (45) nicht ihre Epen singend zur Phorminx (46) vorgetragen? Oder Dichter wie Archilochos oder Alkaios zur Kithara? Bei den Gastmählern, die er seit einiger Zeit zumindest nach dem Trankopfer bis zum ersten Krater (47) besuchen darf, gehört der Skolion, ein Rundgesang aus dem Stegreif - und sei es bloß der Aristogeiton, den Lobgesang auf die Tyrannenmörder, den man fast bei jedem Gastmahl zum Besten gibt (48). Wer Gesang und Lyra nicht beherrscht, gehört nicht zu den gebildeten Hellenen - selbst Themistokles hatte sich geschämt, kein Instrument zu beherrschen (49) -, und die städtischen Feiern erheben sie gar zur religiösen Pflicht. So hört man solche Gesänge, die von Solon persönlich stammen, ganz gern in den Kreisen, in denen der Vater verkehrt:

    Reichtum, der von den Göttern geschenkt ist, beglückt den Besitzer,
    als ein dauerndes Gut, sicher gegründet und fest.
    Dem aber wild und wüst die Männer nachgehn, unziemlich,
    dieser kommt mit, doch er folgt ohne zu wollen.


    26 Grammatist heißt der Lehrer der Elementarschule, Grammatikos der Lehrer der fortgeschrittenen Literaturschule.
    27 Athen. 10.453d
    28 Entnommen einer Schale att.rf.Duris, Berlin, Staatl.Museum Inv.2285
    29 Libanius Progymnasmata 7
    30 Griechischer Nationaldichter, von dem heute nur noch Fragmente existieren.
    31 nach Xen.Symp. III
    32 Athen. X.80f. Es gab die verschiedensten Spielformen, um seine Gedächtniskünste zu beweisen.
    33 Besonders Platon hat sich im "Staat" über den Wertekanon Homers geärgert.
    34 Homer Il. 10.455ff
    35 Homer Il. 19.22
    36 Plut.Lyk. 17
    37 Plut.Lyk. 17
    38 Arist.Pol. 1.9, 1257a5ff
    39 Waffentanz, von 3 Altersaklassen ausgeübt
    40 Plat.Nom. 2,654a-b
    41 Sänger zur Kithara
    42 Hauptfest für Apollon in Athen
    43 Panhellenische Festspiele
    44 Arist.Pol. 1339b23
    45 Singende Dichter
    46 altes Saiteninstrument
    47 Gefäß zum Mischen von Wein und Wasser
    48 Harmodios und Aristogeiton hatten den Tyrannen Hipparchos ermordert und wurden später dafür hochgeehrt.
    49 Plut.Themist. 2
     
  6. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Neben dem Singen wird also die Lyra geübt, eine Erfindung des Gottes Hermes, dann aber auch der Aulos, eine Art Oboe mit weichem Klang. Denn Wohlklang dringt am ehesten in das Innere der Seele und prägt sie ihr am kräftigsten ein, indem er das Maß mit sich führt und dabei auch maßvoll macht (50). Da also das Musiktreiben wesentlich zur Bildung des Charakters beiträgt, muss es sorgsam ausgewählt werden, um nicht rohe und geschmacklose Gesänge in die Ausbildung der Knaben zu bringen. Das richtige ethische Gefühl, die Freude an tugendhaften Sitten und edlen Taten (51) - darum geht es, denn Musik regt die Sinne an, diese Reizung aber kann auf gute oder schlechte Bahnen führen. Darum bleibt auch die lydische Musik außen vor: ihr weicher Charakter mag Frauenherzen begeistern, ist aber für einen angehenden Mann nicht geeingnet. Ebensowenig förderlich fasst man die lebensfrohe Ionische Tonart auf: besteht sie doch vor allem aus Trinkliedern und anzüglichen Texten, oftmals in Verbund mit obszönem Tanz, was zu Symposien passen mag, nicht aber zur Schule. Dagegen wird der Dorische Modus gelobt: er steht in der Mitte zwischen Leichtsinn und Gedrücktheit und erzeugt daher eine gefasste Stimmung (52). Von Pythagoras wird berichtet, es sei ihm durch eine einfache Änderung der Tonart gelungen, den Liebeswahn eines Jünglings zu lindern (53), und die Treue der Ehefrauen der Krieger in Troja wurde durch die richtige Musik aufrechterhalten (54). Daran lässt sich leicht ersehen, welch göttliche Kraft in der Musik wohnt und wie sorgfältig sie zum rechten Gebrauch auszuwählen ist! So also muss man die Dorische Tonweise gelten lassen: von allen Modi strahlt er die meiste Ruhe und Männlichkeit aus (55): "in gehaltenem Ton, in gemessenem Takt, wie die Väter von jeher es sangen." (56). Falls jedoch einer versuchen sollte, aus diesem gemessenen Taktmaß auszuscheren und "aus Eitelkeit Sprünge versucht und die Lieder mit Schnörkeln verhunzt", dem droht, ganz ähnlich wie beim Grammatikos, der Stock - wie kann er denn frech an den heiligen Musen freveln? (57)

    Mittlerweile ist es Nachmittag geworden; die Wangen sind schon rötlich gefärbt vor lauter Flötenblasen, was einem stilvollen Jüngling nicht wirklich ziemt (58) - da wird es Zeit für die Pflege des Körpers. Während sich Grammtik- und Musikschule nicht weit vom häuslichen Herd befinden, liegt der Ringplatz viel weiter draußen. Da es sich beim Gymnasium um ein weitläufiges Gelände handelt, ist es meist vor den Toren der Stadt angesiedelt, nur die kleineren privaten Ringschulen befinden sich intra muros. Oftmals findet sich in der Nähe ein Wasserlauf und ein kleiner Tempel, manchmal liegt auch der Grabhügel eines Helden nicht weit davon entfernt - wie etwa in Theben das Grab des Diokles, an dem sich allabendlich die Verliebten ihre Treue schwören (59).

    Doch zurück nach Athen! Nun gelangt man zum Höhepunkt des Tages, wo sich die ganze Energie, aufgestaut in den kargen Räumen des Grammatikers und der Singschule, in Kampf und Agon umsetzen kann: auf den Ringplatz, der Palästra, und wenn der Sportlehrer es zulässt, zu einem kleinen Wettstreit im Diaulos (60). Sieben öffentliche Gymnasien unterhält die Stadt, von denen drei nicht nur bedeutende Sportplätze sind, sondern in späterer Zeit vor allem durch philosophische Schulen berühmt wurden, die sich in ihrer Nachbarschaft etablieren: im Nordwesten die Akademie, in deren Umkreis Plato ein Grundstück erwarb, östlich der Stadt das Lykeion des Aristoteles und seinen Nachfolgern, die sich Peripatetiker nannten, und schließlich die Kynosarges im Süden, Sitz der kynischen Philosophen, deren berühmtester Vertreter Diogenes von Sinope der Legende nach in einer Tonne lebte.

    Hipponikos' Sportstätte liegt im Hain des Akademos, ziemlich weit draußen in der Nähe des Demos (61) Kolonos, Geburtsort von Sophokles. Hipparch, ein Peisistrade, hatte die Stätte während der gemeinsamen Tyrannis mit seinem Bruder Hippias gegründet, später wurde sie von Kimon, dem Sohn des Miltiades und Sieger von Marathon, erweitert, bewässert und mit einem Gymnasium versehen. Der Hain ist nach dem Heros Akademos benannt, gewidmet aber der Athena, ein heiliger Ort, berühmt durch viele Legenden, die zu regelmäßigen Leichenspielen Anlass geben (61a), auch stehen dort die zwölf heiligen Ölbäume, aus denen das Öl für die Sieger der panathenaischen Kämpfe gepresst wird. Glücklicherweise ist die Singschule vom Dipylon-Tor nicht weit entfernt. Von da aus geht es Richtung Nordwesten auf einer schnurgeraden Straße, man passiert zunächst den Friedhof Kerameikos, Doppelreihen von Grabmälern und Gedenktafeln säumen den Weg und geben ihm ein heiliges Gepräge, diesem folgt eine Vielzahl ummauerter Gärten, anschließend durchquert die Schar einen Hain heiliger Olivenbäume. "Im Schwarm kommen sie sie die Straßen daher, nach der Singschule, alle in der Ordnung, aus jeder Gemeinde, nur spärlich bedeckt, und wenn es auch Roggenmehl schneit!" (62) Doch heute, mitten im Hekatombaion (63), brennt die Sonne und die staubige Straße raubt einem beinahe den Atem. Nach zwanzig Minuten gelangt man auf dem gemächlich ansteigenden Weg schließlich an eine Mauer, hinter der sich ein weit ausladender Park mit mehreren Gebäuden verbirgt. Vor dem Eingang steht ein Altar des Eros, den Charmus (64) gestiftet hat. Eine magische Verbindung besteht zu einem Altar des Anteros mitten in der Stadt, der Erwiderung der Liebe, denn in alter Zeit hatte es einen tragischen Vorfall gegeben, der den Anlass zu dieser Verehrung abgibt: der Athener Meles hatte seinen Verehrer Timagoras als Zeichen seiner Liebe genötigt, sich einen Felsen hinabstürzen, und als dieser dem bösartigen Ansinnen tatsächlich nachkam, bemerkte er den begangenen Frevel. Ihrem Andenken wurden die beiden Altäre geweiht (65). An dieser Stelle wird das Feuer entzündet, welches für das Brandopfer der Panathenaischen Festspiele verwendet wird, von hier aus startet auch der Fackellauf der Jünglinge, denn in dieser Disziplin beweist sich die richtige Harmonie zwischen der Gier nach dem Sieg und Maß.

    Die Gruppe schreitet am Altar vorbei durch das Tor direkt in jenen Park. Darin stehen Platanen und Olivenbäume, und der Boden ist mit weichem Gras bedeckt. Verschiedene Bronzestatuen sind darin aufgestellt, die Gestalten aus den Mythen darstellen: Nymphen, Feen, ja sogar Satyrn blicken die jungen Sportler an, dem Poseidon ist ein Springbrunnen gewidmet, daneben großer Altar des Prometheus, der den Menschen das Feuer gebracht hat. Eine märchenhafte Atmosphäre wie auf den Gestaden der Seligen, wo die Heroen nach dem Tode mit jährlich dreimaliger Feldfrucht beschenkt werden (66) - und obendrein ein angenehmer Kontrast zur Grammatik- und Singschule! Ein Gebäudekomplex bildet das Zentrum des Gymnasiums, die Palästra: um einen unbedachten Innenhof, dem Peristyl, dessen gelockerter Boden mit feinem Sand bedeckt ist, gruppieren sich einzelne Bauten, die den Athleten auf verschiedene Weise dienen: Wasch- und Brunnenkammern gibt es da, Räume zum Auskleiden und Einsalben der Körper (67), auch Trainingsräume sind vorhanden, sofern man bei Regen oder Schnee draußen nicht trainieren kann, weiterhin hat man ein Vortrags- und Versammlungszimmer für die Epheben eingerichtet (68), und im hinteren Teil liegt das Korykeum, worin die Sandsäcke (69) für die Faustkämpfer hängen. Überall herrscht lebhaftes Treiben, bärtige Männer, bartlose Jugendliche, sogar Kinder wechseln von einem Raum zum anderen, manche noch im Chiton, andere ganz ohne Kleider, verschwitzt, mit Staub bedeckt, zwei Männern fließt Blut aus der Nase und sie fluchen auf sämtliche Götter. Im Apodyterion hält sich eine Gruppe von Schülern auf, die ihre Kleider abgelegt haben und von den Pädagogen in den Nebenraum geführt werden, wo sie den Aryballos (70) mit dem bereitgestellten Öl aus dem Eläothesium (71) füllen und am ganzen Körper eingerieben werden. Nebenan stehen einige Männer mit verschmutzten Bärten, die offensichtlich gerade mit dem Training fertiggeworden sind, wie man aus ihrem staubverklebten Körpern schließen kann. Mit sichelförmigen Striegeln, den Strigiles, schaben sie sich die ölige Masse vom Leib - ein Hund, der darauf nur gewartet hat, schnüffelt freudig an dem schmierigen Brei (72). Wenn man in den Waschraum blickt, sieht man einige jüngere Männer, wie sie von Sklaven gebadet und gesalbt werden, diese beherrschen auch die Kunst der Massage und der richtigen Dehnung der Körperglieder, um sie auf die gymnastischen Übungen vorzubereiten. Auffällig sind drei im Säulengang aufgestellte Statuen: eine ist dem Eros, eine dem Hermes und die stattlichste dem Herakles gewidmet - so besitzt jede Altersgruppe der Athleten ihren speziellen Schutzgott. Auf die Statue des Hermes haben einige wilden Marjoran und Hyanzinthen gelegt, dazu einen Kranz frischer Veilchen (73). Im Peristyl stehen sich zwei ungeschlachte Männer gegenüber, auch sie haben außer ein Paar um die Handgelenke geflochten Lederriemen und einen Kopfschutz (74) nichts an, doch ihre äußere Erscheinung erinnert in nichts an die strahlenden Göttergestalten, die an dieser Stätte ihre Wohlgeformtheit so offen zur Schau stellen. Sondern eher an Fleischklöpse mit dickem Bauch und einem mächtig Gesäß (75).



    50 Plat.Pol. 401d-e
    51 Arist.Pol. 1340a17
    52 Arist.Pol. 1350b2
    53 Sext.emp. Adv.Math. 6.8
    54 Sext.emp. Adv.Math. 6.11
    55 Arist.Pol.1342b13
    56 Aristoph.Wolken 968
    57 ebd.
    58 Plut.Alkib. 2
    59 Arist.Pol.II.12, 1274a31
    60 Doppelstadionlauf, eigentlich Doppelflöte
    61 hier: Vorort
    61a Aelian VH 9.10
    62 Aristoph.Wolken 964f
    63 ungefähr Juli
    64 Eromenos des Peisistratos, Plut.Solon 1
    65 Paus 1.30.1
    66 Hesiod Erga 170
    67 das Apodyterion
    68 das Ephebeion
    69 Korykoi
    70 das Ölfläschchen
    71 Vorratsraum für Öl
    72 vlg. Vase Rf.Hydia, Berlin Antikmus. F2178
    73 Anth.Pal. 16.188
    74 Amphotides
    75 Aristoph.Wolken 1014
     
  7. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Die antiken Griechen hatten Dreifelderwirtschaft? Ich dachte das wurde erst im Mittelalter erfunden?
     
  8. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Eine imho unangebrachte Interpretation. Im Jenseits für die ganz glücklichen Griechen wird Landwirtschaft nicht nötig gewesen sein. Die Götter ließen schlichtweg Pflanzen so schnell gedeihen, dass man dreimal im Jahr ernten könnte. Dreifelderwirtschaft sagt ja auch nichts über die Ernten pro Jahr auf einem Feld auf, sondern wieviele verschiedene Bewirtschaftsformen hintereinander auf einem Feld passierten.
     
  9. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Ah ok. Ich hab das als Festtage verstanden, wo die Griechen den Toten dreimal im Jahr etwas ihrer Ernte darbringen.
     
  10. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Hier der Text Hesiod Werke und Tage 170ff in der Übersetzung von Voß:
    Ich hatte das so verstanden, dass die Heroen im Jahr dreimal ernten konnten (von Säen ist ja nicht die Rede) im Gegensatz zu einer oder max. zwei Ernten, also ein Zeichen von Überfülle. Schließlich haben ja auch die Adligen jener Zeit von der Landwirtschaft gelebt - da konnte man es sich im Paradies kaum anders vorstellen.
     
  11. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Nach einer kurzen Reinigung in der Brunnenkammer geht es durch die hintere Pforte hinaus zu einem weiteren Park, der vom Eingang her von den Gebäuden verdeckt ist und die eigentlichen Sportanlagen birgt. Zur Linken erstreckt sich die Laufbahn, eigentlich sind es zwei, denn eine Spur verläuft im Freien - die Paradromis -, die andere, parallel zu ihr angelegt, ist mit einem von zwei Säulenreihen getragenen Dach versehen, der Xystos: dieses Ensemble wird dann der Dromos genannt, die Laufbahn zum Trainieren. Exakt ein Stadion misst die Strecke, an ihrem Ende sind drei hölzerne Pflöcke angebracht, welche die Läufer bei größeren Distanzen umrunden müssen, denn den Diaulos, den Doppelstadionlauf, bewerkstelligt man durch Hin- und Herrennen - gerade so, wie man beim Schwimmen wendet. Der Boden besteht aus gestampftem Lehm und ist mit feinem hellen Sand bedeckt - die Athleten rennen nämlich barfuß.

    Zur Rechten sind kleinere Areale mit gelockertem Boden abgesteckt, hier befindet sich ein Teil der Ringplätze, die man auch in der Palästra angelegt hat, daneben die Markierungen für Diskus- und Speerwurf; diese Disziplinen benötigen einleuchtenderweise Platz und werden nicht im Innenhof ausgeübt. Eine Anzahl von Jungen, aber auch jede Menge bärtiger Männer, führen ihre Übungen aus, keiner der Athleten hat den geringsten Fetzen am Leib, und alle anderen, die ihren Himation oder Chiton anbehalten haben und das Gelände flanierend, sitzend oder liegend bevölkern, haben mit dem Training entweder nichts zu tun oder sind Beamte des Gymnasiums. Einer ragt aus der Menge mit seinem Chiton in Purpur heraus: das ist der Gymnasiarch, der Leiter dieser Sportstätte und Sponsor des Öls, Kleinias, ein vornehmer Mann schon im gesetzten Alter, der sich um die Polis verdient gemacht hat und nach Ablauf seines Amtes in einem Gedenkstein verewigt werden wird. Auf dem Ringplatz findet gerade ein Kampf zwischen zwei Epheben (76) statt, noch tragen sie keinen Bart, aber ihr Haar ist bereits kurzgeschoren (77). Hier handelt es sich um den Pankration, den Allkampf, in dem außer Beißen und Eindrücken der Augäpfel alle Kniffe erlaubt sind - Treten, Schlagen, Würge, Pressen, oder einfach das Brechen der Knochen... Ihre Körper sind mit weißem Staub bedeckt, den das Gymnasium ebenfalls im Vorratsraum (78) bereithält, so dass die Haut wie Schmirgelpapier aussieht - notwendig allerdings, sonst fänden die Griffe am eingeölten Körper keinen Halt. Der Gymnasiarch steht daneben und fungiert als Schiedsrichter, schließlich möchte er in seiner Schule zu starke Verletzungen oder gar Todesfälle vermeiden. Neben den ringenden Jünglingen haben einige Sportler mit Hacken die Weitsprunggrube aufgelockert, einem 50 Fuß fassenden Areal, das Skamma genannt wird, und springen nach kurzem Anlauf über den Bater (79) in den Händen halten sie kleine Sprunggewichte (80), zudem begleitet sie ein Flötenspieler mit rhythmischen Weisen, um ihre Bewegungen zu koordinieren. Allerdings übertönt die johlende Schar der Zuschauer, die sich um die kleine Arena der Pankratiaten gebildet hat, mit Leichtigkeit seine Darbietungen.

    Der Gymnasiarch ist bei weitem nicht der einzige bekleidete Besucher auf dem Sportplatz. Von der Laufbahn kommt der Gruppe der Schüler, zu der auch Hipponikos gehört, ein Mann im wehenden Chiton entgegengelaufen, ihrem Pädotriben, der ihnen die Kunst der richtigen Athletik beibringen soll. Einige von Hipponikos' Freunden schwärmen jetzt schon von einer Athletenkarriere - so stark zu werden wie Milon von Kroton, der sechsfache Periodonike, der einen Stier mit einem Faustschlag getötet hat, oder Theogenes von Thasos, der als Sohn des Herakles gilt, zweiundzwanzig Jahre im Faustkampf unbesiegt blieb und schließlich nach seinem Tode selbst als Heros verehrt wird. Doch dafür benötigen sie noch den richtigen Schliff. Der Bruder seines Freundes Stasilaos, der zwei Jahre älter ist, hat dafür einen Gymnasten angeheuert, der ihn die wirklichen Kniffe beim Ringen beibringt, denn der Pädatribe gibt nur elementare Anweisungen in den klassischen Disziplinen, alle, die sich darüber hinaus etwas leisten wollen, benötigen Spezialisten für ihre Ausbildung und trainieren üblicherweise in den kleineren privaten Palästren. Auch einer strengen Diät befleißigt er sich: nach den Vorschriften des Dromeus von Stymphalos ernährt er sich statt mit frischem Käse nun ausschließlich mit Fleisch (81). Neulich hatte Hipponikos ihn getroffen und ihn kaum erkannt, so hat die Fleischdiät ihm Masse zugesetzt! Früher hatte er einen harmonischen Körper, nun aber verschieben sich die Proportionen ins Unmäßige.

    "Wo bleibt ihr, ich habe euch schon eher erwartet!" Schnell sammelt der Pädotribe die ankommende Schar der Schüler um sich herum und lässt sie im Halbkreis im Sand sitzen. Heute gibt er Unterweisungen zum richtigen Starten beim Wettlauf. Nach der Einweisung schreiten sie zur Tat. Sorgfältig verwischen die Jungen ihre Abdrücke im Sand (82), wie der Pädotribe ihnen aufgetragen hatte: wer die Schönheit der Jugend liebt, bekommt hier genügend geboten, da benötigt er nicht zusätzlich noch Abdrücke ihrer Hinterbacken! Tatsächlich treiben sich einige Leute herum, manche gerade dem Ephebenalter entronnen, andere schon bärtig, doch scheinen sie weniger am Sport als vielmehr an den Sportlern interessiert, und ganz besonders an den Jüngeren. Einer ist ein berühmter Bildhauer mit seinem Gefolge; Hipponikos streckt seinen sehnigen, nahtlos von der Sonne gebräunten Körper ein wenig - wer weiß, vielleicht entdeckt ihn der Künstler als Modell für seine nächste Apollonstatue? Doch nicht nur die Bildhauer achten auf die schlanken Jungen, die sich auf den Sportplätzen tummeln: einige starren sie ganz offen an, entzückt und verwirrt (83), wie Wölfe das Lamm (84) oder Reisende den Artemistempel in Ephesus (85) - Männer, die sich den Schönsten als ihren Liebling aussuchen. Hipponikos' Freund wurde neulich von einem Mann angesprochen, kaum zehn Jahre älter als er, und schließlich hatte er es so weit gebracht, dass ihn Stasilaos nach Hause einlud. Einen Kampfhahn hatte er ihm mitgebracht (86), erzählte er den nächsten Tag in der Schule, und davon gesprochen, ihn zur Jagd mitzunehmen, er besitze auch Pferde und einen Streitwagen. Nun ist es offiziell, dass Stasilaos der Liebling von Aristides ist - eine Freude für den Vater, der diese Übereinkunft lebhaft unterstützt, denn Aristides stammt von vornehmer Familie ab und hat Vermögen; da fiele es ihm leicht, Stasilaos einen guten Posten in der Stadt zu verschaffen, wenn er die Schule beendet hat. Seine Mutter scheint sich weniger dafür zu erwärmen: immerhin ist Aristides bekannt für seine leichtlebige Art, und so hat ihren ganzen Einfluss daringesetzt, dass ihr Sohn zunächst einmal keine Symposien des Aristides besuchen dürfe - zu wild und unsittlich mochte es dort wohl zugehen. Vor einiger Zeit hatte es dort ein Gelage gegeben, nach dem Aristides' Haus nun der "Dreiruderer" genannt wird: Einige seiner Freunde betranken sich dort - mit ungemischtem Wein, wie man munkelt, was bekanntlich wahnsinnig macht (87) -, gerieten in einen so berauschten Zustand und wurden so wirr im Kopf, daß sie glaubten, sie befänden sich in einer Triere und steuerten durch einen gefährlichen Sturm. Sie gerieten dermaßen außer Rand und Band, daß sie alle Möbel und Einrichtungsgegenstände aus dem Haus ins vermeintliche Meer warfen, weil sie den Befehl des Kapitäns gehört haben wollten, das Schiff müsse wegen des Sturms von Ballast befreit werden. Unterdessen versammelte sich viel Volk am Ort und begann, das weggeworfene Besitztum wegzutragen; doch selbst dies hielt die jungen Leute nicht von ihrem Wahn ab. Am darauffolgenden Tag war die Obrigkeit im Haus erschienen und hatte Klage gegen sie erhoben. Doch Aristides und seine Kumpane waren noch immer seekrank und antworteten auf die Fragen der Beamten, daß sie sich vor lauter Angst im Sturm dazu gezwungen sahen, alles überflüssige Gewicht über Bord zu werfen (88). Von solchen Exzessen abgesehen, sei schließlich der Genuss von zuviel Wein und Fischen schädlich und der athletischen Diät abträglich, wie doch auch der Ringer Gerenos durch ein zweitägiges Trinkgelage in sdeinem Gleichgewicht derart gestört wurde, dass er nicht nur Durchfall bekam, sondern auch sein nächsten Training nicht überlebte (89). Hipponikus brennt allerdings darauf, sein erstes Symposium zu besuchen, bislang wurde er bei den häuslichen Festen im Andron immer nach der ersten Kraterrunde ins Bett geschickt - er hatte noch nicht einmal auf einer Kline liegen dürfen: nackte Flötenmädchen sollten da aufspielen, und Sklavinnen einen jeden Wunsch von den Lippen ablesen (90)... Doch kann er solchen Gedanken nicht weiter nachhängen, befindet er sich doch in aller Öffentlichkeit und ganz ohne Kleider!

    Mit den Erasten, die zuweilen in Gruppen, zuweilen auch alleine im Park lustwandeln, hat man jedoch keineswegs alle Besucher erfasst. Weiter hinten kann unser Held einige Leute unter einer Platane sitzen sehen, die miteinander würfeln, und nicht weit davon entfernt, an der Außenmauer der Palästra, spielen kleine Kinder mit den Astragoloi, indem sie Knöchel in die Luft werfen und mit dem Handrücken aufzufangen versuchen. Offensichtlich haben ihre Väter sie mitgenommen, auch Hipponikos begleitete als kleiner Junge oft den Vater zum Gymnasium, wo er seine Freunde traf und man entweder Gerade-Ungerade spielte oder eben auch das Knöchelspiel.


    76 18-20 Jährige
    77 Teil der Zeremonie bei den Apurien
    78 Konisterium
    79 die Schwelle zum Absprung
    80 die Halteres
    81 Paus. 6.7.10
    82 Aristoph.Wolken 973f
    83 Plat.Charm. 154c
    84 Plat.Phaidr. 241d
    85 eines der Weltwunder
    86 Motiv auf vielen Vasen
    87 Herodot VI.84
    88 nach Timaios von Tauromenion
    89 Philostratus Gymn. 54
    90 Xen.Symp.IX
     
  12. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Während sich die Jungen am Fuß der Paradromis einfinden, werden die ersten drei Läufer ausgelost; diese stellen sich an der Startschwelle (91) auf, verankern ihre Zehen in den Startrillen, beugen den Oberkörper leicht vor, genau wie sie es soeben gelernt hatten, bis der Pädagoge "He!" ruft - und wehe, einer der Jungen startet zu früh! Für die Bestrafung eines solchen Betrügers hält der Lehrer die gegabelte Rute schlagbereit in der Hand. Und so wagt es auch keiner. Der Wettlauf interessiert Hipponikos nur am Rande, kann ihm doch beim Rennen keiner das Wasser reichen; lieber beobachtet er eine Gruppe ehrwürdiger Männer, die mit erregten Gebärden miteinander diskutieren. Oft trifft man sie an, in wechselnden Gruppen, manchmal hier auf den Sportplätzen, manchmal in der Palästra oder im Apodyterion. Einer fällt besonders auf: ein schon älterer Mann mit wulstigen Lippen und einer breiten Stupsnase, einem Satyr nicht unähnlich, ist in ein Gespräch mit einem elegant Gekleideten vertieft: "Aber auch jetzt noch, sage nur, behauptest du das Angenehme und das Gute sei einerlei, oder es gebe Angenehmes was nicht gut ist?" (92) Leider kann er die Antwort des Gesprächspartners nicht mehr hören, denn der macht einen etwas kleinlauten Eindruck (93).

    So vergeht der Nachmittag mit allerlei Übungen, Geplauder und Gelächter unter den Jungen, oder Hipponikos legt sich einfach aufs Gras und lässt sich den Bauch bräunen; für die richtige Bräunung muss man Sorge tragen, gelten doch bleiche Jünglinge als weibisch und eines freien Bürgers unwürdig. Nach dem Stadionlauf kommen ein paar Lockerungsübungen, dann Speer- und Diskurswurf an die Reihe, schließlich wird auch im Skamma kurz geübt, heute insbesondere die Techniken des Hackens, was auch als Kraftübung gilt. Kampfsportarten wie Boxen und Ringen werden in der nächsten Dekade (94) einstudiert, und das Pankration ist ohnehin für die Profis reserviert. Wenn sich Hipponikos allerdings die gebrochenen Nasen, blutunterlaufenen Augen, den Blumenkohlohren und nicht zuletzt den zahlreichen Zahnlücken betrachtet, ist er darüber nicht wirklich betrübt: wie sollte er jemals einem Künstler als Modell dienen mit einer krummen Nase und verschobenem Unterkiefer?

    Am Abend hat sich Hipponikos vorgenommen, mit dem Vater über eine zusätzliche Ausbildung im Laufen zu reden, denn seit einiger Zeit nimmt er in seiner Gruppe den ersten Platz ein und fühlt sich unterfordert. Eine Ehre für die Familie würde es bedeuten, ein großer Läufer zu werden - so will er seinen Wunsch vorbringen, denn schon der Großvater hatte den Waffenlauf bei den Eleutheria (95) gewonnen und den Ehrentitel "Bester der Griechen" eingeheimst. Wenn er ebenfalls an den Panathenaien oder gar einem der Kranzagonen antreten könnte - in Delphi, Korinth oder Nemea (96) -, und nicht nur im Chor der Knaben singen... Das Größte jedoch wäre eine Teilnahme bei den Olympien, wo Nike (97) selbst zu ihm herabschweben würde mit dem Kranz in der Hand - aber davon wagt er im Augenblick noch nicht zu träumen.

    Helios lenkt seinen Sonnenwagen langsam, aber stetig wieder zum Okeanos zurück, woraus Selene (98) auftaucht. Auch gibt der Magen merklich kund, dass sich das Deipnos (99) nähert. Schon rotten sich die Pädagogen zusammen wie schlimme Geister, manche haben Knaben mit deren Brüdern an der Hand, und rufen sie ab, sie sollten nach Hause gehn, denn es sei schon spät (100).

    Sorgfältig schabt Hipponikos die Mischung aus Öl und Sand mit dem Strigil ab, dann begibt er sich mit seinem Pädagogen in den Waschraum, wo ihn Skythos mit dem Schwamm abreibt. Erst hier erfolgt die tägliche Toilette, und nach der sengenden Sonne und dem Schwitzen beim Hacken und Laufen durchaus angebracht!

    Der Sklave an der Pforte hat die beiden schon erwartet, dienstbeflissen entriegelt er auf Skythos' Zuruf die Tür. "Mit dem rechten Fuß zuerst!" belehrt der Pädagoge seinen Schützling, denn der Linke brächte Unglück ins Haus. "Jeden Abend erzählst du mir dasselbe!" erwidert der gähnend.

    Die Tische im Speisesaal hinter dem Eingangsbereich sind bereits gedeckt, ein frischgebadeter Philokleon sitzt bereits an der Tafel neben seiner Gattin Kalliope, die heute ihr Haar heute in einem kunstvollen Knoten zusammengefasst hat. Sie haben bereits mit der Vorspeise (101) begonnen, und so stehen die Schüsseln mit den Bohnen, Zwiebeln und Linsen bereits auf dem Tisch, daneben die unvermeidlichen Mazafladen (102) - natürlich aus Weizengrütze, man lebt ja schließlich nicht in Sparta!

    Heute wird es allerdings nur ein bescheidenes Abendessen geben - ein richtiges rauschendes Fest hat gestern im Andron stattgefunden, für das extra ein sizilianischer Koch auf der Agora angeheuert wurde. Doch satt wird man auch heute: Auf dem hinteren Tisch, kaum einsehbar für den Eintretenden, sind die Fleischstücke in einer Schüssel gestapelt; Schwein gibt es heute, das mit viel Knoblauch gewürzt ist; Hipponikos riecht das gerne. Auf einem weiteren Tisch, hergerichtet für das Dessert (103), liegen Feigen und Nüsse, auch vom gestrigen Honigkuchen sind noch Teile übrig, und Hipponikos weiß, dass er als einziges Kind des Hauses von Hermiones Spezialität davon das meiste abbekommt. Das Herdopfer für Hestia hat bereits stattgefunden: Ein Stück von der Leber und ein paar Spritzer ungemischten Weins auf den Fußboden.

    Hungrig läuft Hipponikos zum Vater und küsst ihn auf die Wange. Doch der wendet sich zunächst zum Pädagogen und befregt ihn nach den Fortschritten seines Sohnes in der Literatur. Doch bevor der antworten kann, trägt er die Wettlaufszene des Ajax vor, im Gesang Psi der Ilias (104), die Schilderung soll Philokleon günstig für seine Wünsche stimmen.

    Dann endlich darf er seinen Platz neben der Mutter einnehmen, und während alle speisen, erzählt der Vater von seinem Tag in der Stadt: Wie er auf der Agora nach dem morgendlichen Besuch beim Friseur die Freunde traf (105), mit ihnen einem Hahnenkampf im Theater beiwohnte und sogar zehn Drachmen gewann. Außerdem sei er in zwei Tagen - natürlich noch vor Panathenaien - zur Jagd eingeladen.

    Mittlerweile geht es zum Hauptmahl über (106); Hermione bringt die Wasserschalen zum Reinigen der Hände an den Tisch, und so klingt der Abend mit dem Verspeisen der letzten Reste ihres ruhmvollen Hongkuchens aus - wobei Hipponikus' Wunsch nach einem Gymnasten ganz beiläufig Zustimmung erhält. Dann kommt auch schon der Augenblick, sich zur Ruhe zu begeben, und weil der Abend stickig heiß geblieben ist, beschließt der Junge, auf dem Dach zu übernachten (107).

    (Ende)


    91 die Balbis
    92 Plato Gorgias 494e
    93 Sokrates und Kallikles sind natürlich gemeint
    94 Zehntage-Abschnitt
    95 Festspiel bei Plataia
    96 Kranzagone, weil es nur Kränze zu gewinnen gab
    97 Göttin des Sieges
    98 Mond
    99 das Abendessen
    100 Plato Lysis 223a-b
    101 dem Sitos
    102 Auszugsmehl aus gerösteter Gerste oder Weizen
    103 dem Oinos
    104 23. Gesang
    105 Lysias Invalid. 20
    106 dem Opson
    107 ein durchaus üblicher Brauch
     
  13. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    War sehr interessant zu lesen :)
     
  14. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Danke, Legat.

    Ich fand immer anschauliche Geschichte viel spannender als die ewig gleichen Geschichtsschinken, in denen man von dieser Schlacht, von jenem Krieg, von sellem König hört usw usf. *gähn* Daher hat mich das Buch von Davis so begeistert.

    In eine ähnliche Kerbe schlägt übrigens James Davidson, Kurtisanen und Meeresfrüchte, das vom Alltagsleben in besonderer Berücksichtigung der Leidenschaften der Athener berichtet. Möchte ich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich erwähnen.
     
  15. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Bericht Teil 1

    Nun habe ich extra Athen besucht, um den Weg, den ich in der Geschichte beschrieben habe, wiederzufinden.

    Nach langem Hin und Her habe ich tatsächlich einen Stadtplan ausfindig gemacht, auf dem "Akad. Platonos" eingetragen war. Also hin! Zunächst bin ich auf den Kerameikos gegangen, noch heute als Ausgräbungsstätte vorhanden, voll mit Grabstelen und Statuen. Tatsächlich kann man den Weg, den ich beschrieben habe, noch heute betreten (kerameikos.jpg). Und es war sogar eine Schulklasse dort - allerdings nicht in Chiton, sondern in Jeans.:D

    Dann bin ich - jenseits einer äußerst belebten Autostraße und den Elektrizitätswerken - einer Straße namens Platonos gefolgt (Platonos1.jpg, Platonos2.jpg), die eben in meiner Geschichte die Schüler genommen haben; sieht heute allerdings ziemlich anders aus; die Romantik hat da etwas gelitten. :(

    Bis ich auf einen Platz kam, der auf meinem Stadtplan als "Platonische Akademie" eingetragen war. Da stand nun eine Kirche, und am Rand, gerade neben einem Müllhaufen, ein Schild vor einer Treppe mit dem Hinweis, dass hier die Ancient Road to Platonic Academy sei, daneben eine Eisentür mit mystischem Text (Platonos3.jpg), vielleicht kann einer übersetzen, was da steht?

    Jedenfalls war ich erschüttert: ein Volk kann doch nicht so verroht sein, den Wirkungsort seines zweitgrößten Philosophen, dazu der Entstehungsort aller europäischen Bildungsstätten, neben einen Müllhaufen zu verlegen? :hmpf:

    Das konnte nicht sein, und daher habe ich mich nicht damit zufriedengegeben.
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2008
  16. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Bericht Teil 2

    Also habe ich im Internet recherchiert, mit schwachem Erfolg. Immerhin kam ich auf einen Vorort namens "Akadimia Platonos", in dem, wie ich messerscharf folgerte, auch die ursprüngliche Akademie liegen musste (und das Gymnasium, von dem ich schreibe). Nur wo genau? :lupe: Man findet keine Adresse, nichts, ein kleiner Hinweis beim griechischen Kulturministerium, dass die Akademie existiert, nur wo??? :grübel:

    Also bin ich nochmal die Straße namens Platonos entlanggelaufen, weiter als am Tag zuvor, und siehe da - etwa 1 km weiter ein Hinweisschild, in das ein Auto gefahren und das entsprechend zerbeult war, aber noch lesbar: nach links zur Platonischen Akademie!:yes:

    Ahh! Nach 200m kam ich also an einen Park mit Müttern und Kindern, ohne Hinweistafel, aber ich dachte: das muss sie sein! Etwas im Park herumgeirrt, einen Mann gefragt, der mich nur sprachlos anstarrte und die Schultern zuckte, und auf ein kleines, kaum noch lesbares Schild gestoßen, das mir in Griechisch ungefähr dies erzählte: hier stand sie, die Akademie. Und wirklich gab es innerhalb des Parks eine Vertiefung, tatsächlich, der Hain des Akademos, mit ein paar Restmauern! Sogar die Anzahl der leeren Colaflaschen und müffelnder Hundehaufen hielt sich in Grenzen, ja, und genau dort befanden sich die Gemäuer, relativ großzügig angelegt, in einer durchaus angenehmen Atmosphäre inmitten des Hains, schließlich war ich auch der einzige Besucher. Wer es esoterisch liebt: an diesem Ort war durchaus eine "Energie" zu spüren, die von den Geistern der alten Philosophen herrührt, :wolke: und ich hoffe, in den Bildern etwas davon eingefangen zu haben.

    Mich würde interessieren, ob in Akademos5.jpg ein ehemaliger Altar zu sehen ist, den man zugemauert hat, oder ob das etwas gänzlich anderes ist? Schließlich standen hier früher jede Menge Altäre und Statuen.:confused:
     

    Anhänge:

    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen