Europa vor dem 1. Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Alexander187, 31. Dezember 2004.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Aber hierbei sollte man nicht übersehen, dass das Militär mittels seiner Rüstungsprojekte (Flotte, Festungsbau, Militärbahnen, Armierung/Bewaffnung/Munition) wenigstens einen Teil der staatlichen Militärausgaben sozusagen zurück in die Volkswirtschaft(en) investierte: zahlreiche Zulieferbetriebe (Ziegeleien, Zement/Betonwerke, Stahlindustrie, Chemieindustrie, allg. "Elektro"-Industrie*), tausenderlei! sogar Bergbaufirmen*)) wurden neu geschaffen bzw. vergrößerten sich, wobei die saisonalen wie fest angestellten Arbeitskräfte Steuern zahlten. Allein für das Umfeld eines einzigen Militärprojekts, der Modernisierung der Reichsfestung Köln, ist das wirtschaftliche Drumherum im opulenten Band "Festung Köln" gut dokumentiert. Mag sein, dass diese Form der Reinvestition nur einen kleinen Teil der Militärausgaben indirekt wieder einspielte, aber immerhin kann man konstatieren, dass nicht die gesamten Ausgaben sozusagen "futsch waren.
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    *) Feldtelefonleitungen, Festungstelefonleitungen, Beleuchtung, Ausbau unterirdischer Anlagen (u.a. Köln, Metz, Helgoland, Istein)
     
  2. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Diese Selbstfinanzierung von Staatsausgaben tritt auf, wenn die Produktionskapazitäten ansonsten brachgelegen hätten. In einer Phase sehr guter Konjunktur (wie, soviel ich weiß, am Vorabend des Ersten Weltkriegs) ist damit aber eigentlich nicht zu rechnen. In diesem Fall ist eher davon auszugehen, dass private Ausgaben verdrängt wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Januar 2022
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Da wird man aber zwischen zivilen und militärischen Gütern unterscheiden müssen. Im Hinblick auf militärische Güter kann die Konjunktur nur dann gut sein, wenn staatliche Akteure nachfragen, denn an Private werden ja im Allgemeinen keine militärischen Güter verkauft.
    Insofern würden ausschließlich für den zivilen Markt produzierende Betriebe möglicherweise ausgelastet gewesen sein, die Kapazitäten der Rüstungskonzerne, die ebenfalls Steuern zahlen und Nachfrage generieren, aber brach gelegen haben.
    Bei Rüstungsgütern mögen sicherlich die Multiplikatoreffekte geringer sein.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Eben.
    Denn was produziert man denn?
    Im besten Fall Sicherheit, die sich positiv auf die Wirtschaft auswirkt. Nur, je mehr "Sicherheit" man überall kauft, desto unsicherer wird die Lage in dieser Zeit.

    Ich würde sagen ein solcher "Multiplikatoreffekt" hat ein negatives Vorzeichen.
     
  5. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Zynisch betrachtet? Möglicherweise produziert man mit Investitionen in militärische Güter die durch Krieg bedingte, gewaltsame Aneignung von neuen Rohstoffpotentialen und Absatzräumen, nebst Konjunkturprogrammen für Bestatter und Bauunternehmer.

    Ob sich Investitionen in das Militär möglicherweise finanziell lohnen, die moralische Seite (natürlich ist Krieg abzulehnen) außen vor gelassen, hängt davon ab, ob der Akteur, der das betreibt bereit ist einen Eroberungskrieg zu führen und in der Lage ist die militärische Konfrontation in kurzer Zeit mit geringen Verlusten für sich zu entscheiden.


    Letzteres ist wohl die scheußliche Kalkulation, auf die der gesamte Imperialismus begründet war, nebst der Absichten diverser Scharfmacher anno Juli '14
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Januar 2022
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Hatte ich eine - absurde - "Selbstfinanzierung" der Staatsausgaben (für den gestiegenen Militäretat wegen Aufrüstung etc) angedeutet? Nein, ich habe lediglich auf einen kleinen (!) Nebeneffekt verwiesen:
    Was daran unrichtig sein soll, kann ich noch nicht erkennen. Tatsache ist, dass einige industrielle und handwerkliche Erwerbszweige expandieren konnten, ja mussten, da ihnen vereinfacht gesagt das Militär die Auftragsbücher voller als zuvor machte. Wie gesagt bzgl. der Modernisierung von Köln ist der Boom der Zulieferbetriebe nachgewiesen, dieser wirtschaftliche Aufschwung im Fahrwasser der staatlich finanzierten Militärausgaben wird vermutlich nicht einfach so verpufft sein: deshalb schrieb ich "dass nicht die gesamten Ausgaben (für den enorm gestiegenen Militäretat) sozusagen "futsch" waren", sondern dass dadurch ein kleiner Teil der Militärausgaben indirekt wieder eingebracht wurde. Von völliger Selbstfinanzierung war nicht die Rede.
     
  7. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Das habe ich so auch nicht verstanden. Wenn ein Rüstungsauftrag zu einer Erhöhung der Einkommen um 1000 Mark führt und von den Einkommen werden 30% wieder weggesteuert, dann kostet der Rüstungsauftrag den Staat letztlich nur 700 Mark. Wenn aber wegen voll ausgelasteter Kapazitäten dafür ein privater Auftrag nicht ausgeführt werden kann und sich die Einkommen insgesamt nicht erhöhen, fällt dieser teilweise Selbstfinanzierungseffekt weg.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ausweislich der diversen Metastudien zu den Modellen und Messungen ist der Bereich militärischer Staatsausgaben seit 40 Jahren in der Ökonometrie hochumstritten.
    Es gibt dazu reichlich Studien. Militär-Keynesianismus oder Ergebnisse des neoklassischen Solow-Modells sind offensichtlich nicht zufriedenstellend als Erklärungsansatz. trade-offs gibt es nicht nur auf der Produktionsseite, sondern offenbar auch indirekt über Finanzierungseffekte der Staatsausgaben (who pays...?). Geringe Wachstumseffekte scheinen in Zeit- und diversen Länderstudien nachgewiesen. Innovations- und crowding-out-Effekte scheinen klarer, sind aber letztlich auch in den Messungen/Ergebnissen umstritten. Regionale Effekte sind zwar offensichtlich oder relativ leicht nachweisbar, führen aber für gesamtwirtschaftliche Beurteilungen nicht weiter.

    Als Skizzen z. B.
    Military expenditure and economic growth: A meta-analysis
    Meta-analysis, military expenditures and growth
     
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  9. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ergebnis der beiden Meta-Studien ist ja, dass der Effekt von Militärausgaben auf das Wirtschaftswachstum typischerweise nahe 0 ist. Warum das so ist, dazu wurden in den vorigen Thread-Beiträgen wichtige Gründe genannt, natürlich nicht erschöpfend. Beispielsweise könnte die Entwicklung neuer Waffentechnologien den allgemeinen technischen Fortschritt befördern. Junge Leute zu kasernieren statt studieren zu lassen hat dagegen wohl den gegenteiligen Effekt.
     
  10. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hier muss ich mich korrigieren: ausnahmsweise kam es doch vor, dass die seinerzeit (Ende 19. Anfang 20. Jh.) modernen Beton- und Stahlbetonfestungsanlagen ästhetisierende Jugendstilfassden bzw. -gestaltung erhielten! Ich war über diesen zufälligen Fund selber total überrascht:
    die Infanteriestellung Froidmont der Festung Metz 1916
    Fotos und sehr gute Dokumentation finden sich hier: Moselstellung - Fort Froidmont - deutsche Festung bei Metz
    saperlot: die geschwungenen Säulen der rückwärtigen Fassade und der "Westphalenblick"
     
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