Fränkische Züge gegen die Alemannen um 709-712

Sunseeker65

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Hallo zusammen

Ich habe einen Artikel publiziert über Willehari Dux, dem Gegner der fränkischen Züge gegen die Alemannen nach dem Tod von Herzog Gotfrid um 709-712. Ich freue mich über jede Kritik oder Diskussion über meine Arbeit. Ich bin auf Willehari gestossen bei meiner Arbeit über Herzog Gotfrid, den Heiligen Othmar von St. Gallen und dem Kloster St. Gallen und konnte irgendwie mit der traditionellen Verortung von ihm keinen Frieden finden. So musste ich meine Ideen zu Papier bringen. Viele Grüsse aus der Schweiz.
https://www.doi.org/10.5281/zenodo.20060333
 

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  • Willehari Dux und die alemannische Herzogsmacht nach 709.pdf
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Jetzt habe ich deinen Artikel gelesen, den ich gestern Abend nur überflogen hatte - deshalb erst jetzt meine Überlegungen dazu.

Herrschaftsräume, Einflußzonen, Grenzen waren im Frühmittelalter zwar sicherlich vorhanden, aber entsprachen nicht den heutigen exakten Grenzziehungen (es sei denn, ein Flusslauf markierte eine relativ dauerhafte Demarkationslinie) - in diesem Sinn muss einiges bzgl. der wechselnden Herrschaftsräume der Alemannen im Frühmittelalter im Ungefähren bleiben (etwa die "Grenze" zu den Bajuwaren, das Nachwirken der Grenzen ostgotischer Kontrolle/Schutzmacht im 6.Jh. usw) So bleibt wohl auch teilweise offen, wie sich die fränkische Oberherrschaft von der Mitte des 6.Jh. bis zum Cannstatter Blutgericht (da endeten alemannische Sonderwege/Separationsbestrebungen nachhaltig) Richtung Südosten bewegte. In diesem Kontext, also wechselhafte Konsolidierung der fränkischen (merowinigsch-karolingisch) Oberherrschaft, quasi alemannische Unruhen und evtl. Separationsbestrebungen oder Bestrebungen, eingesessene Eliten anstelle fränkischer Herzöge/Fürsten zu installieren, scheint mir dein Artikel sozusagen in der Spätphase oder kritischen Phase, also den letzten Jahrzehnten vor dem Cannstatter Blutgericht angesiedelt zu sein. Ganz besonders interessant fand ich deine Darstellung der frühmittelalterlichen "Militäroperationen" (Aufmarschwege, Logistik usw.) und deinen indirekten Nachweis, dass die Kriegszüge gegen Willehari keine regionale Kleinigkeit waren.
Der originelle Vorschlag, Willehari als Bruder der Gotfrid-Sippe (Bruder von Lantfrid) vorzuschlagen: kommt mir zu gewagt vor.
 
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Danke für Deine Rückmeldung und für Dein Interesse :) Ja genau, die Betrachtung der alemannischen Zeit ist oftmals anachronistisch verfälscht, das die Siedlungsstrukturen noch ganz anders waren wie heute gewohnt. Auch waren Grenzverläufe viel flexibler wie heute. Der Rhein hat da natürlich eine klare Grenzlinie gezogen auch wenn Besitz an beiden Ufern möglich blieb. Ich habe Willehari Dux als Bruder von Gotfrid eingeordnet, weil ich da eine gewisse Schlüssigkeit in der Argumentation verstehe. Gerade weil die direkte Nachkommensgeneration mit Lantfrid, Theudebald und evtl. Odilio von Bayern und Nebi (in der Forschung teilweise als Söhne von Gotfrid benannt) schon ziemlich voll ist und es auch am einfachsten erklärt, weshalb die Erben nicht direkt als machtpolitisches Gegenzentrum zu Willehari sichtbar werden. Es würde mich interessieren, wie du Willehari machtpolitisch verortest und wie du 4 Feldzüge - zwei unter Pippin selber und 2 geführt von Stellvertretern - gegen ihn verstehst, wenn er keinen Zugriff auf die Resourcen von Kernalemannen gehabt haben soll nachdem er die Söhne von ihrem Erbe weggedrängt hätte. Er also gegen die alte und spätere Herzogsfamilie nur als kurzzeitige Zwischenmacht stand.
 
Es würde mich interessieren, wie du Willehari machtpolitisch verortest und wie du 4 Feldzüge - zwei unter Pippin selber und 2 geführt von Stellvertretern - gegen ihn verstehst, wenn er keinen Zugriff auf die Resourcen von Kernalemannen gehabt haben soll nachdem er die Söhne von ihrem Erbe weggedrängt hätte.
warum sollte man ihn nicht analog zu manchen "Generals"karrieren unter Theoderich (z.B. Ibba) als militärisch versierten Gefolgsmann ansehen, dem der Befehl über die Truppen übertragen wird, während seine "Chefs" wie gewohnt mit anderen politischen Aufgaben beschäftigt sind? Das wäre eine alternative Deutungsmöglichkeit. Klar, vier Feldzüge sind - wie schon zuvor schrieb - keine Bagatelle!
 
Einverstanden. Wäre eine Alternative. Ein sehr erfahrener und vertrauenswürdiger Gefolgsmann, dem man eine solche strategische Position anvertraut und der die Erben schützt. Und keine eigene Machtbasis mit seinem Gefolge aufbaut, um seine Position für seine Sippe zu sichern. Ist eine offene Frage der Abwägung der Quellenökonomie. Aber nicht einfach zu verwerfen deine vorgeschlagene Einordnung. Ich denke ist auch bei mir im Text irgendwo erwähnt. Habe nur nur subjektiv gewichtet und aus der Struktur einen gewagteren Schluss gezogen :cool:
 
Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass ein bewährter Kriegsmann wie Willehari gegen die fränkische Oberherrschaft votierte, sich also Chancen gegen diese ausgerechnet hatte. Wir finden bei Gregor von Tours und später immer wieder damalige "Große", die sich gegen diese oder jene Merowinger und Karolinger stellten: es waren unruhige Zeiten. Letztlich (Cannstatt Mitte 8.Jh.) stellte sich das als gescheitert heraus.
 
Der Artikel lässt sich gut lesen und argumentiert vernünftig. Allerdings wäre er, denke ich, interessanter, wenn die wichtigsten Originalquellen zitiert würden, dann könnte der Leser vielleicht ein bisschen selber urteilen.
Fragen, die ich mir stelle: Ist es nicht so, dass Alemannien zu Karlmanns Reichsteil gehörte? Warum kam es dann aber zu Kriegszügen Pippins? Und warum überhaupt?
 
Vielen Dank für die Rückmeldung. Ich habe bewusst auf einen umfangreichen Fussnotenapparat verzichtet, um den Artikel lesbar zu halten, und stattdessen mit einer Quellen- und Literaturliste gearbeitet. Die wichtigsten Originalquellen sind dort verzeichnet.

Im Artikel ist Pippin von Herstal gemeint, also Pippin der Mittlere, nicht Pippin der Jüngere. Die Feldzüge gegen Willehari gehören in die Jahre 709 bis 712 und liegen damit deutlich vor der Reichsteilung nach dem Tod Karl Martells 741. Die spätere Zuordnung Alemanniens zu Karlmanns Reichsteil betrifft also einen anderen politischen Zusammenhang.

Die Frage, warum Pippin von Herstal überhaupt gegen Willehari vorging, ist dagegen genau einer der Kernpunkte des Artikels. Die Quellen nennen den Grund nicht ausführlich. Sie zeigen aber wiederholte fränkische Züge gegen Willehari. Daraus ergibt sich die im Artikel vertretene Deutung, dass Willehari für die fränkische Seite kein lokaler Störfaktor war, sondern ein militärisch tragfähiger Gegner in einem strategisch wichtigen Grenzraum.

Die vier Züge gegen Willehari sind vor allem in den Annales Sancti Amandi zu den Jahren 709 bis 712 überliefert.

Annales Sancti Amandi, MGH SS 1, ed. Pertz, Hannover 1826, S. 6.

709
Quando Pippinus perrexit in Suavis contra Vilario.
„Als Pippin gegen Willehari nach Schwaben zog.“

710
Iterum Pippinus in Suavis contra Vilario.
„Wiederum Pippin nach Schwaben gegen Willehari.“

711
Quando Walericus duxit exercitum Francorum in Suavis contra Vilario.
„Als Walericus ein Heer der Franken nach Schwaben gegen Willehari führte.“

712
Quidam episcopus duxit exercitum Francorum in Suavis contra Vilario.
„Ein gewisser Bischof führte ein Heer der Franken nach Schwaben gegen Willehari.“

Parallel beziehungsweise im selben annalistischen Umfeld stehen die Annales Sanctae Columbae Senonensis, die Annales Tiliani und weitere kleine fränkische Annalen. Für den Namen Willehari und die geschlossene Vierjahresfolge bleibt aber die Amandus-Überlieferung der zentrale Quellenanker.

Den Herzogstitel findet man in

Annales Sanctae Columbae Senonensis, in: Georg Heinrich Pertz Hg., Monumenta Germaniae Historica. Scriptores, Bd. 1, Hannover 1826, S. 102, ad a. 709.

709

Primum Pipinus perrexit in Alamaniam contra Wilharium ducem.
„Pippin zog zum ersten Mal nach Alemannien gegen Herzog Willehari.“

Ich hoffe, ich konnte Deine Bemerkungen und Fragen beantworten. Schönes Wochenende!
 
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