Franco und Roger de Flor

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Joinville, 21. Juli 2006.

  1. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Soeben läuft auf ARTE eine Dokumentation über den spanischen Diktator Franco.
    In dieser Reportage wurde ein Ausschnitt eines Propagandafilms aus den 50ern(?) gezeigt dessen Drehbuch Franco persönlich geschrieben haben soll.
    In der gezeigten Szene erläutert ein junger Franco seinen Kindern die Bedeutung Roger de Flors für Spanien.

    Zur Erklärung:
    Roger de Flor war ein ehemaliger Tempelritter der nach dem Fall Akkons, 1291, die Katalanische Kompanie gründete. Er erlangte in Konstantinopel zu großen Einfluß und versuchte sein eigenes Fürstentum zu errichten.
    Schließlich wurde er im Auftrag Kaiser Michaels VIII. Palaiologos 1305 ermordet.

    Nun meine Fragen:
    Warum ist Roger de Flor für den spanischen Diktator Franco (+1975) von solcher Bedeutung?
    Ist er etwa ein Nationalheld der spanischen Rechten?

    In dem Propagandafilm meinte der "Franco" das Roger de Flor die Macht des spanischen Volkes bis in den Osten des Mittelmeeres getragen hätte.
    Soviel ich weiß war aber Roger de Flor der Sohn eines Falkners Kaiser Friedrich II. auf Sizilien.

    Was also hat de Flor mit Spanien zu tun?
     
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  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Zwar kann ich Dir die Frage nicht beantworten, aber ich vermute, daß dies mit der Katalanischen Kompanie oder auch Großen Kompanie zusammenhängt, welche Roger de Flor bekanntlich aus Söldnern aufstellte, welche aus Katalonien und Aragon stammten.

    Nachzulesen sind die Ereignisse auf den genealogischen Seiten zu den beiden byzantinischen Kaisern Andronikos II. und Michael IX. (Dynastie der Palaiologen):
    http://www.mittelalter-genealogie.d...von_byzanz_1332/andronikos_2_kaiser_1332.html
    http://www.mittelalter-genealogie.d...ser_von_byzanz_1332/norwich_andronikos_2.html
    http://www.mittelalter-genealogie.d...er_von_byzanz_1320/michael_9_kaiser_1320.html

    Leider geben die Wiki Artikel nicht allzu viel her bzw. bedürfen einer Überarbeitung; der Vollständigkeit halber stelle ich sie dennoch einmal hier ein:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Roger_de_Flor
    http://de.wikipedia.org/wiki/Katalanische_Kompanie

    In diesem Sinne

    Timo
     
  3. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Ich muss mich erst mal selbst koregieren.
    Es war nicht Kaiser Michael VIII. sondern Michael IX. der de Flor ermorden ließ.

    Vielen dank an timotheus für die Links.:winke:

    Roger und die Kompanie wüteten und zerstörten mehr als das sie wirklich herrschten. Noch kann man davon ausgehen das Roger zum Ruhme der aragonesischen Könige gehandelt hätte. Er verfolgte in erster Linie eigene Interessen.

    Was mich so wundert ist:
    Franco hat wärend seiner Diktatur den katalanischen Seperatismus streng verfolgt.
    Warum macht er dan einen (vermutlichen) Sizilianer der auch noch die "Katalanische Kompanie" anführte zum Nationalhelden?
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    @ Joinville: Das wundert mich auch, dass Franco eine so deutlich katalanische Persönlichkeit hervorhebt. Katalanien verteidigte sich im Bürgerkrieg mit am längsten gegen die Frankisten. Nach dem Krieg verbot Franco den Gebrauch des katalanischen in der Öffentlichkeit und es durften auch keine katalanischen Werke mehr gedruckt werden.

    Ansonsten habe ich nur einen Film gefunden, an dem Franco am Drehbuch mitgearbeitet hat, dieser hieß "Raza" (Rasse), stammt von 1942 und behandelt wohl den Bürgerkrieg aus frankistischer Sicht:

    http://german.imdb.com/title/tt0035241/

    Allerdings hat er da nicht selbst mitgespielt. Es gab noch einen Dokumentarfilm, "Franco: ese hombre" (Franco: dieser Mann) von 1964. Vielleicht war es eher der.
    http://german.imdb.com/title/tt0137584/
     
  5. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    @Ashigaru

    Besten Dank für die Links.:winke:
    Ich glaube es war doch der erstgenannte Film um den es sich handelte.

    Das kuriose ist ja, dass Roger de Flor noch nicht einmal Katalanischer, geschweige Spanischer, Abstammung war.
    Sein Vater war Richard "mit der Blume" und stammt von Sizilien.
    Aufgrund der Namen gehe ich davon aus das de Flor Normanne sizilianischer Herrkunft war.

    Leider hab ich nur zufällig in diese Doku auf ARTE reingeschaltet, eben in dem Augenblick als diese Szene des Filmes gezeigt wurde. Leider hab ich so nicht alles mitbekommen.
     
  6. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Wie ich bereits schrieb, weiß ich darauf ja auch nicht wirklich eine Antwort, sondern kann lediglich mutmaßen...

    Abgesehen davon handelte es sich bei der Katalanischen bzw. Großen Kompanie mW um eine klassische Söldnertruppe des späten Mittelalters, und zudem gab sie mit ihrem Verhalten den Ressentiments von adliger bzw. ritterlicher Seite Recht. Also nach dem Prinzip: "sie sind nichts als Söldner und benehmen sich auch so".

    Andererseits wäre es für eine Diktatur - wie die der Franquisten ja eine war - durchaus nicht ungewöhnlich, wenn tatsächliche historische Gegebenheiten und Hintergründe verschwiegen werden, während das, was gerade paßt, im Sinne der eigenen Ideologie interpretiert wird.
    In diesem Fall werden eben dann katalanische und aragonesische Söldner zu "Streitern aus spanischem Land, die im Mediterran zum Ruhme Spaniens kämpften".

    Analoges Beispiel für eine Diktatur und deren "Interpretation historischer Vorgänger" war z.B. im Nationalsozialismus die Verehrung des Deutschen Ordens durch die SS als "Streiter für die deutsche Sache gegen die Horden des Ostens", wobei eigentlich die Nationalsozialisten doch ganz entschieden die Formen katholischer Frömmigkeit , wie bspw. die Marienverehrung, bekämpften, wo der DO einer ihrer größter Träger war, und es der Orden zudem es gar nicht vornehmlich auf eine Ostexpansion i.d.S. abgesehen hatte, sondern primär auf die Unterwerfung und Christianisierung bis dahin heidnischer baltischer Volksstämme bzw. Völker.

    Wieder ein anderes Beispiel war die (militär-)historische Bewertung der Konvention von Tauroggen 1812 zu DDR Zeiten. Hier wurde versucht, eine direkte Traditionslinie von Tauroggen über das preußisch-russische Bündnis gegen Napoleon hin zur deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft ab 1955 zu ziehen. Und dies, obwohl man doch andererseits sowohl den preußisch-deutschen Militarismus als auch den russischen Zarismus äußerst negativ bewertete.

    Auch wenn diese Diktaturen mitunter unterschiedliche Charakteristika bzw. Ideologien aufwiesen und hier keinesfalls gleichgesetzt werden sollen, so sind derartige Interpretationen historischer Hintergründe doch eine erstaunliche Parallele.
    Mit einer Bewertung i.S.v. historischer Korrektheit hat dies mE nicht viel zu tun...
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2006
  7. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    @timotheus

    Ich denke da hast du es auf den Punkt gebracht.

    Bei der Suche nach historischen Vorbildern welche Ansprüche legitimieren sollen, legen Diktaturen die Geschichte sehr weit aus.

    Es würde mich nicht wundern wenn in Geschichtsbüchern des Franquinischen Spaniens die "Katalanische Kompanie" in "Spanische Kompanie" umbenannt worden wäre.
     
  8. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich habe dieses Programm leider verpasst.

    Zum Thema kann ich jedoch folgendes beitragen: Zur Anfangszeit des Francoregimes wurde noch viel auf der "Idea Imperial" herumgeritten. Man erinnerte sich gerne an das Reich in seiner grössten Ausdehnung unter Karl I, einschliesslich der italienischen und nordafrikanischen Besitztümer, die zum grössten Teil über die Krone Aragons eingebracht worden sind.

    Die Almogavaren (das waren die Söldner der "Katalanischen" Kompanie), galten als Vorläufer der Conquistadores und der Begründer des spanischen Reiches auch in Übersee. Sizilien und Neapel gehörten lange Zeit auch zur Krone Aragons, wodurch die Herkunft Roger de Flor nicht ganz so widersprüchlich war.

    Die in Spanien verbeitete Version bezüglich de Flor war, dass er und seine Männer von Byzanz zur Hilfe gerufen, später dann vom Palaiologos verraten und de Flor dabei ermordet wurde. Der Rest der Truppe eroberte im Zorn ein Teil des Byzantinischen Reiches (Ducado de Atenas) und unterstellte es der Krone von Aragon. Beziehungen zu dem König gab es in der Tat, er wechselte m.E. auch mindestens einmal den Fürsten aus.

    Die Almogavaren waren leichte Infanterie, die sich hauptsächlich aus der Bevölkerung des Grenzlandes zu den muslimischen Reichen auf der Peninsula rekrutierten. Sie waren jedoch überwiegend keine Katalanen sondern Aragonesen. Als das Reich Aragon durch die kastilischen Eroberungen keine gemeinsame Grenze mehr zu den Muslims hatte, lenkte man dessen Expansionsdrang nach Aussen.

    Man könnte also sagen, dass Roger de Flor sich in der frankistischen Ikonografie mit Pizarro, Cortes, Almagro etc einordnet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2006
  9. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Das Herzogtum Athen, wie konnte ich es nur außer Acht lassen.:autsch:
    Zwischen den Jahren 1312 und 1388 herrschten ja Aragonesische Prinzen über diesen Kreuzfahrerstaat. Und natürlich war es die "Katalanische Kompanie" welche Herzog Walter de Brienne 1311 aus Athen vertrieben hatte.

    Jetzt ist mir natürlich klar, warum in diesen Propagandafilm die Macht "Spaniens" (Aragons) bis in den Osten des Mittelmeerraums gelangte.

    Ich habe die Doku leider auch nicht vollständig sehen können. Hab eher nach Mitternacht zufällig reingeschalten und weiß daher auch nicht wie sie hieß.
    War aber sehr interessant. Es kamen viele Zeitzeugen, sowohl Gegner wie auch Anhänger Francos und dessen Tochter zu Wort.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2006

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